Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 1 › Seite 5

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-03, Seite 5

1 2 3 4 5 6 7 8

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

⤓ Download .txt · copy text

5

nen, welche hier auferzogen sind, so werden sich doch aller Orten ihrer etliche finden, welche ihre frühere Verwahrlosung hinsichtlich der Kenntniß der heilsamen Lehre mit Wehmuth bedenken und ein Verlangen nach Besserung hegen.

Bedürfen wir nun dazu neuer Maßregeln? Sollen wir uns, wie Martha, in der guten Meinung, dem Herrn zu dienen, so viel zu schaffen machen mit so mancherlei Vorschlägen zu kirchlichen Verfassungen, christlichen Vereinen und andern äußerlichen Einrichtungen? Haben wir nöthig, vor fremden Thüren betteln zu gehen, d. i. allerlei Maßregeln von falschgläubigen Partheien zu entlehnen zur Erweckung eines neuen geistlichen Lebens? Nein, diese Schande wollen wir unserer reichen Mutter, der luth. Kirche, nicht anthun, wohl aber wollen wir sie lernbegierig fragen, welche Maßregeln sie in ihrer besten Zeit ergriffen habe, um einem ähnlichen Nothstande abzuhelfen. Die Summa dieser Antwort liegt in einem Zeugniß dessen, durch den Gott seinem Zion Hülfe schaffte, daß man getrost lehren konnte, Dr. M. Luthers, der da sagt: „Eins ist Noth, nemlich daß Maria zu Christi Füßen sitze und höre sein Wort täglich; das ist das beste Theil, das zu erwählen ist und nimmer weggenommen wird. Es ist ein ewig Wort; das Andere muß Alles vergehen, wie viel es auch der Martha zu schaffen giebt" — „also, daß durch tägliche Übung der Schrift die Christen in der Schrift verständig, läufig und kundig werden." (W. A. X. 267. 265.)

Im Betreff dieser reichlichen Übung des Wortes Gottes schreiben die alten lutherischen Kirchenordnungen nach Dr. Luthers und Anderer Vorgange den fleißigen Gebrauch dieser beiden Mittel, der Auslegung der Bibel und des daraus genommenen Auszugs, nämlich des Catechismus, vor; und dies sind die alten bewährten Mittel zur reichlichen Übung des Wortes Gottes, von denen nun die Rede sein soll und zwar in drei Abschnitten, deren 1. ihre Befolgung zur Zeit der Reformation, der 2. ihre Unterlassung zur Zeit des Abfalls und der 3. ihre Erneurung in unserer Zeit darlegen soll.

1.

Die so eben bezeichneten Maßregeln sind alt zu nennen, nicht nur rücksichtlich unserer, sondern auch der ersten christlichen Zeit, aus der sie herstammen; sie sind folglich alt zu nennen, nicht in dem Sinne, als wenn sie nur veraltet wären und keine Geltung mehr hätten, sondern deßhalb, weil sie durch die Erfahrungen von 18 Jahrhunderten bewährt worden sind. Es kann hier nicht nachgewiesen werden, wie es mit Predigt und Katechese vor dem Aufkommen des Pabstthums, in demselben und bei dem Anfange der Reformation gestanden habe, und wie durch ihren Dienst beides wieder in seine rechte Ordnung gebracht worden sei, es soll nur von der Befolgung dieser alten und von neuem wieder aufgenommenen Maßregeln die Rede sein und zwar zuerst von der Auslegung der Bibel, wofür man dreierlei Formen hatte, nämlich die eigentliche Predigt über die gewöhnlichen Evangelien und Episteln, die Bibellectionen und die Auslegung ganzer biblischer Bücher.

Die lutherische Kirche hat nie, wie die reformirte thut, die Wahl der gewöhnlichen Texte den Predigern überlassen, sondern sie immer an die deßhalb gegebenen Vorschriften gebunden, ob sie gleich dieselben, eben so wenig wie irgend etwas Anderes, das zu den Ceremonien und dergleichen gehört, für ein unabänderlich Festes gehalten hat. Bei Feststellung der Textordnung nahm die lutherische Kirche mit Sorgfalt auf, was sie geschichtlich vorfand, nämlich die alten evangelischen und epistolischen Texte, während die reformirte Kirche dieselbigen beseitigte. Diese Pericopen, die nur in lateinischer Sprache abgesungen wurden, waren freilich dem Volke immer unbekannter und ungenießbarer geworden, nachdem das reine Wort Gottes von den Predigtstühlen verschwunden war. Daher wurden die Prediger hinsichtlich der Festtagsevangelien dahin angewiesen, „daß an diesen Festen mit sonderem Fleiße die Umstände der Historien treulich dem Volke erklärt und eingebildet werden sollen, denn dadurch werden die Zuhörer desto mehr in den Artikeln ihres christlichen Glaubens gegründet und fundiret, weil sie auf den Festen hören, wie ein jeglicher Artikel sich habe zugetragen und erfüllet sei worden." Die sonntäglichen Evangelien aber sollten deshalb ausgelegt werden, „weil in denselben die fürnehmsten Stücke in der Historia Christi unseres Heilandes und seiner Lehre begriffen sind." Demgemäß wurden die Predigten über die evangelischen Pericopen wegen ihres reichen Inhalts an Geschichte und Lehre als grundlegend angesehen und alle lutherischen Kirchenordnungen ohne Ausnahme stimmen darin überein, daß sie diesen Pericopen und zwar vor den epistolischen unbedingt den Vorzug geben, indem sie die ersteren durchgehend zu Texten für die Vormittags- oder Hauptpredigten bestimmen, den letzteren aber diesen Platz unter keiner Bedindingung einräumen, sondern ihnen denselben in Städten entweder ausnahmsweise in der Früh- oder Mettenpredigt, oder gewöhnlich in der Vesper- oder Nachmittagspredigt anweisen; auf dem Lande aber, wenn Nachmittags keine Catechismuslehre gehalten wurde, kamen die Episteln ganz in Wegfall und wurden nur bei dem Vormittagsgottesdienste vorgelesen.

Das zweite sind die Bibellectionen. Dies waren zweckmäßig ausgewählte Abschnitte der h. Schrift, z. B. die Lection am Christtage Jes. 9, 2 — 7, meistens aber ganze Capitel derselben, welche nach der Reihefolge der biblischen Bücher nach alter christlicher Weise in der Kirche vorgelesen wurden. Es wurde nicht darüber gepredigt, sondern man begnügte sich, entweder bloß den biblischen Text oder vor demselben sogenannte Summarien d. h. kurze und erklärende Inhaltsangaben deutlich und vernehmlich vorzulesen. So bediente man sich in der pommerschen, preußischen und andern Kirchen der trefflichen, jetzt aber ganz unbekannten Summarien des Veit Dietrich, eines der treuesten Schüler Luthers. Als in den Zeiten des dreißigjährigen Krieges dies Buch immer seltener geworden war, so setzte man, ohne auf eine neue Herausgabe desselben bedacht zu sein, an dessen Stelle die Würtembergischen Summarien, die aber schon wegen ihrer großen Weitschweifigkeit weit hinter den Dietrichschen zurückstehen. In Städten waren diese Bibellectionen für die Beichtgottesdienste an den Sonnabenden, für die sonntäglichen Metten- oder Frühgottesdienste, so wie für die Wochengottesdienste vorgeschrieben, auf dem Lande aber mußten sich diese Lectionen gewöhnlich auf die Sonnabendsvespern beschränken. In der Regel wurden sie nicht vom Prediger, sondern in den Städten von Schülern, auf dem Lande vom Küster vorgelesen. Auf diese Weise wurde das des Lesens größentheils unkundige Volk nach und nach mit der ganzen h. Schrift bekannt gemacht; es lernte neben dem Text auch das Allernöthigste von dem Verständniß und der Anwendung der einzelnen Capitel kennen.

Endlich hielt man es für nöthig, auch über ganze Bücher der h. Schrift A. und N. Testaments zu predigen; dies geschah ohne förmliche Aufstellung von Thema und Theilen und mehr in jener kunstlosen Weise, deren sich früher die berühmtesten Kirchenväter bedient hatten. Nach der Vorlesung eines ganzen Capitels oder eines Abschnittes desselben, folgte eine kurze Anzeige des Inhalts und des Zusammenhangs. Hierauf wurden die zusammengehörenden Verse und besonders die schwierigsten kurz erklärt, die darin liegenden Lehren angezeigt und zur Warnung, Ermahnung ꝛc. angewendet. Dann wurde ohne Weiteres zu den folgenden Worten des Textes übergegangen und dabei auf gleiche Weise verfahren.

Die Zeit zu diesen biblischen Auslegungen gewann man dadurch, daß man aus den bisherigen päpstlichen Messen, die täglich gehalten wurden, Wochengottesdienste machte, die in den größern Städten täglich, ja bisweilen zweimal des Tags, nämlich früh und Abends, auf dem Lande aber wöchentlich wenigstens einmal gehalten wurden. Die darauf Bezug habenden Vorschriften enthalten nur allgemeine Bestimmungen, z. B. die, daß abwechselnd über ein Buch aus dem Alten und über eines aus dem Neuen Testamente gepredigt werden sollte und dergleichen.

So hatte jede dieser drei Formen ihre besondere Bestimmung. Die Predigt über die evangel. Pericopen legte die nöthigsten Stücke des christlichen Glaubens und Lebens aus, die Bibellection führte in die Bekanntschaft mit der heil. Schrift im Allgemeinen und die auslegende Predigt führte tiefer in das Verständniß der einzelnen biblischen Bücher ein.

(Fortsetzung folgt.)

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

5

...who were brought up here, yet in all places some of them will be found who will look back with sorrow upon their former neglect with regard to the knowledge of the wholesome doctrine and will cherish a desire for amendment.

Do we then need new measures for this? Shall we, like Martha, in the good intention of serving the Lord, be so much encumbered with all manner of proposals for church constitutions, Christian societies, and other external arrangements? Is it necessary for us to go begging at strange doors, that is, to borrow all manner of measures from false-believing parties for the awakening of a new spiritual life? No, this disgrace we will not do to our rich mother, the Lutheran Church, but rather we will eagerly inquire of her what measures she took in her best time to remedy a similar state of need. The sum of this answer lies in a testimony of him through whom God brought help to his Zion, so that one could teach with confidence, Dr. M. Luther, who says: "One thing is needful, namely that Mary sit at Christ's feet and hear his word daily; that is the good part, which is to be chosen and shall never be taken away. It is an everlasting word; the other must all pass away, however much it may give Martha to do" — "so that by daily exercise in the Scripture the Christians may become intelligent, fluent, and skilled in the Scripture." (W. A. X. 267. 265.)

With regard to this abundant exercise in the Word of God, the old Lutheran church orders, following the example of Dr. Luther and others, prescribe the diligent use of these two means, the exposition of the Bible and the extract drawn from it, namely the Catechism; and these are the old tried means for the abundant exercise in the Word of God, of which we now propose to speak, and indeed in three sections, of which the 1st is to set forth their observance at the time of the Reformation, the 2nd their neglect at the time of the apostasy, and the 3rd their renewal in our time.

1.

The measures just named are to be called old, not only with respect to our time, but also to the first Christian time, from which they derive; they are accordingly to be called old, not in the sense as though they were merely antiquated and no longer had any validity, but because they have been proved by the experience of 18 centuries. It cannot be demonstrated here how it stood with preaching and catechization before the rise of the papacy, under it, and at the beginning of the Reformation, and how through their service both were brought again into their right order; we shall speak only of the observance of these old measures, taken up anew, and indeed first of the exposition of the Bible, for which they had three forms, namely the actual sermon upon the customary Gospels and Epistles, the Bible lessons, and the exposition of whole books of the Bible.

The Lutheran Church has never, as the Reformed do, left the choice of the customary texts to the preachers, but has always bound them to the prescriptions given for that purpose, although she has held these, just as little as anything else belonging to ceremonies and the like, to be unalterably fixed. In establishing the order of texts the Lutheran Church carefully took up what she found historically at hand, namely the old Gospel and Epistle texts, whereas the Reformed Church set the same aside. These pericopes, which were only chanted in the Latin language, had indeed become ever more unknown and unpalatable to the people, after the pure Word of God had vanished from the pulpits. Hence the preachers were directed with respect to the festival Gospels "that on these festivals the circumstances of the histories be faithfully explained and impressed upon the people with special diligence, for thereby the hearers are the more grounded and founded in the articles of their Christian faith, because on the festivals they hear how every article came to pass and was fulfilled." The Sunday Gospels, however, were to be expounded "because in them the chief parts of the history of Christ our Savior and of his doctrine are comprehended." Accordingly the sermons upon the evangelical pericopes were regarded as fundamental on account of their rich content of history and doctrine, and all the Lutheran church orders without exception agree in this, that they give unconditional preference to these pericopes, and indeed before the epistolary ones, in that they assign the former throughout as texts for the forenoon or chief sermons, but on no condition grant the latter this place, assigning them the same in towns either exceptionally in the early or matins sermon, or ordinarily in the vesper or afternoon sermon; but in the country, when no catechism instruction was held in the afternoon, the Epistles fell away entirely and were read only at the forenoon service.

The second are the Bible lessons. These were suitably chosen portions of the Holy Scripture, e. g. the lesson on Christmas Day, Isa. 9, 2 — 7, but for the most part whole chapters of it, which were read aloud in the church in the order of the biblical books, after the ancient Christian manner. No sermon was preached upon them, but they contented themselves with reading aloud, distinctly and audibly, either the biblical text alone or, before it, so-called summaries, that is, short explanatory statements of contents. Thus in the Pomeranian, Prussian, and other churches they made use of the excellent, but now wholly unknown, Summarien of Veit Dietrich, one of Luther's most faithful disciples. When in the times of the Thirty Years' War this book had become ever scarcer, they put in its place, without being concerned for a new edition of it, the Würtembergian Summarien, which, however, on account of their great prolixity alone, fall far behind those of Dietrich. In towns these Bible lessons were prescribed for the confessional services on Saturdays, for the Sunday matins or early services, as well as for the weekday services, but in the country these lessons had usually to be confined to the Saturday vespers. As a rule they were read aloud not by the preacher, but in the towns by pupils, in the country by the sexton. In this way the people, who were for the most part unable to read, were gradually made acquainted with the whole Holy Scripture; besides the text they also learned the most necessary part of the understanding and application of the individual chapters.

Finally they held it necessary also to preach upon whole books of the Holy Scripture of the Old and New Testament; this took place without formal setting up of theme and parts and more in that artless manner which the most renowned fathers of the church had formerly used. After the reading of a whole chapter or a section of the same, there followed a brief statement of the contents and the connection. Thereupon the verses belonging together, and especially the most difficult, were briefly explained, the doctrines contained in them pointed out and applied for warning, exhortation, etc. Then they passed on without more to the following words of the text and proceeded in like manner.

The time for these biblical expositions was gained by making the weekday services out of the former papal masses, which were held daily; these were held daily in the larger towns, indeed sometimes twice a day, namely morning and evening, but in the country at least once a week. The prescriptions relating thereto contain only general provisions, e. g. that alternately upon a book from the Old and upon one from the New Testament preaching should be done, and the like.

Thus each of these three forms had its particular purpose. The sermon upon the evangelical pericopes expounded the most necessary parts of Christian faith and life, the Bible lesson led into acquaintance with the Holy Scripture in general, and the expository sermon led deeper into the understanding of the individual biblical books.

(To be continued.)