Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 21, Nummer 22 › Seite 172

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Juli 1865, Seite 172

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirche und Staat 14 · Lehre. — Reine Lehre 5 · Lehre. — Reine Lehre 7 · Lehre. — Reine Lehre 10

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fand. Geforscht hatte er; aber bis Gottes
Stunde kam, war auch sein Forschen vergeblich

gewesen. Er erzählt selbst in einer Predigt über
unsern Tert: „Ich denke selbst der Zeit“, spricht er,‚

„da ich mit allem Fleiß in der h. Schrift studirte,
was ich gerne darum gegeben hätte, daß mir
jemand einen Psalm recht ausgelegt hätte, und
wenn ich etwa einen Vers begunte zu verstehen,
meinete, ich wäre neu geboren.“ Wie rang und
wand sich Luther, z. B. nur das Wörtlein
„Gerechtigkeit vor Gott“ zu verstehen! Doch alles
sein Studiren war fruchtlos, bis endlich der rechte
Verstand davon wie ein Blitz vom Himmel seine
Seele erleuchtete. „Hier fühlte ich alsbald“,
schreibt er, „daß ich ganz und neu geboren wäre,
und nun gleich eine weite aufgesperrte Thur,
in das Paradies selbst zu gehen, gefunden hätte.“

Und womit hatte es Luther, womit hatten es
die getauften Christen seiner Zeit verdient,
daß Gott endlich nach tausendjährigem vergeb⸗
lichem Seufzen der verfuhrten Christenheit gerade
ihnen die christliche Lehre und Erkenntniß in der
ersten apostolischen Reinheit und Fülle wieder
schenkte? Wohl war Luther auch in seinem un⸗
bekebrten Zustande ein natürlich aufrichtiger
Mann, kein bewußter Heuchler; es war ihm auch
mit seinem eigenerwählten schweren Gottesdienst
ein ganzer Ernst und mit ihm vielen Tausenden
zu seiner Zeit. Aber war es damit nicht schon
vorher lange Jahrbunderte hindurch Millionen
ebenfalls ein wahrer Ernst gewesen? Warum hat
Gott daher gerade zu Luthers Zeit das Licht gold—
reiner und lauterer Lehre und Erkenntniß in
vollem Glanze wieder hervorbrechen lassen? —
Dafur gibt es nur Einen Grund: sein Wohl⸗
gefallen, seine freie Gnade.

2.

Wohlan, m. 3, haben wir denn nun lebendig
erkannt, wie reine Lehre und Erkenntniß allein
erlangt werde, so laßt uns nun 2. daraus ler⸗
nen, wie auch beides allein bewahrt werde.

Mit reiner Lehre und Erkenntniß ist es wie min
allen geistlichen Gaben bewandt: zwar ohne alles
eigene Zuthun und Verdienst werden sie geschenkt,
aber allein durch eigene Schuld verloren. Auch
hier heißt es: „Israel, du bringest dich in Unglück,
denn dein Heil stehet allein bei mir.“ Wie Gott
das Licht der irdischen Sonne nicht nur über
die Frommen, sondern über Gute und Böse auf⸗
gehen läßt, so auch das Licht der reinen Lehre
und Erkenuiniß; aber schnell wie ein
Licht kann auch beides wiedererlöschen.
Mit Entsetzen lesen wir, was der Kirchenvater
Hieronymus von der Zeit des Sieges der ariani⸗
schen Ketzerei schreibt: „Der ganze Weltkreis
seufzte, und wunderte sich, arianisch zu sein.“ *)
Aehnliches ereignete sich in der Kirche bald nach
Luthers Tode. Hell hatte bis dahin der Leuchter
reiner Lehre an viel tausend Stätten gebrannt;
aber kaum hatte Gott jenen seinen treuen Knecht
und Fürbitter der Welt, die seiner nicht werth war,
genommen, da wurde auch der Leuchter des reinen
Wortes an tausend Orten plötzlich von seiner
Stätte gestoßen.

) ingemuit totus orbis, et Krianum se esse mira-
tus est.“ Dial. adv. Lucifer. c. 7.

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Auch unter den Korinthern hatte es sich, als der
Apostel an sie schrieb, dazu angelassen. Was ist
es nun, was der Apostel von ihnen vor allem
fordert, damit sie die Gnade Gottes nicht vergeb⸗
lich empfangen haben und verlieren möchten?
Er spricht: „Ich danke meinem Gott alle⸗
zeit eurenthalben, für die Gnade
Gottes, die euch gegeben ist in
Christo JEsu.“ Zwar versichert der Apostel
die Korinther hiermit nur, wie Er seinem Gott
allezeit ihrethalben danke für die ihnen gegebene
Gnade; hiermit will er sie aber ganz offenbar
zugleich lehren, daß wenn Er Gott dafur allezeit
danke, sie selbst dazu in noch höherem Grade
verbunden seien.

Dank, Dank, dieser einzige Gottesdienst

des Neuen Testamentes, ist also mit Einem Wort
das wahre eigentliche Mittel von des Menschen
Seite, wodurch allein reine Lehre und Erkenntniß
bewahrt wird.
Dieser Dank schließt aber vor allem zweierlei
in sich; und zwar erstlich, daß man die Größe
und Unverdientheit dieser Gaben lebendig und
demüthig erkenne.

Irdische Schätze kann und soll man haben
und behalten, ohne sein Herz daran zu hängen,
ja gerade mit der Bedingung, daß man sie ver⸗
gleichungsweise gering achte. Nicht so ist es mit
den geistlichen, himmlischen Schätzen und inson⸗
derheit mit dem Schatz reiner Lehre und Erkennt⸗
niß bewandt. Fangen Prediger und Zuhörer an,
an diesem Schatz nicht mehr mit ganzem Herzen
zu hangen und ihn nicht mehr über alles Gold
und Gut der Welt für ihr köstlichstes Kleinod
und für ihre Krone zu achten; fangen sie viel⸗
mehr an, dagegen gleichgültig zu werden;
bemächtigt sich ihrer dagegen Lauheit, Sattheit,
Ueberdruß, Schläfrigkeit und endlich Gering⸗
schätzung: dann mögen sie wohl noch eine Zeitlang,
wie einst die Juden, die Form haben, was zu
wissen und recht ist in Gottes Wort; aber der
eigentliche Schatz, der ihnen vor anderen ver⸗
traut war, ist dann schon verschüttet und verloren.
Dann tragen sie das Licht vielleicht noch eine Zeit⸗
lang in ihren Händen, aber nicht mehr in
ihren Herzen; sie selbst sind dann keine bren⸗
nenden und scheinenden Lichter mehr, sondern
schläfrige Lichthalter; es bedarf daher nur einer
geringen Versuchung und Anfechtung, so entfällt
das Licht endlich auch ihren Händen. Sie haben
die Zeit, darinnen sie heimgesucht waren, nicht
erkannt, darum wird ihnen ihr Haus nun wüste
gelassen.

Dieselbe Gefahr ist aber auch dann, wenn
man zwar nicht vergißt, daß reine Lehre und
Erkenntniß ein köstliches Gut, aber daß sie
ein freies, unverdientes Geschenk der gött⸗
lichen Gnade sind Sobald man die himmlische
Weisheit sich selbst zuzu schreiben anfängt, sich
darin bespiegelt, sich vermißt, daß man sie aus
eigner Klugheit sich aneignen oder doch bewab⸗
ren könne, und daher aufhört, täglich Gott dafür
zu loben und zu preisen und ihn täglich um Er⸗
haltung bei seinem Wort und reiner Erkenntniß
brünstig und demüthig anzurufen: da nimmt
man Gott die Ehre, die ihm gebührt, macht sich

selbst zu Gott, und reizt Gott, daß er im Zorn

den Leuchter seines reinen Wortes wieder von der
Stätte stoßen muß, dahin ihn seine Gnade allein
gestellt hatte.

Doch, m. Z3., so wenig reine Lehre und Er⸗
kenntniß einer Kirche bleibt, wenn dieselbe nicht
die Größe und Unverdientheit dieser hohen Gaben
lebendig erkennt, ebensowenig können ihr diese
Gaben bleiben, wenn sie sie nicht auch mit un⸗
bestechlicher Treue gebraucht; denn das ist
das zweite Stück des Dankes, den Gott dafür
allein fordert.

Gibt Gott einer Kirche reine Lehre und Er⸗
kenntniß, so gibt er ihr damit vorerst das herrlichste
Mittel zur Schaffung ihrer eigenen Seligkeit;
wird ihr nun Gott dieses Mittel lassen, wenn sie
es nicht dazu treu gebraucht, ihre Seligkeit zu
schaffen mit Furcht und Zittern? Damit gibt ihr
Gott auch den reinen Samen zur Erleuchtung,
Heiligung und Seligmachung der verlorenen Weltz
wird ihr nun Gott diesen edlen Samen lassen,
wenn sie ihn nicht dazu gebraucht, ihn mit un⸗
ermüdlichem Fleiß auszustreuen? Damit gibt
Gott einer Kirche den Schlüssel seiner Offen⸗
barung; wird ihr nun Gott diesen Schlussel
lassen, wenn sie ihn nicht dazu gebraucht, sich durch
unablässiges Lesen und Forschen, Studiren und
Meditiren die Schatzkammern der göttlichen Offen⸗
barung aufzuschließen und in dieselben immer tie⸗
fer einzudringen? Damit gibt Gott einer Kirche
die unüberwindlichsten Waffen gegen alle,
auch die täuschendste, Lüge und gegen jeden,
auch den verhülltesten, Irrthum, womit die Welt
unter dem Namen der Wahrheit verführt wird;
wird ihr nun Gott diese Waffen lassen, wenn sie
sie nicht dazu gebraucht, gegen Lüge und Irrthum
in allen Gestalten mit durch nichts aufgehaltenem
Eifer zu kämpfen? — Nein, das im Schweißtuch
behaltene Pfund wird der HErr von der undank⸗
baren Kirche nehmen und es treueren Seelen ge⸗
ben, „denn“, spricht der HErr selbst, „wer da hat,
dem wird gegeben werden, und wird die Fülle
haben; wer aber nicht hat, dem wird auch,
das er hat, genommen werden.“

Das laßt denn auch uns gesagt sein, m. Br.!
Auch uns ist reine Lehre und Erkenntniß noch bis
diese Stunde verliehen. Wir haben sie nicht
durch unsere Klugheit und unsern Fleiß erarbeitet;
wir haben diesen Schatz wie Kinder von unseren
Vätern geerbt. Wir haben sie auch mit nichts
verdient; wir sind nicht würdiger, als die, die sie
nicht haben; Gott hat sie uns aus freier Gnade
geschenkt. Das Einzige, was Gott nun dafür auch
von uns fordert, ist, daß wir ihm dafur danken.
O so laßt uns denn auch Gott dafür diesen Dank
darbringen. Laßt uns doch daher um Gottes und
unserer Seligkeit willen erstlich keinen Augenblick
vergessen, wie groß und wie unverdient diese Ga⸗
ben seien, und sie zum andern treulich gebrauchen.
Ach, will sich nicht schon hie und da auch bei uns
das Feuer der ersten Liebe verlieren und Lau⸗
heit, Sattheit, Ueberdruß, Trägheit, ja Gering⸗
schätzung einschleichen? Will sich nicht schon jene
Sicherheit unser bemeistern, die daraus entsteht,
daß man meint, die reine Lehre und Erkenntniß,
damit wir vor Millionen jetzt begnadet sind,
sei unser eigenes Werk, dessen Erlangung und
Bewahrung in unserer Macht liege? Werden wir

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