Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 6 › Seite 89

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. März 1912, Seite 89

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Tpracheufrage 3 · Sprachenfrage 4

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SDer V„Tutheraned

89

Bux kirchlichen Chronik.

Gegen die Glaubensmengerei der sogenannten Men and
Religion“-Bewegung haben unsere Brüder in der Long Island⸗
Pastoralkonferenz in einem Zirkularschreiben ein öffentliches
geugnis abgelegt, das jetzt schon in weite Kreise gedrungen ist
und ohne Zweifel manchem einfältigen Christen über das schrift⸗
widrige Wesen dieser Bewegung die Augen öffnen wird. Die
Brüder führen besonders diesen Gedanken aus, daß allerdings
nach Gottes Wort alle, die an IEsum Christum glauben, Glieder
der einen heiligen christlichen Kirche sind, daß aber gerade
Gottes Wort auch dies lehrt, daß man Unterschiede in der Lehre,
die zwischen den einzelnen sichtbaren Kirchen bestehen, nicht ein⸗
jach totschweigen oder es damit leicht nehmen darf. Sie zeigen
an praktischen Beispielen, wie der Glaube der Episkopalen in
einem Stück, der der Baptisten in einem zweiten Stück, der der
Calvinisten in einem dritten Stück usw. nicht mit der Lehre der
Heiligen Schrift und der lutherischen Kirche stimmen, und was
für ein Greuel es darum in den Augen des heiligen und wahr⸗
haftigen Gottes ist, wenn Episkopalen, Baptisten, Calbinisten und
Lutheraner in kirchliche Gemeinschaft miteinander treten, gemein⸗
schaftlich das Werk der Evangelisation der Unbekehrten mitein⸗
ander betreiben und dabei in den Grundlehren der christlichen
Religion einander feindlich gegenüberstehen wollen. — Die Glau⸗
bensmengerei, Unionisterei, der Grundsatz: We agréee to dis-
agree“, ist der Krebsschaden in der sichtbaren Christenheit unserer
geit. Wo diesem übel nicht gesteuert wird, wird zuletzt aller
Glaube zerstört; denn das Wesen der Glaubensmengerei ist, daß
sie gegen alle Lehren der Schrift gleichgültig macht, die Heilige
Schrift ihres göttlichen Ansehens entkleidet, den Zweifel nährt
und Spötter erzieht, die mit Pilatus sprechen: „Was ist Wahr⸗
heit?“ Die Schrift sagt: „Ich ermahne euch, lieben Brüder,
daß ihr aufsehet auf die, die da Zertrennung und Argernis an⸗
richten neben der Lehre, die ihr gelernet habt,
und weichet von denselbigen!“ Röm. 16, 17. D.

Der Mangel an Lehrkräften in Kirche und Schule ist uns
dieses Jahr wieder ganz besonders vor Augen geführt worden.
Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein oder mehrere Stu⸗
denten zur Aushilfe dringend begehrt werden. Unsere Anstalt in
Springfield sendet schon seit längerer Zeit die Gesuche um Aus⸗
hilfe nach St. Louis, weil in Springfield keine verfügbaren Stu—
denten mehr vorhanden seien. Auch die St. Louiser Anstalt hat
seit Neujahr die Mehrzahl der Gesuche um Aushilfe abgewiesen,
weil wir Studenten nicht zumuten mögen, daß sie ein ganzes
Jahr später ihre Studien vollenden, nachdem sie schon einen be⸗
trächtlichen Teil des laufenden Studienjahres absolviert haben.
Letzte Woche ist in einem Falle, wo ein ganzes Arbeitsfeld auf
dem Spiel stand, dadurch Abhilfe geschafft worden, daß wir mit
Bewilligung der Distriktspräsides einen Studenten früher exami⸗
niert und entlassen haben. Wir müssen auch immer wieder daran
erinnern, daß bei Gewährung auch nur zeitweiliger Aus⸗
hilfe — für einen oder zwei Monate — stets eine beträcht⸗
liche Störung der Studien für die betreffenden Studenten ein—
tritt. Wir bitten herzlich, dies zu bedenken, wenn man sich auch
nur um zeitweilige Aushilfe nach St. Louis wendet. Um dem
ganzen Notstand ein Ende zu machen, gibt es, wie immer wieder
»erinnert werden muß, nur ein Mittel: wir müssen mehr
Schüler auf unsere Lehranstalten senden. Es
naht die Zeit der Konfirmation. Da wollen nun Pastoren,
Gemeinden und alle einzelnen Christen es sich angelegen sein
lassen, daß von den konfirmierten Knaben eine stattliche Anzahl
unsern Lehranstalten zugewiesen werde. Es handelt sich um das
größte Werk, das in der Welt ausgerichtet werden kann, und zu
dessen Ausrichtung die Welt noch steht: die Predigt des Evan⸗

geliums. Luther erinnert immer wieder daran, daß man ja keine
Mühe und keine Kosten sparen solle, wenn es sich um die Aus⸗
bildung von Knaben für das kirchliche Lehramt handelt. Er
schreibt: „Wenn du gleich ein König wärest, so solltest du dich
nicht wert lassen dünken, daß du deinen Sohn, mit allem deinem
Gut daran gewagt, zu solchem Amt und Werk geben oder ziehen
möchtest.“ (St. Louiser Ausg. X, 431.) F. P.

Die Sprache der lutherischen Kirche in Amerika. Der
Lutheran vom General Council geht fast regelmäßig irre, wenn
er auf die sogenannte „Sprachenfrage“ kommt. Bei ihm hat sich
die Idee festgesetzt, daß jeder lutherischen Gemeinde in den Ver⸗
einigten Staaten so lange noch eine Art Schmach anhaftet, als
sie noch das Deutsche oder eine andere Sprache als die englische
als Kirchensprache gebraucht. Anders kann man die Aussprache
im Lutneran vom 7. März kaum auffassen. Ein presbyteriani⸗
sches Blatt, Tue Continent, hatte sein Bedauern darüber aus⸗
gesprochen, daß von den 2,300,000 kommunizierenden Gliedern
der lutherischen Kirche Amerikas nur 400,000 rein englische
Gottesdienste besuchen. Der Lutheran tröstet den Continent mit
der Bemerkung, daß die Zahl der englischen Lutheraner auf
600,000 zu erhöhen sei, weil eine Anzahl lutherischer Gemeinden
in ihren Gottesdiensten zweisprachig sind, das heißt, besondere
englische Gottesdienste für solche junge Leute eingerichtet haben,
die nur Englisch verstehen und deren Eltern auch im Hause nur
Englisch sprechen. Der Lutheran setzt dann noch hinzu: „So
berbessert sich die Lage ziemlich schnell“ („Thus the situation
is being improved quite rapidly“). Hiernach stünde es in einer
lutherischen Gemeinde in Amerika erst dann recht, wenn sie eng⸗
lisch geworden ist. Die Bemerkung des Lutheran gehört zu den
Reden, die geeignet sind, der Sprache wegen eine gereizte Stim⸗
mung zwischen Glaubensbrüdern, zum Beispiel auch zwischen
deutsch⸗ und englischsprechenden Lutheranern, hervorzurufen. So
verkehrt es ist, wenn deutsche Lutheraner so von der englischen
Sprache reden, als ob sie kein geeignetes Organ für das echte
Luthertum sei, so verkehrt ist es auch, den übergang ins Englische
als eine „Besserung der Situation“ zu bezeichnen. Wir sollten
als Kirche doch endlich aufhören, uns für oder wider eine be⸗
stimmte Sprache zu ereifern. Das geziemt sich für die Kirche
Christi durchaus nicht. Die Kirche Christi gebraucht alle Spra⸗
chen, durch die sie ihren Zweck, die Leute mit Gottes Wort zu
versorgen und bei Gottes Wort zu erhalten, erreicht. Was die
deutsche Sprache im besonderen betrifft, so darf man wohl, ohne
Widerspruch zu befürchten, sagen, daß es eine ganz anständige
Sprache ist und wohl geeignet für die Verkündigung des Wortes
Gottes. Die deutsche Sprache hat auch für die Tätigkeit der
lutherischen Kirche in den Vereinigten Staaten großen Wert.
Erstlich steht es noch immer so, daß ein großer Teil ihrer alten
und jungen Glieder in der deutschen Sprache ann besten mit
Gottes Wort bedient werden kann. Es wäre Torheit, hier auf
einen übergang ins Englische als ein improvement“ dringen zu
wollen. Ferner gebrauchen wir die deutsche Sprache, wenn wir
uns der deutschsprechenden Einwanderer kirchlich annehmen wollen.
Für diesen Zweck ist die deutsche Sprache noch immer so wichtig,
daß selbst englische Sekten deutschsprechende Missionare anstellen.
Es ist auch nicht zu vergessen, daß wir durch die deutsche Sprache
in den meisten Fällen instand gesetzt werden, mit den slawischen
Lutheranern in Verbindung zu treten, weil im Südosten Europas
unter den slawischen Völkern das Deutsche eine Art Universal⸗
sprache ist. Kurz, das Deutsche ist nicht nur eine ganz anständige,
sondern auch eine überaus nützliche Sprache für die Luthe⸗
raner Amerikas. Wenn man die deutschen Lutheraner sowohl in
ihrem kirchlichen als auch bürgerlichen Interesse recht beraten will,
so muß der Rat etwa lauten: „Seid nicht so töricht, die Kennt⸗
nis der deutschen Sprache wegzuwerfen, sondern werdet zwei⸗
sprachig, das heißt, eignet euch neben der deutschen auch die eng⸗

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