Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 1 › Seite 2

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-12, Seite 2

1 2 3 4 5 6 7 8

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Beichtanmeldung 8 · Gottesdienſt 3 · Luther 4 · Luther 5

⤓ Download .txt · copy text

2

Stiftskirche abgestellet werde.“ (Werke. Hall. A. XIX, 1443.) Als ferner 1530 nach dem Reichstag zu Augsburg ein scharfes Kaiserliches Edict herauskam, durch welches päbstliche Mißbräuche bestätiget werden sollten, schrieb Luther kühnlich dagegen, und setzte endlich hinzu: „Ich bin dazu berufen und gezwungen, daß ich mußte Doctor werden, ohne meinen Dank aus lauter Gehorsam; da habe ich das Doctoramt müssen annehmen und meiner allerliebsten heiligen Schrift schwören, und geloben, sie treulich und lauter zu predigen und lehren. Ueber solchem Lehren ist mir das Pabstthum in Weg gefallen und hat mir's wollen wehren . . . (Aber) ich will in Gottes Namen und Beruf auf den Löwen und Ottern gehen und den jungen Löwen und Drachen mit Füßen treten, und das soll bei meinem Leben angefangen und nach meinem Tode ausgerichtet sein.“ (Ib. 2061.) An einer andern Stelle schreibt er: „Hier sprichst du vielleicht zu mir: Warum lehrest du denn mit deinen Büchern in aller Welt, so du doch allein zu Wittenberg Prediger bist? Antwort: Ich habe es nie gerne gethan, thue es auch noch nicht gerne; ich bin aber in solch Amt erstlich gezwungen und getrieben, da ich Doctor der heiligen Schrift werden mußte, ohne meinen Dank. Da fing ich an, als ein Doctor, damals von Päbstlichem und Kaiserlichem Befehl, in einer gemeinen freien hohen Schulen, wie einem solchen Doctor nach seinem geschwornen Amte gebührt, für aller Welt die Schrift auszulegen und jedermann zu lehren, habe auch also, nachdem ich in solch Wesen gekommen bin, müssen darinnen bleiben, kann auch noch nicht mit gutem Gewissen zurück oder ablassen, ob mich gleich Pabst und Kaiser darüber verbanneten. Denn was ich habe angefangen, als ein Doctor, aus ihrem Befehl und Beruf gemacht. muß ich wahrlich bis an mein Ende bekennen und kann nun fort nicht schweigen und aufhören. Wiewohl, wenn ich schon kein solcher Doctor wäre, so bin ich dennoch ein berufener Prediger, und habe die Meinen wohl mögen mit Schriften lehren. Ob nun andere mehr solche meine Schriften auch begehret und mich darum gebeten haben, so bin ich es schuldig gewesen zu thun; denn ich mich damit nirgend selbst eingedrungen, noch von jemand begehret oder gebeten, dieselbigen zu lesen.“*) (Ib. V, 1062. 63.) Endlich schreibt Luther: „Ich habe es oft gesagt und sage es noch, ich wollte nicht der Welt Gut nehmen für mein Doctorat, denn ich müßte wahrlich zuletzt verzagen und verzweifeln in der großen schweren Sach, so auf mir liegt, wo ich sie als ein Schleicher hätte ohne Beruf und Befehl angefangen, aber nun muß Gott und alle Welt mir zeugen, daß ich's in meinem Doctorat und Predigtamt öffentlich habe angefangen und bis daher geführet mit Gottes Gnade und Hülfe.“ (Ib. XX, 2080.)

*) In der angezogenen Stelle fährt Luther fort: „Gleichwie andere fromme Pfarrherren und Prediger mehr Bücher schreiben, und niemand wehren noch treiben zu lesen, und damit auch in aller Welt lehren und berufen, und schleichen doch nicht, wie die losen unberufenen Buben, in fremde Aemter, ohne Wissen und Willen der Pfarrherren, sondern haben ein gewiß Amt und Befehl, der sie treibet und zwinget.“ Möchten hierdurch die lieben Brüder im Amte sich erweckt fühlen, wenn ihnen Gott Gaben gegeben hat, auch mit Schreiben der Kirche zu dienen, damit treulich auch zu Nutz unseres „Lutheraner“ zu wuchern!

Hätte jedoch Luther keinen andern und höheren Beruf gehabt, als den gewöhnlichen Beruf zum Dienst der Kirche als Prediger und Doctor der heiligen Schrift, so hätte er freilich wohl das Recht gehabt, die im Schwange gehenden Irrthümer öffentlich zu strafen, aber würde er darum die Fähigkeit besessen haben, ein so großes Werk, wie die Reformation war, durchzusetzen? Gewiß nicht. Luther war aber zur Ausführung dieses Werkes auch außerordentlich von Gott berufen und ausersehen; denn dies sehen wir eben theils aus den dazu nöthigen außerordentlichen Gaben, womit Gott ihn ausgerüstet hatte, theils aus dem, alle Menschengedanken weit übersteigenden herrlichen Erfolg, mit welchem endlich alles, was er im Namen des HErrn unternahm, gekrönt war.

Derjenige, durch welchen eine wahre Reformation zu Stande kommen sollte, mußte natürlich sowohl eine tiefe Einsicht in das eingerissene Verderben, als auch eine lebendige, mehr als gewöhnliche Erkenntniß der seligmachenden Lehre, eine durchdringende Beredsamkeit, eine umfassende Kenntniß der heiligen Ursprachen, den heldenmüthigsten Glauben und die ausgezeichnetste Selbstverleugnung besitzen. Dies alles aber treffen wir bei Luther zusammen an. Gott fügte es erstlich, daß er sich mit seinen eigenen Augen und Ohren von allen Arten des damals herrschenden Verderbens überzeugen mußte. Er mußte daher nicht nur auf niederen und hohen Schulen gebildet werden, damit er hier die Blindheit der höchsten Wächter über die Kirchenlehre beobachtete; er mußte auch selbst erst lange Zeit in den Schlupfwinkeln der Mönche zubringen, damit er hier sehe, wie der scheußlichste Sündendienst in das Gewand der Werkheiligkeit verhüllt sei, und damit man, wie er selbst sagt, nicht wider ihn zu „prangen hätte, als der unbekannte Dinge verdamme“. Er mußte durch Gottes Fügung auch von seinen Klosterbrüdern durch ganz Deutschland und Italien bis nach Rom an die Stufen des päbstlichen Thrones gesendet werden, damit er hier selbst sehe, daß alles vom Pabst und seinen Cardinälen bis zu dem geringsten Priester herab voll von Heuchelei, Lug, Trug, Religionsspötterei und den unfläthigsten Sünden sei. Bei allen diesen Erfahrungen von dem tiefsten Verfall der Kirche brachte aber Gott Luthern auch zur Erkenntniß seines eigenen Verderbens und seiner eigenen Noth, erweckte in ihm ein heftiges Verlangen nach Befreiung aus der päbstlichen Finsterniß und nach der rechten Lehre vom Wege zur Seligkeit, ließ ihn endlich das heilige Bibelbuch finden und nach den schwersten Anfechtungen und Aengsten des Herzens und Gewissens die göttliche Kraft des Evangeliums selbst kräftig empfinden und erfahren, sein Herz zu trösten, zu erquicken, zu stärken, zu reinigen und zu heiligen, mit einem Worte, ihn selig zu machen; damit er mit David sagen konnte: „Ich glaube, darum rede ich“, das heißt, was ich predige, habe ich selbst erfahren. Gott reformirte also zuerst Luthers eignes Herz gründlich, ehe er ihn zum Werkzeug der Kirchenreformation gebrauchte. Gott erleuchtete ihn aber auch so, daß er nach dem einstimmigen Zeugniß aller der nach ihm aufgetretenen Gottesgelehrten, selbst eines Zwingli und Calvin, die heilige Schrift so gründlich verstand und dieses Schwert des Geistes so zu führen wußte, wie kein Kirchenlehrer vor und nach ihm, auch einen Augustinus und andere hochgelehrte Kirchenväter nicht ausgenommen. Zwingli schrieb einst: „Luther ist ein so trefflicher Streiter Gottes, als in tausend Jahren auf Erden nimmer gewesen ist.“ Calvin schreibt: „Das, bitte ich, wollet ihr bedenken, was für ein großer Mann Luther sei und durch was für große Gaben er sich auszeichne, mit welcher Geschicklichkeit und durchdringenden Kraft zu lehren er bisher das Reich des Antichrists zu stürzen und zugleich die Lehre des Heils zu verbreiten beflissen gewesen ist. Ich pflege oft zu sagen: wenn er mich auch einen Teufel nennete, so würde ich ihm doch so viel Ehre erweisen, ihn als einen ausgezeichneten Knecht Gottes anzuerkennen.“ Selbst ein von den Papisten für den größten Gelehrten seiner Zeit angesehener Mann, Namens Erasmus, hat bekannt: „Einen richtigeren Schriftausleger unter allen, von denen Schriften nach den Aposteln da sind, gibt es nicht, als Luthern. Er ist so groß, daß ich durch das Lesen Einer Seite von ihm mehr lerne, als aus dem ganzen Thomas.“ Der selige berühmte würtembergische Theolog Brentius schreibt: „Luther allein lebt in seinen Schriften, wir alle sind im Vergleich mit ihm, wie ein todter Buchstabe.“ Der große Niederländische Sprachgelehrte Masius hat bekannt: „Auf Einem Blatte der Schriften Luthers ist mehr gründliche Theologie, als oft in einem ganzen Buche eines Kirchenvaters.“ Zu dieser ausgezeichneten Erkenntniß der Lehre des Heils und Gabe, dieselbe vorzutragen und zu vertheidigen, kam nun bei Luthern auch noch eine überaus gründliche Kenntniß der alten Sprachen, so daß er im Stande war, die Bibel in die deutsche Volkssprache so herrlich, so deutlich und so fließend zu übersetzen, daß der Einfältigste das Wort Gottes lesen und verstehen, und der Gelehrteste schon darin mehr finden kann, als in vielen hundert weitläufigen Commentaren (Auslegungen). Nehmen wir nun hierzu noch den kleinen Katechismus Lutheri, so müssen wir sagen, wenn Luther sonst nichts vollbracht hätte, als die Bibelübersetzung und den kleinen Katechismus, so müßte er schon als der einflußreichste, von Gott selbst bestätigte Reformator aller Zeiten angesehen werden, denn der Einfluß dieser beiden Werke auf die Umwandlung der ganzen Christenheit ist völlig unberechenbar.

Doch Gott hat Luthern noch mehr Siegel aufgedrückt, daß er ihn selbst zum Reformator seiner Kirche auserwählt und außerordentlicher Weise berufen hatte, und dahin gehört insonderheit noch der beispiellose Heldenglaube, verbunden mit der ausgezeichnetsten Selbstverleugnung, welchen Gott ihm geschenkt hatte. Ein Schwachgläubiger und Furchtsamer hätte ja offenbar nicht zu einem Reformator getaugt; ein Reformator mußte alle

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

2

collegiate church may be abolished." (Works, Halle ed., XIX, 1443.) Again, when in 1530, after the Diet at Augsburg, a sharp imperial edict came out by which papal abuses were to be confirmed, Luther wrote boldly against it, and at last added: "I am called and compelled to this, that I had to become a Doctor, against my thanks, out of sheer obedience; there I had to accept the doctorate and swear to my most beloved Holy Scripture, and vow to preach and teach it faithfully and purely. Over such teaching the Papacy has fallen in my way and has wanted to hinder me . . . (But) I will in God's name and call go upon the lion and adder, and tread the young lion and dragon under my feet, and this shall be begun in my lifetime and carried out after my death." (Ib. 2061.) In another place he writes: "Here perhaps thou sayest to me: Why, then, dost thou teach with thy books in all the world, when thou art only preacher at Wittenberg? Answer: I never did it gladly, nor do I yet do it gladly; but I was in such an office first compelled and driven, when I had to become Doctor of Holy Scripture, against my thanks. Then I began, as a Doctor, by papal and imperial command, in a common free high school, as it behooves such a Doctor according to his sworn office, to expound the Scripture before all the world and to teach everyone, and have also thus, having come into such a business, had to remain therein, and cannot yet with a good conscience go back or desist, though pope and emperor should ban me for it. For what I have begun as a Doctor, made out of their command and call, I must truly confess to my end, and can now no longer keep silence and cease. Nevertheless, even if I were no such Doctor, I am yet a called preacher, and have well been permitted to teach mine own with writings. And if now others, too, have desired such writings of mine and have asked me for them, I was bound to do it; for I have nowhere thrust myself in with them, nor been desired or asked by anyone to read the same."*) (Ib. V, 1062. 63.) Finally Luther writes: "I have often said, and say it still, I would not take the world's goods for my doctorate, for I should truly at last despair and be in despondency in the great, heavy cause that lies upon me, if I had begun it as a sneak without call and command; but now God and all the world must testify for me that I began it publicly in my doctorate and office of preaching, and have carried it on until now by God's grace and help." (Ib. XX, 2080.)

*) In the passage cited Luther continues: "Just as other pious pastors and preachers write more books, and hinder no one nor drive anyone to read, and thereby also teach and call in all the world, and yet do not sneak, like the loose, uncalled knaves, into other men's offices, without the knowledge and will of the pastors, but have a sure office and command that drives and constrains them." May the dear brethren in the office feel themselves aroused hereby, if God has given them gifts, to serve the Church also with writing, so as to trade faithfully, also to the profit of our "Lutheraner,"!

Yet had Luther had no other and higher call than the ordinary call to the service of the Church as preacher and Doctor of Holy Scripture, he would indeed have had the right to rebuke publicly the errors then in vogue; but would he on that account have possessed the capacity to carry through so great a work as the Reformation was? Certainly not. But Luther was also called and chosen by God in an extraordinary manner to carry out this work; for this we see, partly from the extraordinary gifts needed for it, with which God had equipped him, partly from the glorious success, far surpassing all human thought, with which at last everything he undertook in the name of the LORD was crowned.

He through whom a true Reformation was to be accomplished must naturally possess both a deep insight into the corruption that had broken in, and also a living, more than ordinary knowledge of the saving doctrine, a penetrating eloquence, a comprehensive knowledge of the holy original languages, the most heroic faith, and the most distinguished self-denial. All this, however, we find met together in Luther. God ordained it, first, that he must convince himself with his own eyes and ears of all kinds of the corruption then prevailing. He had to be trained, therefore, not only in lower and higher schools, that here he might observe the blindness of the highest watchmen over the doctrine of the Church; he had also himself to spend a long time in the lurking-places of the monks, that here he might see how the most abominable service of sin was veiled in the garment of work-righteousness, and that, as he himself says, no one should have to brag against him as one who condemned unknown things. He had to be sent, by God's ordering, also by his brethren of the cloister through all Germany and Italy to Rome, to the steps of the papal throne, that here he might himself see that everything, from the Pope and his cardinals down to the lowest priest, was full of hypocrisy, lying, deceit, mockery of religion, and the most filthy sins. Amid all these experiences of the deepest decay of the Church, however, God brought Luther also to the knowledge of his own corruption and his own need, awakened in him a vehement longing for deliverance from the papal darkness and for the right doctrine of the way to salvation, let him at last find the holy Bible, and, after the severest temptations and anguish of heart and conscience, powerfully feel and experience the divine power of the Gospel itself, to comfort, to refresh, to strengthen, to cleanse, and to sanctify his heart, in a word, to make him blessed; so that he could say with David: "I believed, therefore have I spoken," that is, what I preach I have myself experienced. God, then, first reformed Luther's own heart thoroughly, before He used him as the instrument of the Church Reformation. But God also enlightened him so that, according to the unanimous testimony of all the divines who have arisen after him, even of a Zwingli and a Calvin, he understood Holy Scripture so thoroughly and knew so well how to wield this sword of the Spirit as no teacher of the Church before or after him, not excepting even an Augustine and other highly learned Church Fathers. Zwingli once wrote: "Luther is so excellent a warrior of God as there has never been on earth in a thousand years." Calvin writes: "This, I pray, will ye consider, what a great man Luther is, and by what great gifts he is distinguished, with what skill and penetrating power of teaching he has hitherto been diligent to overthrow the kingdom of Antichrist and at the same time to spread the doctrine of salvation. I am wont often to say: though he should even call me a devil, I would yet show him so much honor as to acknowledge him as an eminent servant of God." Even a man regarded by the Papists as the greatest scholar of his time, Erasmus by name, has confessed: "A more correct expounder of Scripture, among all of whose writings are extant since the apostles, there is none than Luther. He is so great that by reading one page of him I learn more than from the whole Thomas." The blessed, renowned Württemberg theologian Brentius writes: "Luther alone lives in his writings; we all are, in comparison with him, like a dead letter." The great Netherlandish philologist Masius has confessed: "On one leaf of the writings of Luther there is more thorough theology than often in a whole book of a Church Father." To this distinguished knowledge of the doctrine of salvation, and gift of presenting and defending it, there came in Luther also an exceedingly thorough knowledge of the ancient languages, so that he was able to translate the Bible into the German vernacular so gloriously, so plainly, and so fluently that the simplest can read and understand the Word of God, and the most learned can find more in it already than in many hundred prolix commentaries (expositions). If we take now, in addition, the small Catechism of Luther, we must say that if Luther had accomplished nothing else than the translation of the Bible and the small Catechism, he would already have to be regarded as the most influential Reformer of all times, confirmed by God Himself, for the influence of these two works on the transformation of all Christendom is altogether incalculable.

Yet God has impressed upon Luther still more seals that He had chosen him as the Reformer of His Church and called him in an extraordinary manner, and to this belongs especially the unexampled heroic faith, joined with the most distinguished self-denial, which God had given him. A weak-faithed and timorous man would plainly not have been fit for a Reformer; a Reformer had to