Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 19, Nummer 6 › Seite 42

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 12. November 1862, Seite 42

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erkennen gab, so schrieb diese durch ihren Sekre⸗
tär, Hrn. Hüffner, unterm 26. April also:
„. . . Der Inhalt Ihres Geehrten hat uns sehr
unangenehm berührt, da wir daraus entnehmen,
daß sich Past. Mühlhäuser wahrscheinlicherweise
Mittel und Wege bedient haben muß, um unsere
Gemeinde in Ihren Augen zu verkleinern, um
entweder Sie zu bewegen, Ihre angeknüpfte
Verbindung mit uns wieder zu lösen, oder auch
uns durch Schwierigkeiten, die jetzt zwischen uns
aufzutauchen scheinen, wieder zum Anschluß an
die Wisconsinsynode zu bewegen. Herr Past.
Mühlhänser war vor 8 Tagen hier, nachdem er
den Brief erhalten hatte, wo wir uns von dessen
Synode lossagten. Derselbe glaubte allerdings,
daß sich sofort die Gemeinde wieder an ihn an-
schließen wurde, und unterließ nicht, zu kleinli-
chen Hilfsmitteln seine Zuflucht zu nehmen, da er
besonders einzelne Gemeindeglieder besuchte und
dahin zu wirken suchte, mit den grellsten
Farben die Missonri-Synode mit ihren Ge⸗
bräuchen im Kirchenwesen uns vor Augen zu
stellen. Wir vermutheten wohl gleich, daß Herr
Past. Mühlhäuser, nachdem sein Versuch hier

vergeblich war, bei Ihnen, Herr Pastor, vor⸗

sprechen würde, doch ahnten wir nicht, daß
derselbe zu solchen kleinlichen, niedrigen Mitteln
seine Zuflucht nehmen würde, die durchaus sich
nicht für einen Jünger unseres Herrn Jesu
Christi, sowie für einen Seelsorger passen.“ Am
Schluße aber heißt es; „Unsere vereinigte Bitte
besteht nun darin: wenn Herr Past. Lochner
uns gefälligst nächsten Sonnabend besuchen
wollte, um mündlich jene in Ihrem werthen
Schreiben erwähnten Dinge zu erörtern und
wollen Sie gefälligst Hrn. Past. Mühlhäuser
einladen, au dieser Verhandlung theil zu neh-—
men. — Daß der letztere jedoch nicht kommen
wird, bin ich fest überzeugt, da er dadurch wohl
leicht die bis jetzt genossene Achtung unserer Ge⸗
meinde verloren hat und sich wohl schwerlich
wird rechtfertigen können. Gleichzeitig werden
Sie uns sehr verbinden, wenn Herr Past. Loch⸗
ner sodann nach erfolgter Prüfung und Besei⸗
tigung der vorerwähnten Unannehmlichkeiten am
Sonntage darauf predigen wollte, damit doch
endlich einmal unserer Gemeinde das Wort
Gottes aus dem Munde eines Predigers verkün⸗
digt wird.“ Mit diesem Schreiben in der Hand
begaben sich darauf die Pastoren Dulitz und Loch⸗
ner zu Past. Muͤhlhäuser, der aber richtig die Ein-
ladung zur einer gemeinschaftlichen Untersu—
chung an Ort und Stelle entschieden ablehnte.
Am 9. Mai nahm daher Past. Lochner dieselbe
allein vor, nach deren Beendigung die Gemeinde
erklärte, daß sie am 24. April abermals eine
Abstimmung über den Anschluß an die Missouri⸗
Synode vorge nommen habe und demgemäß bei
ihrem Aufnahmsgesuch verbleiben wollte, und
bat, da Past. Dulitz seine damalige Gemeinde
nicht wohl verlassen konnte, Past. Lochner
möchte bei der bevorstehenden Synodalver-

sammlung einen passenden Prediger für sie

zu erlangen suchen. Was geschah jedoch?
Während der Geuannte zur Synode abwe-
send war, brach die Gemeinde unerwartet
die angeknüpfte Verbindung ploͤtzlich wieder ab.

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Wir hörten, Past. Mühlhäuser habe sie unter⸗
dessen durch den wiedervorgezeigten Popanz von
Ohrenbeichte, kathol. Ceremonien, Priesterherr⸗
schaft und durch das Versprechen einer baldigen
Versorgung mit einem Prediger zur Aenderung
ihres Entschlußes bewogen. In der Meinung
daher, das Absageschreiben des Sekretärs sei
Willenserklärung der ganzen Ge⸗
meinde, thaten wir denn auch keine weiteren
Schritte: alles aber, was wir nun vernehmen,
dringt uns die Annahme auf, daß die ganze
Geschichte ohne Gemeinde abgemacht worden ist.

Einige Jahre nach diesem Vorfall zog eine
Familie, Namens Mohn, aus Huntington,
Indiana, woselbst sie der dortigen missourischen
Gemeinde bis zuletzt gliedlich angehört hatte,
nach Racine. Unbekannt mit der Stellung der
Wiscon sinsynode und in dem guten Glauben,
ein rein lutherisches Predigtamt vorzufinden,
schloß sie sich der dortigen, von Past. Conrad
pastorirten Gemeinde an. Bald aber wurde sie
über den gethanen Schritt beunruhigt, als sie
merkte, daß hier keine gesunde luthe⸗
rische Luft wehe und es steigerte sich die
Unruhe des Gewissens, als ihr nun vollends an
einzelnen Stücken klar wurde, ihr Pastor sei
kein reiner lutherischer Prediger, sondern ein
Religionsmenger (Synkretist). Pastor
Conrad nämlich gebrauchte nicht nur die Un i⸗
onsspendeformel: „Christus spricht: Das
ist mein Leib ꝛc., sondern er las unter anderm
einmal in einer Predigt das Bekenntnis der
reformirten Kirche vom heil. Abendmahl aus
dem Heidelberger Katechismus vor und erklärte,
daß zwischen diesem und dem Lu⸗
therischen Bekenntnis eigentlich
kein Unterschied sei, und daß ein Lu⸗
theraner dazu Ja und Amen sagen müsse; ebenso
nannte er in einer Reformationspredigt Zwingli
als einen der „Reformatoren“ und pries seinen
Tod. Ja, nicht nur kam solche Synkreti⸗
steresi, sondern auch offenbar falsche
Lehre vor, denn Past. Conrad predigte die
Hadeslehre, d. i. die Lehre von einem
Mittelort in der andern Welt, jene neumodische
überzuckerte papistische Fegefeuerlehre. Ueber⸗
haupt aber empfand diese Familie mit noch eini⸗
gen anderen den Mangel an Klarheit und Ent⸗

schiedenheit in der Lehre bei ihrem Pastor schmerz⸗
lich. Wie sollte sie sich auch bei einem Manne
finden, der früher Colporteur der amerikanischen

Traktatgesellschaft war, den man privatim und
in großer Eile zum Prediger zugestutzt hatte und
der bis heute noch das Erzsynkretistenblatt, den
„Amerikanischen Botschafter“, in
seiner Gemeinde eifrigst verbreitet! Alles dies
klagte endlich diese Familie ihrem früͤheren Seel⸗—
sorger, Herrn Past. Stecher, der sie vor ein
paar Jahren auf einer Durchreise besuchte, und
es konnte nicht fehlen, daß durch die Besprechung
mit ihm und die sich daran knüpfende Correspon-
denz mit demselben sie endlich zu dem Entschluß
kam, von dieser Gemeinde auszuscheiden und
Wort und Sakrament bei einem missourischen
Prediger zu suchen. Aber auch das konnte nicht
ausbleiben, daß ohne alle „Wühlerei“ diese Fa⸗
milie ihre Ueberzeugung gegen um sie her wohnende

Glieder freilich nicht verschwieg, daß diese auch
mehr und mehr bedenklich wurden, die Bedenken
aber zum Theil noch genährt wurden durch ein
Gemeindeglied Past. Lochner's, welches nach
Racine zog, und daß man von Seiten des Pfar⸗
rers und Kirchenraths für die Zukunft eine
Trennung witterte, zumal schon vor 3-4 Jahren 1
wieder der Gedanke laut wurde, in dem Stadt⸗
theil, in welchem diese Familie wohnte, eine
besondere lutherische Gemeinde zu errichten,
und so Mancher es bereute, daß ehedem die
Verbindung mit den Missouriern abgebrochen
worden war.

Die befürchtete Trennung erfolgte denn auch
zu Anfang dieses Sommers. Den äußeren
Anstoß gab zunächst eine Schulangele⸗
genheit. Der nunmehr mit uns in Verbin⸗
dung stehende Theil, circa 20 Familien zählend,
bewohnt einen besonderen, durch den Fluß ge⸗
schiedenen Stadttheil, „Canada“ genannt.
Da der Weg zur Gemeindeschule, die in dem

anderen Stadttheil liegt, nicht nur mehr denn

eine Meile weit, sondern, wie jeder durch den
Augenschein sich überzeugen kann, zugleich auch
für Kinder gefährlich ist: so suchten die
betreffenden Familienväter um Errichtung einer
Gemeindeschule in ihrem Stadttheile nach, er⸗
hielten aber nach dreijährigem Petitioniren und
eitlem Hoffnungmachen den schließlichen Bescheid,
sie möchten nur auf ihre eigenen Kosten das
ganze Werk unternehmen, wobei denn der Pr-
sident außer der Versammlung noch äußerte, man
wolle sehen, ob die Bittsteller im Laufe der Zeit
sich nicht noch trennten; stelle sichs heraus, daß
sie doch bei der Gemeinde blieben, so könne diese
nachträglich ihnen noch immer eine Unter-
stützung zu kommen lassen.
Da wir hier in Milwaukee uns seit jenem
Intriguenstück Past. Mühlhäuser's nichts weiter
um die Raciner Verhältnisse bekümmert hatten
und daher auch von den eben erzählten Vor⸗ x
gängen nichts wußten, außer daß wir gelegent⸗
lich einmal von Past. Con rad's Lehre und Praxis
im Allgemeinen etwas hörten, wie auch von dem—
stillen Bedauern Etlicher, nicht mit uns in
Verbindung geblieben zu sein: so waren wir
nicht wenig überrascht, als am Sonnabend vor
Exaudi jene circa 20 Familien einen Abgeord⸗
neten mit dem schriftlichen Gesuch an uns sen⸗
deten, sie mit cinem Prediger zu versorgen, da
sie sich entschlossen hätten, als Bewohner
des entfernteren Stadttheils eine
besondere Parochie zu bilden, und
überhauptnicht mehr von der Wis⸗
consinsynode bedient zu sein wün⸗ 1
scheten. Weil wir nun dieses Gesuch ebensan
wenig von der Hand weisen, als es annehmen
konnten, so wurden wir einig, daß am Montag
darauf Past. Steinbach nach Racine reisen und 3
vorläufig die nähere Aussprache der Leute hören
sollte. Nach 4 Uhr Nachmittags dort angekom⸗
men, fand derselbe im Hause der erwähnten?
Familie eine Anzahl der Bittsteller, welche ihm
einstimmig erklärten, „daß sie überhaupt mit der
Lehre des Past. Conrad, nicht mehr zufrieden
seien, da sie dieselbe, nicht für rein lutherisch!
erkennen könnten und daß sie nun lutherisch

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