Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 65, Nummer 8 › Seite 122
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 20. April 1909, Seite 122
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Unzucht
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Prediger hundertmal, daß er Gottes Wort nicht so predigen kann,
wie es gepredigt werden sollte, nicht so einfach und eindringlich,
nicht so herzlich und mächtig. Luther sagt, er habe sich oft, wenn
er von der Kanzel gekommen sei, angespieen: „Pfui, wie hast du
gepredigt!“ Aber wenn auch mit Engelzungen gepredigt wird, es
ist doch umsonst, wo die offenen Ohren fehlen. Jes. 50, 4 heißt
es: „Gott weckt mir das Ohr, daß ich höre wie ein Jünger.“
Man kann Gottes Wort hören mit einem toten, unerweckten Her⸗
zen, an dem es abläuft wie das Wasser am Stein; man kann es
hören als ein „Sachverständiger“, der eine tüchtige „Leistung“,
einen geistigen Genuß haben will; man kann es hören als ein
Kritikaster, der immer etwas auszusetzen hat; man kann es aber
auch hören als ein „Jünger“, der Gottes Angesicht und Herz sucht
im Gottesdienst. „HErr, zeige mir deinen Weg, daß ich wandle
in deiner Wahrheit; erquicke mich durch dein Wort!“ das ist sein
sehnliches Verlangen. Und wer mit solchem Verlangen sich an
seine Bibel setzt oder ins Gotteshaus kommt, der wird auch inuner
etwas finden, was sein Herz bewegt in der Predigt, in der Schrift⸗
verlesung, im Gebet oder im Lied. „Die Hungrigen füllet er
mit Gütern und läßt die Reichen leer“, Luk. 1, 53.
Meine Krütken.
In einer Ecke meiner Stube, so erzählt eine Christin, vbon
den Gardinen versteckt, stehen meine Krücken. Schon seit Jahren
brauche ich sie nicht mehr; aber ich kann mich nicht entschließen, sie
auf den Boden schaffen zu lassen. Gott kann auch durch ein Paar
hölzerne Krücken zu dem verzagten, kleinmütigen Menschenherzen
reden. Mir wenigstens haben meine Krücken schon viel gesagt.
Ein ganzes Stück ernster Vergangenheit tritt mir vor Augen, so⸗
bald ich sie nur ansehe. So genau weiß ich noch, wie sie nir ge⸗
bracht wurden, wie ich sie zum erstenmal zitternd probierte: die
langen, langen Wochen, bis dann der erste Schritt gelernt war,
bis die Bewegungsfähigkeit so weit zunahm, daß dem ersten ein
zweiter, dem zweiten ein dritter folgen konnte; wie sie dann wieder
für Monate, ja halbe Jahre beiseite gestellt wurden; wie dann
die ganze mühselige Arbeit wieder von vorn angefangen werden
mußte — ach, und wie ich in all diesem Kampf, in all dieser Not
Gottes starke, treue Arme um mich fühlte und so Unaussprechliches
erlebte von seiner Macht zu heben, zu stützen, zu tragen!
Man sollte meinen, das ließe sich nie wieder vergessen, das
müßte fürs ganze Leben Kraft und Mut geben. Aber mit tiefer
Beschämung muß ich es bekennen, daß schon jetzt — wenige Jahre
später — Augenblicke, Stunden, Tage kommen, wo ich es ver⸗
gesse, wo ich müde werde durch den täglichen Kampf wider Schwäche
und Schmerz. Da habe ich denn ein Mittel gefunden, das inmmer
hilft. Ich stehe leise auf und gehe in die Ecke, wo meine Krücken
stehen, und sehe sie mir recht genau an, streichle sie mit der Hand,.
probiere auch wohl mal, ob sie noch passen. Und da ist's doch
jedesmal, als riefen sie mir laut und vernehmlich zu: „Lobe den
SErrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes ge⸗
tan hat!“
Ach, nimm das arme Lob auf Erden,
Mein Gott, in allen Gnaden hin!
Im Himmel soll es besser werden,
Wenn ich ein schöner Engel bin;
Da sing' ich dir im höhern Chor
Viel tausend Halleluja vor.
Harre des HErrn!
Der Prediger Krummacher besuchte einmal eine Kranke, die
in sehr gedrücktem und beängstigtem Seelenzustand und aufrichtig
darüber bekümmert war, ob sie bei Gott in Gnaden sei. Krum⸗
macher sprach ihr tröstend zu und wies sie auf die Verheißungen
des HErrn, der die Mühseligen und Veladenen zu sich gerufen und
Aber kein Trostwort fand z
Da steht er auf, tritt an das Fenster
und guckt durch die Scheiben in den Garten hinaus, der in Schnee
den Sündern Vergebung gebracht habe.
Eingang zu ihrem Herzen.
begraben lag; die Sträucher standen blätterlos und die kahlen 3
Zweige der Obstbäume zitterten im Nordwinde. Der Pastor
schwieg eine Weile, dann begann er: „Ei, was für schlechte Bäume ö
„Warum?“ fragte die Kranke.
„Nun“, fährt Krummacher fort, „sie sind so nackt und dürr, strecken
habt Ihr in Eurem Garten!“
die Aste und Zweige wie Besenreiser in die Höhe! Kein Blatt
daran, kein Apfel, keine Pflaume! Warum laßt Ihr sie nicht
ausroden?“
Es ist ja Winter! Wenn der Frühling kommt, werden sie wieder“
ausschlagen, und im Herbst kommen die Früchte. Die Bäume
sind doch nicht schlecht.“
mit Euch selbst nicht. Auch in Eurem Herzen ist jetzt nicht Blatt 3
noch Frucht; es ist Winter darin. Aber glaubt Ihr nicht, daß der
treue Gott, der nach dem Winter draußen den Frühling an⸗
brechen läßt, auch in Eurem Herzen einen Frühling schaffen kann
und neues Leben? Habt Ihr zu Gott kein Vertrauen mehr? Hat 1
er je seine Kinder, die zu ihm um Hilfe rufen, im Winter elend,
verkommen lassen?“ Die Frau schwieg beschämt; dann sagte sie:
„Sie haben recht, lieber Herr Pastor, Sie haben recht. Ich war 5
kleinmütig; ich will warten, getrost warten; der Frühling wird
wiederkommen!“ Und das Dunkel war verscheucht und die Trau⸗
rigkeit gelichtet. — Nur warten, im Glauben warten!
Wenn die Stunden sich gefunden,
Bricht die Hilf' mit Macht herein!
Wieviel ein einzelner Arbeiter für seine Kirche
tun kann.
Im Jahre 1858 wanderte ein junger lutherischer Tuchmacher—
geselle in die Stadt Forsta in Deutschland ein, um dort Arbeit zu
suchen.
suchte, eine lutherische Kirche. Die Leute waren dort alle uniert,
und zu deren Kirche konnte und wollte er sich nicht halten. End⸗
lich fand er eine lutherische Familie, mit der zusammen er Sonn⸗ 3
tags regelmäßig eine lutherische Predigt las. Mit der Zeit fand
er noch mehr, die sich auch zu den Lesegottesdiensten einstellten,
und diese bewog er, mit ihm zum lutherischen Gottesdienst in Cott⸗
bus zu fahren und den Pastor zu bitten, sie in Forsta zu bedienen
mit lutherischer Predigt und unverfälschtem Sakrament. Jetzt!
besteht da eine blühende Gemeinde, und die Jünglinge dieser Ge⸗1
meinde haben es sich besonders zur Aufgabe gemacht, die einwan⸗
dernden lutherischen Gesellen in ihre lutherische Kirche zu führen.
Was dort geschah, ist auch schon oft in ähnlicher Weise hier
in Amerika geschehen. Aber wie viel mehr könnte das geschehen,
und wie viele könnten der lutherischen Kirche erhalten bleiben,!
wenn alle Lutheraner es als ihre heilige Pflicht erkennen würden‚.
fest und treu bei ihrer lutherischen Kirche zu bleiben und zu tun, .
was in ihren Kräften steht, daß lutherische Gemeinden gegründet
werden und gedeihen.
„Irret euch nicht; Gott läßt sich nicht spotten!“
Wie oft ist dies alte Gotteswort schon handgreiflich und ent⸗
setzlich bestätigt worden durch Beispiele in alter und neuer, auch!
allerneuester Zeit! In langer schrecklicher Reihe stehen sie vor
unsern Augen da. Es wird wenig Christen geben, die nicht manche
gewaltige Strafgerichte Gottes selbst erlebt haben, die ihnen un⸗
„Aber, Herr Pastor, wie können Sie so sprechen!
Krummacher sah die Frau ernst an und 3 1
sprach: „Mit den Bäumen wißt Ihr Bescheid, liebe Frau, aber 4
Diese fand er auch bald, nicht aber, was er sonst noch! ö
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