Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer Beiblatt › Beiblatt S. 4

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-12-21, Beiblatt S. 4

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wenn nicht die allgemeine Erfahrung es lehrte, daß unaufhörlich gegen das göttliche Gesetz hierfür gesündigt würde! Zwar kann nicht in Abrede gestellt werden, daß in der Entwicklung des Menschengeschlechts, je nach seinen Zuständen und denen einer Volks- oder anderen Gemeinschaft, die Ordnung Gottes hierbei verschiedene Formen annehme, während ihr wesentlicher Inhalt unter allen Umständen erkennbar und unverletzlich heilig bleibt. Aus dieser durch die Art und Weise der Fortpflanzung, Ausbreitung und Erziehung der Menschen geforderten Wandelbarkeit der Form, d. i. der einzelnen Anwendung und Erscheinung des Gesetzes, ist es auch nur erklärlich, wie über die Bedeutsamkeit desselben ein so unleugbares Schwanken unter den namhaftesten Theologen und Kirchenrechtslehrern auch aus den Gläubigen sich findet, und wie manche derselben in nicht zu verbergendem Widerspruche mit dem Bekenntniß evangelischer Freiheit eines unbegründeten Rigorismus und Annäherung an kanonische Menschensatzungen sich schuldig machen. Aber immer ist es doch weit vorzuziehen, wenn ein zu starrer Zaun um die Familienverwandtschaften in Hinsicht der geschlechtlichen Vermischung gezogen wird, als wenn die Obrigkeiten, wie heutzutage nur zu oft geschieht, ganz ohne Noth naturwidrige Ehen, welche die persönliche Ueber- oder Unterordnung und wechselseitige Verknüpfung von Natur verletzen, mit der unverantwortlichsten Gleichgültigkeit im Volke schließen lassen. Freilich was die eine Seite des göttlichen Naturgesetzes für die sogenannten Ehegrade betrifft, die auf dem Verhältniß der Erzeuger zu den Gezeugten, der Großeltern zu den Enkeln ꝛc., und auf der schuldigen Ehrerbietung der jungen gegen die ältern Familienverwandten beruht, und diese vor der ganz umstürzenden Gleichstellung durch gegenseitiges Heirathen bewahren soll: so ist sie mit Ausnahme weniger der rohesten zum Thier herabgesunkenen Völker so tief in dem eingebornen sittlichen Gefühl gegründet, daß sie nur von starken Geistern, namentlich den überaus verdorbenen Trägern der geistigen und politischen Umwälzungen der eignen innerlichen Empfindung philosophisch abgesprochen worden ist. Auch mag der Einwand nichts gelten, daß ja der Mann des Weibes Haupt bleibe und darum nur das Weib die Jüngere zu sein brauche, um die Ehe naturgemäß zu machen: denn es wird die Schande des eignen Bluts dadurch nicht aufgehoben, und nur innerhalb der Bestimmung der Geschlechter für einander, innerhalb der ehelichen Gemeinschaft ist des Weibes Beruf die Unterthänigkeit, die Gemeinschaft aber selbst als der die Gatten umschränkende Kreis eine vollkommene Gleichheit beider, da jeder Theil zur Hingabe an den andern unauflöslich mit Leib und Geist gebunden ist. Gerade das ist das höchst Verwerfliche einer Ehe, wenn an die Stelle persönlicher Ausgleichung durch geschlechtlich-geistige Liebe die unberechtigte Herrschaft der Selbstsucht im Besitz des andern als eines dienenden Werkzeugs tritt.

Im Innersten unsers Bewußtseins thut sich die Sprache eines Geistes (Gottes) kund, die, der chaotischen Tiefe der Menschenherzen kreatürlich zu eigen geblieben, deren innere Wasser (das Gefühlsleben) bewegt, damit sie vom eignen Ich und der Welt weg auf ein Höheres gewiesen werden, das allein der wahre Grund und die Erfüllung ihres Daseins sei. Es ist eine Grundbestimmtheit in unsrer Seele nach der Stimme jenes Geistes, der uns trägt und auch den Herzschlag eines Ihm gefälligen Lebens in uns erneuert, hin — ein rein-geistiges Organ, das den ursprünglichen Zusammenhang mit Gott zu vermitteln und zu Eindrücken und Regungen fähig war, welche jetzt durchaus nur unabhängig vom Wollen der Person entstehen können. Seitdem der Wandel in göttlichem Gehorsam der selbstischen Neigung des Menschen zuwider und entgegengesetzt ist, derselbe zwar als freie Kreatur das Streben fortbehält, über das hinauszugehn, was er in irgend einem Momente seines Daseins ist, aber die dem Geschöpfe mögliche Gemeinschaft Gottes mit ihm, welche die zielgemäße Entwicklung seines Ichs bedingt, aufgehört hat: lautet das Innewerden dieses zerrissenen Bandes schuldeinfordernd, als unerfüllte Mahnung: Du sollst. Der Mensch ist nicht mehr im Stande, den, wohin die Grundkraft seines Wesens, sein Grundverlangen deutet, in seiner Wahrheit zu begehren, sondern Willkührliches an die Stelle desselben setzend, wird er, dem Tod anheimgefallen, so oft sich auch der Gewissenstrieb als unbefriedigt äußere, dem Leben aus Gott immer abgeneigter und entfremdeter. Obschon nun zwar der Wille böse, die Erkenntniß blind und unempfänglich, das Gefühl abgestumpft und ruchlos ist: so bleibt doch ihnen gegenüber auf dem Gemüthsgrund als Widerschein und Abbild des, was heilig ist, die Regel oder die Idee der Vollkommenheit, im Anfang der Schöpfung dazu mitgetheilt, daß sie als menschliches Wissen des Wahren und Guten sich abspiegle, d. h. das Bewußtsein an der Wirkung ihres Grundtriebes erwache, dem allgemeinen Inhalt des positiven göttlichen Gesetzes im Wesentlichen gleich, nur daß der Mensch, der einmal in die verkehrte Richtung gerathen, die friedlose Entzweiung zwischen sich und der Gewissenssprache muthwillig zu verkennen gewohnt wird, und die geistige Kraft der Seele auf sie zu hören sich verhärtet. Es gibt dieselbe Stimme Zeugniß von einer Schuldigkeit oder Verpflichtung zur Ehrfurcht gegen den, von welchem unser Dasein dependirt — den als den Anfänger und Urheber aller Dinge das Auge der Vernunft, den sinnlichen Verstand zur lebensvollen Einheit nöthigend, in der Schöpfung uns zu finden lehrt, — und daß in der selbstbewußten Beziehung alles Geschöpflichen zu dem HErrn der Heerschaaren die wahre Sittlichkeit begriffen sei, die in Gehorsam und Liebe der vernünftigen Kreatur gegen den großen Gott und Schöpfer aufgehende Lebensbestimmung, zu harmonischer Verbindung mit dem durch das ganze Weltall zurückgegebenen Ausdruck des heiligen Endzwecks, daß Alles seiner wesentlichen Vollkommenheit gemäß sei und entsprechend wirke. Da sich aber nun auch eine Abhängigkeit des Daseins zwischen Eltern und Kindern findet, wiefern nemlich diese jenen ihr Leben zu danken haben: so breitet sich ganz von selbst das Gefühl der Schändlichkeit einer unehrerbietigen Aufführung als nothwendige Folge des Abhängigkeitsgefühles gegen Gott auch auf die menschlichen Erzeuger aus, die schon nach dem Lichte der Natur Gottes Bild an sich tragen. (Ganz anders gestalten sich die Verhältnisse zum weltlichen und geistlichen Regiment, von denen weder das eine noch das andere auf dem Stand der Natur ursprünglich beruht, sondern dieses die geistliche Wiedergeburt vermittelt, jenes auf die göttliche Sanction des Staats sich gründet.) Und man erkennt daraus, wie wesentlich auf Seiten Gottes die Anerschaffung eines solchen Triebes in der Menschen Gemüthern sei, durch welchen sich ein natürlicher Abscheu gegen die Blutschande zwischen Eltern und Kindern, überhaupt der geraden auf- und absteigenden Verwandtschaftslinie im Ganzen reget. Die Anwendung auch auf die Heirathen mit den Geschwistern der Eltern ꝛc. oder den hinterlassenen Ehegatten derselben Personen, auf welche der Respectus gegen die Eltern übergeht, ergibt sich ebenso daraus, nur daß diese Ehen, als zur Seitenlinie gehörig, auch mehr die andere Seite der gesetzlichen Beziehung, auf welche wir jetzt kommen, betreffen und daher durch die gebieterische Nothwendigkeit entschuldigt werden können. Zugleich folgt aus dem vorher Gesagten, daß es den Obrigkeiten, die zwar nicht für das Reich des Gewissens, aber doch für das Gesetz als Regel und Richtschnur der äußerlichen Pflichten Sorge zu tragen haben, dieses ihres Amts wegen zukomme, alle Ehen, die an sich wider die Natur sind, d. h. ohne daß sie Fälle der Zulassung erleiden dürfen, die also niemals, in keinem Wege je zu gestatten sind, wenn sie bereits vollzogen worden, unwiderruflich, ohne Ausnahme alsbald zu trennen, gänzlich aufzuheben. (Vergl. Speners theol. Bedenken II. S. 555.)

Das geoffenbarte göttliche Wort ist es, das hier die genaueste Erläuterung des durch die Sünde verdunkelten menschlichen Gefühles gibt und es mit seinem hellen Licht bestrahlt. Das göttliche Grundgesetz, daß Alles, was bereits Eines Fleisches sei, auch nicht fleischlich wiederum sich vermischen dürfe, ist in demselben klar und deutlich ausgesprochen. In dem Plan des großen Liebeswerkes, das Jehovah durch die Schöpfung angefangen und durch den Sieg des Menschensohnes über den Zerstörer in die Ewigkeiten fortführt, ist das menschliche Geschlecht ein Hauptstück und wiederum bei diesem für die gegenwärtige Welt das System der Zeugung, die Ehe, Familie und Auferziehung. Das Besondere dieses Planes kann nur die Offenbarung lehren, die aber auch ursprünglich allgemein gewesen ist und nur da fehlt, wo sie die Menschen haben untergehn lassen oder gar noch dazu sich gegen ihre Herstellung wehren. Alle Verbrechen nun, welche dem göttlichen Plane, insonderheit der in demselben geforderten Entwicklung des Menschen und seiner Geschichte entgegen sind, gehören unter

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if general experience did not teach that sin is committed unceasingly against the divine law in this matter! It cannot indeed be denied that in the development of the human race, according to its conditions and those of a national or other community, the order of God in this respect assumes different forms, while its essential content under all circumstances remains recognizable and inviolably holy. From this changeableness of form, demanded by the manner of propagation, expansion and education of men, that is, of the particular application and appearance of the law, it is also alone explicable how, concerning the significance of the same, such undeniable wavering is found among the most noted theologians and canonists, even from among the believers, and how some of them, in unconcealable contradiction to the confession of evangelical liberty, make themselves guilty of an unfounded rigorism and approximation to canonical human ordinances. But it is always far preferable that too rigid a fence be drawn around the family relationships with regard to sexual mixture, than that the magistrates, as happens only too often nowadays, quite without necessity let marriages contrary to nature, which by nature violate the personal superiority or subordination and mutual connection, be concluded among the people with the most irresponsible indifference. To be sure, as to the one side of the divine natural law for the so-called degrees of marriage, which rests on the relation of the begetters to the begotten, of grandparents to grandchildren, etc., and on the due reverence of the young toward the older members of the family, and is to preserve these from the wholly subversive equalization through intermarrying: it is, with the exception of a few of the rudest peoples sunk down to the beast, so deeply grounded in the inborn moral feeling that it has been denied philosophically only by strong spirits, namely the exceedingly corrupt bearers of the spiritual and political upheavals, in contradiction to their own inward perception. Nor may the objection count for anything that the man remains the head of the woman and therefore only the woman need be the younger to make the marriage natural: for the shame of one's own blood is not thereby removed, and only within the destination of the sexes for one another, within the conjugal fellowship, is the woman's calling subjection, but the fellowship itself, as the circle enclosing the spouses, a perfect equality of both, since each party is indissolubly bound with body and spirit to surrender to the other. Precisely this is the most reprehensible thing in a marriage, when in the place of personal adjustment through sexual-spiritual love steps the unjustified dominion of selfishness in the possession of the other as a serving instrument.

In the innermost of our consciousness the voice of a Spirit (God) makes itself known, which, remaining by creaturely right proper to the chaotic depth of men's hearts, stirs their inner waters (the life of feeling), that they may be directed away from their own self and the world to a Higher, which alone is the true ground and the fulfilment of their existence. There is a fundamental disposition in our soul toward the voice of that Spirit who bears us and also renews in us the heartbeat of a life pleasing to Him — a purely spiritual organ, which was capable of mediating the original connection with God and of receiving impressions and stirrings which now can arise only independently of the person's will. Since the walk in divine obedience is contrary and opposed to man's selfish inclination, and he, though as a free creature he retains the striving to go beyond what he is at any moment of his existence, yet the fellowship of God with him, possible to the creature, which conditions the goal-directed development of his self, has ceased: the perceiving of this rent bond sounds, demanding the debt, as an unfulfilled admonition: Thou shalt. Man is no longer able to desire in its truth that toward which the fundamental force of his being, his fundamental longing, points, but putting something arbitrary in its place, he becomes, fallen to death, however often the impulse of conscience declares itself unsatisfied, ever more averse and estranged from the life of God. Although now the will is evil, the knowledge blind and unreceptive, the feeling dulled and wicked: yet there remains over against them in the ground of the mind, as reflection and image of that which is holy, the rule or the idea of perfection, communicated at the beginning of creation to this end, that it might mirror itself as human knowledge of the true and good, that is, that the consciousness might awake at the working of its fundamental impulse, like in essentials to the general content of the positive divine law, only that man, having once fallen into the perverse direction, becomes accustomed wilfully to misjudge the peaceless disunion between himself and the voice of conscience, and the spiritual power of the soul hardens itself against hearkening to it. The same voice gives witness of a debt or obligation of reverence toward him on whom our existence depends — whom as the beginner and author of all things the eye of reason, compelling the sensual understanding to a life-filled unity, teaches us to find in creation, — and that in the self-conscious relation of everything creaturely to the LORD of hosts true morality is comprehended, the life's destination issuing in obedience and love of the rational creature toward the great God and Creator, in harmonious union with the expression of the holy final purpose reflected throughout the whole universe, that all things be according to their essential perfection and work accordingly. Since now also a dependence of existence is found between parents and children, namely in so far as these have to thank those for their life: so the feeling of the shamefulness of an irreverent conduct spreads quite of itself, as a necessary consequence of the feeling of dependence on God, also to the human begetters, who already by the light of nature bear God's image upon them. (Quite otherwise are the relations shaped toward the worldly and spiritual government, of which neither the one nor the other rests originally on the state of nature, but this mediates the spiritual regeneration, that is grounded on the divine sanction of the state.) And one perceives from this how essential on God's part the creation in us of such an impulse in the minds of men is, through which a natural abhorrence against incest between parents and children, and indeed of the straight ascending and descending line of kindred, stirs itself on the whole. The application also to marriages with the brothers and sisters of the parents, etc., or with the surviving spouses of the same persons, to whom the respect for the parents passes over, results likewise from this, only that these marriages, as belonging to the collateral line, concern more the other side of the legal relation, to which we now come, and can therefore be excused through imperative necessity. At the same time it follows from what was said before that it belongs to the magistrates, who indeed have to care not for the realm of conscience, yet for the law as rule and norm of outward duties, by virtue of this their office, to separate immediately and entirely to dissolve, irrevocably and without exception, all marriages which are in themselves contrary to nature, that is, in which no cases of dispensation may occur, which therefore are never, in no way, to be permitted, when they have already been consummated. (Cf. Spener's theol. Bedenken II. p. 555.)

The revealed divine Word it is that gives here the most exact elucidation of the human feeling darkened by sin and illumines it with its bright light. The divine fundamental law, that everything which is already of one flesh may not again mingle fleshly, is clearly and plainly stated in it. In the plan of the great work of love which Jehovah began through creation and carries on into the eternities through the victory of the Son of man over the destroyer, the human race is a principal part, and again in this, for the present world, the system of procreation, marriage, family and upbringing. The particular of this plan only revelation can teach, which however was also originally universal and fails only where men have let it perish or even resist its restoration besides. All crimes now which are contrary to the divine plan, especially to the development of man and his history demanded in it, belong under