Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 23 › Seite 179

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-07-05, Seite 179

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſang · Katechismus 3 · Geſang

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oftmals von den Hussiten in ihren Schlachten wider Kaiser und Bischöfe gesungen.

Gerade an dieser alten Melodie „Vater Unser im Himmelreich“ könnt ihr recht sehen, wie dazumal das Volk die geistlichen Lieder gesungen hat. Immerhin mochten die Chöre in den Kirchen langsam eine Sylbe so lang wie die andere dahin singen, das Volk machte das nicht. Versuchts mit jener Volksmelodie — singt ihr eine Sylbe so lang wie die andere, so klappts, als wenn man auf ein Brett schlägt, daher man auch in der rationalistischen Zeit, als man zu singen begehrte wie die Priester und Chöre in der römischen Kirche, jene Weise für barbarisch und ganz unsingbar erklärte; singt ihr dagegen wie beim Lesen jede Sylbe sich selbst betont und lang oder kurz klingt, so ist es eine der wundervollsten Weisen, die es giebt. Die Melodien entstanden damals mit den Worten des Liedes, nicht durch die vestandesmäßige Berechnung eines Musikers, daher wurden sie auch gesungen nach dem Rythmus der Worte. Dem Verlangen des Volks konnten selbst die katholischen Priester u. Mönche nicht widerstehen; manche unter ihnen übersetzten die alten lateinischen Kirchengesänge, machten neue oftmals in seltsamster Mischsprache aus deutschen und lateinischen Worten zusammengesetzt (z. B. In dulci jubilo, Nun singet und seid froh) oder legten weltlichen Volksweisen geistliche Lieder unter. Kurz vor der Reformation war es als wollten die Priester selbst durch diese seine Lieblingsneigung, Lieder zu singen, das Volk in der römischen Irrlehre recht bestärken; da war gar kein Ende der Lieder auf die Jungfrau Maria, ja auf St. Anna, als welche Jesu Großmutter sei. Ums Jahr 1517, als die gesegnete Reformation begann, war das christliche deutsche Volk nicht bloß vorbereitet, die lautere Lehre des Wortes Gottes mit Begierde zu ergreifen, sondern auch als geistliches Priesterthum seinen gerechten Antheil am Gottesdienst, wirklichen Gemeindegesang bei allen Gottesdiensten zu erhalten.

Dr. Martin Luther predigte wieder in voller Reinheit und Klarheit die Lehre von der Gerechtigkeit allein durch den Glauben an Jesum Christum und setzte damit die christliche Gemeinde von neuem in ihr königlich Priesterthum ein; was sie schon lange begehrt hatte, nemlich bei allen Gottesdiensten mitzusingen, das mußte ihr jetzt als ihr Recht gewährt werden. Er schrieb daher in den Jahren 1523 – 1526 drei Schriften von deutscher Messe und Ordnung des Gottesdienstes und bestimmte darin, daß bei allen Gottesdiensten die Gemeinde deutsche Lieder singen sollte an den Stellen, wo der Chor früher lateinische vorgetragen hatte, während er die Chorgesänge und Antiphonen auf ihr gehöriges Maß beschränkte und von allen papistischen Zuthaten reinigte. Nun galt es für die geistlichen Lieder zu sorgen. Es gab ja deren bereits eine ziemliche Zahl, aber nur die Lieder der Böhmischen und Mährischen Brüder waren rein von der Papistischen Irrlehre, die anderen waren größtentheils damit versetzt und bedurften deshalb der Umarbeitung wie jene der Uebersetzung.

Das that Dr. Luther mit sehr vielen Liedern: Nr. 17. 36. 134. 183. gehören zu diesen; andere dichtete er selbst im Anschluß etwa an einen schon vorhandenen Vers wie Nr. 21, oder nach einem Bibelspruche wie Jes. 6. Nr. 147, Lucä 2. Nr. 41. u. 65, und wieder andere dichtete er frei, wie Nr. 243; 42; 159. Auf einzelne Zettel mit den Noten der Melodie dabei gedruckt, flogen diese Lieder, die geistreichsten und lieblichsten seit den Psalmen, in alle deutschen Landen hinaus und wurden bald in Häusern und Werkstätten, auf Märkten, Gassen und Feldern gesungen, so daß die Römischen klagten: das Volk singt sich in die neue Lehre (die Evangelische) hinein. Obwohl die wenigsten vom Volke lesen konnten, daher die Lieder durch Vorsagen auswendig lernen mußten, wie wir jetzt etwa die Kinderchen allerhand Sprüche lehren, so wußten doch namentlich die Bürger in den Städten bald diese Lieder auswendig und brachten sie auch in die Kirchen hinein. Als z. B. im Jahre 1527 Oldekop und Lampe in Braunschweig das reine Evangelium zu predigen anfingen, ließ der römisch gesinnte Rath der Stadt einen berühmten römischen Prediger, den Dr. Sprengel, genannt Sprütze, kommen, damit er die Evangelischen widerlege. Da nun derselbe am 22. Sonntage nach Trinitatis eine lange Predigt wider die reine Lehre gethan und mit den Worten geschlossen hatte: hieraus ist nun bewiesen, daß ein jeder Mensch durch seine guten Werke könne selig werden, da rief ein Bürger mit Namen Nischau: Pfaffe du leugst! und stimmte an Nr. 166: Ach Gott vom Himmel sieh darein. Die ganze Gemeinde fiel in den Gesang ein, Dr Sprengel aber stieg beschämt von der Kanzel herunter und unternahm sich zu Braunschweig keines Predigens mehr.— Schon 1524 sammelte Dr. Luther und sein Freund Walther diese Lieder in ein Gesangbuch, welches 8 Lieder enthielt; im folgenden Jahre mußte schon eine zweite Auflage gedruckt werden, vermehrt mit 8 andern Liedern, und im Jahr 1528 kam ein größeres Gesangbuch von 56 Liedern heraus, da auch manche Freunde Luthers wie Dr. Justus Jonas, Paul Speratus, Paul Eber u. A. treffliche Lieder dichteten, das war ein Singen und Klingen in deutschen Landen; der Teufel hat sich gewiß die Ohren zugehalten.

Die Noten der Melodien wurden den Liedern sogleich beigedruckt. Dr. Luther sagte: die Noten machen den Text erst lebendig. Er war selbst ein tüchtiger Musikus, blies die Flöte und spielte die Laute meisterhaft und hatte daher auch eine rechte Freude daran, das christliche Volk mit Melodien wie mit Liedern zu versorgen. Im Jahre 1524, als er mit den Liedern so lebhaft beschäftigt war, lud er seine guten Freunde, Konrad Rupf aus Altenburg und Johann Walther aus Torgau zu sich ein und behielt sie als seine Tischfreunde so lange bei sich, bis sie mit einander „über der Ton Art und Weis“ übereingekommen und die nöthige Zahl von Melodien zu den Kirchengesängen gesetzt hatten. Diese Versammlung nannte Luther die Cantorey im Haus. Da wurden nun die schon vorhandenen geistlichen Weisen geprüft und was davon etwa durch langen Gebrauch verkehrt und geschmacklos geworden war, abgethan; schöne Weisen zu weltlichen Volksliedern wurden aufgenommen und in kirchlichen Ton gesetzt, und die Melodien, welche Luther, Lazarus Spengler u. A. zu ihren Liedern erfunden hatten, in bestimmten Notensatz gebracht; die Dichter nemlich dichteten damals oft mit den Worten sogleich die Melodie und namentlich Dr. Luther hatte damals bereits die Weise: Nun freut euch, lieben Christen g'mein erfunden, wie er Anno 1530 sang: Ein feste Burg ist unser Gott. Was so die „Cantorey im Haus“ gearbeitet, die Melodien, den Liedern beigedruckt, kamen unters Volk durch die wandernden Sänger, durch die Currentschüler, welche sie auf den Straßen singen mußten, ja sogar durch die Stadtzinkenisten, welche sie in den Städten täglich zwei bis drei Mal vom Thurm herab bliesen, wie noch heutiges Tages in manchen alten deutschen Städten der Brauch ist. Gesammelt aber wurden die Melodien zuerst im Jahre 1524 von Johann Walther in seinem „Wittenbergisch deutsch geistlich Gesangbüchlein, und in dem Buche: Newe deutsche geistliche Gesänge, 1544 herausgegeben von Georg Rhaw, demselben, der bei der Disputation zu Leipzig eine zwölfstimmige Messe aufführte, später aber zur lutherischen Kirche übergetreten, Buchdrucker in Wittenberg wurde. Das waren die beiden ersten Lutherischen Choralbücher, Werke, welche den Grund legten zu der ganz neuen Art von geistlichem Gesang, entstanden durch die Verbindung der geistlichen Tonart mit dem Rythmus des Volksliedes.

Rythmisch wurden diese Melodien alle gesungen. Dr. Luther verschmähte nicht, was irgend Schönes war unter den alten Gregorianischen Gesängen, welche in gleichmäßigem Tacte verlaufen, aber diese theilte er dem Chor zu, den er keineswegs abschaffte; er hatte sogar noch gerne, daß die Chöre, welche aus Schülern bestanden, ihre Gesänge lateinisch vortrugen. Der Gemeinde muthete er es nicht zu, im ebenmäßigem Tacte zu singen, hat wohl kaum jemals daran gedacht; die Gemeinde sang ihre Lieder rythmisch. Selbst die Orgel, welche dazumal noch ziemlich schwer zu schlagen war und daher wenig geeignet zu raschem Spiel, durfte den Gemeindegesang nicht begleiten, um nicht etwa die freie Bewegung desselben zu stören; der Chor mußte die Melodie, welche die Gemeinde sang, mit mehrstimmigem Gesange leiten und begleiten. Die Notenschrift, welche wir jetzt haben, war damals in der Ausbildung begriffen, namentlich die Bezeichnung der Mensur der Töne, daß sie nemlich sich eintheilten in ganze, halbe, viertel, achtel u. s. f. Der deutsche Franco von Cöln um 1200 und nach ihm Walther Odington von Evesham hatten diese Art, bei den Noten sogleich zu bemerken, wie lang oder wie kurz sie zu singen seien, erfunden, aber erst die Reformation und unter den Männern der Reformation namentlich Dr. Luther brachten diese wie so viele andere Erfindungen in rechten Gebrauch der Kirche und durch die also bewirkte Uebung zu größerer Voll-

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often sung by the Hussites in their battles against emperor and bishops.

Precisely in this old melody "Vater Unser im Himmelreich" you can see rightly how the people sang spiritual songs in those days. Granted, the choirs in the churches might sing slowly onward one syllable as long as the other; the people did not do that. Try it with that folk melody — if you sing one syllable as long as the other, it goes clap-clap, as when one strikes on a board, wherefore also in the rationalistic age, when people wanted to sing like the priests and choirs in the Roman church, that manner was declared barbarous and altogether unsingable; but if you sing as in reading, where each syllable stresses itself and sounds long or short, then it is one of the most wonderful melodies there are. The melodies arose in those days together with the words of the song, not through the calculation of a musician by the understanding, and therefore they were also sung according to the rhythm of the words. The demand of the people even the Catholic priests and monks could not resist; some among them translated the old Latin church songs, made new ones, often composed in the oddest mixed language of German and Latin words (e.g. In dulci jubilo, Nun singet und seid froh), or set spiritual songs to secular folk tunes. Shortly before the Reformation it was as if the priests themselves wanted to confirm the people thoroughly in the Roman error by this their favorite inclination to sing songs; there was no end of songs on the Virgin Mary, yes, on St. Anne, who is supposed to be Jesus' grandmother. About the year 1517, when the blessed Reformation began, the Christian German people was not merely prepared to seize with eagerness the pure doctrine of the Word of God, but also, as a spiritual priesthood, to receive its rightful share in divine service, real congregational singing at all divine services.

Dr. Martin Luther preached again in full purity and clarity the doctrine of righteousness by faith alone in Jesus Christ, and thereby reinstated the Christian congregation anew in its royal priesthood; what it had long desired, namely to sing along at all divine services, had now to be granted it as its right. He therefore wrote in the years 1523 – 1526 three writings on the German Mass and order of divine service, and determined therein that at all divine services the congregation should sing German hymns at the places where the choir had formerly rendered Latin ones, while he limited the choir songs and antiphons to their proper measure and cleansed them of all papistic additions. Now it was needful to provide spiritual songs. There were indeed already a fair number of them, but only the hymns of the Bohemian and Moravian Brethren were pure of the papistic error; the others were for the most part mixed with it and therefore needed reworking, as those needed translation.

This Dr. Luther did with very many hymns: Nos. 17, 36, 134, 183 belong among these; others he composed himself, following, say, an existing verse, as No. 21, or after a Bible passage, as Isa. 6, No. 147, Luke 2, Nos. 41 and 65, and still others he composed freely, as Nos. 243; 42; 159. Printed on single sheets with the notes of the melody beside them, these songs, the most spiritual and lovely since the Psalms, flew out into all German lands and were soon sung in houses and workshops, in markets, streets and fields, so that the Romanists complained: the people are singing themselves into the new doctrine (the Evangelical). Although the fewest of the people could read, and therefore had to learn the songs by heart by being told them, as we now teach the little children all sorts of verses, yet especially the burghers in the cities soon knew these songs by heart and brought them also into the churches. When, for example, in the year 1527 Oldekop and Lampe in Brunswick began to preach the pure Gospel, the Romanizing council of the city had a famous Roman preacher, Dr. Sprengel, called Sprütze, come, that he might refute the Evangelicals. Now when he, on the 22nd Sunday after Trinity, had delivered a long sermon against the pure doctrine and had closed with the words: from this it is now proved that every man can be saved by his good works, a burgher named Nischau cried: Priest, you lie! and struck up No. 166: Ach Gott vom Himmel sieh darein. The whole congregation joined in the song, but Dr. Sprengel descended abashed from the pulpit and undertook no more preaching in Brunswick.— Already in 1524 Dr. Luther and his friend Walther collected these hymns into a hymnal which contained 8 hymns; in the following year a second edition had to be printed, enlarged with 8 other hymns, and in the year 1528 a larger hymnal of 56 hymns came out, since also many friends of Luther, such as Dr. Justus Jonas, Paul Speratus, Paul Eber and others, composed excellent hymns; that was a singing and ringing in German lands; the devil surely stopped his ears.

The notes of the melodies were printed with the hymns at once. Dr. Luther said: the notes first make the text alive. He was himself a capable musician, blew the flute and played the lute masterfully, and therefore also had real joy in providing the Christian people with melodies as with hymns. In the year 1524, when he was so busily occupied with the hymns, he invited his good friends, Konrad Rupf of Altenburg and Johann Walther of Torgau, to his house and kept them as his table companions with him so long until they had agreed together "über der Ton Art und Weis" and had set the necessary number of melodies to the church songs. This gathering Luther called the Cantorey im Haus. There the already existing spiritual melodies were now examined, and whatever of them had become perverted and tasteless through long use was done away; beautiful tunes to secular folk songs were adopted and set in church tone, and the melodies which Luther, Lazarus Spengler and others had invented for their hymns were brought into definite musical notation; for the poets in those days often composed the melody at once with the words, and Dr. Luther in particular had by then already invented the tune: Nun freut euch, lieben Christen g'mein, as he sang in the year 1530: Ein feste Burg ist unser Gott. What the "Cantorey im Haus" thus worked out, the melodies printed with the hymns, came among the people through the wandering singers, through the Currende scholars, who had to sing them in the streets, yes even through the town trumpeters, who blew them down from the tower in the cities two to three times daily, as is still the custom today in many old German cities. The melodies, however, were first collected in the year 1524 by Johann Walther in his "Wittenbergisch deutsch geistlich Gesangbüchlein, and in the book: Newe deutsche geistliche Gesänge, published in 1544 by Georg Rhaw, the same who at the disputation at Leipzig performed a twelve-part Mass, but later, having gone over to the Lutheran church, became a printer in Wittenberg. These were the first two Lutheran chorale books, works which laid the foundation for the quite new kind of spiritual song, arisen through the union of the spiritual mode with the rhythm of the folk song.

Rhythmically these melodies were all sung. Dr. Luther did not despise whatever was beautiful among the old Gregorian chants, which proceed in even time, but these he assigned to the choir, which he by no means abolished; he even still liked it that the choirs, which consisted of pupils, should render their songs in Latin. The congregation he did not expect to sing in even time, and probably hardly ever thought of it; the congregation sang its hymns rhythmically. Even the organ, which in those days was still rather hard to play and therefore little suited to quick playing, was not allowed to accompany the congregational singing, lest the free movement of it be disturbed; the choir had to lead and accompany with part-singing the melody which the congregation sang. The musical notation which we now have was then in process of development, particularly the designation of the measure of the tones, namely that they divide into whole, half, quarter, eighth, etc. The German Franco of Cologne about 1200, and after him Walter Odington of Evesham, had invented this way of noting at once with the notes how long or how short they are to be sung, but only the Reformation, and among the men of the Reformation especially Dr. Luther, brought these, like so many other inventions, into proper use of the church, and through the practice thus brought about to greater perfec-