Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 17, Nummer 21 › Seite 163

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Mai 1861, Seite 163

161 162 163 164 165 166 167 168

Scan: Internet Archive item DerLutheraner17.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſetz 20 · Geſetz und Evangelium

⤓ Download .txt · copy text

nicht ein Bild von der Gnade, sondern dieselbe
selbst wirklich haben. Sodann bezeugt er damit,
daß, so thöricht auch dem natürlichen Menschen
die se scheinen mag, so ist es doch eine wahrhaftige
Gnade, darauf sich jedermann getrost verlassen
soll. Menschliche Vernunft spricht: Ei, wie
sollte ich dazu kommmen, daß Gott auf einmal
allen Zorn wider mich fahren ließe? Wie kann
das möglich sein, daß Gott jetzt mein Vater sein
will und an mir Wohlgefallen habe, da ich doch
nichts gethan habe? So sagt der Evangelist:
Es ist doch die ewige unumstößliche Wahrheit,
glaubs nur, denn siehe, das kommt daher, daß
Gottes Sohn geboren, dir geboren ist. Nun ist
Friede auf Erden und Wohlgefallen bei den
Menschen.

Das Evangelium predigt also nicht von unserm
Werk und Thun, sondern von Christi Werk und
Thun; predigt nicht von Sündenstrafen, sondern
von Sündenvergebung; sagt nicht was wir
Gott thun sollen, sondern was Gott uns gethan
bat; fordert nicht, sondern giebt uns alles.
„Das Evangelium, sagt die Concordienformel, ist
eigentlich eine solche Lehre, die da lehret was der
Mensch glauben soll, der das Gesetz nicht gehal⸗
ten und durch dasselbe verdammt, nämlich, daß
Christus alle Sunden gebußet und bezahlet, und
ihm ohne allen seinen Verdienst erlanget und
erworben habe Vergebung der Sünden, Gerech-
tigkeit, die fur Gott gilt und das ewige Leben.“

Aber nicht eine leere Verkündigung der Gnade,
oder eine bloße Erzählung von derselben ist das
Evangelium, sondern das Mittel der Gnade
selbst, darein sie gleichsam gefasset, darin sie uns
vorgetragen, angeboten, mitgetheilet und zuge⸗
eignet wird.

Da versteht sichs nun von selbst, daß diesem
Evangelio, das lauter Gnade anbietet, nicht
anders kann Genüge geleistet werden, als durch
den Glanben, d. h. daß wir das annehmen,
was es uns anbietet, uns aneignen, was es uns
zueignet, uns dessen getrösten, was es uns ver⸗
heißt und zuspricht. Denn zu einer Gebehand
ge hört eine Nehmehand. Also fordert es nichts
als den Glauben, wers glaubt, der hat was die
Worte sagen und wie sie lauten. Nun dir das
Jesuskindlein geboren ist, nun sollst du nichts
thun als niedersitzen, fröhlich und getrost sein,
dieses Kindlein in den Schooß deines Herzens
nehmen und sein Pfleger und Wärter sein; denn
alles was zu thun ist, das will es thun, ja hat
es schon alles gethan und dir nichts übrig ge⸗
lassen.

Hat uns also das Gesetz nackt und blos aus·
gezogen, als arme Bettler, so kleidet uns das
Evangelium mit dem Rocke der Gerechtigkeit
Christi und macht uns reich von den Gutern
Seines Hauses, die uns aus Gnaden geschenkt
werden.

Summa, alles was uns von unserm Werk
lehret, etwas von uns fordert oder thun heißt,

»das ist Gesetz, und wenn es Christus selbst gesagt
hätte; wie Er denn in der That oft das Gesetz
gepredigt hat, als wenn er uns zur Demuth und
Sanftmuth, zur Mildthätigkeit und Barmherzig⸗
keit, zur Liebe, Versöhnlichkeit u. a. Tugenden

ermahnt — die Sünden dagegen straft. Das

163

alles ist Gesetz. — Also sind alles Werke des Ge⸗
setzes was von uns gethan wird nach Gottes
Wort, mag es vor oder im Glauben geschehen.
Denn auch die Früchte des Glaubens, als Liebe,
Vertrauen, Geduld ꝛc. sind in sofern Gesetzes-
werke, weil sie im Gesetz geboten sind. — So ist
bingegen Evangelium was von Christi Werk
und Gottes Gnade predigt und uns dies zur Au-
nehmung vorhält, dadurch wir sollen gerecht und
selig werden wenus selbst Moses gesagt hätte,
wie er denn in der That auch Evangelium ge⸗
predigt, als wenn er von dem Schlangentreter
und zukuͤnftigen Propheten weissagt und auf ihn
hinwe ist und vertröstet.
III.

Weil nun der Inhalt verschieden, so folgt auch
daraus, daß die Wirkung eine ungleiche ist.
Die Wirkung des Gesetzes ist, daß es den Men-
schen zum Sünder macht. Zwar ist der Mensch
von Natur ein Sünder, er mag das Gesetz ha
ben oder nicht, aber er erkennt die Sünde nicht;
das Gesetz aber wirket Erkenniniß der Sünde,
dadurch der Mensch inne oder uͤberzeugt wird,
daß er ein Sunder ist, wie St. Paulus Röm.
7, 7. von sich bekennet: „Ich wußte nichts von
der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: Laß
dich nicht gelüsten.“ D. h. Die Lust war wobl
da, aber ich erkannte sie nicht als Sünde, bis
ichs aus dem Gesetze erfuhr und lernete. Ja,
noch mehr, das Gesetz macht die Sünde, die
vorher schläft, erst recht wach und lebendig,
denn je mehr das Gesetz verbietet, je ärger sich
die Lust reget und im Fleische wüthet. Das
will St. Paulus sagen wenn er Röm. 7, S. 9.
spricht: „Denn ohne das Gesetz ist die Sünde
todt. Ich aber lebte etwa ohne Gesetz. Da
aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder
lebendig.“

Eine andere Wirkung des Gesetzes ist, daß
es Zorn anrichtet. Nicht allein offenbart es
Gottes Zorn über die Sünde, dräuet Fluch und
Strafe; sondern eben dadurch, daß es dies
thut, erregt es auch Zorn im Herzen des Men-
schen. Denn es ist unmöglich, daß ein Mensch
sol men Gott lieben, an ihm Wohlgefallen haben
kann, von dem er höret, daß Er sein ganzes
Thun und Wesen hasset, daß Er ihm Fluch,
Tod und Verdammniß dräuet, sondern im Grunde
des Herzens hasset er Gott und sein Gesetz, wird
ihm innerlich so feind und böse, daß er wünscht,
es möchte kein solcher Gott noch solch Gesetz sein.

Und wenn er sich bemühet nach dem Gesetze
zu leben, so wird solcher Zorn nicht etwa weniger,
sondern nur noch größer. Denn das Gesetz
giebt einen knechtischen Geist und floßt dem Men⸗
schen eine knechtische Furcht ein vor dieser gräu⸗
lichen Drohung des Gesetzes, welche Furcht ihn
dann treibet die Sünde zu meiden, das Befohlene
zu thun; aber alles als einen knechtischen Dienst,
ohne Lust und Freude, mit innerlichem Unwillen
und Widerstreben. Aber damit ist das Gesetz
nicht zufrieden, sondern fordert Liebe als die
Hauptsumma, und verdammet alles, was nicht
aus Liebe geschieht. Da wird der Zorn im Her⸗
zen nur noch ärger, weil er sichs so sauer wer⸗
den läßt, und doch dem Gesetz nicht genug thun
kann. Je ärger aber der Zorn wird, je saurer

und härter es dem Herzen wird im Gesetz zu
wandeln, je mehr das Gesetz seinen Fluch stärlt.
Siehe, so ist denn der Mensch ganz gefangen,
kann nicht hinter sich, nicht vor sich, möchte gern
heraus und kann doch nicht heraus, thut er das
Gesetz nicht, so flucht es, thut ers, so flucht es
ihm abermals, weil es nicht aus Liebe geschieht
was er thut. Ja das Gesetz fordert Liebe, und
erregt doch Zorn und Haß; es fordert Vertrauen,
und macht doch den Menschen mißtrauisch und
furchtsam; es fordert kindliche Furcht, und wirkt
doch knechtische Furcht und Angst; es fordert,
wir sollen zu Gott fliehen, und jagt uns doch
nur von ihm weg, macht, daß wir von ihm flie⸗
hen. Und daß es dies thut, das kommt nicht
vom Gesetz sondern von der Sünde, die in uns
wohnet, die gegen das Gesetz ist und dieses
wider jene, darum sie sich mit einander stoßen.

Am allerschlimmsten aber ist noch dies, daß
das Gesetz solche, die im Gesetze leben, Knechte
heißt, ihnen auch dann, wenn sie alles gethan
haben, doch als Knechten, ja als unnützen Knech⸗
ten das abspricht, daß sie dadurch Kinder und
Erben werden, sondern dann Knechtslohn be⸗
kommen, aber vom Erbe der Kinder ausgeschlos⸗
sen werden, wie Paulus Gal. 4. darthut.

Siehe, darum vergleicht St. Paulus das Ge⸗
setz mit einem Gefängniß und Zuchtmeister,
daraus diejenigen, die gefangen sind, gern heraus
wären, aber nicht heraus können. Und so wenig
ein Gefangener Zelle und Ketten liebt, sondern
beides haßt; so wenig ein Knabe Zuchtmeister
und Ruthe liebt, sondern wider seinen Willen
leidet; so wenig liebt menschliche Natur und
der natürliche Mensch das Gesetz, sondern im
Grunde des Herzens haßt ers, thut alles nur
mit knechtischem Geiste, da er der Strafe fürch⸗
tet oder nach Lohn gelüͤstet.

Das Ende ist, daß der Buchstabe tödtet, denn
das Gesetz kündigt dem Sunder nicht allein den
Tod an, uberzeugt ihn nicht nur, daß er zu allem
Guten verdorben und erstorben ist; sondern treibt
ihn auch gänzlich zur Verzweiflung, daß er an
allem, an sich und an Gott verzweifelt. Und
die Folge davon ist, wenn nicht das Evangelium
zur Hand kommt und ihm zurecht hilft, daß er
entweder seinen Zorn ausbrechen läßt, Gesetz und
alles von sich wirft, daß er spricht: Lasset uns
zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre
Seile, und also seinem verkehrten Willen die
Zugel giebt; oder ganz in Verzagtheit hinabsinkt;
oder im besten Falle in Werkgerechtigkeit faͤllt und
das Gesetz abstumpft.

Eine ganz andere Wirkung aber hat das Evan⸗
gelium, denn das macht aus Sundern Gerechte,
wie Paulus sagt: Das Evangelium ist eine
Kraft Gottes selig zu machen alle, die daran
glauben, dieweil es Vergebung der Sünden ohne
unser Werk, Verdienst und Zuthun in Christo
anbietet Wer nun diese im Glauben annimmt,
der ist gerecht vor Gott. Und diesen Glauben,
den es fordert, wirkt und giebt es auch selbst,
denn es bringet mit sich den heiligen Geist ins
Herz, der den Glauben durchs Evangelium in
denen, die es hören, wirket. Denn weil Gott
in diesem Evangelio den ganzen Abgrund seiner
Liebe und Barmherzigkeit offenbaret, nicht allein

English translation

Not yet translated.