Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 17 › Seite 133
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1855-04-10, Seite 133
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wir noch den berühmten Kritiker Tischendorf, einen polytropos theologos (vielfarbigen Gottesgelehrten), und den Philosophen Weise, der in die Theologie pfuscht und eine gewisse pantheistisch-theologische Richtung vertritt, und Großmann, der noch der Alte ist, hinzu, so hast Du damit ein freilich nicht gar erquickliches Bild unserer Universität, dieser Hochschule des Landes. Besser steht es um die Gymnasien. In Grimma ist ein berühmter Grieche, Wunder, der zugleich ein Christ ist; neben ihm wirkt Müller als Religionslehrer. In Plauen regiert ebenfalls ein gläubiger Direktor, Palm. In Zwickau Rinck, eine körnige norddeutsche Natur. Auch die Seminarien des Landes sind auf besseren Wegen. Neuerdings nur ist nach Freiberg ein entschieden gläubiger Mann, Bräß, ein Braunschweiger von Geburt, gekommen. — Im Kirchenregimente sitzt jetzt außer Meißner als Kirchenrath Langbein, früher Prediger in Chemnitz, der die sogenannte lutherische Richtung vertritt. Ein Oberhofprediger, ein Nachfolger unseres Harleß, dessen Weggang eine wahre Calamität für unsere Kirche ist, hat sich noch nicht finden wollen. Freuen kann man sich, daß sich unser Cult-Minister bei den Verhandlungen des letzten außerordentlichen Landtags entschieden für Gottes Wort und die Bekenntnisse unserer Kirche erklärt hat. Schade nur, daß es mit dem eigentlichen Bekenntnisse nicht recht fort will, indem man sich fürchtet, wo nichts zu fürchten ist. Die Zukunft, die, nachdem bereits in dem vergangenen Jahre Nahrungs- und Verdienstlosigkeit, Theuerung und mancherlei andere Nöthen auf uns lasteten, in keinem schönen Lichte vor uns steht, wird's lehren. Große Schuld an dem armseligen Schwanken und Zuwarten unseres Regiments trägt der Minister von Falkenstein, der sich von vielen Seiten beeinflussen läßt und kein pusto (festen Standpunkt) gefunden hat. Meine Hoffnung in Betreff der kirchlichen Zustände unseres Landes ist sehr schwach . . .
Unsere theologische Literatur liegt noch immer sehr im Argen. Man will Neues geben, ohne das Alte, weit Bessere, zu kennen und darauf fortzubauen. Längst widerlegte Thorheiten werden für Neuigkeiten gehalten und feilgeboten. Da erscheinen Bücher voll zahlloser Ketzereien, die selbst von bedeutenden Theologen ausgehen. Die Philosophie herrscht wieder wie vor Alters im Reiche der Theologie. — Wie erwünscht wäre es, wenn ihr euch mit der deutsch-lutherischen Kirche in Verbindung setztet, insbesondere mit den preußischen Lutheranern. Unter diesen sind eine ziemliche Anzahl trefflicher Leute, die, wenn sie auch über manche Stücke im Irrthum sind, es doch redlich und aufrichtig meinen. Wie mir scheint, haben diese durch ihre Rührigkeit, Treue, Ausdauer, durch die Begabung vieler ihrer Glieder eine Zukunft unter uns in Deutschland, und wenn einmal die lutherischen Landeskirchen, was jedoch leicht geschehen kann, zusammenfallen, so kann es nicht fehlen, daß viele ernste Leute um diese ihre Fahne sich schaaren werden.
Wie gern möchte ich einmal bei euch sein und das Leben in euren Gemeinden kennen lernen. Nicht selten erwacht in mir die Lust, euch nachzukommen. Ich fürchte oft für meine Seele bei den hiesigen kirchlichen Zuständen und bin oft lange in großen Anfechtungen und Zweifeln. Was mich an mein Vaterland fesselt, weißt Du. Wäre es Gottes deutlich mir gezeigter Wille, so würde ich auch dennoch wie Abraham im Glauben ausgehen aus meinem Vaterlande. Vielleicht bin ich deß nicht werth. Auch so bin ich aber denn doch wenigstens durch den Einen Glauben in der Einen Kirche des HErrn mit euch verbunden, bete und streite mit euch, bis wir einst, will's Gott, zusammenkommen in den Thoren Jerusalems. — —
(Regelmäßige Einsendung Herrn P. H....'s.)
Welthändel.
Am zweiten März bald nach 12 Uhr starb Kaiser Nikolaus von Rußland. Er stand im 59ten Jahre seines Lebens und im 30ten seiner Regierung. Sein Sohn Alexander, der zweite dieses Namens auf dem Russischen Throne, trat am genannten Tage die Regierung an und empfing am dritten März die Huldigung der Staatsbeamten und Großen des Reiches, namentlich auch seines anwesenden Bruders Constantin (die beiden anderen Brüder Michael und Nikolaus sind beim Heere in der Crim). Alexander II. hat erklärt, das Werk seines Vaters in jeder Weise fortsetzen zu wollen.
Weniger als die bedeutendsten seiner Vorgänger, Peter der Große und Katharina II., hat der verstorbene Nikolaus mit seiner Regierung Wohlgefallen bei den übrigen Europäischen Völkern gefunden. Jene suchten dem Russischen Volke französische Bildung beizubringen und schnitten denen, die sich nicht also bilden lassen wollten, die langen Russischen Bärte, die Ohren und Nasen, vielfach auch die Köpfe ab: Peter der Große oft mit eigner hoher Hand. Nikolaus suchte sein Volk so zu erziehen, daß die Art und Eigenthümlichkeit desselben bewahrt blieb, das Tüchtige des Russischen Charakters ausgebildet, das Unnütze und Widrige davon abgethan wurde. In jeder Beziehung hoch über seinen Russen stehend, selbst mit seiner außerordentlich schönen, stattlichen Gestalt sie alle überragend, so daß sie auch äußerlich zu ihm hinaufblicken mußten, ernst, gemessen, ja kalt bis zum Schein der Fühllosigkeit, stellte er sich doch zu ihnen wie ein Vater, wenn auch ein strenger, oft harter Vater; er nannte sie nicht anders als Kinder; er trat sogleich in den ersten Tagen seiner Herrschaft mitten unter sie, die, aufgewiegelt von seinen Feinden, in wildem Aufruhr eben über ihn und sein Haus herfallen wollten, strafte mit eigner Hand die Rädelsführer vor ihren Augen und sandte die übrigen mit scharfer Vermahnung zu Hause; er begab sich in Zeiten der Noth, wie z. B. als die Cholera entsetzliche Verwüstungen in St. Petersburg anrichtete, unter das in Schrecken und Angst auf der Straße zusammengedrängte Volk, kniete mit ihnen nieder und betete. Mäßig in all seinen Genüssen, darin das Gegentheil seiner dem Trunke nur zu sehr ergebenen Russen, arbeitsam und von großer Festigkeit des Willens, suchte er alle Theile seines über 20 Millionen Menschen umfassenden Staatshaushalts beständig im Auge zu halten und mit eigner Hand zu leiten. Untreue Beamteten strafte er unerbittlich, ja grausam; einen Günstling hat er nie gehabt, nie von irgend einem Menschen sich beherrschen lassen. Als das Oberhaupt der Griechisch Katholischen Kirche in Rußland hat er evangelische Bestrebungen nicht begünstigt, auch in Lievland besonders durch seine Beamteten, den Bischof an der Spitze, einige Tausend Lutherische in die griechische Kirche locken lassen, allein mehr als dies dürfen wir ihm in dieser Hinsicht nicht vorwerfen, da eine Menge anderer Anklagen der Art widerlegt worden sind, die zwei Millionen Lutheraner und Reformirte aber, die unter seiner Herrschaft leben, größtentheils die Verwaltung ihrer Gemeindeangelegenheiten nur rühmten. Wenn er englische Missionare oder englische Bibelagenten aus Rußland fortgewiesen hat, so ist dies geschehen, weil sie überall ihre englische Weise christlichen Lebens und damit den politischen Einfluß Englands verbreiten; der Bibelverbreitung unter seinen Unterthanen durch die Gesellschaften im eignen Lande hat er nie gewehrt, vielmehr selbst unter seinen Augen neue Testamente an seine Truppen austheilen lassen. Schonen, dulden, vergeben lag nicht in dem Charakter des Verstorbenen, doch erzählen Feinde wie Freunde mit Wohlgefallen von seinem häuslichen Leben, wie er mit väterlicher Güte und Treue unter den Seinen waltete und Sorge trug, die Stille und Einfachheit des Familienlebens auch unter dem Glanze des kaiserlichen Hofstaates zu erhalten.
Kaiser Nikolaus begehrte mehr als den Schutz der griechischen Christenheit in den türkischen Landen Europa's und Asiens; er begehrte den Sturz des Türkischen Reichs und die Herstellung des christlichen Kaiserthums in Constantinopel; nicht ohne Grund nannte er seinen zweiten Sohn Constantin. Aber daß er Schutz verlangte für die sieben Millionen griechischer Christen in der Türkei, war eben so gerecht, wie es ungerecht, schmählich von England und Frankreich gehandelt ist, daß sie jene Christen der Großmuth der Türkischen Regierung überlassen wollen oder, wie sie sagen, die Religionsfreiheit in Türkischen Landen vertheidigen. Der Türke behandelt einen Christen nur dann nicht wie einen Hund, wenn ihm die Bastonade oder Kanonade gedroht wird, und überhaupt von Türkischer Regierung zu sprechen, ist ganz verkehrt: Türkische Mißhandlung sollte man statt dessen sagen. Unter dem Schutze der Großmächte, den sie vor diesem Kriege den Christen in der Türkei angedeihen ließen, wurde z. B. um den 13. November 1853 ein Türke in Adrianopel, der Christum für den wahren Propheten, Mohamed für den falschen erklärte und zum Beweise dieser Behauptung auf die gräulichen Früchte der mohamedanischen Religion hinwies, fürchterlich geschlagen und als er sagte, daß er für Christum sterbe, enthauptet.
Ein englischer Colporteur erzählt das, und der englische Consul Blunt in der Türkischen Landschaft Thessalien schreibt der türkischen Regierung von einem Uebermaß von Mißhandlungen, Ungerechtigkeiten und entsetzlichen Gräueln, die von den Türken gegen die christlichen Einwohner verübt würden und die ihn schaudern machten, so oft
English translation AI translation
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we add the famous critic Tischendorf, a polytropos theologos (a many-colored divine), and the philosopher Weise, who meddles in theology and represents a certain pantheistic-theological tendency, and Großmann, who is still the old man, then you have a picture, certainly not at all a refreshing one, of our university, this high school of the land. It is better with the gymnasia. In Grimma there is a famous Greek scholar, Wunder, who is at the same time a Christian; beside him Müller works as teacher of religion. In Plauen a believing director, Palm, likewise rules. In Zwickau, Rinck, a sturdy North German nature. The seminaries of the land also are on better paths. Only lately a decidedly believing man, Bräß, a Brunswicker by birth, has come to Freiberg. — In the church government there now sits, besides Meißner, as Kirchenrath, Langbein, formerly preacher in Chemnitz, who represents the so-called Lutheran tendency. An Oberhofprediger, a successor of our Harleß, whose departure is a true calamity for our church, has not yet been willing to be found. One may rejoice that our minister of public worship, in the deliberations of the last extraordinary Landtag, declared himself decidedly for God's Word and the Confessions of our Church. It is only a pity that things do not go forward rightly with the actual confession, since people are afraid where nothing is to be feared. The future, which, after already in the past year want of food and want of earnings, dearth, and all manner of other distresses lay upon us, stands before us in no fair light, will teach. Great blame for the wretched wavering and waiting of our government is borne by the minister von Falkenstein, who lets himself be influenced from many sides and has found no pusto (firm standpoint). My hope with regard to the churchly conditions of our land is very faint . . .
Our theological literature still lies very much in a sorry state. People want to give something new, without knowing the old, far better, and building on it further. Follies long since refuted are held for novelties and offered for sale. Books full of countless heresies appear, which proceed even from notable theologians. Philosophy reigns again, as of old, in the realm of theology. — How desirable it would be if you would put yourselves in connection with the German Lutheran Church, especially with the Prussian Lutherans. Among these is a fair number of excellent people who, even if they are in error on many points, nevertheless mean it honestly and sincerely. As it seems to me, these, by their activity, fidelity, perseverance, and by the gifts of many of their members, have a future among us in Germany, and if once the Lutheran state churches, which may easily happen, collapse together, it cannot fail that many earnest people will gather around this their banner.
How gladly would I once be with you and become acquainted with the life in your congregations. Not seldom the desire awakens in me to follow after you. I often fear for my soul under the churchly conditions here, and am often long in great temptations and doubts. What fetters me to my fatherland, you know. Were it God's plainly shown will to me, I would nevertheless, like Abraham, go out in faith from my fatherland. Perhaps I am not worthy of it. Even so, however, I am at least united with you through the One Faith in the One Church of the LORD, pray and strive with you, until we one day, if God will, come together in the gates of Jerusalem. — —
(Regular contribution of Mr. P. H....)
Affairs of the World.
On the second of March, shortly after 12 o'clock, Emperor Nicholas of Russia died. He was in the 59th year of his life and the 30th of his reign. His son Alexander, the second of this name on the Russian throne, assumed the government on the said day and on the third of March received the homage of the state officials and the great men of the realm, in particular also of his brother Constantine, who was present (the two other brothers, Michael and Nicholas, are with the army in the Crimea). Alexander II has declared that he will continue the work of his father in every way.
Less than the most important of his predecessors, Peter the Great and Catherine II, has the deceased Nicholas found, with his government, favor among the other European peoples. Those sought to instill French culture into the Russian people, and cut off from those who would not let themselves be thus cultivated the long Russian beards, the ears and noses, often also the heads: Peter the Great often with his own high hand. Nicholas sought to bring up his people so that its character and peculiarity should be preserved, the sound part of the Russian character developed, and what was useless and repulsive in it done away. In every respect standing high above his Russians, towering over them all even with his uncommonly handsome, stately figure, so that they had to look up to him outwardly as well, earnest, measured, yes cold to the appearance of insensibility, he yet placed himself toward them as a father, though a strict, often hard father; he called them nothing other than children; he stepped at once, in the first days of his rule, into the midst of them, who, stirred up by his enemies, were about to fall upon him and his house in wild rebellion, punished the ringleaders with his own hand before their eyes and sent the rest home with sharp admonition; he betook himself in times of distress, as for example when the cholera wrought dreadful devastations in St. Petersburg, among the people crowded together in terror and anguish in the street, knelt down with them and prayed. Temperate in all his enjoyments, in this the opposite of his Russians, who are only too much given to drink, industrious and of great firmness of will, he sought to keep constantly in view all parts of his household of state, embracing over 20 million people, and to direct them with his own hand. Unfaithful officials he punished unmercifully, yes cruelly; a favorite he never had, never let himself be ruled by any man. As head of the Greek Catholic Church in Russia he did not favor evangelical endeavors, and in Livonia, especially through his officials, the bishop at their head, let some thousands of Lutherans be enticed into the Greek church, yet more than this we may not reproach him with in this respect, since a multitude of other accusations of the kind have been refuted, and the two million Lutherans and Reformed who live under his rule for the most part only praised the administration of their congregational affairs. If he has expelled English missionaries or English Bible agents from Russia, this has happened because they everywhere spread their English manner of Christian life and with it the political influence of England; the distribution of the Bible among his subjects by the societies in his own country he never forbade, but rather even had New Testaments distributed to his troops under his own eyes. To spare, to bear with, to forgive was not in the character of the deceased, yet enemies as well as friends tell with pleasure of his domestic life, how he ruled with fatherly kindness and faithfulness among his own and took care to preserve the quiet and simplicity of family life even amid the splendor of the imperial court.
Emperor Nicholas desired more than the protection of the Greek Christians in the Turkish lands of Europe and Asia; he desired the overthrow of the Turkish Empire and the restoration of the Christian empire in Constantinople; not without reason he named his second son Constantine. But that he demanded protection for the seven million Greek Christians in Turkey was just as right as it is unjust and shameful of England and France that they are willing to leave those Christians to the magnanimity of the Turkish government, or, as they say, to defend religious liberty in Turkish lands. The Turk treats a Christian as other than a dog only when the bastinado or the cannonade is threatened him, and to speak of a Turkish government at all is wholly wrong: one should say Turkish maltreatment instead. Under the protection of the great powers, which before this war they let the Christians in Turkey enjoy, there was, for example, about the 13th of November 1853, a Turk in Adrianople, who declared Christ to be the true Prophet and Mohammed the false, and in proof of this assertion pointed to the horrible fruits of the Mohammedan religion, was fearfully beaten and, when he said that he was dying for Christ, beheaded.
An English colporteur relates this, and the English consul Blunt in the Turkish province of Thessaly writes to the Turkish government of an excess of maltreatments, injustices, and dreadful atrocities, which were committed by the Turks against the Christian inhabitants and which made him shudder, as often