Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 23 › Seite 182
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-07-09, Seite 182
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchengehen 6 · Predigt 14
182
ihr Brüder, saget mir, was euch mehr zu sein scheint, das Wort Gottes, oder der Leib Christi? Wenn ihr wahrhaftig antworten wollt, so müßt ihr doch sagen, daß das Wort Gottes nicht weniger sei, als der Leib Christi, und wie großer Sorgfalt wir uns befleißigen, wenn uns der Leib ausgetheilt wird, daß nichts davon auf die Erde falle; eben so sorgfältig müssen wir auf das Wort Gottes, das uns angeboten wird, Acht haben, daß es nicht, während wir entweder etwas denken, oder reden, aus unserem Herzen sich wieder verliere, weil der keine geringere Schuld haben wird, wer Gottes Wort nachlässig hört, als der, welcher den Leib Christi aus Nachlässigkeit auf die Erde fallen läßt.“
Osiander schreibt in seiner Erklärung zum 20. Capitel der Apostelgeschichte: „Gott der HErr will mit dem Exempel des Jünglings, der unter der Predigt Pauli geschlafen und aus dem Fenster herunter sich zu Tode gefallen, anzeigen, daß man unter der Predigt nicht schlafen solle. Denn man soll Gott dem HErrn fleißig zuhören, wenn er durch seine Diener mit uns redet.“
Doctor Arnold Mengering schreibt: „O, wie viel sind solcher Schlafheimen unter Manns- und Weibspersonen, welcher Leute Vorbild Eutychus war (Apostelg. 20, 9.), der es aber gleichwohl, wie es fast die Umstände geben, nicht aus Vorsatz gethan, sondern sich eben an solchen gefährlichen Ort hat setzen wollen, damit er aus Furcht der Gefahr desto mehr des Schlafs sich enthalten möchte.“
Daher schließt Walther in seinen Homilien über Apg. 20.: „Wenn dieses einem Eutychus widerfuhr, dessen Schläfrigkeit mancherlei Entschuldigungen zuläßt, was wird wohl denen widerfahren, welche das Wort mit Verachtung hören und, indem sie es zu hören scheinen, entweder mit Vorsatz sich dem Schlaf übergeben, oder, von einem Rausch übermannt, schlafen müssen? Denn wie solche ihr Seelenheil vernachlässigen, so achten sie auch Gottes Majestät nicht hoch. Daher kann es auch nicht anders geschehen, als daß ihnen die Predigt des Evangeliums zum Tode gereiche, welche Andächtigen und Gläubigen zur Seligkeit dient.“
Doctor Martin Geier schreibt in seiner Auslegung des Evangeliums am 10. Sonntag nach Trinitatis: „Wie so gar geneigt sind wir doch zum Schlaf, wenn wir göttliche Dinge betrachten sollen! Der gute Hausvater schläft — und findet Unkraut. Eutychus schläft — und fällt. Weil uns der Satan einschläfert (wie er allezeit die Wiege rüttelt, wenn wir in unserer Andacht schlafen), so nimmt er allezeit etwas Gutes von uns, oder bringt etwas Böses in uns, oder bringt uns in Gefahr eines tödtlichen Falles. Hinweg mit dieser geistlichen Schlafsucht.“
Bernhardus war gewohnt zu sagen, daß diejenigen, die da schliefen, todt wären vor den Menschen, und daß die, die da todt wären, schliefen vor Gott: ich aber sage, daß die, welche da schlafen in der Kirche, vor Gott todt sind; so predigen wir ihnen mehr ihre Leichenpredigten, als Vermahnungen. Und wie er zu sagen pflegte, daß er keine Zeit mehr verliere, als die, darin er schliefe: so mag ich wohl dazu setzen, daß kein Verlust der Zeit so verzweifelt sei, als der heiligen Zeit. Denke, daß dir Christus in einer jeden Predigt sagt, wie er zu Petro sagt: „Schläfest du, Petre? kannst du nicht eine Stunde mit mir wachen?“
Ein anderer Theolog im Tractat „von dem zerfallenen Christenthum“ schreibt also: „Wir schnauben und sagen, wie die bei dem Propheten Malachias Cap. 1, 13.: „„Es ist nur Mühe.““ Dem Buchstaben nach scheint das Wort des HErrn bei manchen in Wahrheit Mühe, welche dabei schlafen wie ermüdete Personen, ja, besser als daheim, weil ihnen der Pfarrherr gleichsam dazu singen muß. In Wahrheit, dies alles scheinet so seltsam, daß, wenn ein ungläubiger Heide oder ein anderer in unsere Kirche käme und sähe, daß der eine schläft, der andere plaudert, der dritte lacht, der vierte hin und her gafft, die wenigsten aber beten, sagen würde, wir seien unsinnig. Ach, wenn will die Kirche denn ihren alten Namen wieder bekommen, daß man sie ein Bethaus nenne! Man könnte ihr wohl andere Namen geben nach gegenwärtigen gestalten Sachen, da doch der wenigste Theil der Gottesdienst ist.“
Das vierte Capitel.
Von etlichen Entschuldigungen, die die Kirchenschläfer einzuwenden pflegen.
Es ist nichts so böse und sündlich, das der von Natur in Grund verderbte Mensch nicht etlicher Maßen zu beschönigen und zu entschuldigen wisse. Der Kirchenschlaf, ob er gleich, wie erweislich dargethan, an sich selbst böse, sündlich, schädlich und ärgerlich ist, will dennoch von den Kirchenschläfern entschuldigt werden. Erstlich wird vorgegeben, der Schlaf sei natürlich und also mit Nichten für sündlich zu achten. Hierauf die Antwort: obgleich der Schlaf natürlich, so folgt doch nicht, daß er auch in der Kirchenversammlung zulässig sei, da man auf Gottes Befehl, von seinem Diener, dem Prediger, das Wort zu hören und sich daraus in der Gottseligkeit zu erbauen, zusammen kommt. Essen und Trinken ist ja auch natürlich, aber nicht in der Kirche, unter der Predigt des göttlichen Wortes; und so ist es auch mit dem Schlaf bewandt. Es hat alles seine Zeit, Wachen und Schlafen. Hiernächst ist zu wissen, daß nicht aller Schlaf in der Kirche für natürlich zu halten sei. Der selige Arnd schreibt in Erklärung des Evangeliums am Sonntage Sexagesimä: „Der Teufel kann auch einen Schlaf machen mit seinem höllischen Opium und Schlafdünsten; denn gewißlich nicht aller Schlaf in der Kirche natürlich ist, sondern ein solcher Schlaf, welchen die geistliche Nacht und höllische Finsterniß wirkt.“
Die andere Entschuldigung ist: man könne sich des Schlafs nicht erwehren; man werde von dem Schlaf mitten in der Andacht unversehens überfallen; es geschehe wider Willen ꝛc. Daß aber auch diese Entschuldigung ungültig ist, soll im folgenden Capitel erwiesen werden.
Die dritte Entschuldigung, so fast sehr gemein ist, gehet dahin, der Prediger mache es gar zu lang auf der Kanzel, oder er predige gar zu schläfrig, leise und unvernehmlich; man habe keinen bequemen Ort in der Kirche, müßte im Winkel sitzen, da man weder Kanzel noch Altar sehen könne; die Nachmittagspredigten gingen stracks nach gehaltener Mahlzeit an; wenn man sich nnn sobald niedersetze, und in der Stille der Predigt zuhöre, so finde sich der Schlaf natürlich ein ꝛc. Nun scheinen zwar diese Entschuldigungen so beschaffen zu sein, daß sie bei manchem sonst frommen und fleißigen Zuhörer je zuweilen wohl so weit stattfinden könnten, so daß man der angebornen sündlichen Schwachheit des Fleisches etwas nachgeben müßte: es ist und bleibt aber dennoch an sich selbst der Kirchenschlaf sündlich und unzulässig. Daß 1. mancher Prediger über eine Stunde im Predigen sich aufhält, solches wird zwar von unterschiedenen Theologen nicht allerdings gebilligt. Doctor Osiander schreibt über das 20. Capitel der Apostelgeschichte: „Wiewohl die Zuhörer der langen Predigten nicht sollen überdrüssig werden, so sollen jedoch auch die Prediger an den Orten, wo oft Predigten gehalten werden, einer zierlichen Kürze sich befleißigen. Denn wenn der Zuhörer müde wird: so merkt er nicht mehr fleißig auf, und hört den mehreren Theil mit Verdruß und ohne Nutzen.“ Es geschieht aber dennoch selten, daß eine Predigt über eine Stunde währet; da sollte nun der schläfrige Zuhörer an die oben angeführten Worte des Heilandes denken: „Petre, vermöchtest du nicht eine Stunde mit mir zu wachen?“ Es schläft mancher sieben, acht, neun und mehr Stunden des Nachts, warum sollte er nicht ein einziges Stündlein zur Ehre Gottes und seiner Seele eigenen Erbauung anwenden?
Daß 2. die Predigt des Wortes Gottes manchmal der schwachen Rede des Predigers wegen, zumal in großen und weiten Kirchen, von allen Zuhörern nicht vernommen werden könne, ist nicht zu leugnen, und es wäre zu wünschen, daß allezeit solche Prediger aufträten, die in der versammelten Gemeinde Gottes gehört und verstanden werden können.
Es will aber doch daher nicht folgen, daß die Zuhörer die Predigt mit Schlafen hinbringen sollen. Nein, keinesweges! Du wirst ja nicht gestehen, daß du Schlafens wegen in die Kirche gekommen bist! Kannst du nun den Prediger gar nicht verstehen, so bete, lobe und preise in deinem Herzen die Wohlthaten deines lieben Gottes; habe feine christliche Gedanken von seiner Allmacht, Weisheit, Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit; gedenke an deinen allerliebsten Heiland und Erlöser, JEsum Christum, und betrachte inniglich sein Leiden, Sterben, Auferstehung und heiliges Verdienst. Jenes arme Weib, welches hohen Alters wegen ein schweres Gehör hatte, und weder Gebet, noch Predigt, noch Singen vernehmen konnte, sagte: „Ich
English translation AI translation
182
brethren, tell me, which seems to you the greater, the Word of God, or the Body of Christ? If you would answer truly, you must needs say that the Word of God is no less than the Body of Christ; and with what great care we take pains, when the Body is distributed to us, that nothing of it fall upon the ground, even so carefully must we give heed to the Word of God which is offered to us, that it be not lost again from our heart while we are either thinking or speaking something else; for he will have no less guilt who hears God's Word carelessly, than he who through carelessness lets the Body of Christ fall upon the ground."
Osiander writes in his exposition of the 20th chapter of the Acts of the Apostles: "God the LORD would show, by the example of the young man who slept under Paul's preaching and fell down from the window to his death, that one should not sleep under the sermon. For one should diligently hearken to God the LORD when He speaks to us through His servants."
Doctor Arnold Mengering writes: "Oh, how many such sleepyheads there are among men and women, whose pattern was Eutychus (Acts 20, 9.), who yet, as the circumstances almost indicate, did not do it of purpose, but had just chosen to sit in such a dangerous place that for fear of the danger he might the better keep himself from sleep."
Hence Walther concludes in his Homilies on Acts 20: "If this befell an Eutychus, whose drowsiness admits of manifold excuses, what will befall those who hear the Word with contempt and, while they seem to hear it, either give themselves to sleep on purpose or, overcome by drunkenness, must sleep? For as such persons neglect their souls' salvation, so they also hold God's majesty in no high esteem. Therefore it cannot be otherwise than that the preaching of the Gospel turns to their death, which serves devout and believing persons unto salvation."
Doctor Martin Geier writes in his exposition of the Gospel for the 10th Sunday after Trinity: "How very much inclined we are to sleep when we are to consider divine things! The good householder sleeps - and finds tares. Eutychus sleeps - and falls. Because Satan lulls us to sleep (as he is always rocking the cradle when we sleep in our devotion), he always takes something good from us, or brings something evil into us, or brings us into danger of a deadly fall. Away with this spiritual drowsiness."
Bernhardus was wont to say that those who sleep are dead before men, and that those who are dead sleep before God: but I say that those who sleep in church are dead before God; so we preach to them rather their funeral sermons than admonitions. And as he used to say that he lost no time more than that in which he slept, so I may well add that no loss of time is so desperate as the loss of holy time. Think that Christ says to you in every sermon, as He says to Peter: "Sleepest thou, Peter? Couldest thou not watch with me one hour?"
Another theologian, in the tract "von dem zerfallenen Christenthum," writes thus: "We snuff at it and say, as those in the prophet Malachi, Chap. 1, 13.: 'Behold, what a weariness is it.' To the letter, the Word of the LORD seems to many in truth a weariness, who sleep over it like weary persons, yea, better than at home, because the pastor must, as it were, sing them to it. In truth, all this appears so strange that if an unbelieving heathen or another were to come into our church and see that one sleeps, another chatters, a third laughs, a fourth gapes this way and that, and the fewest of all pray, he would say that we were out of our senses. Alas, when will the church get back her old name, that men may call her a house of prayer! One might well give her other names according to the present state of things, since the least part of it is divine worship."
The Fourth Chapter.
Of Some Excuses which the Church-Sleepers Are Wont to Offer.
There is nothing so evil and sinful that man, who is by nature corrupt to the very ground, does not know how in some measure to gloss it over and excuse it. Church-sleeping, although, as has been demonstrably shown, it is in itself evil, sinful, harmful and offensive, nevertheless will be excused by the church-sleepers. First it is alleged that sleep is natural and therefore in no wise to be accounted sinful. To this the answer: although sleep is natural, it does not follow that it is also permissible in the assembly of the church, where one comes together at God's command to hear the Word from His servant, the preacher, and to be edified thereby in godliness. Eating and drinking are also natural, but not in church, under the preaching of the divine Word; and so it is also with sleep. To everything there is a season, a time to wake and a time to sleep. Next it is to be known that not all sleep in church is to be held natural. The blessed Arnd writes in his exposition of the Gospel for Sexagesima Sunday: "The devil also can make a sleep with his hellish opium and vapors of sleep; for certainly not all sleep in church is natural, but such a sleep as the spiritual night and hellish darkness work."
The second excuse is: one cannot ward off sleep; one is unawares overtaken by sleep in the midst of devotion; it happens against one's will, etc. But that this excuse also is invalid shall be proved in the following chapter.
The third excuse, which is almost very common, is to this effect: the preacher makes it far too long in the pulpit, or he preaches far too drowsily, softly, and indistinctly; one has no convenient place in the church, must sit in a corner where one can see neither pulpit nor altar; the afternoon sermons begin straight after the meal has been eaten; if one then sits down so soon, and listens to the sermon in the stillness, sleep comes on naturally, etc. Now these excuses indeed appear to be of such a nature that with many an otherwise pious and diligent hearer they might at times well hold good to such an extent that one must make some allowance for the inborn sinful weakness of the flesh; yet church-sleeping is and remains in itself sinful and inadmissible. That, first, many a preacher spends more than an hour in preaching is indeed not altogether approved by various theologians. Doctor Osiander writes on the 20th chapter of the Acts of the Apostles: "Although the hearers ought not to grow weary of long sermons, yet the preachers also, in places where sermons are often held, ought to take pains for an elegant brevity. For when the hearer grows weary, he no longer pays diligent attention, and hears the greater part with vexation and without profit." But it nevertheless seldom happens that a sermon lasts more than an hour; the drowsy hearer should then think of the words of the Savior quoted above: "Peter, couldest thou not watch with me one hour?" Many a man sleeps seven, eight, nine and more hours at night; why should he not devote one single little hour to the honor of God and the edification of his own soul?
That, second, the preaching of the Word of God sometimes cannot be heard by all the hearers because of the preacher's weak delivery, especially in large and spacious churches, is not to be denied, and it were to be wished that such preachers always appeared as can be heard and understood in the assembled congregation of God.
But it does not therefore follow that the hearers should spend the sermon in sleeping. No, by no means! Surely you will not confess that you came to church for the sake of sleeping! If you cannot understand the preacher at all, then pray, praise and magnify in your heart the benefits of your dear God; have fine Christian thoughts of His almighty power, wisdom, truth, righteousness, goodness and mercy; think of your dearest Savior and Redeemer, JEsus Christ, and meditate devoutly upon His suffering, dying, resurrection and holy merit. That poor woman who by reason of great age was hard of hearing, and could hear neither prayer, nor sermon, nor singing, said: "I