Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 6 › Seite 85
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. März 1912, Seite 85
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Meer, und die Wasser-
brunnen. Ossb. Joh. 14, 6.7
Herausgegeben von der Deutschen Evangelisch⸗Lutherischen Synode von Missouri, Ohio u. a. Staaten.
Redigiert von dem Lehrerkolleginm des theologischen Seminars in St. Louis.
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——.—
Nx. 6.
68. Jahrgang.
St. Louis, Mo., den 19. März 1912.
Zum Gründonnerstag.
Der Text steht zu gewaltig da. Luther.
Wir gedenken am Gründonnerstag der Einsetzung des
heiligen Abendmahls. Da hat er „ein Gedächtnis gestiftet
seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HErr“. Er teilt
das gesegnete Brot und den gesegneten Wein aus und sagt
dazu: er gebe seinen Leib, der für uns gegeben, und sein
Blut, das für uns vergossen wird. Und uns gebietet er, solches
zu tun, dies sein Sakrament zu feiern; und zwar, wie der
Apostel Paulus sagt, soll das geschehen, „bis daß er kommt“,
bis der HErr wiederkommt. Davon fingen wir:
Für solch dein tröstlich Abendmahl,
HErr Christ, sei hoch gelobet!
Wir stärken und erquicken uns daran im Leben und im
Sterben. Wir suchen seines vollen Segens teilhaftig zu werden.
Diese hohe Wichtigkeit und diesen hohen Trost hat das hei⸗
lige Abendmahl aber nur um der Gabe willen, die da ausgeteilt
wird: Christi Leib und Blut. Das sagt ja Christus deutlich
genug, daß er das uns im Abendmahl darreiche; und seinent
Worte glauben wir. Nun ist aber bekannt, daß die lutherische
Kirche mit diesem einfältigen Glauben allein steht. Mancherlei
Schwärmer haben auf die verschiedenste Weise versucht, diese
Worte zu verdrehen, daß sie das nicht heißen sollen, was sie
doch so deutlich sagen. Das haben sie ihrer Vernunft zuliebe
getan, die das tiefe Geheimnis nicht fassen kann. Auch die
Vernunft lutherischer Christen kann sich darein nicht finden.
Für sie erheben sich auch allerlei Bedenken und Schwierigkeiten.
Luther selbst bekennt von sich, daß seine Vernunft sich sehr an
den Worten vom Sakrament stoße; ja er habe Zeiten gehabt,
wo er sich gefreut haben würde, wenn jemand ihm bewiesen
hätte, daß Zwingli und seinesgleichen recht hätten. „Aber“,
sagt er, „mein Gewissen ist gefangen in dem klaren Wort und
kann nicht heraus. Der Text steht zu gewaltig da und will
sich mit Worten nicht lassen aus dem Sinn tun.“ Ja, das ist
das einzige Heilmittel gegen die Bedenken und Einwürfe der
Vernunft: der Text. Der Text, das Wort, ist Gottes Wort,
ist Christi eigene Rede. In Gottes Sachen hat eben nur Gottes
Wort zu sagen.
Vernunft darf hier nichts sagen,
Sie sei auch noch so klug.
Wer Fleisch und Blut will fragen,
Der fällt in Selbstbetrug.
Ich folg' in Glaubenslehren
Der Heil'den Schrift allein;
Was diese mich läßt hören,
Muß unbeweglich sein.
Die einzige Frage kann da nur sein: Was sagt der Text,
und sagt er das klar und unmißverständlich? Ja, die Worte
geben den klaren Sinn, wie sie lauten, daß Christus uns da
seinen Leib und sein Blut gibt. Und wenn das der allmächtige,
allweise und wahrhaftige Sohn Gottes sagt, dann ist damit die
Sache abgemacht, und da kann es nur heißen den Worten
glauben oder nicht glauben. Die Bedenken der Vernunft: „Wie
mag solches zugehen?“ daß das ja eine schwere Sache sei, daß
Christi menschlicher Leib zugleich an vielen Stellen zugegen sei,
und was dergleichen mehr ist, verschlägt dann gar nichts.
Da gilt:
Und ob mein Herz hier nicht versteht,
Wie dein Leib an viel Orten
Zugleich sein kann und wie's zugeht,
So trau' ich doch dein'n Worten.
Wie das sein kann, befehl' ich dir,
An deinem Worte g'nüget mir;
Dem stehet nur zu glauben.
Wie gewaltig der Text dasteht, sehen wir gerade auch
daraus, wie armselig und sich selbst widersprechend das ist, was
die Widersacher dagegen zu sagen gehabt haben. Daß sie sag⸗
ten, das könnten die Worte nicht meinen, wie sie lauten,
damit waren sie nicht fertig. Sie mußten dann doch sich mit
den Worten auseinandersetzen, die nun einmal dastehen. Der
Text muß doch etwas heißen. Was meint er denn? Und
da ist es glaubensstärkend, zu sehen, wie sie sich abgequält
haben, den Text zu verdrehen, und doch nichts Gewisses zu⸗
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