Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 13, Nummer 1 › Seite 5
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 26. August 1856, Seite 5
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſangbuch 2 · Synoden · Gemeindegeſang
und liegt hie und da noch heute jzaͤmmerlich nieder!
haufen, die sich thatsäͤchlich nicht mehr um das
panier der luth. Kirche sammeln, sondern durch
etwas Anderes, sei es was es sei, zusammenge⸗
halten werden, kann man sie zu der Kirche des
teinen Wortes und Sakraments rechnen? Daß
das luth. Bekenntniß in Büchern steht, die sich
bei den Gliedern solcher Gemeinen etwa noch
finden, daß es, wie man spricht, zu Recht besteht
(was doch, mit kirchlichen Augen angesehen
— und mit denen sollte man doch in kirchlichen
Sachen sehen — keine Bedeutung hat, wenigstens
fuͤr die Gegenwart nicht), das macht's doch nicht
Aber das ist etwas, daß solche Gemeinen, in
welchen thatsächlich das luth. Bekenntniß nieder⸗
liegt, die aber den Ramen „lutherisch“ noch führen,
noch nicht ein anderes Bekenntniß förmlich auf⸗
gerichtet haben oder zu einer Kirche anderen Be⸗
kenntnisses übergegangen sind; denn das läßt
die Hoffnung zu, das luth. Bekenntniß werde
in ihrer Mitte noch wieder aufgerichtet werden.
(Eingesandt vou Th. B.)
Das lutherische Kirchenlied.
(Anszug aus Eduard Emil Kochs Geschichte des Kirchenliedes
und Kirchengesaugs der chrlstlichen, insbesondere der deutsch
evangelischen Kirche. 2. Anflage 1852.)
Mart!n Luther, der große Reformator
der Kirche ist auch der Vater und Stifter des
deutschen eirchenliedes und Kirchengesangs. Wie
er die Herrschaft des Pabstes in Deutschland
brach, so brach er auch die Herrschaft der römi⸗
schen Liturgie und mit ihr die Herrschaft der la⸗
teinischen Kirchensprache. Durch die Lehre von
dem allgemeinen Priesterthum aller Gläubigen
wurde das christliche Volk wieder in seine vollen
Rechte eingesetzt. Das Recht aller Glieder der
christlichen Kirche, Gott zu opfern Gebete und
geistliche, liebliche Lieder, trat nun klar im Be⸗
wußten Aller hervor. In der römischen Kirche
war der geistliche Gesang in der Kirche bloß als ein.
Vorrecht der vom Volke getrennten, der Gottheit
näher stehenden, die Bitten der Gemeinde bei
Gott vermitteluden Priesterclasse angesehen wor-⸗
den, welcher gegenüber die Gemeinde nur eine
stumme Person war. Gebet und Gesang war in
der lateinischen, dem größten Theil der Gemeinde
unverständlichen Sprache gepflegt worden. Die⸗
ses der christlichen Gemeinde genommene Recht
wurde von Luther ihr wiedergegeben. Wie Luthers
Bibelübersetzung die Grundlage der deutschen
Sprache wurde, so wurde sie auch die Grundlage
fuͤr die Kirchensprache und insbesondere für das
deutsche Kirchenlied. Was den entschiedensten
unmittelbarsten Einfluß auf die Bildung des
deutschen Kirchenliedes hatte, war dieß, daß
Luther selbst als Dichter ächt deutscher Kirchen—
lieder voranging. Zunächst trieb Luthern hierzu
das Bedürfniß, für die deutsche Messe (Feier des
heil. Abendmahls) dentsche Gesänge zu haben,
weshalb er für das lateinische Sanetus den Ge—
sang (147 unsres Gesangbuchs): Jesaia dem
Propheten das geschah., und für das lateinische
Credo den deutschen Gesang: Wir gläuben all
an einen ꝛc. bearbeitete, ausdrücklich um sie bei
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seiner deutschen Messe benutzen zu koͤnnen. Er
bearbeitete ferner einige biblische Psalmen und
suchte sie für den gottesdienstlichen Gebrauch ein⸗
zurichten. Neben dieser uralten Quelle fuͤr das
geistliche Lied benutzte er auch noch die alten la⸗
teinischen Hymnen nebst ihren Verdeutschungen
und die geistlichen Volkslieder. Er wußte den
rein christlichen Werth mancher alten lateini⸗
schen Gesänge aus der katholischen Zeit gar wohl
zu schätzen und gestand gern, daß in ihr durch
Gottes Macht und Wunder bei allen Verderbnis⸗
sen viel Gutes geblieben sei. Daneben lieferte
er auch selbstständige Erzeugnisse deutscher Kir-
chenlieder. Die Zahl der von Luther theils ver—
deutschten, theils verbesserten alten Lieder, theils
der von ihm bearbeiteten Psalmen oder einzelner
Bibelstellen, theils der frei gedichteten Lieder ist
36. Das erste Gesangbüchlein, Enchiridion ge—
nanut, erschien im Jahre 1524, enthielt acht
Lieder, vier von Luther, drei von P. Speratus,
eins von einem Ungenaunten. Die zweite Auf⸗
lage von 1525 enthielt schon 16, die dritte Auf⸗
lage von demselben Jahre 40 Lieder. Das letzte
zu Luthers Lebzeiten herausgegebene Gesangbuch
von 1545 enthielt 89 Lieder und hat den Titel:
Geystliche Lieder. Mit einer newen Vorrhede
Dr. Mart. Luth. Leipzig 1545. Ein zweiter
Theil erschien nach 1545. Eine vermehrte Auf⸗
lage des ganzen Gesangbuchs erschien 1566 mit
400 Liedern. Dann um Luthern her sammelten
sich gar viele Prediger des lautern Evangeliums
und dichteten, durch seinen Vorgang angeregt,
einzelne geistliche Lieder, um die Sache des Evan⸗
gelii zu fordern und die neu erkannten Heilswahr⸗
heiten freudig vor der Welt zu bekennen.
Mit lautem Jubel nahm das Volk diese herr⸗
lichen Lieder Luthers auf, die anfangs nur auf
einzelnen Zetteln mit Noten gedruckt erschienen.
Mit reißender Schnelligkeit verbreiteten sie sich
durch ganz Deutschland, das Werk der Reforma⸗
tion wesentlich fördernd. Heshusius schreibt 1565:
„Mir zweifelt nicht, daß durch das einig Liedlein
Lutheri: Nun freut euch, lieben Christen g'mein ꝛc.
werden viel hundert Christen zum Glauben bracht
worden sein, die sonst den Namen Lutheri vorher
nicht hören mochten, aber die edelu thenern Worte
Lutheri haben ihnen das Herz abgewonnen, daß
sie der Wahrheit beifallen mußten, so daß mei—
nes Erachtens die geistlichen Lieder nicht wenig
zur Ausbreitung des Evangelii geholfen haben.“
Ein Jesnit, Konzenius klagt: die Lieder Lutheri
haben mehr Seelen getodtet, als seine Schriften
und Declamationen; und ein spanischer Mönch
sagt: Es ist äußerst zu verwundern, wie sehr
diejenigen Lieder das Lutherthum fortgepflanzt
haben, die in deutscher Sprache haufenweise aus
Luthers Werkstatt geflogen sind und in Häusern
und Werkstätten, auf Märkten, Gassen und Fel⸗
dern gesungen werden. In den Jahren 1524 und
25, da Luther seine meisten Lieder dichtete, wa—
ren allein in der Stadt Erfurt vier verschiedne
Druckern mit Herausgabe von Luthers Liedern
beschäftigt.
Sollten aber diese Lieder Luthers und seiner
Freunde und Gehülfen am Reformationswerk
recht in das Leben des deutschen Volkes und in
das Gemeindeleben der evangelischen Kirche ein⸗
dringen, so mußten sie auch gesungen werden
können. So nur konnten sie im Munde des Volks
leben. Das erkannte Luther gar wohl und sprach
es auch klar in dem Wort aus: Die Noten ma⸗
schen erst den Tert lebendig. Es war nemlich
Luthers angelegentlichstes Bestreben, den Kirchen⸗
gesang auch musikalisch zu verbessern und volks⸗
mäßig einzurichten. Er, der früͤhere Chorschü—
ler, der selbst die Querflöte und Lante meisterhaft
spielte, verstand die edle Musika trefflich und
schätzte sie so hoch, daß er sich einmal äußerte:
Ich gebe nach der Theologia der Musica den naͤh⸗
sten Platz und höchste Ehre. Von dem genann-
ten Streben erfüllt, verband er sich daher mit
den besten Musikkennern unter seinen Freunden,
besonders mit Conrad Rupf, Kapellmeister des
Churfürsten von Sachsen und mit Johann Wal⸗
ther, der ums Jahr 1520 Kapellmeister oder
Cantor am Hof Friedrichs des Weisen zu Tor-
gan und seit 1530 Magister der sieben freien
Künste und Docent an der Universität Witten⸗
berg, daneben auch churfürstlicher Kapellmeister
war und selbst auch ein schönes Lied gedichtet
hat: Herzlich thut mich erfreuen. Diese ver⸗
sammelte er im Jahre 1524 zu Wittenberg in
seinem Hanse und behielt sie, indem er sie nur
»die Cantorey im Hause“ naunte, als seine Tisch⸗
freunde so lange bei sich bis das Werk der Ver⸗
besserung des Kirchengesanges, besonders die Ein-
richtung der deutschen Messe vollendet war. Lu⸗
ther selbst fertigre neue Weisen, wobei ihm, nach⸗
dem er auf der Querpfeife die Melodie gesucht
hatte, Walther im Niederschreiben der Noten
manchen guten Rath gegeben haben soll. Meist
suchte er zu den Kirchenliedern füͤr den neuen
evangelischen Gottesdienst die passendsten Melo⸗
dien aus dem alten Vorrath aus oder verbesserte
dieselben nach Umständen, unter Besprechung
mit seinen Freunden. Denn, sagte er, ihr Her—
ren versteht eure Musicam und Noten löblich;
was aber der geistliche Sinn und das Wort Got-
tes darin itt, so glaube ich auch ein Wörtchen mit
reden zu duͤrfen. Durch diesen Vorgang regte er
die berühmtesten Tonkünstler seiner Zeit an und
so kamen gar viele Gesänge mit passenden Choral⸗
melodien zur Einführung in die Kirche. Diese
neuen sowohl, als diese alten überarbeiteten Me⸗
lodien wurden durch wandernde Sänger, die von
Stadt zu Stadt zogen und dieselben der Familie
eines Hauses vorsangen, bis sie dieselben richtig
nachsiugen konute, in ganz Deutschland verbreitet
und besonders auch in den Schulen mit den
Schülern eingeübt, welche dann als Currentschüler
wöchentlich mehrere Male durch die Straßen zo⸗
gen, um sie dem lernbegierigen Volke vorzusingen.
Nicht umsonst klagte daher die Gegenpartei: das
Volk singt sich in Luthers Lehre hinein.
In diesem ersten Zeitraum des evangelischen
Kirchengesanges ist der schöpferische Geist in Er⸗
findung neuer Originalmelodien noch nicht sehr
rege, man begnüͤgte sich mit Sammeln, Sichten
und Umbilden der alten Gesänge. Neben den
Weisen der alten lateinischen Hymnen suchte man
besonders nach volksmäßigen, wo möglich aus dem
Geist und Sinn des deutschen Volkes selbst ent⸗
sprungenen Gesangweisen. Namentlich scheute
man sich nicht, zu vielen geistlichen Liedern auch
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