Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 21, Nummer 22 › Seite 170

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Juli 1865, Seite 170

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Lehre. — Reine Lehre · Lehre. — Reine Lehre 5 · Lehre 12

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trennlich verbunden. Sie geht erst dann recht
im Schwange, wenn sie als eine selig⸗ und heilig ·
machende Gotteskraft in den Herzen ihrer Ver-
kündiger vorerst selbst wirksam geworden ist,
so daß diese mit dem h. Apostel ihren Zuhörern
bezeugen können: „Unser Evangelium ist bei euch
gewesen nicht allein im Wort, sondern beides in
der Kraft und in dem h. Geist und in großer
Gewißheit.“

Wo reine Lehre und Erkenntniß im Schwange
geht, da predigt man nicht nur den Rath Gottes
zur Seligkeit der Meuschen ebenso rein, wie ganz,
sondern auch in rechter Anwendung. Da sind
die Prediger gleich Hausvätern, die „aus ihrem
Schatz Neues und Altes hervor tragen“, und gleich
treuen und klugen Haushaltern, die dem Gesinde
»zu rechter Zeit ihre Gebuhr geben“. Da predigt
man nicht nur rein und unverstümmelt beides,
Gesetz und Evangelium, sondern erweist sich auch
als ein rechtschaffener und unsträflicher Arbeiter,
der da „recht theile das Wort der Wahrheit“.
Da predigt man das Gesetz also, daß durch
Offenbarung seines geistlichen Sinnes und des
Ernstes der göttlichen Drohungen auch der
Selbstgerechteste sich in seinen Schlupfwinkeln
ergriffen sieht und daß es auch dem sichersten
Sünder „durch das Herz geht“, so daß er mit
Erschrecken vor der Hölle erfullt und, so er nicht
halsstarrig widerstrebt, auszurufen bewogen wird:
„Liebe Herren, was soll ich thun, daß ich selig
werde?“ Wo reine Lehre und Erkenniniß im
Schwange geht, da predigt man aber auch das
suße Evangelium von Christo also, daß auch der
verzweifeltste Sunder sichere Hilfe vor sich sieht.
Da zeigt man nicht nur, daß der Mensch allein
durch den Glauben vor Gott gerecht und selig
werde, sondern auch, wie er zu diesem Glauben
kommen und durch denselben alle Anfechtungen
siegreich überwinden könne. Da lehrt man nicht
nur den Gnadenschatz, der in den h. Sacra—
menten liege, sondern auch ihren rechten Ge⸗
brauch kennen. Da lehrt man die Christen
nicht nur, worin sie gebunden, sondern auch,
worin sie frei seien. Da lehrt man sie nicht nur,
daß gute Werke zu thun seien, sondern auch,
worin wahrhaft gottgefällige Werke bestehen.
Da gibt man ihnen aber auch nicht nur die reine
Lehre, sondern lehrt sie auch, die Wölfe und ihre
seelenverderbliche Lehre, so wie die falschen Bru-
der und ihre Schalkheit erkennen und die Zeichen
und den Geist der Zeit verstehen und sich davor
hüten.

Wo reine Lehre also im Schwange geht, weit
entfernt, daß da die Verkündiger derselben denken
sollten, sie wüßten dieselbe nun und seien am
Ziele angekommen, so sind gerade sie vielmehr
tief davon überzeugt, daß sie darin kaum einen
Anfang gemacht haben. Immer Gott um Er-
leuchtung bittend, immer in Gottes Wort studi⸗
rend, immer durch allerlei Anfechtungen sich
hindurchschlagend, schreiten sie täglich vorwärts
aus Glauben in Glauben, von Klarheit zu Klar⸗
heit, von Gewißheit zu Gewißheit, von Freudig⸗
keit zu Freudigkeit.

Wo es also in einer Synodalgemeinschaft steht,
da geht die Sonne der Wahrheit üͤber ihr immer
heller und heller auf, bringt in ihr immer mehr

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Todte zum Leben, immer mehr Schwache zur
Stärke, und sie selbst wird zugleich zu einem

Streiterheere, vor dem die Hölle bebt und dawider
sie tobt, das unter der Anfuhrung des Königs der
Wahrheit mächtig ist vor Gott, zu verstören die

Befestigungen, damit sie verstören die Anschläge

und alle Höhe, die sich erhebet wider das Er⸗—
kenntniß Gottes. Eine solche Synodalgemein-
schaft wird dann immer mehr, was sie sein soll:
eine Zeugenwolke fur die Eine Wahrheit wider
allen Irrthum, ein Licht der Welt wider ihre
geistliche Finsterniß, ein Sauerteig der Mensch-⸗
heit wider ihren geistlichen Tod, ein Salz der
Erde wider ihre geistliche Fäulniß und ein rechtes
„Rettungshaus“ fur die verwahrlosten Kinder
dieser Welt.

So ging reine Lehre und Erkenntuiß in der
apostolischen Kirche im Schwange, so in der
lutherischen Kirche des Reformationszeitalters
und, ich wage es getrost auszusprechen, so geht
beides in einigem Maße auch in unserer Syno-
dalgemeinschaft im Schwange.

Doch wie? ist dieses Selbstzeugniß nicht ein
unerträglicher Hochmuth und eine gefährliche, in
Sicherheit einschläfernde Rede? — So mag es
scheinen. Aber, meine Zuhörer, so scheint es
eben nur. Denn reine Lehre und Erkenntniß ist
nicht ein Verdienst, dessen sich irgend ein Mensch
rühmen könnte, sondern nichts als eine freie Gabe
der göttlichen Gnade, die durch keinen noch so
großen Scharfsinn und Fleiß erarbeitet und durch
keine eigene Wurdigkeit erworben, aber um so
leichter durch eigene Schuld, nehmlich durch Un⸗
dankbarkeit, verscherzt und verloren werden kann.
Und das sei es denn, was wir uns jetzt vor Er—
öffnung unserer diesjährigen Synodalverhand—
lungen aus Gottes Wort lebendig vergegen-
wärtigen wollen.

Tert: 1 Kor. 1, 4. 5.

Auf Grund dieser verlesenen Worte sei der
Gegenstand unserer gegenwärtigen Betrachtung:

Reine Lehre und Erkenntniß eine freie

Gabe der göttlichen Gnade.
Haben wir aber hierbei

1. lebendig erkannt, wie beides
allein erlangt wird, so laßt
uns sodann 6

2. daraus lernen, wie daherau
beides allein bewahrt werde.

1.

„Ich danke meinem Gott allezeit
eurenthalben für die Gnade Gottes,
die euch gegeben ist in Christo JEsu,
daß ihr seid durch ihn an allen
Stücken reich gemacht, an aller
Lehre und an aller Erkenntniß“,
so spricht der h. Apostel Paulus in unserem Texte.
Hiermit sagt derselbe erstlich ofenbar zweierlei
darüber aus, warum die Korinther an reiner
Lehre und Erkenntniß einst so reich geworden seien,
einmal nehmlich, weil ihnen beides gegeben,
und zum andern, weil es ihnen allein aus
Gnaden, um Christi willen gegeben sei.

Daß dem wirklich so war, ist leicht zu erkennen.
Denn was hatten die Korinther dazu gethan oder

womit hatten sie es vor andern verdient, eine an

Lehre und Erkenntniß so reiche Gemeinde zu
werden, wie sie geworden waren? Nichts hatten
sie hierzu gethan, mit nichts es verdient.
„Ihr wisset“, ruft der Apostel ihnen weiter unten
zu, „daß ihr Heiden seid gewe sen und hingegangen
zu den stummen Götzen, wie ihr gefuhret wurdet.“
In heidnischer Blindheit und sinnloser Abgötterei
waren sie also vorher, ohne nach Wahrheit
zu fragen, stumpfsinnig dahingegangen, wie sie
ihre Priester gefuhrt hatten; und als Einwoh-
ner Korinths, einer der ruchlosesten Städte des
griechischen Alterthums, hatten gerade sie vor
andern in den heidneschen Sündengreueln, selbst
ihrem sie verklagenden natürlichen Gewissen
zum Trotz, sicher dahin gelebt. Weit entfernt,
das ihnen angeborne Licht der Natur treu
zu gebrauchen, hatten sie, wie alle Heiden,
auch dieses in sich ausgelöscht, und sich so mit
nichts zum Empfang der Gnade irgendwie ge⸗
schickt und bereitet. Und was geschah dennoch?
Gerade sie hatte sich Gott zu Trägern seiner
reichsten Gnade ausersehen. Als Paulus auf
seiner zweiten großen apostolischen Reise nach
Korinth kam und seine Predigt hier von den
Juden nur mit Lästerungen beantwortet wurde,
da schickte sich der Apostel schon an, Korinth wie⸗
der zu verlassen; aber siehe! nun erschien ihm
der HErr selbst des Nachts in einem Gesicht und
sprach zu ihm: „Furchte dich nicht, sondern rede,
und schweige nicht, denn ich habe ein großes Volk
in dieser Stadt.“ So blieb denn er, der größte
und begabteste Apostel, anderthalb Jahr lang in
Korinth und pflanzte hier gerade aus den heidni ⸗
schen Einwohnern dieser Stadt eine der an Lehre
und Erkenntniß reichsten Gemeinden der ganzen
damaligen Christenheit auf Erden; und nachdem
er hierauf Korinth verlassen hatte, fügte es
Gott also, daß gerade diese Gemeinde nun auch
noch einen Apollo zum Lehrer erhielt, der ein vor
andern beredter Mann und sonderlich mächtig in
der Schrift war. Was paulus, der begabteste
aller Apostel, hier gepflanzt hatte, das begoß also
nun Apollo, der begabteste unter allen Apostel⸗
schulern, und Gott gab das Gedeihen.

Sehet da die Art und Weise, wie eine Gemein-
schaft allein reich an Lehre und Erkenntniß wird.
Es ist das erstlich nie eine Frucht menschlichen
Wollens, Könnens und Thuns, sondern lediglich
eine Gabe von oben.

Hier hilft erstlich kein menschliches Wollen.
Das rechte Wollen der Wahrheit entsteht erst
dann, wenn der Mensch die Wahrheit bereits zu
erkennen angefangen hat. Zwar erfüllt und be⸗
wegt die Herzen Tausender oft schon vorher die
Frage: Was ist Wahrheit? aber wo nicht der
heilige Geist selbst diese Frage dadurch gewirkt hat,
daß er dem Menschen bereits etwas von ihrem
süßen Lichte zu schmecken gegeben hat, da ist auch
der brennendste Durst nach Wahrheit nichts als
eine hochmüthige abgöttische Wißbegierde, die dem
Finden der Wahrheit nur hindernd entgegensteht.
Denn wird solchen angeblichen Liebhabern der
Wahrheit dieselbe hierauf wirklich verkündigt,
so sprechen sie wohl, wie jene atheniensischen
vorgeblich nach Wahrheit suchenden Philosophen,
als diese Pauli Predigt gehört hatten: „Was will
uns dieser Lotterbube sagen?“ Da wird es

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