Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 21, Nummer 22 › Seite 171
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Juli 1865, Seite 171
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Lehre. — Reine Lehre 5 · Luther 4 · Zabbath 6
denn offenbar, was ihr vorgegebenes Wollen der
Wahrheit gewesen war, und daß der naturliche
Mensch wirklich nichts vernehme von dem Geiste
Gottes; daß es ihm vielmehr eine Thorheit sei,
und es nicht erkennen könne, denn es musse geist⸗
lich gerichtet sein.
Hier hilft aber auch zum andern kein mensch⸗
liches Können. Zur Aneignung der Weisheit
dieser Welt reicht wohl das Licht der Vernunft,
menschlicher Scharfsinn und Geubtheit im Den⸗
ken hin, nicht aber zur Aneignung der Weisheit
in Betreff jener Welt. Diese ist kein Werk
menschlicher Speculation. Die göttliche Wahr⸗
heit zur Seligkeit ist nicht nur uber alle Vernunft
der Menschen und selbst der Engel, sondern auch
wider alles Denken des naturlichen Menschen.
Je mehr sich da her ein Mensch die Weisheit die ser
Welt angeeignet hat, je gelehrter er ist und je
weiter er es in Kunst und Wissenschaft gebracht
hat, um so mehr hindert ihn dies, in der thörichten
Predigt des Evangeliums die göttliche Weisheit,
die sich darein gekleidet hat, zu sehen und zu erken⸗
nen. Gott hat, um den gefallenen Menschen
wieder zu sich zuruckzufuhren, seine Offenbarung
mit Absicht also beschaffen sein lassen, daß die
wahre Erkerntniß derselben ohne die tiefste De⸗
muth gar nicht möglich ist. Dem hoffärtig Blei⸗
benden soll sie verborgen bleiben. Daher denn
auch Christus also betete: „Ich preise dich,
Vater und HErr Himmels und der Erden, daß du
solches den Weisen und Klugen verborgen hast,
und hast es den Unmundigen geoffenbaret.“
Hier hilft daher auch endlich zum dritten kein
menschliches Thun, kein Fleiß im Suchen
und Forschen, kein noch so ernstes Studium.
Kein natürlicher Mensch hat reine
Lehre und Erkenntniß je gefunden,
weil er sie gesucht hatte. Auch hier
heißt es vielmehr, wie Gott im Propheten spricht:
„Ich werde gesucht von denen, die nicht nach
mir fragten; ich werde gefunden von denen,
die mich nicht suchten; und zu den Heiden,
die mich nicht anriefen, sage ich: Hier bin ich,
hier bin ich.“ Was der HErr selbst von den
redlichen Aposteln sagt: „Euch ist es gegeben,
zu wissen das Geheimniß des Reiches Gottes“,
das gilt von allen, die je zu diesem Wissen
gelangt sind und je dazu gelangen werden.
Es ist hierbei nicht genug, daß ein Mensch die
h. Schrift hat und darin Tag und Nacht forscht.
Schon viele Tausende hatten sie und haben sie,
haben darin eifrig geforscht und forschen noch
darin; aber weil vor den Augen ihrer Seele die
Decke ihrer natürlichen Gedanken, wie die Decke
Mosis vor den Augen der Juden, hing und
noch hängt, so blieben sie doch blind, lernten im⸗
merdar und konnten nimmer zur Erkenntniß der
Wahrheit kommen. Die Schrift bleibt ihnen
ein wie mit sieben Siegeln verschlossenes Buch.
Daher denn auch Jeremias dem Volke seiner
Zeit zurief: „Wie möget ihr doch sagen: Wir
wissen, was recht ist, und haben die h. Schrift
vor uns? Ist es doch eitel Lügen, was die
Schriftgelehrten setzen.“ Es ist daher auch
nicht genug, daß Menschen die reinen Glaubens⸗
und Lehrbekenninisse der rechtgläubigen Kirche
und die herrlichen die Bibel aufschließenden
*
——
Schriften der erleuchtetsten Gottesgelehrten in
ihren Händen haben und darin lesen und grüͤbeln. ö
Oeffnet Gott nicht auch dazu das verschlossene
Auge des Geistes und macht er den von Natur
widerspänstigen Willen nicht geneigt, die in die⸗
sen Buchern aufgespeicherten Schätze himmli⸗
scher Lehre, Erkenntniß und Erfahrung demüthig
und dankbar aufzunehmen, so ist alles noch so
eifrige Schöpfen aus diesen aus der Schrift ge⸗
flossenen Bächen und Strömen ebenso vergeblich
und verloren, wie das Schöpfen aus der Bibel⸗
quelle selbst; erleuchtet Gott nicht dem Leser und
Forscher Verstand und Herz, so erscheint ihm ent⸗
weder das in den herrlichsten Büchern leuchtende
Licht als Finsterniß, oder er meint etwas ganz
anderes darin zu finden, als darin wirklich
geschrieben steht. Mit Recht heißt es daher in
der Formula Concordiae, der letzten Bekenntniß—
schrift unserer Kirche: „Wann schon die aller⸗
sinnreichsten und gelehrtesten Leute auf Erden
das Evangelium lesen oder hören, so können sie
dennoch dasselbige aus eigenen Kräften nicht ver⸗
nehmen, fassen, verstehen noch gläuben und für
Wahrheit halten, sondern je größeren
Fleiß und Ernst sie anwenden und
diese geistlichen Sachen mit ihrer Vernunft
begreifen wollen, je weniger sie verstehen oder
gläuben und solches allein fur Thorheit und
Fabeln halten, ehe sie durch den h. Geist erleuch⸗
tet und gelehret werden.“
Doch, m. Z., reine Lehre und Erkenntniß ist
nach unserem Texte nicht nur allein eine Gabe
von oben, sondern auch eine freie Gabe,
eine Gabe der göttlichen Gnade. Auch hier
heißt es: „So liegt es nun nicht an jemandes
Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbar—
men.“ So wenig Gott auf Verdienst und Wür⸗
digkeit gesehen hat, als er der ganzen Welt sein
Wort gab, und daß er nun jedem Menschen die
Kraft anbietet, das zu seiner Seligkeit Nöthige
daraus zu erkennen, so wenig sieht Gott auf Ver⸗
dienst und Würdigkeit, wenn er einem Menschen
oder einer ganzen kirchlichen Gemeinschaft reine
Lehre und reine Erkenntniß schenkt. So oft er
dies thut, so ist das eine Zeit seiner besonderen
Gnaden heimsuchung, die er gewöhnlich gerade
dann kommen läßt, wenn Untreue und Abfall auf
das höchste gestiegen ist und endlich alles ver—
derbet hat. Gott handelt hierbei als der HErr,
nach seiner unumschränkten Freiheit, und nach
der Macht, zu thun, was er will, mit dem Seinen.
Wie uns dies alles Gottes Wort klar bezeugt,
so bestätigt uns dies auf thatsächliche Weise auch
die Geschichte, nehmlich die Geschichte
der Kirche. Um nur Ein Beispiel anzuführen:
als durch das Aufkommen des Pabstthums reine
Lehre und Erkenntniß in der Christenheit fast
ganz verloren gegangen war, da ist ganze Jahr-
hunderte hindurch von Einzelnen und zganzen
großen Körperschaften, zum Theil mit großem
Ernste, darauf hingearbeitet worden, eine Refor-
mation der verderbten Kirche herbeizu führen und
die Lehre in ihrer ersten Reinheit wie derherzu⸗
stellen. Wie bemühte sich für diesen Zweck u. A.
schon Petrus Waldus in Frankreich im 12. Jahr-
hundert! Er ließ die Bibel in die Landessprache
widerrufen und verleugnen sollen!
ubersetzen und suchte sie unter dem Volke zu ver⸗
*
•
breiten. Wie eifrig arbeilete ferner Jobann Wittef
in England darauf hin im 14. Jahrhundert!
Wie todesmuthig wirkte dafur im 15. Jahrhundert
in Böhmen der heilige Märtyrer Johannes Huß,
der selbst den Flammentod lieber mit Freuden
erlitt, als daß er die erkannte Wahrheit hätte
Große Ge-
lehrte, Kaiser und Könige, im Bunde mit ganzen
großen allgemeinen Concilien, wendeten zur Er-
langung dieses Zweckes alle ihre Weisheit, ihre
Macht, ihren Einfluß an. Aber sie he! alles war
vergeblich. Die Macht des Pabstthums und mit
demselben die Macht des Irrthums stieg nur
immer höher und höher, so daß es schien, es be⸗
dürfe nur noch einiger Jahre, so werde nicht nur
reine Lehre und Erkenntniß, sondern das Christen-
thum überhaupt von dem Erdboden verschwun—
den sein. Und was geschah? Ein Augustiner-
mönch trat auf, voll von Ehrfurcht vor dem Pabst
und der päbstlichen Kirche. Zwar war durch das
Lesen der h. Schrift schon einiges Licht in seine
schmachtende Seele gefallen; aber mit Erschrecken
vor Gottes Zorn wegen seiner eigenen Sunde
erfullt, dachte er nicht im entferntesten daran,
die Kirche reformiren zu wollen. Nur den schänd⸗
lichen Ablaßkram, der damals getrieben wurde,
den er fur einen vom Pabst und seiner Kirche
selbst verworfenen Mißbrauch ansah, griff er ge⸗
trost im Namen des HErrn an. Und was erfolgte?
Im Namen der Kirche wurde ihm zu schweigen
und zu widerrufen geboten. So merkte denn der
von Gottes Wort bereits gefangene Mönch,
daß die jenigen, welche sich die Kirche nannten,
die Kirche nicht sein könnten. Er widerrief
daher nicht. Als er aber nun vom Pabst des⸗
wegen als ein Ketzer verdammt und in den Bann
der Kirche erklart, von dem Kaiser als ein Auf-
ruhrer verurtheilt und in die Acht des Reichs ge⸗
than, und von den größten damaligen päbstlichen
Gelehrten und ganzen Universitäten als ein Irr⸗
lehrer, Rottirer und Kirchenzerstörer in zahllosen
Schriften angegriffen wurde — da draͤng in die-
sem unerhörten riesenhaften Kampfe das Licht der
Wahrheit immer mehr und mehr in des Mönches,
nehmlich in unseres Luthers, Seele. Er betete
fort, er forschte fort, er predigte fort, er kämpfte
fort; und siehe! nach wenig Jahren ging die volle
Sonne reiner Lehre und Erkenntniß durch ihn
uͤber der ganzen Christenheit wieder auf, wie sie
seit der Apostel Zeit nicht wieder geschienen hatte.
Sehet da, ein thatsächliches unwidersprechliches
Zeugniß auch der Geschichte, daß reine Lehre und
Erkenntniß nicht eine Frucht menschlichen Wol⸗
lens, Könnens und Thuns, und nicht eine Folge
von Verdienst und Wurdigkeit, sondern allein eine
freie Gabe der göttlichen Gnade sei.
Denn bedenkt nur, mit großen Mitteln, mit
großer Klugheit und mit großem Ernst und Eifer
hatten schon vor Luther Tausende die Reformation
der Kirche versucht, aber alles war vergebens
gewesen; durch Luther aber, der sie nicht beabsich⸗
tigte, wurde sie auf das herrlichste hinausgeführt.
Er hatte die Wahrheit nicht gesucht. Er war in
das Kloster gegangen, um mit seinem strengen
Mönchsleben Gott den Himmel abzuverdienen,
und hier, mitten auf dem Irrwege, da war es,
wo er die Perle des reinen Sunderevangeliums
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