Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 13, Nummer 8 › Seite 58
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Dezember 1856, Seite 58
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Lehre halten, in diesem Punkte uneinig werden
könnten. Die Sache ist aber folgende. Nach-⸗
dem man in neuerer Zeit vielfach zu der Erkennniß
gekommen war, daß die christliche Religion nicht
bestehen könne, wenn man blos auf das Allge⸗
mein⸗Christliche halten wolle, und nachdem da—
her allenthalben eine Sehnsucht erwacht ist, aus
dem ungewissen und schwankenden Wesen heraus
wieder zu etwas Festem und Gewissen zu kommen,
so hat man auch angefangen es immer mehr an-
zuerkennen, daß das strenge Lutherthum
doch wohl endlich der einzige feste zuverlässige
Grund und Boden sei, auf dem man wieder bau⸗
en musse. Es ist so jetzt fͤrmlich, so zu sagen, ein
lutherischer Wind entstanden, mit welchem nun
fast alles, was auf strenge Gläubigkeit Auspruch
macht, segeln will. Nicht wenige haben aber das
mißverstanden. Nicht wenige meinen nehmlich
nun, streng lutherisch oder streng kirchlich sein heiße
so viel als streng und unerbittlich auf alles Aeußere
halten, was je in der rechtgläubigen lutherischen
Kirche Brauch gewesen ist. Ferner während man
in voriger Zeit der neuen Erweckungen alles auf
das Gefühl und auf die innere Erfahrung baute
und die von des Menschen Kraft, Würdigkeit
und Wollen unabhängige Kraft der Gnadenmit-
tel, Werke und Stiftungen Gottes nicht glaubte
und beachtete, nähert man sich nun wieder der
Lehre des Papstthums, daß die Gnadenmittel
ex opere operato wirken, das heißt, daß der blo⸗
be Gebrauch derselben schon Gnade wirke, zu ei⸗
nem Glied am Leibe Christi und selig mache.
Während man vorher nichts nach einer Kirche,
die die Wahrheit habe und zu der man sich hal⸗
ten müsse, fragte, sondern ein jeder die Conven-
tikel, die er besuchte, für die wahre Kirche ansah,
so meint man jetzt, nur derjenige sei recht von
diesem nur auf die einzelnen Personen sehenden
Wesen geheilt, welcher glaube und bekenne, nicht
nur daß man sich zur sichtbaren rechtgläubigen
Kirche zu halten schuldig sei, sondern daß diese
auch die Kirche sei, außer welcher kein Heil und
keine Seligkeit ist. Kurz, man meint, von dem
bisherigen Wesen könne man sich nicht weit ge⸗
nug eutfernen und je näher man wieder der Lehre
und dem Wesen der römischen Kirche komme, je
strenger lutherisch, je kirchlicher sei man; man
meint, nachdem man nach der linken Seite hin
abgewichen sei, so gebe es nun nach der rechten
Seite hin keinen Abweg. So ist es denn gekommen,
daß niemand von dem wahren Lutherthum weiter
abgewichen ist, als die am strengsten lutherisch
und kirchlich sein wollen. Man hat nicht bedacht,
daß auch der Weg der wahrhaft reinen Lehre ein
überaus schmaler Weg ist, auf welchem nur der
bleibt, der mit gleich heiligem Ernst darauf be⸗
dacht ist, weder zur Rechten, noch zur Linken
auszugleiten. Man hat gemeint, der Ruhm,
streug orthodor zu sein, sei leicht zu kaufen; dazu
gehöre kein erustes Studiren, Forschen, Nachden⸗
ken, Beten, Kämpfen und Ueberwindung vieler
Anfechtungen; jeder fleischliche unbekehrte Mensch
dürfe sich nur gegen alle angeblichen Ketzer und
alles, was den Schein kirchlicher Larheit hat,
recht bärbeißig stellen und auf alles, was den
Schein der Kirchlichkeit hat, dringen und pochen,
so sei die Sache gethan, der Lorbeer der Ortho⸗
ναν. *
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doxie sei errungen, der Großinquisitor fertig und
alles müsse nun die Citation desselben vor sein
strenges Gericht fürchten. So ist es denn dahin
gekommen, daß kein Lehrer unserer Kirche den
sogenannten, streng-kirchlichen Lutheranern unan⸗
genehmer ist und mehr im Wege steht, als —
Luther, und daß von denselben keine Schrif⸗
ten weniger geachtet und studirt werden, als —
Luthers, denn sie wissen recht gut, daß es
keinen größeren Feind eines solchen Lutherthums
gibt, als — Luthern.
gibt einen vortrefflichen Rath, wie man leicht
gewiß werden könne, ob eine Lehre recht oder
falsch sei: man musse nehmlich vor allem darauf
sehen, ob die Lehre mit dem Artikel von der
Rechtfertigung vor Gott allein durch den
Glauben an Christum ans Gnaden stimme oder
nicht. Er schreibt hiervon unter Anderem Fol⸗
geudes: „Man siehet in allen Historien, daß alle
Ketzerei und Irrthum entstanden sind, wo dieser
Artikel gefallen ist, da die Leute sicher worden,
als könnten sie ihn sehr wohl; und also von die⸗
sem auf andere Dinge gefallen . .. In diesem
hanget und stehet es alles und zeucht die andern
alle mit sich, und ist alles um diesen zu thun,
daß, wer in den andern irret, hat gewißlich auch
diesen nicht recht; und ob er gleich die andern
hält, und diesen nicht hat, ist es doch alles ver⸗
geblich. Wiederum hat auch dieser Artikel die
Gnade, wo man mit Fleiß und Ernst dabei blei⸗
bet, daß er nicht läßt in Ketzerei fallen, noch wi⸗
der Christum und seine Christenheit laufen. Denn
er bringet gewißlich den h. Geist mit sich, welcher
dadurch das Herz erleuchtet und hält in rechtem
gewissem Verstand, daß er kannreinen und
dürren Unterschied geben und rich-
ten von allen andern Artikeln des
Glaubeus, und dieselben gewaltiglich erhal⸗
ten und vertheidigen. Wie man auch wohl sie het
an den altern Vätern ꝛtc. Und was mangelt noch,
nicht allein den Papisten, sondern unsern Rotten-
geistern allen, so wider die Taufe und andere
Artikel schwärmen, denn daß sie schon von die sem
gefallen, sich nicht damit bekümmert und dafür
stand (die rechte Erkenntniß) verloren haben, daß
sie hiervon nichts rechts lehren und keinen Artikel
gewiß erhalten können — wie man in ihren Bü⸗
chern wohl sehen kann —; darnach weiter von
einem Irrthum in den andern fallen, bis sie zu⸗
letzt sich und andere Leute ins Verderben führen?
Denn wo dies Erkenntniß Christi hinweg ist, da
hat die Sonne ihren Schein verloren und ist ei⸗
tel Finsterniß, daß man nichts mehr verstehet,
und kann sich keines Irrthums, noch falscher Leh⸗
re des Teufels erwehren ... Wiederum wo diese
Sonne scheinet und leuchtet im Herzen, da ist ein
rechter gewisser Verstand von allen Sachen, daß
man kann fest stehen und halten ob allen Artikeln.
. . Und wo jemand kommt, der solcher Artikel ei⸗
nen oder mehr ansicht, so kann sich ein Christ
wehren und die selben zurückschlagen; denn er hat
den rechten Meister, den hl. Geist, welcher allein
diesen Artikel vom Himmel offenbaret, und allen
denen gegeben wird, so dies Wort oder Predigt
von Christo hören und annehmen. Darum wird
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.
Doch wir eilen zu unserem Gegenstand. Luther,
andere Dinge aufgeworfen und damit den Ver⸗
sich ein solcher nicht lassen verführen in Ketzerei x
und Irrthum; und ob er schon etwa fehlet oder
strauchelt, doch, so er nur hiervon nicht fället‚
kommt er bald wieder auf die Bahn. Denn dies
Licht die Wolken ind Finsterniß verzehret u. ver⸗
treibet, und ihn wieder weiset und aufrichtet.“ (S.
Luthers Commentar zu den 14.—16. Cap. des
Ev. Johannis, über 16, 3.)
Wohlan, prüfen wir daher einmal die jetzt
wieder auftauchende Lehre von der Kirche nach
dieser Hauptlehre des christlichen Glaubens;
wenn man nehmlich jetzt Folgendes lehrt: die sicht ·
bare rechtgläubige Kirche sei die Eine heilige
christliche catholische oder allgemeiue Kirche, von
bolums sagt: „Ich gläube Eine heilige christliche
Kirche, die Gemeine der Heiligen; !“ sie sei die
Kirche welche Luther in der Auslegung des kleinen
Katechismus „die ganze Christenheit auf Erden“
und welche die Augsburgische Confession „die Ver⸗
sammlung aller Gläubigen“ nennt; sie sei die
Kirche, die in der Schrift der Leib Christi u. Seine
Braut“ heißt; u. von der endlich der alte Spruch
gilt: „Extra ceclesiam nulla salus-Qui ceclesi-
am non habet matrem, Deum non habet pa-
trem“, das heißt zu deutsch: „Außer der Kirche
kein Heil — Wer die Kirche nicht zur Mutter
hat, hat auch Gott nicht zum Vater.“ Es ist
kein Zweifel, diese Lehre stößt jene
Grundlehre von der Rechtfertigung
allein durch den Glauben, mit wel⸗
cher die Kirche steht und fällt, umz
denn sie setzt neben die einige Be⸗
dingung der Seligkeit, neben den
Glauben, noch eine andere Bedin ⸗
gung, nehmlich: daß man auch in
der sichtbaren rechtgläubigen Kir⸗
che sein müsse, wenn man selig
werden wolle, und macht somit die
Kirche zu einem Nebenheiland.
Hier wird vielleicht mancher sagen: gibst du
nicht seldst zu/ daß der Sag wahr sei: „Außer
der Kirche ist kein Heil und keine Seligkeit?“
Machst du es nun zum Seligwerden nöthig, zur
unsichtbaren Kirche zu gehören, würdest du
daher nicht selbst damit die Lehre von der Recht⸗
fertigung umstoßen, wenn dieselbe durch unsere
Lehre umgestoßen würde, daß die sichtbare
Kirche die Kirche sei, außer welcher kein Heil und
keine Seligkeit ist? Kann die Lehre, daß man
alein durch den Glauben gerecht und selig
werde, mit der Lehre bestehen, daß man außer
der unsichtbaren Kirche nicht selig werden
könne, warum sollte die Lehre, daß allein der
Glaube selig mache, nicht auch mit der Lehre
bestehen, daß man aber nichts desto weniger au⸗
ßer der sichtbaren Kirche nicht selig wer⸗
den könne? — Wir antworten:
Wohl scheinen beide Lehren in gleicher Weise
wider die Lehre von der Rechtfertigung allein
durch den Glauben zu streiten, aber es ist eben
nur Schein. Man merke nur Folgendes.
So gewiß allein der Glaube selig macht,
so kann man doch, ohne im mindesten gegen diese
Lehre anzustoßen, allerdings noch von vielen au⸗
deren Dingeu sagen, daß sie zur Seligkeit nöthig
seien, wenn nehmlich ohne solche Dinge der Glau⸗
welcher der dritte Artikel des apostolischen Syn⸗
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