Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 6 › Seite 92

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. März 1912, Seite 92

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Vater Unſer. —5. Bitte 10

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. Wuthranet

wie zu einer weltlichen Versammlung, ohne stilles Gebet ihren
Sitz einnehmen und, wenn bis dahin der Gottesdienst noch nicht
begonnen hat, mit dem Nachbar zu schwatzen anfangen oder die
andern Kirchgänger mit neugierigen, wenn nicht gar schlimmeren,
Blicken mustern.

Da machte es ein junges Mädchen anders, von dem fol⸗
gendes berichtet wird. Vor einigen Jahren starb eine Jungfrau
an der Auszehrung. Während ihrer langen Krankheit war es
ihr ein großer Genuß, Lieder aus dem Gesangbuch herzusagen.
Einst in der Nacht fragte ihre Mutter: „Wie kommt es doch,
Julie, daß du im Gesangbuch so zu Hause bist?“ „Ach, liebe
Mutter“, antwortete sie, „die Lieder habe ich immer des Sonn⸗
tags vor dem Gottesdienst in der Stille gelernt. Während ich
damit beschäftigt war, blickte ich nicht nach den Hüten und Män⸗
teln der andern; ich lernte meinen Gesang und freue mich noch
heute darüber, daß ich es getan habe.“ — Wollte Gott, dieses
junge Mädchen fände viele Nachfolger!

Gottes Gericht über einen Unversöhnlichen.

In Antiochien hatten der christliche Prediger Sapricius und
ein anderer Christ, Nicephorus, lange Zeit in vertrauter Freund⸗
schaft miteinander gelebt. Einst aber entzweiten sie sich und wur⸗
den einander so feind, daß ihre vorige Liebe in den bittersten Haß
umschlug, und sie einander nicht einmal mehr auf der Straße
grüßten. Geraume Zeit hatten sie durch ihre Feindschaft der
Christengemeinde schon Argernis gegeben, als Nicephorus in sich
schlug und, von tiefer Reue durchdrungen, den Entschluß faßte,
sich mit seinem ehemaligen Freunde wieder auszusöhnen. Zwei⸗
mal schickte er vertraute Boten ab, die in seinem Namen den
Sapricius um Verzeihung baten; aber vergebens. Da ging er
selbst zu ihm ins Haus, warf sich ihm zu Füßen und bat: „Ver⸗
gib mir um des HErrn willen, mein Vater!“ Aber dieser blieb
unbewegt.

Nicht lange darauf brach die valerianische Christenverfolgung
(258— 260) aus. Sapricius wurde ergriffen und vor den Statt⸗
halter geführt, der ihm befahl, den heidnischen Göttern zu opfern.
Weil er sich dessen weigerte, verurteilte ihn der Statthalter zur
Enthauptung, und mit hoher Freudigkeit ging Sapricius zum
Tode. Da eilte ihm auf dem Wege zur Richtstätte Nicephorus
atemlos entgegen, der soeben vernommen hatte, was mit jenem
vorgenommen werden sollte. Er fiel vor ihm nieder und flehte:
„Zeuge Christi, vergib mir, daß ich dich beleidigt habe!“ Schwei⸗
gend ging der Prediger vorüber. Nicephorus lief einen andern
Weg, um ihm wieder zu begegnen, und flehte nochmals: „Zeuge
Christi, ich bitte dich, gewähre mir Verzeihung! Vergib mir, was
ich als Mensch wider dich gesündigt habe! Siehe, die Krone wird
dir gegeben von dem HErrn, den du nicht verleugnet, sondern vor
vielen bekannt hast.“ Sapricius würdigte ihn nicht eines Wortes.
Die Henker verlachten den Nicephorus und sagten: „Einen solchen
Narren haben wir noch nie gesehen. Dieser geht, um enthauptet
zu werden, und du bittest ihn noch jetzt um Vergebung!“ „Ihr
wißt nicht“, erwiderte der Verhöhnte, „was ich von dem Bekenner
Christi bitte; Gott weiß es.“ Nun waren sie auf der Richtstätte
angekommen. „Ach!“ rief Nicephorus von neuem dem Hart⸗
herzigen zu, „es steht ja geschrieben: „Bittet, so wird euch ge⸗
geben!'“ Allein auch das Wort Gottes, dessen Kraft ihm jetzt
so nötig war, machte keinen Eindruck auf den Unversöhnlichen.

Da zog der HErr seine Gnadenhand von ihm ab. Als der
Verurteilte eben niederknien sollte, um den Todesstreich zu emp⸗
fangen, fühlte er sich plötzlich von Gott verlassen. „Wirf dich
auf die Kniee, um enthauptet zu werden“, riefen die Henker dem
Sapricius zu. „Weswegen?“ fragte dieser.“ „Weil du nicht hast
opfern wollen, und weil du des Kaisers Befehl verachtest wegen

eines Menschen, der Christus heißt.“ Da antwortete er zitternd:
„Haltet ein, haut nicht zu; ich will tun nach des Kaisers Gebot 3
und den Göttern opfern.“ Als Nicephorus dies vernahm, flehte 4
er ihn an: „Sündige nicht, mein Bruder, falle nicht ab, ver⸗
leugne nicht Christum, unsern HErrn! O ich bitte dich, du wollest 3
die Krone nicht verlieren, die so bald dein ist, die du durch so
viele Marter gewonnen hast!“ Aber Sapricius achtete so wenig
auf seine Ermahnungen, als er auf sein Flehen um Vergebung
geachtet hatte, beharrte bei der Verleugnung und wurde so durch
seine Unversöhnlichkeit zu einem elenden Götzendiener.
Nun wandte sich Nicephorus zu den Henkern und sprach:

„Ich bin ein Christ. Ich glaube an den Namen unsers HErrn 1
IEsu Christi, den jener verleugnet hat; so tötet denn mich!“
Erstaunt brachte man dem Statthalter sogleich die Botschaft, 1
worauf Sapricius zurückgeführt und Nicephorus enthauptet wurde.
Also hat der gerechte und in seinen Gerichten unerforschliche Gott
dem unversöhnlichen Prediger die Märtyrerkrone entzogen und sie
dem liebreichen Nicephorus aufgesetzt. Und wenn schon Sapricius
standgehalten und den Tod ausgestanden hätte, so wäre er doch
zur Hölle gefahren.
anderer hat die Krone davongetragen.

Schenkst du mir Gnad' ins Herz hinein,

So werd' ich bald lebendig sein.

Wenn mir dein Blut Vergebung schafft,

So wird mein Herz voll Gotteskraft.

Eine liebliche Stimme.

„O Vater, ich wollte, ich könnte singen! Es ist doch so schön,
andern Leuten damit eine Freude zu machen. Florence sang
heute in unserm Verein, und wir alle haben uns sehr daran er⸗
götzt. Sie singt auch ihrem Vater jeden Abend etwas vor. Ich
gäbe alles darum, wenn ich das könnte. Aber es nützt mir ja
nichts, daß ich das wünsche; in mir steckt nun einmal keine
Musik.“ „Was, ist das wahr?“ fragte der Vater, indem er ihr
liebevolles Gesicht liebkosend streichelte. „Nun ja, vielleicht kannst
du nicht singen.
licher Mufik entbehrt. Für mich ist sie voller Musik.“ „Aber,
Vater, wie kannst du so reden?“ „Nun“, antwortete der Vater,
„fast jeden Abend, wenn ich heimkomme, ist das erste, was ich
höre, ein fröhliches Lachen; und das heitert mich auf, wenn ich
auch noch so müde bin.
„Weine nicht, Brüderlein, Schwesterchen hilft dir!‘ Zuweilen
höre ich sie der Großmutter vorlesen. Letzte Woche hörte ich

sie zur Maria sagen: „Es tut mir leid, daß du Kopfweh hast;

ich will das Geschirr für dich waschen.“ Solche Musik höre ich
am liebsten. Darum sage mir nicht, daß mein Töchterlein keine
liebliche Stimme hat!“ — Wie schön wäre das Familienleben,

wenn solche Musik und solcher Gesang recht fleißig geübt würde!

Die Sünde des Afterredens.

Ein holländischer Edelmann steckte eines Tages einen Dukaten ö
in seine Westentasche und nahm sich vor, ihn einem Armen zu

geben, sobald er es erlebe, daß in einer Gesellschaft keiner über

einen andern etwas Nachteiliges rede. Trotzdem dieser Edelmann
oft in Gesellschaft ging, mußte er doch dreizehn Jahre seinen
Dukaten in der Westentasche umhertragen, ehe er eine Gesell⸗
schaft antraf, in der niemand sich die Sünde des Afterredens
zuschulden kommen ließ.

Ja, nächst dem Wetter und den Dollars und Cents wird
am meisten geredet über Leute, die nicht da sind; und in den
meisten Fällen nichts Gutes. E. P.

Er hat nicht gehalten, was er hatte; ein

Aber sage mir nicht, daß deine Stimme jeg⸗

Gestern hörte ich dieselbe Stimme sagen:

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