Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 26, Nummer 8 › Seite 60
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Dezember 1869, Seite 60
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Der Duthoeraner.
Sonoden, die als treu lutherisch anerkannt wur⸗
den, noch nicht alle Hindernisse aus dem Weg
geräumt, um sich mit jenem Körper zu vereinigen.
Die Missouri⸗Synode insonderheit war der Mei⸗
nung, daß freie Conferenzen nothwendig seien,
um eine noch gründlichere Uebereinstimmung im
Glauben und in der Praris zu befördern. Man
fürchtete von Seiten jenes Körpers — und, wie
die spätere Entwicklung gezeigt hat, nicht ohne
guten Grund, — daß eine so wünschenswerthe
Uebereinstimmung vorläufig noch nicht existire,
und man hoffte, daß durch die vorgeschlagenen
freien Conferenzen sehr viel würde erreicht werden,
um bestehende Hindernisse aus dem Weg zu
räumen und das nothwendige gegenseitige Ver—
trauen und Wohlwollen herzustellen zur Verwirk⸗
lichung einer wahrhaft lutherischen Vereinigung
einer und derselben kirchlichen Organisation.
Anstatt auf diesen Vorschlag einzugehen, lud das
General Council die Missouri-Synode nur ein,
die grundlegenden Sätze anzunehmen, auf Grund
welcher es sich constituirt hatte, und Delegaten zu
seinen Conventionen als berathende Glieder zu
senden. Das war wirklich sehr viel verlangt
und wurde so verstanden, daß das Council keine!
solche freie Conferenzen wünsche, wie sie vor—
geschlagen waren. Als nun die Ohio-Synode
wirklich eine Committee zur Convention in Fort
Wayne schickte und durch sie verschiedene Fragen
stellte, lehnte es das Conneil ab, auf deren Be—
sprechung einzugehen, unter dem Vorwand, solche
Lehrfragen, welche von Nicht-Gliedern vorgelegt
wären, könnten nicht ohne Verletzung seiner Con—
stitution verhandelt werden. Es wurde behauptet,
sie müßten von einer Synode kommen, welche
schoͤn ein Glied des Council sei, wenn ihre Be—
sprechung und Entscheidung formell im Einklang
mit der Coͤnstitution sein solle. Die Missouri⸗
Synode blieb bei ihrem Vorschlag freier Con-—
ferenzen, das Conneil verharrte dabei, alle aus⸗
zuschlagen, ausgenommen in Verbindung mit sei⸗
nen eigenen Conventionen. Mit demselben Recht
hätte die Missouri-Synode sagen können: Wenn
es dem Couneil gefällig ist, in Unterhandlungen
mit uns zu treten zu der Zeit und an dem Ort,
wo wir es für sie bestimmen, und auf die Weise,
welche wir beschließen, so wollen wir uns herab⸗
lassen, ihre Vorschläge anzuhören, und werden
thun, was wir wollen. Bei ihrer neulichen Ver—
sammlung erklärte die Missouri-Synode aufs Neue
ihre Willigkeit, freie Conferenzen zu halten. Aber
das Council, in Chicago versammelt, nimmt
diesen Vorschlag nicht an, noch macht es einen
an Stelle desselben, der einen neutralen Charakter
hätte. Es ist entschlossen, daß die Sache von
Anfang an eine einseitige Angelegenheit sein soll,
und daß die Missouri-Spnode oder andere Sy⸗
noden, welche wünschen mögen, sich in Verhand—
lungen einzulassen, die eine innigere Vereinigung
bezwecken, zuerst die grundlegenden Sätze des
Council annehmen oder wenigstens Delegaten
zu dessen Conventionen senden müssen, man möge
nun ihnen dort das Wort verstatten oder nicht.
Wir Nicht-Glieder können nun freilich die Ge—
rechtigkeit oder Schicklichkeit einer solchen an—
spruchsvollen Forderung nicht einsehen. Wir
sehen keinen Grund, warum wir die Decrete des
Council als die Dictate einer höheren Autorität
annehmen sollten. Wir haben aber gewißlich
Grund, zu fordern, daß die Verhandlungen zwi—
schen dem Council und den Synoden, welche
nicht mit ihm verbunden sind, mögen diese Ver—
handlungen, was ihre Form betrifft, irgend
welchen Charakter annehmen, wenigstens einen
freien und unabhängigen Charakter
tragen sollen und nicht solcher Art seien, daß das
Council Zeit, Ort und Art und Weise solcher
Conventionen decretirt, vorschreibt und dietirt.
Ehe wir sehen können, daß unser Weg zur Ver—
einigung mit dem Kirchenrath offen ist, müssen
verschiedene Fragen der Lehre und Praris gelöst
und das nothwendige Uebereinkommen beurkundet
werdeu. Es gibt jetzt offenbar solche Schranken,
welche eine harmonische Verknüpfung und Zu-⸗
sammenwirken einer Anzahl Synoden mit dem
Couneil verhindern. Wenn jener Körper diese
Schranken entfernt sehen will, muß er die Groß—
muth haben, diese Dinge mit uns zu berathen,
ohne von uns zu fordern, seine Autorität zum
Voraus anzuerkennen oder uns seinen Ent—
scheidungen zu unterwerfen oder uns auf irgend
welche Weise zu einem innigen Verhältniß zu
demselben verbindlich zu machen. Wir fordern
einfach, was recht ist, denn wenn das Council
sich weigert, auf Lehr-Fragen einzugehen, die nicht
in Verbindung stehende Synoden vorlegen, ist es
mitzlos für uns, Delegaten zu seinen Conven—
tionen zu senden. Und wenn der Kirchenrath sich
weigert, irgend welche freie Conferenzen, oder
Colloquien, oder wie man das Ding nennen will,
zu halten, es sei denn in Verbindung mit seinen
eigenen Conventionen, so lehnen wir es respect—
vollst ab, seinen Befehlen zu gehorchen, und das
noch dazu mit gutem Gewissen, weil solche Con—
ferenzen nothwendig nicht frei und unabhängig
sein würden, sondern Angelegenheiten, in welchen
das Coumcil regiert und die Uebrigen zusehen
mögen, wie es ihnen geht. Will das Council
oder die Leiter desselben in die Abhaltung wirklich
freier Conferenzen nicht einwilligen? Und wenn
nicht, was ist die Ursache?“ J. G. W.
Zur kirchlichen Chronik.
Der General Couneil in Chicago.
Darüber berichtet das „Gemeindeblatt“ der Wis—
consin-Synode Folgendes: „Am 4. November
versammelte sich der General Council der
evangelisch-lutherischen Kirche, welcher aber
bis jetzt kaum ein Drittheil derselben um—
faßt, in Chicago. Etwa 75 Pastoren und —
Laiendelegaten waren gegenwärtig. Zum Präsi⸗
denten wurde der bekannte Präsident der New
Norker-Synode, Ehrw. Krotell D.D., gewählt —
offenbar eine sehr bezeichnende Thatsache, da
gerade dieser Herr sich ausgezeichnet hat durch den
Eifer und die Entschiedenheit, mit welcher er die
im Gencral Council noch vielfach herrschende
Unionisterei vertheidigt. Unter den Beschlüssen
sind besonders zwei anzuführen. Zuerst wurde
die Herausgabe des neuen deutschen Gesangbuches
beschlossen. Das soll aus lauter unverändenen!
Liedern mit Einschluß aller Kernlieder unserer
Kirche bestehen und hier begrüßen wir mit Freu—
den einen Fortschritt, da das bisherige Pennsol—
vanische Gesangbuch ein traurig verbessertes und!
halb-rationalistisches Machwerk war, das nun
hoffentlich bald allenthalben abgeschafft wiw.
Sodann beschloß man ein Prediger-Seminar in
Chicago zu gründen. Dieser Beschluß hat uns
wirklich eben so sehr überrascht, wie die seltsame
Art und Weise, auf welche er begründet wurde.
An lutherischen Seminarien war bisher im Westen
keineswegs übergroßer Mangel. Ein englisches
in Illinois ging vor einigen Jahren aus Man⸗
gel an Unterstützung zu Grunde. Ebenso ein
zweites, welches von der Frankean-Synode be⸗
gonnen wurde. Unser eigenes Seminar haben
wir mit dem St. Louiser vereinigt, um beide da⸗
durch desto wirksamer zu machen. Wir fürchten,
das neue Seminar in Chicago, wenn es wirklich
zu Stande kommen sollte, wird trübe Erfahrun⸗
gen machen müssen, zumal der General Council
gar wenig Gemeinden und Synoden hier im
Westen zählt. Wahrhaft utopisch kommt uns die
Aufgabe vor, welche diesem Seminar gestellt wird.
Es soll dasselbe nämlich dem schreienden Mangel
an Predigern für den Westen abhelfen! Als ob
der Predigernoth durch Gründung von Semina⸗
rien geholfen werde? Ja, wenn die Anstalten alle
überfüllt wären und deshalb keine Schüler mehr
aufnehmen kömiten, ließe man sich das Mittel ge—
fallen. Zählt doch das berühmte Seminar in!
Philadehohia kaum zwei Dutzend Zöglinge mit
den 59,000 Communicanten der Pennsylvanischen
Synode und den Synoden von Pittsburg, New
Nork, Canada u. s. w. zu seiner Hülfe bereit.
Wie viel Zöglinge mag da das neue Semmar 4
erhalten? Zudem dürfte die zweite Aufgabe des-
selben noch schwerer zu realisiren sein. Diese be—
steht in nichts geringerem, als die verschiedenen
doctrinellen Standpunkte der hiesigen Synoden
zu vereinigen und eine größere Harmonie zwischen
denselben herbeizuführen. Eine schöne Aufgabe!
Nur ist uns unklar, wie ein Seminar sie losen
kann; es müßten denn alle lutherischen Pastoren?
im Westen noch einmal aufs Neue ins Seniun
geschickt werden, um dort die Weisheit und Libe⸗
ralität des Church Council zu studiren. Doch
wird wahrscheinlich aus dem ganzen Plan nicht 4
viel werden, da man zwei Dinge braucht, an denen
der Council eben keinen Ueberfluß hat: tüchtige
Lehrkräfte und zahlreiche Studenten. Ueber die
bekannten vier Punkte erfahren wir leider nur
wenig. Zwar hatte der Präsident der Minne—
sota-Synode, Past. Siecker, einige Fragen, die
sich auf diesen Gegenstand bezogen, gestellt; allein
man half sich wieder mit dem alten erprobten Mit⸗
tel. Zuerst suchte man allerlei Formfebler und
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