Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 26, Nummer 8 › Seite 58
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Dezember 1869, Seite 58
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geburt Chriſti · Anhang · Papſttum 4
Der Qutheraner.
zeigen, daß er nicht nur seinem Wesen ähnliche,
sondern auch ganz andere und verschiedene Ge⸗
schöpfe hervorbringen könnte. So gab es denn
Geister und gab auch Körper. Nun gefiel es dem
schöpferischen Wort, aus beiden ein lebendiges
Wesen zusammen zu setzen aus der unsichtbaren
und der sichtbaren Natur, nemlich den Menschen
zu schaffen.
vorhandenen Materie, das Leben blies er ihm von
sich selbsten ein, und so ward er auf die Erde ge—
setzt als eine kleine Welt in der großen, als ein
anderer Engel, ein Anbeter gemischter Natur.
Diesem wies er seinen Platz im Paradiese an und
gab ihm seinen freien Willen. — Seinem freien
Willen gab er ein Gesetz in Absicht auf die
Bäume, von denen er essen oder nicht essen dürfte.
Es war der Baum der Erkenntniß, der ihm ver—
boten ward, nicht als wenn er ursprünglich eine
giftige Pflanze gewesen wäre, auch nicht aus
Neid; zu seiner Zeit wären seine Früchte wohl
zu genießen gewesen für die, die es schon weiter
gebracht haben: aber durch des Teufels Neid und
die Lüsternheit des weicheren Weibes — wehe
meiner Schwachheit; denn mein ist jene Schwach⸗
heit des ersten Vaters — vergißt er den erhaltenen
Befehl, und wird von dem Holz des Lebens und
dem Paradiese und von Gott selbst wegen seiner
Sünde ausgetrieben und zieht Röcke von Fellen
an. Doch gewinnt er noch soviel, daß er stirbt,
damit das Uebel nicht ewig fortdaure und selbst
seine Strafe wird also Wohlthat für ihn. Nach⸗—
dennnun der Mensch zuvor wegen seiner vielen
aus der Wurzel der Bosheit hervorkeimenden
Sünden auf allerlei Weise von Gott gezüchtiget!
und zurecht gewiesen worden ist, durchs Wort,
Gesetz, Propheten, Wohlthaten, Dräuungen, Land⸗
plagen, Zeichen vom Himmel und von der Erde
und vom Meer große unglaubliche Revolutionen;
so war doch bei denen überhand nehmenden immer
schrecklicheren und allgemeineren Lastern, besonders
auch der Abgötterei ein stärker Heilmittel nöthig.
Das war selbst der Sohn Gottes, der vor der
Welt war, der unsichtbare, unbegreifliche, un⸗
körperliche — der nimmt Fleisch um Fleisches wil⸗
len an sich, und vereinbart sich mit einer verstän—
digen Seele um meiner Seele willen, um Gleiches
durch Gleiches zu reinigen. Er wird ein Mensch
nach allen Theilen außer der Sünde. Er kam
aus dem Leibe der Jungfrauen. Eine wunder—
bare Vereinigung — der da ist, wird geboren, der
schränkt werden kann, wohnt im Fleische. Der
da reich macht, wird arm. Er wird in Absicht
auf mein Fleisch arm, damit ich seine Gottheit
gewinne. Was für ein Reichthum von Güte!
Ich habe das Ebenbild erhalten, habe es aber
nicht bewahrt. Er nimmt mein Fleisch an sich
um sowohl das Ebenbild zu erhalten, als das
Fleisch unsterblich zu machen. Was für einen
Undank beweisen ihm die Lästerer? ist er dir
darum nun so klein, weil er sich um deinetwillen
erniedriget hat? Das dünkt dir nun so verächt⸗
lich, daß er einen Schurz genommen, und seinen
Den Leib nahm er aus der schon
Jüngern die Füße gewaschen hat, daß er sich bis
zu den Zöllnern und Sündern herabgelassen hat.
Er ist gesandt worden, sagst du: ja als ein
Mensch. Denn er war ja nicht nur Gottes Sohn,
sondern auch Mensch. Und meinetwegen auch
als Gott! was ists denn? so nehme man das
Wohlgefallen Gottes und verstehe das unter dem
Ausdruck, daß er gesandt worden sei. Es heißt
wohl, der Vater habe ihn dahingegeben. Aber
auch, daß er sich selbst hingegeben habe. Es
heißt wohl, der Vater habe ihn auferweckt, aber
auch, daß er sich selbst wieder erwecket habe. —
Ist dir seine Menschheit anstößig? Eben diese
war es auch den Juden. Nennst du ihn auch
etwa einen Samariter (vom übrigen will ich nichts
sagen). Glaubst du der Gottheit nicht? Das
haben ja doch nicht einmal die Teufel gethan.
Da bist du ungläubiger als die Dämonen, un⸗
sinniger als die Juden. Diese wußten wohl,
daß ihm gleiche göttliche Ehre gebühre, wenn er
Gottes Sohn sei: und die Teufel verleugneten
den Gott nicht, der sie austrieb. Freilich wirst
du ihn noch von verschiedenen Seiten sehen —
wie er getauft wird, aber auch, wie sich der Him⸗
mel über ihm aufthut. Wie er ans Kreuz kommt,
und meine Sünde mit ans Kreuz heftet, wie er
als Lamm dargebracht wird und als Priester dar⸗
bringt, wie er als Mensch begraben wird, aber
auch als Gott wieder aufersteht. Erfreue dich
nun inzwischen über seiner Geburt — falle vor
der Krippe nieder und denke, was Jesaias gesagt:
Ein Ochs kennet seinen Herrn, und ein Esel die
Krippe seines Herrn. Singe Loblieder mit den
Engeln und Erzengeln, denn ich bin überzeugt,
daß auch sie dieses Fest nach der Liebe, die sie
gegen uns tragen, mit uns im Himmel feiern.
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Ein blutdürstiges Coucil.
Wenn den Papisten unter andern Greueln des
Pabstthums vorgehalten wird, daß sie so Viele,
welche bei ihnen für Ketzer gelten, ermordet haben,
deren Blut zu Gott um Rache schreit, so suchen sie
sich den Protestanten gegenüber gewöhnlich damit
auszureden, daß sie behaupten, das Blut der
Ketzer habe nicht die päbstliche Geistlichkeit und
Kirche, sondern die weltliche Obrigkeit vergossen.
Diese Ausrede fanden wir in diesen Tagen wieder
in dem in St. Paul in Minnesota erscheinenden
„Wanderer“, einer römisch-katholischen Zeitschrift.
Ungeschaffene wird geschaffen, der nirgend einge⸗ D
arin befindet sich ein Theil eines Aufsatzes über
die Concilien, worin der Schreiber auch auf das
Costnitzer Coneilium kommt, in welchem
bekanntlich im Jahre 1415 der heilige Wahrheits⸗
zeuge Huß als ein Ketzer verdammt worden ist.
Hierüber schreibt denn der „Wanderer“ in der
Nummer vom 27. November: „Er (Huß) wurde
für einen Häretiker erklärt und dem weltlichen
Arme zur Bestrafung übergeben, wobei
nach alter Kirchensitte um Schonung seines
Lebens gebeten wurde. Nach dem weltlichen
Rechte der damaligen Zeit war aber der Abfall
vom Glauben auch ein bürgerliches Vergehen,
welches mit dem Tode und zwar mit dem Feuer⸗
tode bestraft wurde. Demgemäß wurde Huß
durch weltlichen Richterspruch zum Tode ver⸗
urtheilt und an demselben Tage auf einem!
Scheiterhaufen verbrannt.“ Die Papisten rettn!
hiermit in die Fußstapfen der Juden, welche auch,!
als ihnen Christus von Pilatus übergeben wurde.
antworteten: „Wir dürfen niemand tödten“, aber
alles thaten, damit Pilatus den HErrn für sie,
tödtete. Kaiser Sigismund, der Huß vor dem
Concil zu erscheinen geboten hatte, hatte ihm zu⸗
gleich einen kaiserlichen Geleitsbrief, durch den
ihm der kaiserliche Schutz für seine Hin- und
Nückreise zugesagt wurde, ausgestellt; aber die
blutdürstigen Pfaffen kehrten sich daran nicht,!
sondern setzten Huß sogleich gefangen. Der
Kaiser, der nicht zugegen war und dieses hört,
ließ den Pfaffen sogleich befehlen, Huß frei—
zulassen, sonst werde er das Gefängniß erbrechen!
lassen; denn der Kaiser wollte nicht als ein
Mensch dastehen, der sein Wort gebrochen habe.
Aber auch diesen Befehl befolgte man nicht, son⸗1
dern als der Kaiser nach Costnitz kam, stellte eine ö
Deputation des Coneils ihm vor, daß
man einem Ketzer sein Wort zu halten
nicht schuldig sei; worauf der Kaiser nach⸗
gab. Endlich wurde Huß nun allerdings der
weltlichen Obrigkeit zur Bestrafung übergeben,-
aber zu gleicher Zeit hielt der Bischof von Lodi
Jacobus in der Domkirche zu Costnitz vor dem
Kaiser und vor dem ganzen da verfammelten
Coneil, sowie vor dem anwesenden, auf seinen
Knieen liegenden Huß eine Predigt, bei welcher x
er die Worte Pauli zum Text genommen hatte:!
„Auf daß der sündliche Leib aufhöre“,
Röm. 6, 6., was der Bischof in seiner gottlosen
Blindheit so verstand, als ob nach Paulus der
Leib eines Ketzers vernichtet werden müsse. Am
Schiusse seiner Predigt wendete sich der Bischof da⸗
her an den Kaiser mit den Worten: „Vernichte
die Ketzereien und Irrthümer“, und,
auf Huß hinweisend, setzte er hinzu: „Und vor
allen diesen halsstarrigen Ketzer, durch
dessen Bosheit viele Orte der Welt mit der kete⸗
rischen Pestilenz angesteckt und dabei die meisten
sind verwüstet worden. Diese heilige Arbeit ist
Dir, ruhmreicher Fürst, überlassen. Dir konnnt es
mehr zu, welchem das Regiment der Gerechtigkeit
verliehen ist.) Der Leser sieht hieraus deutlich,
an der Ermordung des heiligen Huß trägt nicht'
sowohl die weltliche Obrigkeit, die ihm gern das
Wort gehalten und ihn gern geschützt hätte, als
vielmehr das blutdürstige Concil die Schulh,
welches, wie einst die jüdischen Hohenpriester den ö
—9 Die Predigt hielt der Bischof in lateinischer Sprache,
da Bischöfe aus den verschiedensten Ländern versammtll)
waren. Die oben angeführten Worte waren: „De⸗
struas hereseés et errores het præeeipue
hunce heretieum obstinatum, quo mali-
gnante plura mundi loca peste heretica sunt iu-
fecta et ejus occasione destrueta quam plurima.
Sacer hic labor tibi, princeps gloriose, relictus est.
Tibi magis incumbit, cui datus est justitia prin-
cipatus. (Rerum Concilii cum. Constantiensis
Tom. III, fol. 3.)
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