Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 25 › Seite 196

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-08-04, Seite 196

193 194 195 196 197 198 199 200

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

⤓ Download .txt · copy text

196

auslegung irren, sind sogleich Ketzer. Alle Ketzer irren zwar in Betreff des Glaubens; aber nicht alle, welche (also) irren, sind sogleich Ketzer; was Augustinus so ausdrückt: „Nicht jeder Irrthum ist eine Ketzerei, obgleich jede Ketzerei, die für unrecht angesehen wird, dies ohne einen Irrthum nicht sein kann;“ anderwärts aber schreibt er: „Irren werde ich können, ein Ketzer werde ich nicht sein.“ — Manche stoßen mit ihrem Irrthume nicht geradezu an den Grund des Glaubens selbst an, sondern, indem sie den Grund der Kirche beibehalten, welcher Christus ist in seiner Person und in seinem Amte, bauen sie darauf Heu und Stoppeln, 1. Cor. 3, 11. 12; dergleichen der Irrthum Cyprians war, daß diejenigen wieder zu taufen seien, welche von Ketzern getauft worden sind; der Irrthum Augustins, daß die Kinder mit dem heiligen Abendmahl zu speisen seien, ꝛc. Solche aber sofort für Ketzer anzusehen, gebührt sich keineswegs, da Ketzer außer Christo einen anderen Grund suchen, diese aber auf den wahren Grund die Stoppeln irriger Meinungen bauen. — Einige rechnen auch diejenigen zu den Ketzern, welche privatim im Glauben Irrthümer hegen, obgleich sie dieselben nicht ausstreuen noch Andere auf ihre Partei zu ziehen sich bemühen. Aber obgleich solche mit großer Gefahr ihrer Seelen irren, so sind sie doch, eigentlich und genau zu reden, keine Ketzer; denn diese werden in der hl. Schrift also beschrieben: daß sie kommen zu Anderen, sie zu verführen, Matth. 7, 15; daß sie zu dem Schaafstall des HErrn kommen, um zu stehlen, zu würgen und umzubringen, Joh. 10, 10; daß sie nicht allein selbst von der Wahrheit abfallen, sondern auch Anderer Glauben verkehren, 2 Tim. 2, 18; daß sie irren und Andere in die Gemeinschaft ihrer Irrthümer verleiten, verführen und werden verführt, 2 Tim. 3, 13; daß sie neben einführen verderbliche Secten, 2 Petri, 2, 1; daß sie Verführer seien, die in die Welt ausgehen und fremde Lehre bringen, 2 Joh. 7. und 10. Endlich, wenn zu einem Irrthum, welcher wider den Grund streitet, nicht Halsstarrigkeit hinzu kommt, so kann er noch nicht für eine eigentlich sogenannte Ketzerei geachtet und erklärt werden. Denn jenes Laster ist nicht blos in dem Verstand, noch blos in dem Willen zu suchen. Sondern wie der wahre und seligmachende Glaube, Erkenntniß im Verstand, Beifall und Zuversicht im Willen begreift, so begreift die Ketzerei Irrthum im Verstand und Hartnäckigkeit im Willen zugleich in sich; daher die Ketzer Tit. 3, 10. also beschrieben werden: „Einen ketzerischen Menschen meide, wenn er einmal und abermal ermahnet ist, und wisse, daß ein solcher verkehrt ist und sündiget, als der sich selbst verurtheilt hat,“ d. h., der durch sein eigenes Urtheil verdammt ist. Von solchen heißt es 1 Tim. 1, 19., daß sie Glauben und gutes Gewissen von sich gestoßen und am Glauben Schiffbruch erlitten haben, und 1 Tim. 4, 2., daß sie Brandmaal in ihrem Gewissen haben. Augustinus schreibt: „Welche ihre Meinung, obwohl sie falsch und verkehrt ist, doch nicht mit hartnäckigem Eifer vertheidigen, insonderheit so sie dieselbe nicht in stolzer Vermessenheit selbst ausgebrütet, sondern von verführten und in Irrthum gefallenen Eltern empfangen haben, die Wahrheit aber emsig suchen, bereit, sich weisen zu lassen, wenn sie dieselbe finden; diese sind keineswegs unter die Ketzer zu rechnen.“ (Ib. § 370.)

Die Wittenberger theologische Fakultät vom Jahre 1619 (u. A. bestehend aus Balduin, Meißner, Franz): „Nun ist's wohl an dem, daß nicht ein jeglicher Irrthum in der Lehre eine verderbliche Secte (oder Rotte) sei, denn auch die Apostel vor der sichtbaren Ausgießung des heiligen Geistes über sie in der Lehre geirret, die doch niemand für Sectirer gehalten, denn solches von ihnen aus Einfalt und Unwissenheit geschehen. So ist auch mancher Irrthum in der Lehre, der das Fundament des Glaubens nicht umstoßet, welchen St. Paulus dem Heu und Stoppeln vergleichet, die auf das Fundament gebaut sind und durch das Feuer bewährt werden, 1 Cor. 3, 13. Solchen Irrthum kann man noch keine verderbliche Sekte (Rotte) oder Ketzerei nennen. Rechte verderbliche Secte aber ist eigentlich ein Irrthum in der Lehre, so von denen, die in der Kirchen Christi leben, wider das Fundament der Lehre geführet und halsstarrig bestritten wird, auch Zertrennung und Aergerniß neben der heilsamen Lehre anrichtet, und sich daraus nicht weisen läßet, sondern die, so solcher Secte anhangen, verharren darinnen ungeachtet vielfältiger Warnung und Vermahnungen, so deswegen an sie ergangen. Daher entspringen vier unterschiedliche Stücke, so zu einer verderblichen Secte (oder Rotte) gehören:
1. Der Irrthum muß wider das Fundament des christlichen Glaubens laufen.
2. Er muß vorsätzlicher Weise vertheidigt werden.
3. Die Kirche wird dadurch getrennt und geärgert.
4. Eine verderbliche Secte läßt sich gar nicht weisen, sondern will Recht behalten, und bleibet also halsstarrig auf ihrer Meinung.
Das Fundament dieser Beschreibung beruhet auf diesen Sprüchen heiliger Schrift: 1 Cor. 3, 11. Gal. 1, 7. 8. Röm. 16, 17. 1 Tim. 6, 3. 2 Tim. 2, 18. 3, 13. Tit. 3, 11. (Siehe: Consil. theol. Witebergensia. I. f. 526.)

Calov: „Zwischen einer Rotte (oder Secte) und einer Spaltung (oder Trennung) pflegt man so zu unterscheiden, daß eine Rotte ein Zwiespalt im Glauben, eine Spaltung aber ein Zwiespalt in Betreff der Gebräuche, der Sitten und der Liebe sei, oder auch in dem, was (nur) in einer Beziehung zum Glauben (circa fidem) steht und nicht geradezu die Regel des Glaubens betrifft. Aber eine Spaltung nimmt man entweder allgemein, und dann bezeichnet sie jede Zerreißung der Kirche; oder man nimmt sie im engeren Sinne, sofern sie von einer Secte verschieden ist. Also, daß diese (die Secte) durch Nichtübereinstimmung mit der Regel und dem Fundament des Glaubens eine Zerreißung herbeiführt; die Spaltung aber nicht zwar durch Zwiespalt im Glauben, sondern in Fragen, welche sich auf den Glauben beziehen, oder in Gebräuchen, so doch, daß der Leib der Kirche dadurch zerrissen wird. . . Die Worte, Spaltung und Rotte, wenn man auf den biblischen Gebrauch sieht, verhalten sich, wie ein weiterer und engerer Begriff. Denn eine Spaltung bedeutet in der Schrift jede Trennung, geschehe sie nun wegen Glaubensartikel, oder wegen Ceremonien. Eine Rotte aber bedeutet nach der Redeweise der Schrift eine Secte, welche in einem Hauptartikel des Glaubens irrt, entweder wirklich, dergleichen die Secten der Sadducäer waren, welche die Auferstehung leugneten, Apstg. 5. 17., und der Pharisäer, welche verschiedene Hauptstücke des Glaubens verkehrten, Apstg. 15. 5., daher auch ein Mensch ein Sectirer (oder Rottirer, Ketzer) in diesem Sinne genannt wird; oder nach der Meinung der Leute, wie man sprach von einer Secte oder Rotte der Nazarener oder Christen, Apg. 24, 5. 28, 22. 26. 5. Nach kirchlicher Redeweise aber heißt eine Spaltung gewöhnlich eine Kirchentrennung wegen Ceremonien oder geringer Streitigkeiten, wegen Nebenlehren, wobei die Einigkeit des Glaubens bewahrt wird, wenn nehmlich kein Glaubensartikel umgestoßen, die Liebe aber und Einigkeit der Kirche aufgelöst wird; eine Secte (oder Rotte) aber, wenn die Wahrheit der Glaubensartikel umgestoßen wird. Jene Verschiedenheit beweist auch die Stelle 1 Cor. 11, 18, 19. Denn daß eine Rotte etwas Schlimmeres sei, als eine Spaltung, zeigt der Apostel durch das Wörtchen „auch“ an, welches hier steigernd ist: „Ich höre, es seien Spaltungen unter euch, und zum Theil glaube ich es. Denn es müssen auch Rotten unter euch sein.“ Der Apostel sagt nehmlich, er glaube leicht, daß unter ihnen Spaltungen und Zank seien über Dinge von geringer Bedeutung, da unter ihnen selbst über Artikel des Glaubens Streitigkeiten oder Rotten sein müßten. Hieraus erhellt, daß hier nicht, wie manche gemeint haben, die Worte Spaltung und Rotte gleichbedeutend genommen, sondern unterschieden werden.“ (Bibl. illustr. ad Cor. 1, 10. et 11, 18. 19.)

Hieraus erhellt, daß es durchaus unbiblisch und unlutherisch ist, jeder Spaltung sogleich das Prädikat einer Rotte zu geben; es ist dies aber ein um so größerer Mißbrauch des Wortes Gottes und um so sündlicher, wenn die Spaltung gerechte Ursachen hatte. Findet nehmlich die Trennung von einer Gemeinschaft wegen deren falscher Lehre statt, oder weil die Gemeinschaft die sich Trennenden falscher Lehre beschuldigte und ihre reine Lehre verketzerte, so ist die Trennung eine gerechte. Daher schreibt der alte Freund Luther's, der Naumburger Bischof Amsdorf von den Adiaphoristen, welche dem Pabst etwas nachgaben: „Dieweil sie uns heimliche Rotten heißen, so können wir kein Sacrament

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

196

interpretation err are at once heretics. All heretics indeed err in respect of the faith; but not all who (thus) err are at once heretics; which Augustine expresses thus: "Not every error is a heresy, although every heresy that is regarded as wrong cannot be so without an error;" but elsewhere he writes: "I may be able to err, a heretic I shall not be." — Some with their error do not strike directly at the foundation of the faith itself, but, while they retain the foundation of the Church, which is Christ in His person and in His office, build thereon hay and stubble, 1 Cor. 3:11, 12; such as was the error of Cyprian, that those are to be baptized again who have been baptized by heretics; the error of Augustine, that children are to be fed with the holy Supper, etc. But to regard such at once as heretics is by no means fitting, since heretics seek another foundation apart from Christ, but these build the stubble of erring opinions upon the true foundation. — Some also reckon among the heretics those who privately cherish errors in the faith, although they do not scatter them abroad nor strive to draw others to their party. But although such err with great danger to their souls, they are nevertheless, properly and exactly speaking, not heretics; for these are thus described in the Holy Scriptures: that they come to others to seduce them, Matt. 7:15; that they come to the sheepfold of the Lord to steal, to kill, and to destroy, John 10:10; that they not only fall away from the truth themselves, but also overthrow the faith of others, 2 Tim. 2:18; that they err and lead others into the fellowship of their errors, deceiving and being deceived, 2 Tim. 3:13; that they privily bring in damnable sects, 2 Pet. 2:1; that they are deceivers who go forth into the world and bring a strange doctrine, 2 John 7 and 10. Finally, when obstinacy is not added to an error which conflicts with the foundation, it cannot yet be regarded and declared a heresy properly so called. For that vice is to be sought neither merely in the understanding, nor merely in the will. But as the true and saving faith comprehends knowledge in the understanding, assent and confidence in the will, so heresy comprehends error in the understanding and obstinacy in the will at once; whence heretics are thus described in Tit. 3:10: "A man that is an heretick after the first and second admonition reject; knowing that he that is such is subverted, and sinneth, being condemned of himself," that is, who is condemned by his own judgment. Of such it is said in 1 Tim. 1:19 that they have put away faith and a good conscience and made shipwreck concerning the faith, and in 1 Tim. 4:2 that they have a brand in their conscience. Augustine writes: "Those who defend their opinion, although it be false and perverse, yet not with obstinate zeal, especially if they have not hatched it out themselves in proud presumption, but have received it from parents who were led astray and fallen into error, but who seek the truth diligently, ready to be corrected when they find it; these are by no means to be reckoned among the heretics." (Ib. § 370.)

The Wittenberg theological Faculty of the year 1619 (consisting among others of Balduin, Meißner, Franz): "Now it is indeed the case that not every error in doctrine is a pernicious sect (or faction), for even the Apostles, before the visible outpouring of the Holy Ghost upon them, erred in doctrine, whom nevertheless no one held to be sectarians, since such error was committed by them out of simplicity and ignorance. So also there is many an error in doctrine which does not overthrow the foundation of the faith, which St. Paul compares to hay and stubble built upon the foundation and tried by fire, 1 Cor. 3:13. Such an error one cannot yet call a pernicious sect (faction) or heresy. A true pernicious sect, however, is properly an error in doctrine which is carried against the foundation of doctrine by those who live in the Church of Christ, and is stubbornly maintained, also causes division and offense contrary to the wholesome doctrine, and will not let itself be corrected therefrom, but those who adhere to such a sect persist therein notwithstanding manifold warning and admonitions which have been addressed to them on that account. Hence arise four distinct points which belong to a pernicious sect (or faction):
1. The error must run against the foundation of the Christian faith.
2. It must be defended wilfully.
3. The Church is thereby divided and offended.
4. A pernicious sect will not be corrected at all, but will be in the right, and so remains stubborn in its opinion.
The foundation of this description rests upon these passages of Holy Scripture: 1 Cor. 3:11. Gal. 1:7, 8. Rom. 16:17. 1 Tim. 6:3. 2 Tim. 2:18; 3:13. Tit. 3:11. (See: Consil. theol. Witebergensia. I. f. 526.)

Calov: "Between a faction (or sect) and a schism (or division) it is customary to distinguish thus, that a faction is a discord in faith, a schism however a discord in respect of customs, morals and love, or also in that which stands (only) in some relation to the faith (circa fidem) and does not directly concern the rule of faith. But a schism is taken either generally, and then it denotes every rending of the Church; or it is taken in the narrower sense, in so far as it is different from a sect. So that this (the sect) brings about a rending through disagreement with the rule and foundation of the faith; the schism however not indeed through discord in the faith, but in questions which relate to the faith, or in customs, yet so that the body of the Church is thereby rent. . . The words schism and faction, if one looks to the biblical usage, are related as a wider and a narrower concept. For a schism signifies in Scripture every separation, whether it occur on account of articles of faith or on account of ceremonies. A faction, however, signifies according to the manner of speech of Scripture a sect which errs in a chief article of faith, either actually, such as the sects of the Sadducees were, who denied the resurrection, Acts 5:17, and of the Pharisees, who perverted various chief points of the faith, Acts 15:5, whence also a man in this sense is called a sectarian (or factionist, heretic); or according to the opinion of the people, as one spoke of a sect or faction of the Nazarenes or Christians, Acts 24:5; 28:22; 26:5. According to ecclesiastical usage, however, a schism is commonly called a separation of the Church on account of ceremonies or slight disputes, on account of secondary doctrines, wherein the unity of faith is preserved, namely when no article of faith is overthrown, but love and unity of the Church are dissolved; a sect (or faction), however, when the truth of the articles of faith is overthrown. That difference is also proved by the passage 1 Cor. 11:18, 19. For that a faction is something worse than a schism the Apostle shows by the little word "also," which is here intensive: "I hear that there be divisions among you; and I partly believe it. For there must be also heresies among you." The Apostle says, namely, that he readily believes that among them there are divisions and strife over matters of small importance, since among them there must be disputes or factions over articles of faith themselves. From this it is evident that here the words schism and faction are not, as some have thought, taken as synonymous, but are distinguished." (Bibl. illustr. ad Cor. 1, 10. et 11, 18. 19.)

From this it is evident that it is altogether unbiblical and unlutheran to give every schism at once the predicate of a faction; but this is all the greater abuse of the Word of God and all the more sinful if the schism had just causes. For if the separation from a communion takes place on account of its false doctrine, or because the communion accused those separating of false doctrine and condemned their pure doctrine as heresy, then the separation is a just one. Hence the old friend of Luther, the Bishop of Naumburg, Amsdorf, writes of the Adiaphorists, who yielded something to the Pope: "Since they call us secret factionists, we can receive no sacrament