Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 17, Nummer 21 › Seite 162
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Mai 1861, Seite 162
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſetz und Evangelium
verhielt es sich so, daß das Volk, dem Gott sein
Gesetz gab, sich selbst den Moses als solchen Mitt⸗
ler erbat. Zwar meinten diese Leute zuerst, sie
wollten gerne alles hören und thun was der Herr
ihnen sagen würde; allein da sie die Stimme
Gottes vom Berge höreten und die schrecklichen
Zeichen sahen, erschraken sie so, daß sie flohen
und Mose baten, er möge doch ihr Mittler sein,
dawit der Herr mit ihm und nicht mehr mit ihnen
reden möchte und sie solche schreckliche Stimme
nicht mehr hören dürften, sie wollten gerne alles
thun, was er ihnen sagen würde. Solches ließ
sich der liebe Gott auch gefallen, hieß Moses auf
den Berg steigen und übergab ihm da das Gesetz
anf steinerne Tafeln eingegraben.
Bei der Offenbarung des Gesetzes be⸗
diente sich also Gott eines Menschen aus der
Mitte derer, denen er das Gesetz gab; denn zur
Gebung des Gesetzes bedurfte es ja weiter nichts,
als daß es geredet, geschrieben und vorgelegt
werde, weil es der Wille Gottes an die Men-
schen ist, darin er seine Forderung an uns kund
thut, und den er schon bei der Schöpfung den
Menschen ins Herz geschrieben hatte, aber deß⸗
halb jetzt wiederholt und in Schrift vor Augen
gestellt ward, weil dasselbe durch die Sünde im
Herzen ganz verdunkelt, verwischt und unleserlich
geworden war. Darum heißts: Es ward gege⸗
ben,“ damit wirs wissen und darnach wandeln.
Als aber Gott das Evangelium wollte anrich-
ten und eröffnen, da sandte er seinen eingebornen
Sohn aus seinem Schooße vom Himmel hernie⸗
der in unser Fleisch, damit der es uns verkuͤn-
digte; denn dies ist ein Wort, das vom Aufang der
Welt verborgen gewesen, welches keiner von den
Weisen dieser Welt erkannt hat, noch erkennen
konnte. Und hier bedurfte es nicht blos der Ver⸗
kündigung solches Evangelii oder der Gnade; son⸗
dern die Gnade, die uns das Evangelium bringen
und durch dasselbe verkündigt werden sollte, mußte
erst verdient und erworben werden. Und dazu
bedurfte es eines solchen Mittlers, welcher Gott
— der Gnade ertheilen wollte — und auch zu⸗
gleich uns — denen Gnade ertheilt werden sollte
— gleich wäre. Dazu aber war kein Mensch,
kein Engel würdig und tüchtig, sondern diesen
Mittler mußte Gott selbst vom Himmel senden.
Das konnte keiner als der ewige Sohn Gottes
selber.
Und deßhalb gebraucht auch der Evangelist
hier nicht das Wort „gegeben,“ sondern „ge⸗
worden, weil Christus nicht blos Prediger,
sondern Quelle und Ursache aller der Gnade ist,
die uns im Evangelio verkündigt wird; weil Er
dieselbe fur uns erst erworben hat und sie nun
im Evangelio mittheilet. Und deßhalb nennt
der Evangelist hier auch die beiden Namen, in
welchen unser Heil liegt: „Jesus Christus,“ an ⸗
zuzeigen, daß er ein solcher Mittler ist, der selbst
unser Heiland und Seligmacher ist, und also
diese seligmachende Gnade erworben hat, daß
er sich selbst als unser Hoherpriester fuͤr uns ge⸗
opfert. Dieser unser Mittler tritt uns nun auch
nicht entgegen wie Moses, dessen Angesicht das
Volk nicht konnte an sehen; sondern tritt uns
zur Seite als ein Sanftmüthiger, Gerechter und
Helfer.
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*
Das Gesetz ward in Buchstaben dem Volke Ihr sollt heilig wanndeln, sondern heilig sein,
vorgestellt, was immer ein Buchstabe bleibt und
in den Tafeln eingegraben steht, aber ins Herz
nicht kommt; das Evangelium aber ist in Pre-
digt mit lebendiger Stimme geoffenbaret. Und
wie das Gesetz unter Zeichen des Zorns Gottes
gegeben ward, damit die Furcht Gottes in das
Volk käme, so sind bei der Offenbarung des
Evangelii nur Zeichen der Liebe und Gnade,
dadurch die Furcht ausgetrieben und Liebe er⸗
weckt wird.
II.
Ist nun schon hierin ein großer Unterschied zu
sehen, so tritt derselbe noch deutlicher hervor,
wenn wir auf den Inhalt schauen. Was
durch Mosen gegeben ist, nennt der Evangelist
kurzweg Gesetz; was uns aber durch Jesum
Christum geworden ist, nennt er „Gnade und
Wahrheit.“ Und schon der Name sagts uns,
was der Inhalt des Gesetzes ist, nämlich Gebote
und Befehle Gottes, oder wie Paulus im Gala⸗
terbriefe sagt: Satzungen, die uns zum Gehor-⸗
sam verbinden und von uns etwas zu thun und
zu leisten fordern. „Das Gesetz, sagt unsere
Concordienformel, ist eigentlich eine göttliche
Lehre, welche lehret, was recht und Gott gefällig
und strafet alles, was Sünde und Gottes Wil⸗
len zuwider ist.“ — „Eine göttliche Lehre, darin⸗
nen der gerechte unwanderbare Wille Gottes ge⸗
offenbaret, wie der Mensch in seiner Natur, Ge⸗
danken, Worten und Werken geschaffen sein soll⸗
te, daß er Gott gefällig und angenehm sei, und
dräuet den Uebertretern Gottes Zorn, zeitliche
und ewige Strafen.“
Es kann also diesem Gesetze nicht anders
genug gethan, noch dasselbe befriedigt werden,
als mit Thun dessen, was es gebietet und for⸗
dert, nicht damit, daß man glaubt, es sei wahr.
Und zwar wird es nicht damit erfullet und be⸗
friedigt, daß man es nur etlichermaßen, so gut
man kann und weiß, thut; sondern es fordert
eine ganz vollkommene makellose Erfullung und
verflucht alle, die auch nur das Geringste fehlen
lassen, nur mit dem leisesten Gedanken dagegen
verstoßen, ebensowohl als die gar nichts halten;
denn es schließt mit den Worten: „Verflucht sei,
wer nicht bleibet in alle dem, das geschrie⸗
ben steht im Buch des Gesetzes, daß er darnach
thue.“ Und Jakobus sagt: „So jemand das
ganze Gesetz hält, und sündigt an Einem, der
ists ganz schuldig.“ Also wenn du alles und alles
gethan hättest und nichts unterlassen, was
Gott in seinem Gesetze fordert, du hättest aber
z. E. einmal an Gottes Hülfe und Guade ge⸗
zweifelt, wärest einmal im Kreuze zaghaft, oder
über deinen Beleidiger böse geworden u. s. w.—
so bist du vor Gott ebensowohl ein Uebertreter
des Gesetzes, eben so verflucht nach dem Ge—
setz, als derjenige, der sich in der Süͤnde wälzet.
Ja nicht allein dies (vollkommnes Thun und
Halten) fordert das Gesetz, nicht bloße Werke
heischt es, sondern es fordert die Natur und Per-
son selber, nämlich eine solche Natur und Person,
die dem Gesetz ganz gleichförmig, heilig, rein und
ohne Sünde sei. Denn die Summa des Gesetzes
lautet: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig,
der Herr euer Gott.“ Merke wohl, er sagt nicht:
das heißt: von solcher Beschaffenheit und Art,
in solchem Zustande sollen wir sein, daß der hei⸗
lige allsehende Gott auch nicht den geringsten
Tadel und Makel an unserer Natur siehet, daß
Er, wenn Er uns ansiehet, nichts finde, was
Seiner Heiligkeit entgegen, was Ihm ungleich ist
und Ihn betrübet; sondern nur was Seinem
Wesen ähnlich, was Ihn erfreuet und Ihn mit
Wohlgefallen erfüllet, daß das Ebenbild, in wel⸗
chem Er uns geschaffen, Ihm hell und ungetrübt
entgegen strahlet. Also den unmöglichen Fall
gesetzt, wenn Kott auch an deinen Werken nichts
Unrechtes und Tadelnswerthes fände, du in allen
Tugenden leuchtetest, wie die Sonne am Mittage,
so verflucht das Gesetz dich doch, weil deine Na⸗
tur nicht ist, wie sie sein soll. Wenn es möglich
wäre, daß du deine Natur so bändigtest, daß du
keine Sünde thätest, doch bist du nach dem
Gesetze verdammt, weil deine Natur sündig ist,
mit der Erbsünde behaftet.
Dies fordert das Gesetz, aber weiter thut das
Gesetz nichts als daß es solches fordert und
denen flucht, die nicht so sind; zeigt uns gar
nicht einmal wo wir das, was uns fehlet, holen
können, wie uns möge geholfen werden ꝛc., son⸗
dern spricht kurz: Bist du nicht so und thust du
nicht so, dann bist du verflucht.
Zwar — und das darf nicht übergangen noch
verschwiegen werden — enthält das Gesetz
auch eine Verheißung. Diese Worte bleiben
wahr: „Welcher Mensch das thut, der wird da⸗
durch leben.“ „Thue das, so wirst du leben.“
Allein, das Gut und Kleinod, welches es uns in
diesen Worten gleichsam von Ferne zeigt und
vorhält, hat es mit einem doppelten Schlosse ver⸗
legt und verwahrt, indem es sagt: Erst mußt du
so sein und auch so thun, ehe du es erlangen
kannst, du bist aber ein Sünder. Damit schlägt
es jedem auf die Finger, der seine Hand nach
diesem Kleinod ausstrecken will.
Ganz anders ist aber der Inhalt des Evan⸗
gelii, wie auch der Name selbst schon andeutet,
denn Evangelium heißt eine fröhliche, freuden⸗
reiche Botschaft, von Gott an uns gesandt, darin
er uns lauter Gnade, Friede und Vergebung der
Sünden ankündigen läßt: weßhalb es der Evan⸗
gelist hier auch kurzweg „Gnade“ heißt, weil es
nichts von uns fordert, sondern alles bringet,
nicht Zorn und Strafe Gottes über die Sünder,
sondern Gnade verkundigt und aubietet; uns
zuruft: Seid getrost, freuet euch! Gott will euch
um seines Sohnes Jesu Christi willen alle Sün⸗
den vergeben; Er hat seinen Zorn fahren lassen,
sein Schwert in die Scheide gesteckt, will euer
Vater sein, hat euch seinen Himmel aufgethan,
und ihr sollt seine Kinder sein und sein Reich
ererben. Nun seid fröhlich und getrost. Sol⸗
ches habt ihr ja auch erst kürzlich am Weih⸗
nachtsfeste gehört, daß der Engel uns zuruft:
Siehe! ich verkündige euch große Freude — —
euch ist heute der Heiland geboren. ö
Und wenn der Evangelist das Wort „Wahr⸗
heit“ neben Gnade setzt, so thut er das, um damit
erstlich zu bezeugen und uns zu erinnern, daß in
diesem Evangelio alle Weissagungen und Vor⸗
bilder von Christo erfüllt sind, und wir darin
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