Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 23 › Seite 180
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-07-05, Seite 180
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſang · Geſang 2 · Geſangbuch 6 · Katechismus 3 · Geſang · Gemeindegeſang
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kommenheit. Paulus ruft der christlichen Gemeinde zu: Alles ist Euer, so mußte auch die edle Kunst der Musik damals so recht in den Dienst der christlichen Gemeinde treten und stand sich wahrlich gut dabei.
Kaum ein Werk ist jemals so tüchtig fortgesetzt, wie Dr. Luthers und seiner braven Mitarbeiter Werk am geistlichen Liede, namentlich an der geistlichen Musik. Es würde zu weit führen, wollte ich hier erzählen, wie nun im 16ten und 17ten Jahrhundert der große und köstliche Liederschatz entstanden ist, unter welchen Dr. Luthers Lieder wie Perlen leuchten, von den anderen umstrahlt wie von goldenen und silbernen Kränzlein; auch gebricht es an Raum, darzustellen, wie Lied an Lied seine Melodie gefunden, so lieblich es auch ist, dieser alten herrlichen Tonmeister Werk zu verfolgen, die sich mit so herzinniger Freude in den Dienst Gottes und Seiner heiligen Gemeinde stellten. Johann Eccart, 1611 als Capellmeister in Berlin gestorben, der unter anderen die Melodie „Von Gott will ich nicht lassen“ dichtete, hat Luthers und Walthers Grundsätze, den Kirchengesang zu einem rechten Gemeindegesang zu machen, vor allen anderen Tonmeistern besonders ausgebildet; er war es namentlich, der die Melodie fest in die Oberstimme legte, während sie bis dahin von der Mittelstimme, dem sogenannten Tenor, getragen worden war und daher oftmals im Gewirr der verschiedenen Stimmen für die Gemeinde ganz verloren ging, aber er war es auch, der alsdann zu der Melodie die schönen Harmonien setzte, die jetzt noch in guten Choralbüchern angezeichnet sind und wenn auch nicht oft mit den Stimmen gesungen, doch von der Orgel gespielt werden. Von Johann Krüger, der Gott zu Lob und Preis so manch schöne Lieder sang, habt ihr früher schon im Lutheraner gelesen; von anderen Meistern mag zu gelegener Zeit erzählt werden. Für unsern augenblicklichen Zweck genügt es zu wissen, daß bis 1648 bei den Kirchenmelodien der Rythmus durchaus etwas Wesentliches war. Die Art der Melodiendichtung und ihres Satzes mochte sich namentlich unter dem Einfluß der aus Italien herüberkommenden Oratorienmusik verändern und daher z. B. bei Johann Krüger schon ganz anders als bei Johann Eccart sein, so lange die Gemeinde wirklich als christliche Gemeinde sang, namentlich auch die meisten Lieder auswendig konnte und es für verkehrt hielt, wie Küster und Schulmeister aus den Büchern zu singen, so lange verstand sich die rythmische Bewegung des Gesanges von selbst. Als aber nach 1648 allmälig die gläubigen Väter und Mütter, welche im dreißigjährigen Kriege unter Mord und Brand Glauben gehalten und nicht abgelassen hatten mit Flehen und Singen, dahin starben, und nun das Geschlecht, welches während jenes Kriegs zwischen den Trümmern der Schulen, Kirchen und Häusern aufgewachsen war, in der Gemeinde wie im Staat zur Herrschaft kam, als die deutschen Fürsten und Herrn nach dem gräulichen Exempel Ludwigs des Vierzehnten von Frankreich ihre Ehre in schändlichen Ausschweifungen zu suchen und zur Befriedigung derselben ihre Unterthanen wie Knechte u. Sclaven zu behandeln anfingen, als die Deutschen begannen, ihre eigene edle Sprache zu verachten und Französisch oder eine elende Mischsprache für ein Zeichen guter Erziehung zu achten und nun mehr und mehr ein Stand der sogenannt Gebildeten entstand, welcher den Bürger und Bauersmann verachtete, da erstarb auch dem Volke der Muth zum fröhlichen Kirchengesange. Die Lieder, welche fort und fort von den Gläubigen gedichtet wurden und—solches vermag der Glaube — immer noch frei blieben von der häßlichen Mischsprache und dem geschmacklosen breiten Wesen der Zeit, hörten allmälig auf, wirkliche Gemeindelieder zu sein, wurden vielmehr fromme Herzensergießungen einzelner Gläubiger gesungen zur Erbauung einzelner Gläubiger im Kämmerlein. So nicht bloß die Lieder der Pietisten und Herrnhuther, auch vielfach schon der kirchlichen Sänger; wie wenig Kirchengesänge sind z. B. unter des frommen Benjamin Schmolke geistlichen Liedern zu finden. Nun also die Gemeinde als ganze Gemeinde so wenig mehr von Herzen und mit Lust sang, bald auch die Lieder dermaßen vergaß, daß zum großen Aerger der alten Väter und Mütter Ziffertafeln in den Kirchen eingeführt werden mußten, so konnte die fremde italiänische Kunstform der Musik, welche ohnehin schon längst Einfluß geübt hatte, mehr und mehr auch in der deutschen Kirche zur Herrschaft gelangen. Nicht bloß daß die Aufführung von Kirchenmusiken in der Weise der italiänischen Oratorien immer häufiger wurde, daß daher der Chor wiederum mehr und mehr einen von der Gemeinde abgesonderten Platz im Gottesdienst erhielt und die Gemeinde in die Stellung von Zuhörern kam, auch die Melodien zu den Gemeindeliedern selbst wurden nach dieser Kunstform gebildet. So entstanden die Weisen, welche man geistliche Arien nennt, besonders durch Johann Rudolph Ahle aus Mühlhausen, der dort 1673 als Bürgermeister starb, eingeführt. Betrachtet ihr die von ihm erfundene Melodie zu: Liebster Jesu, wir sind hier, so findet ihr sogleich, daß kaum noch ein Rythmus darin ist: so schön und lieblich auch viele seiner Melodien sind, er schon, vor Allen aber sein Sohn Johann Georg Ahle singen nicht mehr aus der Gemeinde heraus, sondern zu der Gemeinde hin. So angemessen zeigte sich diese Arienweise dem damaligen Zustande der christlichen Gemeinden, daß bald auch die alten Melodien darnach gesetzt wurden, und Carl Briegel, der Herausgeber des Kirchengesangbuchs für Darmstadt vom Jahre 1687, die darin aufgeführten Melodien völlig nach seiner Arienmanier modelte, selbst aber bereits Weisen ohne allen Rythmus hinzufügte. Zwar bewahren die Pietisten und Herrnhuther immer noch einen hüpfenden Tact, aber der alte kirchliche Rythmus war das nicht mehr, sondern ein Ausdruck des in den Liedern sich bewegenden Gefühls, nicht des kirchlichen Bewußtseins. Eine ganz außerordentliche Menge süßer Melodien, darunter: Macht hoch die Thor, die Thür macht weit, Lobe den Herrn o meine Seele, ging aus der Pietistischen Schule hervor, gewiß, aber vergleicht doch einmal nur eine solche Melodie wie „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ mit der zu: Gelobet seist du, Jesu Christ, ihr werdet sogleich den Unterschied merken, daß die erste wohl rührend und lieblich, erschütternd und mächtig auf das Gefühl eindringt, die andere dagegen ein Bekenntniß des Glaubens der Gemeinde ist und zum eignen Bekenntniß fortreißt. Selbst der größte Tonkünstler der Lutherischen Kirche, Johann Sebastian Bach, der bedeutendste Orgelspieler, den es je gegeben, dichtete seine Melodien nicht mehr aus der Gemeinde heraus, sondern zu ihr hin, so daß nur eine seiner Melodien in kirchlichem Gebrauch geblieben ist: O Gott, du frommer Gott, während seine „Große Passionsmusik“ eins der herrlichsten geistlichen Concerte ist. Die Harmonie erhielt durch ihn und seine Schüler die höchste Ausbildung, allein daß überall schon um 1700 die Zwischenharmonien zwischen den Versreihen von den Orgelspielern ausgeführt werden konnten, beweist, daß der Gesang in der Kirche dazumal nicht mehr eigentlicher Gemeindegesang war; da hörte denn auch bald der letzte Ueberrest von Rythmus auf.
Ihr habt gesehen, seit 1648 war aus der christlichen Gemeinde, die doch ihrer Art nach nicht bloß sich unterrichten lassen, sondern selbst bekennen sollte, eine Gemeinschaft geworden, die man etwa eine Großekinderschule nennen könnte, bei der das Bekennen aufhörte und nur dies blieb, daß sie unterrichtet wurde. So lange nun noch die reine Lehre im Schwange war und Prediger sowohl wie auch manche Gemeindeglieder darin unterrichteten, konnte diese einseitige Stellung der Gemeinde, welche durch die aus dem dreißigjährigen Kriege stammende Unwissenheit des Volks entstanden war, nicht eben verderblich sein, wenn sie auch wirklich lebendigen Gemeindegesang u. so manche andere Lebensäußerung der Gemeinde hinderte. Allein um 1750 kamen immer mehrere ins Predigtamt, welche durch den Pietismus einestheils gelernt hatten, mehr Wichtigkeit auf das Werk als auf den Glauben zu legen, anderntheils durch die damals herschende sog. Philosophie oder Weltweisheit angeleitet waren, nur das zu achten, was der kurzsichtige menschliche Verstand eben für nützlich hält; der Rationalismus, der weder von Christo noch von christlicher Gemeinde etwas weiß, machte aus den Kirchen Großekinderschulstuben, wo die Prediger neben Vermahnungen und Anweisungen zu allerlei Tugenden auch nützliche Lehren über Haushalt, Ackerbau, Stallfütterung vortrugen. Dazu paßten nun auch nicht einmal die dünnen Lieder der Gottschedschen Dichterschule; es sollte ja die Gemeinde, nachdem etwa der Prediger sie unterrichtet hatte, sich selbst singend unterrichten. Daher brachte man Beschreibungen von allerlei Tugenden in Reime und ließ die Gemeinde z. B. singen: Zur Arbeit, nicht zum Müßiggang bin ich bestimmt auf Erden. Zum Unterricht gehört natürlich langsames Reden; da man auch mit den Liedern in allerlei nützlichen Dingen unterrichten wollte, so mußten sie fein langsam gehen und man erklärte dann (der Tonkünstler
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tion. Paul calls to the Christian congregation: All things are yours; so the noble art of music also had at that time to enter right into the service of the Christian congregation, and was truly well off in it.
Hardly any work was ever so capably carried on as the work of Dr. Luther and his good fellow-laborers on the spiritual song, particularly on spiritual music. It would lead too far were I to relate here how in the 16th and 17th centuries the great and precious treasury of hymns arose, among which Dr. Luther's hymns shine like pearls, surrounded by the others as by little wreaths of gold and silver; also there is lack of room to set forth how hymn after hymn found its melody, however lovely it is to follow the work of these old glorious masters of tone, who placed themselves with such heartfelt joy in the service of God and of His holy congregation. Johann Eccart, who died in 1611 as Kapellmeister in Berlin, and who among others composed the melody "Von Gott will ich nicht lassen," developed Luther's and Walther's principles of making church singing a true congregational singing, more than all other masters of tone; it was he in particular who placed the melody firmly in the upper voice, whereas until then it had been carried by the middle voice, the so-called tenor, and therefore was often wholly lost to the congregation in the confusion of the different voices; but it was he also who then set to the melody the beautiful harmonies which are still noted down in good chorale books, and which, even if not often sung with voices, are yet played by the organ. Of Johann Krüger, who sang so many beautiful hymns to the laud and praise of God, you have read earlier in the Lutheraner; of other masters it may be told at a convenient time. For our present purpose it suffices to know that until 1648 rhythm was altogether something essential in the church melodies. The manner of composing melodies and of their setting might change, particularly under the influence of the oratorio music coming over from Italy, and therefore, for example, be already quite different in Johann Krüger from what it was in Johann Eccart; but so long as the congregation really sang as a Christian congregation, in particular knew most of the hymns by heart, and held it to be perverse to sing out of the books, like sextons and schoolmasters, so long the rhythmic movement of the singing was a matter of course. But when after 1648 the believing fathers and mothers, who in the Thirty Years' War amid murder and fire had kept the faith and not ceased with entreaty and singing, gradually died away, and now the generation which during that war had grown up amid the ruins of the schools, churches and houses came to rule in the congregation as in the state; when the German princes and lords, after the abominable example of Louis the Fourteenth of France, began to seek their honor in shameful excesses, and for the gratification of these to treat their subjects like serfs and slaves; when the Germans began to despise their own noble language, and to esteem French or a wretched mixed language a sign of good breeding, and more and more a class of the so-called cultured arose, which despised the burgher and the peasant, then the people's courage for joyful church singing also died away. The hymns which continued to be composed by believers — such is the power of faith — still remained free from the hateful mixed language and from the tasteless pompous manner of the time, yet gradually ceased to be real congregational hymns; they became rather pious outpourings of the heart of individual believers, sung for the edification of individual believers in the closet. So not only the hymns of the Pietists and Moravians, but often already those of the churchly singers; how few church songs are to be found, for example, among the spiritual songs of the pious Benjamin Schmolke. Now, therefore, since the congregation as a whole congregation sang so little any more from the heart and with delight, and soon also forgot the hymns to such a degree that, to the great vexation of the old fathers and mothers, number-tables had to be introduced into the churches, the foreign Italian art-form of music, which had long since exercised influence in any case, could come more and more to dominion also in the German church. Not only did the performance of church music in the manner of the Italian oratorios become ever more frequent, so that the choir in consequence received again more and more a place in the service separated from the congregation, and the congregation came into the position of hearers, but the melodies for the congregational hymns themselves were also formed after this art-form. Thus arose the tunes which are called spiritual arias, introduced especially by Johann Rudolph Ahle of Mühlhausen, who died there in 1673 as burgomaster. If you consider the melody invented by him for Liebster Jesu, wir sind hier, you will find at once that there is hardly any rhythm in it any more: however beautiful and lovely many of his melodies are, he, and above all his son Johann Georg Ahle, no longer sing out of the congregation, but toward the congregation. So suitable did this aria-style prove to the then condition of the Christian congregations that soon the old melodies also were set according to it, and Carl Briegel, the editor of the church hymnal for Darmstadt of the year 1687, remodeled the melodies given in it entirely after his aria manner, and himself already added tunes without any rhythm. To be sure, the Pietists and Moravians still preserve a skipping beat, but that was no longer the old churchly rhythm, but an expression of the feeling stirring in the hymns, not of the churchly consciousness. A quite extraordinary multitude of sweet melodies, among them: Macht hoch die Thor, die Thür macht weit, Lobe den Herrn o meine Seele, came out of the Pietistic school, certainly; but only compare once such a melody as "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld" with that to: Gelobet seist du, Jesu Christ, and you will notice at once the difference, that the first indeed penetrates the feeling touchingly and lovelily, shakingly and mightily, the other, on the contrary, is a confession of the faith of the congregation and carries one along to one's own confession. Even the greatest musician of the Lutheran church, Johann Sebastian Bach, the most eminent organist there ever was, composed his melodies no longer out of the congregation, but toward it, so that only one of his melodies has remained in churchly use: O Gott, du frommer Gott, while his "Great Passion Music" is one of the most glorious spiritual concertos. Harmony received its highest development through him and his pupils; but that everywhere already about 1700 the interludes between the lines of verse could be performed by the organists proves that the singing in the church was in those days no longer real congregational singing; then also soon the last remnant of rhythm ceased.
You have seen that since 1648 the Christian congregation, which by its nature should not merely let itself be instructed but itself confess, had become a community which one might call a big-children's school, in which confessing ceased and only this remained, that it was instructed. So long as the pure doctrine was still in vogue, and preachers as well as many members of the congregation instructed therein, this one-sided position of the congregation, which had arisen through the ignorance of the people stemming from the Thirty Years' War, could not be exactly ruinous, even if it did hinder really living congregational singing and so many another expression of life of the congregation. But about 1750 more and more came into the ministry who, through Pietism on the one hand, had learned to lay more importance on works than on faith, and on the other hand, guided by the then prevailing so-called philosophy or worldly wisdom, to esteem only what the short-sighted human understanding holds useful; Rationalism, which knows nothing either of Christ or of a Christian congregation, made of the churches big-children's school-rooms, where the preachers, besides admonitions and instructions to all sorts of virtues, also delivered useful lessons about housekeeping, agriculture, stall-feeding. For this even the thin hymns of the Gottsched school of poets were not suitable; the congregation was supposed, after the preacher had instructed it, to instruct itself by singing. Therefore descriptions of all kinds of virtues were put into rhyme and the congregation was made to sing, for example: Zur Arbeit, nicht zum Müßiggang bin ich bestimmt auf Erden. Slow speaking belongs naturally to instruction; since one wanted to instruct also with the hymns in all sorts of useful things, they had to go quite slowly, and it was then explained (the musician