Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 22 › Seite 175

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-06-22, Seite 175

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Luthern, nach dessen Blut sie, da er noch lebte, vergeblich gedürstet, nach seinem Tode wenigstens in seinem guten Namen zu verbrennen, zu rädern, zu köpfen ꝛc. Um dies aber vor den Leuten mit einigem Schein des Rechten thun zu können, müssen sie freilich Luthern als einen Ketzer darstellen, der an Gottlosigkeit seines Gleichen nicht gehabt habe. Was thun sie daher? Entweder stellen sie wirklich die reine evangelische Lehre von der Gerechtigkeit allein durch den Glauben dar, wie sie Luther gelehrt hat. Aber weil sie voraussetzen können, daß ihre meisten Leser geistlich blinde Menschen sind, wie sie selbst, denen diese göttliche, selige, heilige Lehre ein Stein des Anstoßes ist, so machen sie es wie die Feinde Pauli, des großen Glaubens- und Gnadenpredigers, von denen dieser theure heilige Apostel schreibt: „Wie wir gelästert werden, daß wir sagen sollen: Lasset uns Uebels thun, auf daß Gutes daraus komme;“ von denen er aber auch hinzusetzt: „Welcher Verdamniß ist ganz recht.“ (Röm. 3, 8.) Oder aber die Papisten verfälschen Luthers Schriften, ziehen sie falsch an, reißen seine Worte aus dem Zusammenhange, verdrehen sie, und bürden so Luthern Lehren auf, die er selbst verabscheut hat. Ein Meister hierin ist der unglückselige Herausgeber der jetzt in New York, früher in Baltimore erschienenen Katholischen Kirchenzeitung, Herr Oertel. Derselbe hat bekanntlich, als er einmal in leiblicher Noth war, den lutherischen Glauben um des lieben Bauches willen abgeschworen* und sich nun mit Leib und Seele zu einem willenlosen Werkzeuge der Jesuiten und zu einer Creatur des Pabstes verschrieben und verkauft, und sucht nun seine Ehre darin, Luthern zu schänden (dessen Lehre ihn einst mit göttlicher Gewalt aus seinem verlorenen Zustande herausgerissen hatte), während er die gräulichsten Abgöttereien und den lästerlichsten Aberglauben des Papismus als eitel Heiligthümer anzupreisen bemüht ist.

* Wir richten hier nicht über Herrn Oertels Herz; wir haben für unsere Behauptung Thatbeweise.

Für diesmal wollen wir dem Leser ein Beispiel aus dem vorigen Jahrhundert vorführen, welches zeigt, wie die Jesuiten und ihre Helfershelfer Luthers Schriften anzuführen pflegen. Der Mann, der uns hiervon erzählt, ist der berühmte gottselige und hocherfahrene selige Senior des Ministeriums zu Frankfurt am M., J. Philipp Fresenius; und der Mann, von dem er berichtet, ist der berüchtigte Jesuit Peter Johann Jacob Scheffmacher, weiland Controversprediger in Straßburg, wo zu seiner Zeit die Papisten einen eigenen Lehrstuhl zu Abhaltung von Controverspredigten errichtet hatten, das heißt, solchen Predigten, die lediglich zur Vertheidigung des Papstthums und zur Widerlegung aller anderen kirchlichen Gemeinschaften abgehalten werden und daher allein Religionsstreitigkeiten enthalten sollten. Und diesen Lehrstuhl hatte der Pater Scheffmacher inne. Derselbe steht nun zwar in hohem Ansehen bei den Papisten und zwar noch jetzt, so daß sein alter Controverscatechismus von den hiesigen Papisten erst noch vor sechs Jahren wieder aufgelegt worden ist. Allein wie diesem Goliath, der gegen das Lutherthum ein so großes Maul gehabt hat, zu trauen sei, wenn er Luthern anführt, womit er sich gerade am meisten brüstet, dies zeigt die folgende Geschichte. — So erzählt nehmlich oben genannter Fresenius in seinem Buch, welches den Titel trägt: “Anti-Weislingerus, oder gründliche Widerlegung einer von dem römisch-katholischen Priester Weislinger herausgegebenen Schmäh- und Lästerschrift. 1731.”

„Ich kann hier nicht umhin, zu erzählen, was mir, da ich zu Straßburg studirte, einstmals begegnete. Ich ging auf einen gewissen Sontag in die Controvers-Predigt, welche ich selten versäumte, so daß ich die Streitpredigten der Päbstlichen also wohl kenne. Damals predigte der Pater Jacob Scheffmacher, ein Jesuit, welcher gewohnt war, die gräulichsten Lästerungen wider den seligen Luther auszugießen, und der sonst manchmal auf der Canzel sich ziemlich lustig machte. Wie ich denn öfters gesehen, daß, wann er einen lustigen Schwank vorbrachte, er in die Hände schlug, seine viereckige Cappe auf dem Kopfe hin und her rückte, seine Zuhörer zum Lachen encouragirte und selbst überlaut mitlachte.* In dieser Predigt nun gab er Luthern solche erschreckliche Lästernamen, daß sich viele seiner eigenen Zuhörer darüber entsetzten, die anderen aber sich kützelten. Darauf sagte er: „Holla! Beweis, Beweis her, daß Martin Luder“ (denn so dehnte er den unschuldigen Luthersnamen) „ein solcher ketzerischer Bösewicht gewesen! Wohlan, ich wills beweisen.“ Hier nahm er nun von Luthers Schriften den 7. Band der Jenaischen Ausgabe und rief: „Höret zu, liebe Zuhorer! So redet Martin Luder im 6ten Jenischen Theil, am 369sten Blatt: „Bist du eine Hur und Bub, Ehebrecher, oder sonst ein Sünder, glaubst du, so bist du im Weg der Seligkeit. Wenn du mitten in der Sünde aufs Höchste bist und stehest, glaubst du, so bist du mitten in der Seligkeit. Dekalogus oder die zehn Gebot gehören auf das Rathhaus, nicht auf den Predigtstuhl. Alle die mit Mose umgehen, müssen zum Teufel fahren; an Galgen mit Mose!“ Dieses las der Jesuit mit sonderbarer, harter Stimme, machte darnach seine Glossen darüber und sprach: „Man sollte nun sehen, was Lutherus für eine teuflische Lehre führe und ob man ihm unrecht thue, wenn man ihn schelte, was man nur schelten könne.“ Ich sah damals, daß sich seine Zuhörer recht darüber entrüsteten, daß Lutherus eine solche gottlose Lehre gelehrt haben sollte. Sie wußten aber nicht, daß sie der Pater betrogen hatte; denn die vorgelesenen Worte enthielten die Lehre der Antinomer oder Gesetzesstürmer. Lutherus hatte zwar die Worte derselben an dem von dem Jesuiten angezogenen Ort angeführt, aber auch zugleich widerlegt, und angezeigt, was die Gesetzstürmer für eine abscheuliche Lehre führten!*) Dies verschwieg aber der Pater und sagte: „Da stehts; die Worte sind klar; sie stehen ja in seinen Schriften; trotzdem, wer sie leugnen will!“ — Dieser gottlose Betrug und die darauf erfolgten Lästerungen gingen mir durch's Herz und bewogen mich, daß ich zu Herrn Weislinger ging, dessen Buch ich jetzt widerlege und welcher mir aus einigen Privatdisputationen, so ich mit ihm hatte, gar wohl bekannt war, der aber damals nächst bei der Kanzel im Münster saß. Ich bat ihn, er möchte doch sorgen, daß ich nach der Predigt das von dem Jesuiten allegirte Buch Luthers zu sehen bekäme; denn ich hielte seine Allegation (Anführung der Worte,) schlechterdings für falsch, weil die Gesetzesstürmer, und nicht Lutherus, solche gottlose Lehre geführt, von Luthern hingegen widerlegt worden sei. Weislinger stellte sich, als ob ihm dies mein Begehren sehr angenehm wäre; schickte sogleich (was ich nicht einmal begehrt hatte,) einen Jesuiter-Jungen auf die Kanzel, und ließ den Jesuiten bitten, gedachtes Buch zu schicken, weil ein lutherischer Student solches gern sehen möchte. Entweder war nun dieses eine große Unbedachtsamkeit von Weislinger, oder er dachte mich öffentlich zu prostituiren (zu beschämen), mithin den Pöbel im Haß gegen Lutherum und uns Lutheraner desto mehr zu stärken. Dem Pater aber that er dadurch keinen Gefallen, welcher für diesesmal seinen Betrug lieber auf der Kanzel allein behalten hätte. Indessen hörte er doch den Jungen an und sagte darauf: „Ich habe vernommen, daß einer von den Herrn Lutheranern das Buch von Luthero begehret zu sehen, aus welchem ich dessen Worte zuvor gelesen; er wird aber freundlich gebeten, noch ein wenig in Geduld zu stehen, weil ich solches so bald wieder brauchen werde.“ Nach dem predigte er wieder fort, und, damit man glauben sollte, er habe sein Versprechen vergessen, so that er, als ob er in der Predigt einen sonderlichen Eifer bekäme. Ich hörte noch etwas mit zu; als ich aber die Absicht des Jesuiten merkte, so bat ich Herrn Weislinger nochmals um Erlaubniß das Buch zu sehen. Dieser entschuldigte den Pater: er habe wahr-

*) Herr Oertel von der „Katholischen Kirchenzeitung“ scheint sich den ehrwürdigen Pater Scheffmacher zu seinem Muster genommen zu haben, denn auch jener, an der Kraft seiner Irrthümer verzweifelnd, scheint auch nur die Lacher auf seiner Seite behalten und wenigstens die gutkatholischen Zechbrüder auf den Bierbänken vor Abfall von der „heiligen röm. katholischen Kirche, der treuen Mutter der verlornen Kinder,“ bewahren zu wollen.

*) Die von dem Jesuiten angeführten Worte sind enthalten in Luther's Schrift: „Widerlegung der falschen und verführerischen Lehre der Antinomer wider das Gesetz.“ Darin sagt Luther im Eingang: „Damit ich nicht verdacht werde, als ob ich dieselben Sprüche (der Gesetzesstürmer) mit meinem Stillschweigen für recht hielte, habe ich sie öffentlich durch den Druck lassen ausgehen, auf daß ich jedermann, wer sich will warnen lassen, kund thäte, daß ich an solcher lästerlicher Schwärmerei ein groß Mißgefallen habe.“ Nun folgen die Sprüche der Gesetzesstürmer und hierauf sechs Disputationen, in denen Luther diese schändlichen Sätze mit eben so großem Feuereifer für Gottes Ehre und das Heil der Seelen, als mit bewunderungswürdiger Schriftkenntniß, Tiefe des Geistes und reicher christlicher Erfahrung widerlegt. Siehe Luther's Werke. Hall. Ausgabe. Tom. 20, Seite 2034. Altenburg. Ausg. Tom. 7. Folio 316.

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Luther, for whose blood, while he was yet alive, they thirsted in vain, at least after his death in his good name, to burn, to break on the wheel, to behead, etc. But in order to be able to do this before the people with some show of right, they must of course represent Luther as a heretic who had not his equal in ungodliness. What do they do, therefore? Either they really set forth the pure evangelical doctrine of righteousness by faith alone, as Luther taught it. But because they can presuppose that most of their readers are spiritually blind men, like themselves, to whom this divine, blessed, holy doctrine is a stone of stumbling, they do as the enemies of Paul, the great preacher of faith and grace, did, of whom this dear holy Apostle writes: "As we be slanderously reported, and as some affirm that we say, Let us do evil, that good may come;" but of whom he adds also: "Whose damnation is just." (Rom. 3, 8.) Or else the Papists falsify Luther's writings, cite them falsely, tear his words out of their connection, twist them, and so charge upon Luther doctrines which he himself abhorred. A master herein is the unfortunate editor of the Katholische Kirchenzeitung, now published in New York, formerly in Baltimore, Mr. Oertel. The same, as is well known, when he was once in bodily need, abjured the Lutheran faith for the sake of his dear belly* and has now bound and sold himself, body and soul, as a will-less tool of the Jesuits and a creature of the Pope, and now seeks his honor in defaming Luther (whose doctrine had once torn him by divine power out of his lost condition), while he is at pains to commend the most abominable idolatries and the most blasphemous superstition of Popery as mere holy relics.

* We do not here judge Mr. Oertel's heart; we have for our assertion proofs of fact.

For this time we will set before the reader an example from the last century, which shows how the Jesuits and their helpers are wont to cite Luther's writings. The man who relates this to us is the renowned, godly and highly experienced blessed Senior of the Ministerium at Frankfurt on the Main, J. Philipp Fresenius; and the man of whom he reports is the notorious Jesuit Peter Johann Jacob Scheffmacher, sometime controversial preacher at Strassburg, where in his time the Papists had established a chair of their own for the holding of controversial sermons, that is, of such sermons as are delivered solely for the defense of Popery and for the refutation of all other ecclesiastical communions, and which therefore ought to contain nothing but religious controversies. And this chair Father Scheffmacher occupied. The same stands indeed in high esteem among the Papists, and that even now, so that his old controversial catechism was reprinted by the Papists here only six years ago. But how far this Goliath, who had such a big mouth against Lutheranism, is to be trusted when he cites Luther, wherein he prides himself most of all, the following story shows. — Thus the above-named Fresenius relates in his book, which bears the title: "Anti-Weislingerus, or Thorough Refutation of a Libelous and Blasphemous Pamphlet Published by the Roman Catholic Priest Weislinger. 1731."

"I cannot here forbear to relate what once befell me when I was studying at Strassburg. I went on a certain Sunday to the controversial sermon, which I seldom missed, so that I know the polemical sermons of the Papists well. At that time Father Jacob Scheffmacher, a Jesuit, was preaching, who was accustomed to pour out the most horrible blasphemies against the blessed Luther, and who otherwise sometimes made himself quite merry in the pulpit. As I have indeed often seen, that when he brought forth a merry jest, he clapped his hands, moved his four-cornered cap to and fro upon his head, encouraged his hearers to laughter, and himself laughed loudly along.* In this sermon, then, he gave Luther such dreadful abusive names that many of his own hearers were horrified at it, but the others tickled themselves. Thereupon he said: 'Holla! Proof, proof here, that Martin Luder' (for so he drawled the innocent name of Luther) 'was such a heretical villain! Well then, I will prove it.' Here he took from Luther's writings the 7th volume of the Jena edition and cried: 'Hear, dear hearers! Thus speaks Martin Luder in the 6th Jena part, at the 369th leaf: "If thou art a whore and a knave, an adulterer, or otherwise a sinner, believest thou, so art thou in the way of salvation. When thou standest in the midst of sin at the highest, believest thou, so art thou in the midst of salvation. The Decalogue, or the ten commandments, belong on the town hall, not in the pulpit. All who deal with Moses must go to the devil; to the gallows with Moses!"' This the Jesuit read with an uncommon, harsh voice, then made his glosses upon it and said: 'One should now see what a devilish doctrine Lutherus teaches, and whether one does him wrong in reviling him with whatever one can revile.' I saw then that his hearers were quite indignant that Lutherus should have taught such a godless doctrine. But they did not know that the Father had deceived them; for the words read out contained the doctrine of the Antinomians or law-stormers. Lutherus had indeed cited their words at the place which the Jesuit quoted, but had also at the same time refuted them, and shown what an abominable doctrine the law-stormers held!*) This the Father suppressed and said: 'There it stands; the words are clear; they stand indeed in his writings; notwithstanding, who will deny them!' — This godless deceit and the revilings that followed went to my heart and moved me to go to Mr. Weislinger, whose book I am now refuting and who was well known to me from some private disputations which I had with him, and who at that time sat next to the pulpit in the Minster. I begged him that he would see to it that after the sermon I might get to see the book of Luther alleged by the Jesuit; for I held his allegation (citation of the words) to be absolutely false, because the law-stormers, and not Lutherus, had held such a godless doctrine, and it had been refuted by Luther on the contrary. Weislinger pretended as if this request of mine were very agreeable to him; sent at once (what I had not even requested) a Jesuit lad to the pulpit, and had the Jesuit asked to send the said book, because a Lutheran student would gladly see it. Either this was a great imprudence of Weislinger, or he thought to prostitute me publicly (to shame me), and thus to strengthen the mob so much the more in hatred against Lutherus and us Lutherans. To the Father, however, he did thereby no pleasure, who for this time would rather have kept his deceit to himself in the pulpit. Nevertheless he heard the lad and said thereupon: 'I have heard that one of the Lutheran gentlemen desires to see the book of Luther, out of which I read his words before; but he is kindly requested to stand a little longer in patience, because I shall need it again so soon.' After this he preached on again, and, that one should believe he had forgotten his promise, he acted as if he got a special zeal in the sermon. I listened a while longer; but when I perceived the intention of the Jesuit, I begged Mr. Weislinger again for permission to see the book. This one excused the Father: he had in truth

*) Mr. Oertel of the "Katholische Kirchenzeitung" seems to have taken the reverend Father Scheffmacher for his model, for that one also, despairing of the strength of his errors, seems likewise only to wish to keep the laughers on his side and at least to preserve the good-Catholic tipplers on the beer benches from falling away from the "holy Roman Catholic Church, the faithful mother of the lost children."

*) The words cited by the Jesuit are contained in Luther's work: "Refutation of the False and Seductive Doctrine of the Antinomians against the Law." Therein Luther says in the introduction: "That I may not be suspected as if I held these sayings (of the law-stormers) to be right by my silence, I have let them go out publicly through print, that I might make known to every man who will let himself be warned, that I have a great displeasure at such blasphemous fanaticism." Now follow the sayings of the law-stormers and thereupon six disputations, in which Luther refutes these shameful propositions with as great a fiery zeal for God's honor and the salvation of souls as with admirable knowledge of Scripture, depth of spirit and rich Christian experience. See Luther's Werke. Hall. Ausgabe. Tom. 20, page 2034. Altenburg. Ausg. Tom. 7. Folio 316.