Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 6 › Seite 86

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. März 1912, Seite 86

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S Der „VutheranedSes

stande brachten, sich selbst widersprachen, wie „der Text sich
mit Worten nicht will lassen aus dem Sinn tun“; er steht zu
gewaltig da. Luther zählte zu seiner Zeit schon sieben solcher
Mißhandlungen des Textes auf, die sich nur darin einig waren:
im Abendmahl sei nichts als bloß Brot und Wein. Und weil
diese Leute so schändlich mit Gottes Wort umsprangen, daß
es ein christlich Herz empört, und dabei doch vorgaben, das
lehre sie der Heilige Geist, so gebrauchte Luther heiligen Spott
und redete von ihren sieben Geistern, die „sich teilten über dem
Text, immer einer anders denn der andere“.

„Der erste, Carlstadt, machte den Text also: „Das ist mein
Leib' sollte so viel heißen: Hie sitzt mein Leib.“ Christus habe
das Brot gereicht und dabei auf seine Person gezeigt und
gesagt: Das ist mein Leib. Das war denn doch gar zu lächer⸗
lich. Aber „der Teufel hat den Vorteil, daß keine Lehre noch
Traum so ungeschickt kann aufkommen, er findet Schüler dazu,
und je ungeschickter, je eher“. Carlstadt kam auch in Ver⸗
legenheit, wenn man ihn fragte: „Worauf hat denn Christus
gezeigt, als er sagte: „Das ist mein Blut“?“

„Der andere, Zwingel, sagte, solches wäre nicht recht ge⸗
macht q..., und machte den Text durch seinen andern heiligen
Geist also: Nehmet, esset, das bedeutet meinen Leib, der
für euch gegeben wird. „Ist‘ mußte hier „bedeutet‘ heißen.“
Darauf konnte Luther nach den Regeln menschlicher Sprache
sagen: „Ja, welche Sprache hat in aller Welt jemals so
geredet?“

„Der dritte, Okolampad, brachte den dritten heiligen Geist
hervor, der machte den Text abermals anders, nämlich also:
Nehmet, esset, das ist meines Leibes Zeichen.“ Da genügte
die Erwiderung, daß Christus den Zusatz macht: „Mein Leib,
der für euch gegeben wird.“ In den Tod gegeben ist ein wah⸗
rer Leib, und durch die Dahingabe eines Zeichens eines
Leibes wäre kein Mensch erlöst.

ů „Der vierte, Stenkfeld [Schwenkfeld], brachte aus dem

vierten heiligen Geist diese Regel: Man muß diese Worte:
„Das ist mein Leib' aus den Augen tun; denn sie hindern den
geistlichen Verstand.“ Das geißelt dann Luther mit Recht:
was das für eine Theologie sei, Gottes Worte aus den Augen
tun. Schwenkfelds tiefer „geiftlicher Verstand“ war der, „das
Hinterste zuvorderst setzen“: Mein Leib ist das, nämlich etwas
zu essen, eine geistliche Speise.

„Der fünfte heilige Geist, etliche jeines Geschmeißes und
Ungeziefers, machen's also: Nehmet, esset; was für euch ge⸗
geben wird, das ist mein Leib.“

„Der sechste heilige Geist macht's also: Nehmet, esset, das
ist mein Leib, zum Gedächtnis.“ Das sollte heißen: Das Brot
ist ein Gedächtnis meines Leibes. Jedesmal, wenn ihr in Zu⸗
kunft Brot seht, dann denkt an mich und meinen Leib!

Der siebente Geist war Johann Campanus. Er deutete
die Worte so: „Das ist mein Leib“, das heißt, Brot ist ein
Leib, ein Körper, und zwar mein Leib, weil ich den Weizen
geschaffen habe, woraus es gebacken ist.

Dazu ist dann in der Folgezeit Calvin gekommen. Der
sagte: Gewiß empfängt man im heiligen Abendmahl Christi
wahren Leib und sein wahres Blut, aber nicht mit dem Mund,
sondern mit dem Glauben, nicht auf Erden, sondern im Himmel.
Während der Mund auf Erden Brot und Wein empfängt,
schwingt sich der Glaube in den Himmel hinein und empfängt
Christum geistlicherweise. Da konnte er dann recht klingende

Reden führen.
der zum Sakrament geht, auch der Ungläubige, wirklich unter
dem Brot und Wein, also mit dem Munde, Christi Leib und
Blut? Da hieß dann die Antwort: Nein.

Außer diesen gab und gibt es Leute, die am Verständnis
der Worte Christi einfach verzweifeln und sie jedem freigeben.

Luther sagt: „über diese schweift umher noch ein übriger hei⸗

liger Geist, der sagt also: es sei hie kein Artikel des Glaubens,
darum sollte man nicht darum zanken; ein jeder möchte hie
glauben, was er wollte. Dieser heilige Geist dünkt mich ein

junger heiliger Geist zu sein; denn er tut den Text nicht allein
aus den Augen, sondern wirft ihn hinter sich weg, mit Glauben
und mit allem, wie eine taube Nuß, macht nichts anderes 4

draus.“

„Diese heiligen Geister allesamt, wie hart sie über dem
Text uneins sind, stimmen sie doch zusammen in dem hohen 4
geistlichen Sinn, daß Brot Brot, Wein Wein sei.
er bezeugt gewißlich damit, daß einer sowohl irrt als der
andere, weil ihr keiner die Schrift hält, wie sie lautet, noch

beweisen kann, daß sie anders zu verstehen sei, denn sie lautet.“
Welch ein trauriges Spielen mit Christi eigenen Worten!

Wie kann man bei solchem ungewissen Deuteln ein gutes Ge⸗
wissen behalten? Wie gewaltig muß der Text dastehen, dem
man so gern eine Nase drehen möchte, der sich aber nicht will
lassen aus dem Sinn tun! Wie muß das uns in unserm ein⸗

fältigen Glauben stärken, daß wir die Worte nehmen, wie sie 1

lauten, und sagen:

Du hast's gered't, drum ist es wahr;

Du bist allmächtig, drum ist gar

Kein Ding bei dir unmöglich.

Dein Wort steht wie ein' Mauer fest,

Welch's sich niemand verkehren läßt,

Er sei so klug er wolle.
Das ist eines Christen würdig, Gott bei seinem Worte

nehmen; das hat er gern, dabei behält man ein gutes Ge⸗
wissen vor Gott, bekommt ein festes Herz und bleibt unver⸗

führt. Zu allen Deuteleien der Menschen sagen wir mit Luther: 1

„Nein, so will ich nicht schwärmen; er hat's gesagt, da laß

ich's bei bleiben; verführt er mich, so bin ich seliglich verführt.! 7

Er hat noch nie keinmal gelogen, kann auch nicht lügen.“

Die ganze Differenz zwischen einem Schwärmer einerseits
und Luther und einem Lutheraner andererseits liegt begründet

in ihrer verschiedenen Stellung zur Heiligen Schrift. Es ist
so: „Wenn sie aber nicht so leichtfertige Verächter wären der
Schrift, so sollte sie ein klarer Spruch aus der Schrift so
viel bewegen, als wäre die Welt voll Schrift, wie es denn
wahr ist.
Welt zu enge macht. Nun sie aber überhinflattern und denken,

es sei Menschenwort, ist's leicht, daß keine Schrift sie zwinge.“

E. P.

Unsere Lehranstalten.

Unsere Synode macht es ihrem Allgemeinen Präses zur
Pflicht, in der Regel jährlich einmal alle Lehranstalten zu be⸗
suchen. Da nun der Unterzeichnete in den verflossenen Monaten
sich dieses Auftrages erledigt hat, so wird es gewiß unsern
Gemeinden lieb sein, einen kurzen Bericht über den Stand ihrer
Hohenschulen entgegenzunehmen.

Da mußte man erst fragen: Empfängt jeder,

Aber

Denn mir ist also, daß mir ein jeglicher Spruch die

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