Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 21, Nummer 22 › Seite 174

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Juli 1865, Seite 174

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gerecht gegen die Weisern, und ändert er den Lauf
der Weltordnung nicht, um ihn durch ein Wun⸗
der den Andern gleichzustellen.“ Man sieht
hieraus, so viel auch die Stunden der Andacht
von Vergebung reden, so ist das doch eben nur
Gerede; ihre eigentliche Meinung ist, wenn der
Mensch gesündigt hat, so muß er davon die Fol⸗
gen tragen in alle Ewigkeit. Dabei haben aber
die Stunden der Andacht den Trost, daß jedoch
Gott eigentlich niemanden verdamme, der Sün⸗
der bleibe nur in alle Ewigkeit vor den Tugend⸗
haften zu rück. So heißt es nehmlich z. B. in
Nro. 135 der zweiten Abtheilung: „So ist es also
nicht die liebende Gottheit, sondern unsere eigene
Unvollkommenheit und Sünde, die uns verdammt.
So vereinigt sich mit der Gerechtigkeit auch Liebe
und Barmherzigkeit in Gott, indem die durch
sich selbst Gestraften (vielleicht unter neuen und
herben Prüfungen) sich endlich dem aller⸗
höchsten Gute wieder nähern. Aber ewig eilt
ihnen der Vollendetere voran, ewig ist die Folge
der Selbstverwahrlosung der Seele auf Erden.“
Man ersseht hieraus, daß die Stunden der An⸗
dacht ihre Universalistenlehre, daß endlich alle
Menschen selig werden, mit ein wenig Fegfeuer-
lehre versetzt haben, was wahrscheinlich daher
kommt, daß der Verfasser, Herr Zschokke, ein
Katholik war. Wie es die Stunden der Andacht
mit der Vergebung durch Christum machen, so
machen sie es auch mit dem Glauben. Sie reden
viel davon, so daß blinde Sectirer meinen, das
Buch sei offenbar recht christlich, aber was darin
eigentlich unter Glaube gemeint ist, das liest
man in Nro. 61 der ersten Abtheilung, wo es
also heißt: Christus verhieß denen das ewige
Leben, die an ihn glauben. Aber an ihn glauben,
heißt, so unschuldig und liebevoll leben wie er.“

W.

Union. Mit, Vergnügen“ legt der Apologete
seinen Lesern eine Mittheilung von Soldaten vor,
welche, verschiedenen Confessionen angehörig, im
Lager Union gemacht haben und dieselbe nun
auch zu Hause ausgeführt zu sehen wünschen.
In der Mittheilung erklären die Soldaten, von
denen die einen Congregationalisten, die anderen
Evangelische (Albrechtsleute), Baptisten, bischöf.
liche Methodisten und Evang. Protestantische
sind, unter Anderem Folgendes: „Haben wir
evang. Gemeinden nicht alle Einen Gott, den⸗
selben Erlöser, dasselbe Glaubensbekenntniß und
die nehmliche Taufe? Soll und muß uns denn
nur der Name scheiden, oder der Buchstabe, oder
ein Wort, das bei der Uebersetzung der heiligen
Schrift so oder so gesetzt oder gebraucht wurde?
Daß wir getrennt sind, beruht hauptsächlich auf
Formen; die Hauptsache ist jedoch eine und die⸗
selbe.“ — Wir glauben, die Soldaten haben
recht. Daß die Secten noch keine Union gemacht
haben, hat seinen Grund lediglich in unwesent—
lichen Dingen; in der Hauptsache sind sie unter
sich eins, nehmlich in ihren Ansichten von dem,
was wahres Christenthum sei; darüber sind sie
nur uneinig mit den Lutheranern, die sich daher
freilich mit ihnen nicht uniren können. W.

47⁰⁴

Claudius, der Wandsbecker Bote, über die
neumodische Lehre von den Menschen⸗—
rechten.

Folgendes lesen wir im „Pilger aus Sachsen“
vom 19. und 26. Febr. dieses Jahres: Wir
haben jüngst in diesen Blättern dem alten
Wandsbecker Boten ein Gedächtniß gestiftet, und
ich habe damals den lieben Lesern gesagt, daß er
Einer der Wenigen gewesen sei, die beim Beginn
der französischen Revolution der neuen Staats-
kunst hell ins Auge gesehen und ihren dämoni⸗
schen Charakter klar erkannt haben. Die franzö⸗
sische Revolution begann damit, allen Stände⸗
unterschied aufzuheben und das Volk in einen
Urbrei völlig gleichberechtigter Einzelwesen auf⸗
zulösen, das nannte man die Menschen-
rechte oder den Vernuuftstaat. Hören wir am
Schlusse unserer Betrachtung einen Mann, der
das Herz hatte, mitzureden, und ein Herz für
sein Volk, nicht in die Tollheiten der Zeit mit⸗
einzustimmen. Der geneigte Leser wird daraus
ersehen, daß ernste Christen und urtheilsfähige
Vaterlandsfreunde damals ebenso wie heute ur⸗
theilten, und auch nie anders urtheilen können.

Claudius schildert uns zunächst den Unterschied
zwischen dem alten und neuen Systeme, wie er's
nennt, mit kurzen treffenden Zugen also: „Nach
dem alten Systeme sind in einem großen Hause
goldene, silberne und irdene Gefäße, etliche zu
Ehren, etliche zu Unehren; nach dem Neuen:
sind alle Gefäße gleich an Materie und an Form.
Nach dem Alten: ist der König, die Regierung,
der Regent u. s. w. Regent und der Unterthan
ist Unterthan; nach dem Neuen: sind alle Men⸗
schen frei und haben gleiche Rechte.

Wer nun überzeugt ist, daß von dieser Seite
(vom Neuen System) nur Unordnung und Unglück
und kein Heil kommt, und daß das Alte System
mit allen seinen Gebrechen das einzige sei, das
die Menschen bürgerlich zusammenhalten und
glücklich machen kann; — soll der auch mitgehn
und frohlocken? — Das soll er nicht! Sondern
er soll, nun es einmal daruber zur Sprache ge⸗
kommen ist, treu und unverhohlen dagegen sagen,
was er dagegen weiß, und so gut er es weiß,
es bringe ihm Dank oder Undank, Er soll sagen,
was wahr ist und was zum Frieden dient, und
was zur Besserung unter einander dient, mit
sanften, freundlichen Worten. Wiewohl ihm
etwas Eifer nicht zu verubeln wäre. Denn die
Sache ist des Eifers werth; und die Löwin, die
ihre Jungen vertheidigt, pflegt nicht mit dem
Schweife zu wedeln. — Ich sehe freilich auch
wohl ein, daß manches in der Welt anders sein
könnte und sein sollte, und daß eine Besserung
nicht unnöthig wäre, nur kommt es mir vor, daß
die Besserung nicht; ärger als das Uebel sein
müsse, das man bessern will; daß man den Kopf
nicht dran geben müsse, um das Ohrläpplein zu
retten, und daß ein kleineres Gluck, das man hat,
besser sei, als ein größeres, das man erst haben
soll u. s. w.

Auch kommt es mir vor, daß die äußeren Ein⸗
richtungen es allein wohl nicht gar thäten. Es
gibt Republiken, und doch sind dort Mißver-⸗
gnügte. Also am Menschen liegt es. Dem ist

nichts gut und nichts recht; der will immer
etwas Anderes und etwas Neues, will immer
bauen und bessern, ist immer nicht reich, nicht
mächtig, nicht geehrt genug, und macht gute Ein⸗

richtungen schlecht und schlechte gut. Der Mensch

also muß gebessert werden und, wurde ich rathen,
nicht von außen hinein. Dreht man doch nicht
am Zeiger, daß das Werk in der Uhr recht gehe,
sondern man bessert das Werk in der Uhr, daß
der Zeiger recht gehen könne. Ebenso möchte ich
auch beim Menschen nicht bloß am Zeiger ge⸗
dreht, sondern das Inwendige gebessert haben,
damit auf dem Zifferblatt sich Alles von selbst
mache. Ich möchte überhaupt, dunkt mich, eine

Besserung, dadurch nicht einem Menschen gegen

den andern, einer Partei gegen die andere, einem
Volke gegen das andere, sondern dadurch allen
Menschen, allen Parteien, allen Völkern geholfen
würde, kurz, eine Besserung, welche die Bösen
gut, die Uebelgesinnten wohlgesinnt, die Thörich⸗
ten weise, die Treulosen treu u. s. w., und so
ohne Ausnahme alle Menschen, Hohe und Nie⸗
drige, Fürsten und Unterthanen, Freunde und
Feinde, zu guten, bescheidenen, barmherzigen,
großmuthigen, edlen und glucklichen Menschen
machte. — Das ist mein Sinn, darauf ich mich
verlasse.

Besser ist freilich besser; unbesehends aber
ist Anhänglichkeit und Vorurtheil an und für das
Alte edler, als Vorurtheil und Anhänglichkeit für
und an das Neue. Der allgemeine Beifall und
der leichte Eingang, den das Neue System findet,
ist etwas bedenklich. Es ist mit unserer Seele
wie mit unserm Körper. Sie hat auch eine
Zunge und hat einen Magen. Der Zunge ge⸗
fällt das Bittere nicht, aber dem Magen ist es
heilsam und gesund, und was den Magen ver⸗
dirbt, gefällt der Zunge wohl. Es ist aber eine
alte Sage, daß die Wahrheit nicht suß sei.

Wohl wahr, spricht man, aber: gebt den
Menschen nur richtige Begriffe! Aufklärung!
Aufklärung! Der Mensch muß aufgeklärt wer⸗
den! — Nun ja, gegen die richtigen Begriffe hat
Niemand etwas; auch gibt es fur jeden Menschen
gewisse Dinge, woruber es recht nutzlich und gut
ist, ihn aufzuklären, d. h. ihm zu sagen: dies
und das ist so und nicht so, dies und das taugt
oder taͤugt nicht, dies und das muß geschehen
oder nicht geschehen u. s. w.

Wer weiß nicht, daß man nicht stehlen soll?
und Galgen und Rad warnen noch uber das an
allen Heerstraßen, und stiehlt Niemand? — So
mit allen heiligen zehn Geboten. Aber was er⸗
wartest du denn mehr von deinen Geboten?
Verstehst du es besser als der liebe Gott? Er
konnte mit Geboten nicht zum Ziele kommen und
wählte deshalb einen andern Weg. Und du
denkst mit Geboten und Aufklärung auszureichen?
Ist dir das alles aber noch nicht klar und zu weit
weg, so will ich dir näher kommen. Gehe in
dich und frage dich selbst, frage aufrichtig dein
eigenes Herz: ob es nicht etwas Anderes ist, was
dich zum Wollen bewegt, als das bloße Wissen?
Ob die Räder des Wissens und des Willens in
dir immer mit einander, und ob sie nicht oft ge⸗
gen einander gehen? Ob du nicht sogar biswei⸗
len, wenn du das Rad des Besserwissens in der

PPFPFPFF

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