Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 66, Nummer 7 › Seite 109

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. April 1910, Seite 109

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Vater Unſer. —5. Bitte 8 · Anhang · Sozialismus 4

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4 lönnen sich nicht vertragen, schließen sich geradezu aus.
1 Sozialismus bekommt erst Sinn, wenn er sich als gottesleug⸗
nerisch hinstellt, wenn er erklärt, wir brauchen die sogenannte—

109

Auslassung der sozialdemokratischen „New Yorker Volkszeitung“
zeigen. Das Blatt schreibt: „Sozialismus und Gottesglauben,

wie er von dem Christenglauben gelehrt wird, vertragen sich nicht,
Der

Hilfe Gottes nicht, weil wir imstande sind, uns selbst zu helfen.
Erst der Mensch. der nicht mehr glaubt, fängt an zu fühlen, daß
er etwas kann. Der Arbeiter, der sich auf seinen Gott verläßt
und der in seinem Gemüt annimmt, daß alles, was Gott tut,
wohlgetan ist — wie kann dieser Arbeiter revolutionäre Kraft

entwickeln, um die nach seinemtchristlichen Glauben von Gott ein⸗

gesetzte Obrigkeit und von Gott gutgeheißene Gesellschaftsordnung
umzustürzen? Solange er glaubt, wird er eine wahrhaft revo⸗

lutionäre Auffassung der Dinge nicht haben können.“ — Es gibt

Christen, auch in unsern Kreisen, denen manche Vorschläge der
„Sozialisten für das bürgerliche und politische Leben gut erscheinen.
die sie etwa auch annehmen möchten. Von der Schriftwidrigkeit
und Gottlosigkeit des Sozialismnus wollen sie natürlich nichts
wissen, sondern wollen sich fern davon halten und Christen bleiben.
Solche täuschen sich selbst. Die sozialistische Bewegung ist so aus⸗
gesprochen unchristlich und widerchristlich, daß nicht etwa die paar
Christen die Bewegung reformieren und bessern werden, sondern
vieltehr die große Gefahr besteht, daß die Christen durch den
Sozialismus um ihr Christentum gebracht werden. Unsere christ—
lichen Arbeiter, die oft in den Fabriken mit Sozialisten zusammen
arbeiten müssen, wollen ja diese Gefahr erkennen und sich vor
ihr hüten! L. F.

Vom Trutzen.

Meinungsverschiedenheiten gibt es in jeder Ehe, und sie sind
auch nicht weiter gefährlich, wenn man sie rasch so oder so beilegt.
Schlimmer und für den Ehefrieden bedenklicher wird die Sache,
wenn ernstere gegenseitige Verstimmungen eintreten. Diese können
derschiedene Ursachen haben. Vielleicht liegt irgendeine dringende
häusliche, gesellige, finanzielle Frage vor, über die man sich nicht
einigen kann. Jedes erklärt: „Nein, weißt du, so sehr ich sonst
immer zum Nachgeben bereit bin, und du selbst wirst mir dieses
Zeugnis nicht versagen können, so entschieden muß ich diesmal auf
meiner Meinung bestehen, weil das, was du willst, in diesem Fall
wirklich mein Verderben wäre.“ Schließlich wird abgebrochen,
eins oder das andere greift zu und setzt seine Meinung durch, und
die Verstimmung ist da. Ein andermal ist es vielleicht ein un⸗
bedachtes, taktloses Scherzwort, eine nicht böse gemeinte, aber doch
berletzende Anspielung, das Unterlassen einer erwarteten Aufmerk⸗
samkeit auf der einen, Empfindlichkeit und übelnehmen auf der
andern Seite, was in den Ehefrieden hineinfällt wie ein Frost in
die Frühlingsnacht. Solche Verstimmungen können dann eine
doppelte Gestalt annehmen. Entweder sie entladen sich in Klage
und Anklage, in spitzer Rede und Gegenrede, vielleicht gar in bit⸗
teren Worten, die herüber⸗ und hinüberfliegen, oder sie verur⸗
sachen jene stille, schwüle, unbehagliche Spannung, die wir mit
dem Wort „trutzen“ bezeichnen. Das ist ein ganz merkwürdiger
Zustand, dessen Durchführung gerade in der Ehe ganz besonders
schwierig ist und erhebliche Anstrengungen kostet. Wenn zwei
Nachbarn, zwei Freunde miteinander trutzen, so haben sie es ein⸗
facher und leichter: sie weichen einfach einander aus. kommen
nicht zusammen, grüßen flüchtig oder sehen ganz beiseite, wenn
sie einander begegnen. So bequem haben es trutzende Eheleute
nicht. Sie können nicht ausweichen, sie müssen beisammen sein
von Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen;
sie erleben täglich, stündlich Dinge, die sie gemeinsam angehen,
gemeinfam interessieren. noch mehr: sie fühlen es, wie sie sich
innerlich nahestehen, sie enmpfinden die Torheit ihres Trutzens, den

Widerspruch zwischen ihrer innerlichen Zusammengehörigkeit und
der jetzt eben aufgerichteten künstlichen Scheidewand, eins wie das
andere sehnt sich heraus aus diesem Widerspruch, jedes wartet
auf die Erlösung aus diesem unnatürlichen Zustand durch ein
Wörtlein, das aus dem Mund des andern gehen soll — und da—
bei soll man ruhig weiter trutzen, nichts oder nur das Allernötigste
reden, auch in sein Gesicht den entsprechenden Ausdruck legen, der
zwischen Ingrimm und Trauer die Mitte hält, und soll sich bei
dem allem noch den Anschein geben, als befände man sich bei
dieser Schauspielerei vollkommen wohl und hätte gar kein Interesse
daran, ihr ein Ende zu machen — im Gegenteil!

In Amerika, wo ja überhaupt sich alles in großen Verhält⸗
nissen und nach Riesennaßstäben abtvickelt, soll auch in Trutzen
das Größte geleistet worden sein, und zwar von einer Frau, die
vor etwa zehn Jahren starb, nachdem sie lange Jahre hindurch
kein Wort mehr mit den Ihrigen geredet und ihnen das wenige,
was sie wissen mußten, schriftlich mitgeteilt hatte. Warum? Weil
ihr Mann eines Tages, als sie ihm fortwährend widersprach, ihr
im Zorn zurief: „Sei doch endlich einmal still! Wenn ich nur
deine Stimme nicht mehr hören müßte!“ „Gut“, sagte die Frau,
„du hörst in diesem Augenblick meine Stimme zum letztenmal.“
Und sie führte es durch. Wieviel besser ist, was Fischart der Frau
rät für den Fall, daß der Mann unangenehm wird:

Daß sie ihn nicht lang' soll maulen lassen,
Sondern durch die linde Weis' und Maßen
Und durch holdselig, freundlich Gespräch

Beizeiten dem Manne den Mund aufbrech'.

„Lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen!“
mahnt der Apostel, und diese Mahnung sollten Eheleute ganz be⸗
sonders beherzigen und befolgen, einerlei ob es sich um ein Zörn⸗
lein oder einen Zorn, um eine große oder kleine, um eine laute
oder eine stille, schweigende Verstimmung handelt. — Vor Son⸗
nenuntergang! Christliche Eheleute wollen doch den Tag gemein⸗
sam mit Gottes Wort und Gebet beschließen — wie können sie
das, wenn Streit und Bitterkeit in ihren Herzen wohnt? Wie
können sie in solcher Stimmung mit gutem Gewissen gemeinsam
vor Gott treten? Wie können sie die fünfte Bitte des Vater⸗
unsers beten? Vor Sonnenuntergang! Bis der Tag und das
Tagewerk abgeschlossen wird, sollte auch dieser Handel im reinen
sein. Was man über Nacht hängen läßt, das setzt sich so leicht
dauerhaft im Herzen fest, und die Beseitigung wird immer schwie⸗
riger. Vor Sonnenuntergang! Niemand weiß, ob nicht die jetzt
heraufziehende Nacht für eins der beiden Eheleute die letzte sein,
ob sie nicht zur Todesnacht werden wird.

Wahrlich, wo so Großes und Heiliges auf dem Spiel steht,
da sollte bei christlichen Eheleuten die Frage, wer zuerst das un⸗
heimliche Schweigen brechen, zuerst nach verschiedenen scharfen,
spitzigen, bitteren Worten wiedeér ein Wort des Friedens und der
Versöhnung sprechen solle, gar kein Gegenstand der Erwägung mehr
sein. Insonderheit der Mann sollte es als Ehrensache betrachten,
seine Stellung als Hanpt der Familie dadurch zu wahren, daß er
die Wiederherstellung des gestörten Friedens in seine hausväter⸗
liche Hand nimmt, um sich als den Stärkeren dadurch zu beweisen,
daß er zuerst die Kraft findet, den Bann der Verstimmung zu
brechen. Die Frage, wer die Hauptschuld an der Verstimmung
trage und deshalb auch zuerst un Entschuldigung bitten müsse,
kommt hier gar nicht in Betracht. Schuld ist Schuld, ein bißchen
weniger oder mehr fällt dabei nicht ins Gewicht, am wenigsten
bei Eheleuten, die nicht bloß sagen sollen: Dein Gott ist mein
Gott, dein Haus mein Haus, deine Freude meine Freude, dein
Leid mein Leid, sondern auch: deine Schuld meine Schuld. Da
gilt kein rechnendes Abwägen: so viel Schuld bei mir, so viel bei
dir; da gilt, vorausgesetzt, daß man in der richtigen inneren Ein⸗
heit steht, bloß der eine Grundsatz, daß jedes die ganze Schuld auf
sich nimmit. Der alte Sekretär Gundert schrieb einst seinen jung

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