Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 14, Nummer 25 › Seite 194

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 27. Juli 1858, Seite 194

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digt für unsern seligen Bruder vor einer sehr
großen Versammlung statt, und zwar über Je⸗
saias 57, 1. 2, welche Herr Prof. Crämer
hielt.
Sein Thema war:
Der gnädige und uns überaus
tröstliche Rath
da er oft mit Keinen Heiligen
aus diesem Leben eilt, und sie
etwa auch durch einen jähen
Tod und Unfall von der Erde
hinwegrafft.
Da denn die drei Stücke näher gehandelt
wurden:
1. daß der HErr, der barmher⸗
zige Gott, sie eben hiuraffe
vor dem Unglück;
2. daß sie so aus allem Streit
dieser Zeit zum selͤgen und
ewigen Frieden kommen; und
endlich:
3. daß sie von allem Mühsal!
dieser armen Erde ruhen in
ihren Kammern und der seligen
Auferstehung süß entgegen
schlummern,
mit fortlaufender Anwendung auf den uns so
schmerzlich Entrissenen, so zwar, daß im I. Theil
nicht nur darauf hingewiesen wurde, daß der
früh Entschlafene, dessen Gesundheit durch Ueber-⸗
anstrengung in eifriger Ausrichtung seines Amtes
gänzlich uutergraben war, trotz der anscheinenden
Besserung in juͤngster Zeit, leicht einem langwie⸗
rigen und schmerzlichen Krankenlager und einer
damit verbundenen, ihm so qualvollen, gänzli⸗
chen Unthätigkeit entgegen gehen mochte, sondern
zumal auch, daß der lutherischen Kirche unserer
Tage und absonderlich auch unseres von Gott so
unverdient gesegneten Synodalverbandes, weil
sie die Zeit der gnädigen Heimsuchung, da der
HErr nach dem gräulichen Abfall dennoch wie⸗
der aus unbegreiflicher Huld und Gnade seinen
Leuchter auf den Altar gestellt hat, so wenig
erkenne, wohl exnste. Strafgerichte beversteben
durften, wesxz.-i micit-Tedulschaffene Buße
thun, uns treu um das Bekeuntniß unserer Väter
scharen, die dex⸗ di. Sel. eOechenlten-Gaben-werth.
HAden und des ind des Cvangeln Früchte reichlich tragen.
—Wori-besteht-nun aber die väterliche Zucht

9

wiederum der HErr durch den jähen Todesfall

des theuren Bruders Kalb mgenommen. Zwar
war er leiblich nicht so kräftig und gesund, wie
jeue beiden Brüder, vielmehr war durch serophu⸗

löse Beschatkenheit⸗ Durch nervöse Reizbarkeit und

sonderlich durch sri

ronisches Halsleiden seine

schluß Gottes, irdische Hütte schon ziemlich wurmstichig und

baufällig; aber, wie manchmal der HErr/ um
des edlen Schatzes willen, den er in solche zer⸗
brechliche Gefäge.gelegt.⸗Die 2t. Diese Llbe wider Er⸗
warten Jahrzehute Lang erhält, und am liebsten
durch leiblich schwächliche und geistlich angefoch⸗
tene Werkzeuge seine Werke treibt, damit er sel⸗
ber um so mehr Ehre einlege, so durfte man
auch hier der Hoffnung Raum geben, Hött werde,

nach seiner Gewohnheit, auch mit unserm l.

Bruder Kalb fahren, und habe ihm, für einen
voraussichtlich längeren segensreicken Dienst an
unserer theuren Kirche so manche edle natürliche
und Gnadengaben verliehen. Denn wir preisen
ja nur Gottes Gnade und Gabe, wenn wir dar⸗
an gedenken, mit welcher Tiefe und Ernst des

Gemüthes, Schärfe und Klarheit des Verstandes,

Energie des Willens und Charakters, mit wel⸗
cher Strebsamkeit im Studium, sonderlich der
Schriften Luthers, die er nicht nur mit Takt
und Urtheil wörtlich auszog, sondern sich auch
organisch aneignete, und in Fleisch und Blut
verwandelte, er sonderlich begabt war. Und
noch hexrlicher offenbarte sich Gottes Gnade in
ihm, daß diese trefflichen naturlichen Gare
Glaubens und der Liebe beseelt und durhdrun.
gen, und mit den geistlichen Gaben der Lehrhaf⸗
tigkeit, der seelsorgerischen Weisheit und des Re⸗
gierens verbunden waren, und im stetigen trenen

Dienste der rechtgläubigen. und bekenntuißtreuen.

d. i. lutherischen Kirche verwendet wurden; denn
diese war seine Liebe, seine Freude, und seine

denn durch denselben Glauben innerlich und

Krone 3 für sie lebte, litt und stritt er, und Zwal
letzteres nicht in dem Sinne so vielex vietistisch.
confesssonistischen, kirchenerdnungsreiterischen,
alttestamentlich -geseklichen, stgatskirchlichen,

hierxarchisch romauisirenden.Formlutherauer,

Lindigkeit und strafendem Eifer, von tragender
Geduld und durchgreifendem Ernste im Regieren
seiner Gemeinde an den Tag legte; daher
der herrschende Grundton seines frischen, frei«
en, fröhlichen Wesens im brüderlichen Kreise ů
und geselligen Verhalten; und wiewohl hier
zuweilen durch Uebereilung und Unart des Flei⸗
sches es geschah, daß voreilige Reden und vor⸗
schuelle Urtheile, uud kecke absprechende Aeube“
rungen lant wurden, welche den Schein des An⸗
maßenden und Hoffärtigen hatten, so war dies
eben wirklich nur ein Schein; denn theils kam
dergleichen nicht aus persönlicher Gereiztheit/z
sondern mehr ans sachlicher Entrüstung wider!
unlautere oder matt und halbherzige Gesinnung
in Menschen und Büchern, theils wohnte wirklich
in ihm, trotz zuweiligem Schein des Gegentheils,
eine aufrichtige lantere Herzens- Demuth, und bei
all seinem offenen, freimüthigen Wesen war er
doch ferne von hoffaͤrtiger Selbstüberhebung.
Aus demselben Glauben kam denn auch fer⸗
ner bei aller Lebhaftigkeit seines natürlichen.
Temperaments, seine christliche Geduld bei sei⸗
nem mannigfachen leiblichen Leiden, darin der
Herr das Gold des Glaubens immer mehr von
den Schlacken schied; und daher stim miernicht
minder die brüderliche Liebe, auch zu uns Leh⸗7
rern am Seminar, bei denen furwahr Ps. 133,1.
erfuͤllet war: Siehe wie fein und lieblich ist es,
daß Bruder einträchtig bei einander wohnen;

5durch dasselbe Bekenntniß äußerlich und durch;
die aus beiden herfließenden lutherischen Grund⸗
Anschauungen fur Lehre und Zucht unserer
Zöglinge innerlich und äußerlich verbunden
und wesentlich Eins, kam es auch in Haupt⸗
sachen allewege zu gegenseitiger Verständigung
und lieblicher Einswerdung, wo zuerst abwei⸗
chende Ausichten hervortraten; daher denn
auch seine unbeabsichtigt heilsame Einwirkung
auf unsere Zöglinge, die trotz seines kurzen Auf—
euthalts auf dem Seminar doch bereits eine eben
so ungeheuchelte Hochachtung, als herzliche
Liebe gegen ihn empfanden; daher endlich das

deren heut zu Tage auf Predigt-und Lehrstühlen,
sowie in Schriften eine gute Zahl zu verspüren
ist, drüͤben und hüben, sondern als ein wahrer

gesunde ehrliche Verhältniß, darin er mit seinem
trauten Gemahl, einer rechtschaffenen Magd
Christi, lebte. Summe, dieser wahre lebendige

Sohn Luthers, d. i. als ein treuer Zeuge und
Vertheidiger Der Teinen. angelischen Lehre O

uhseres Gottes, darein er uns durch die so⸗plötz⸗
liche und unerwartete Heimfahrt unseres l. Bru⸗
ders von Neuem genommen hat? Meines-Er
achtens darein,

1. daß wir unsere Hoffnung auf die Zukunft
unserer Kirche hier zu Lande nicht auf die vor⸗
handenen Gnadengaben, d. i. die vorzugsweife
begabten jüngeren Brüder richten. Dieses hat“
uns der Herr vor einigen Fah ren durch den
gleichfalls bLichnellen Hintritt der beiden Brü⸗
der Volk und Eisfeldt gelehrt, die von dem Se⸗
mincin St. Louis aus 18 Amt trete tretend, durch
ihre Trono--Tinhhrigei und ausgezeichneten Ga⸗
ben-I-Sen . schönsten-Hoffnungen. herechtigten,
daß si ste enach dem Peimgange der älteren Bruͤder,
auch auf dem Gebiete theologischen Wissens, des
Herrn Kriege führen würden.

In eine ähnliche Schule hat uns nun jetzt

derlich vom rechtfertigenden Glauben, und gls
ein entschiedener Feind und Bestreiter aller, die se
Lehre trübenden und fälschenden, feineren und
gröberen Werklehre und Gesetzestreiberei, hin
und her auch unter der Maske ausbündigen Lu⸗
therthums, dabei aber voll herzlichen Erbarmens
gegen die, von solcher Lehre verführten Seelen.

Dieser Glaube war denn auch das Herzblut,
das sein ganzes praktisches Christeuthum durch⸗
stroͤmte; daher sein selbstverläugnender
Diensteifer, der ihn bei zunehmender Besse—
rung seines Halses nicht ruhen und rasten
ließse in manchrlei Lehregegenständen, sonder-
lich in der Musik, dem Seminar zu dienen;
daher seine Treue und Tüchtigkeit in seiner
zehnjährigen Amtsfuͤhrung, darin er eine seinen
Jahren vorauseilende seltene Vereinigung von
Festigkeit und Biegsamkeit, von evangelischer

Glaube an den Herrn Christum und das daraus.
fließeude evangelische Wesen trug und durchdrang
sein ganzes Erkennen, Handeln und Wandeln.,

Die väterliche Zucht unseres Gottes, darein er
uns durch das schnelle Hinrücken unseres lieben
Bruders aus Zeit, Leid und Streit in die selige
fried⸗ und freudvolle Ewigkeit genommen hat, ö
besteht ferner darin,

2. daß insonderheit wir Pastoren und Lehrer
eingedenk des gewissen Todes und der ungewissen
Stunde desselben, durch diesen jähen Todesfall
um so mehr augetrieben werden der Worte unsers ö
allerliebsten Erlösers auch um so mehr eingedenk
zu bleiben, da er spricht: Joh. , 4. „Ich muß
wirken die Werke des, der mich ge⸗
sandt hat, so lange es Tag istz es
kommt die Nacht, da Niemand wir⸗
ken kann. ö

Sollten wir da nicht billig, und zwar nicht
blos die älteren, sondern auch die jungeren

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