Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 16 › Seite 126

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-04-01, Seite 126

121 122 123 124 125 126 127 128

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

⤓ Download .txt · copy text

126

gelobten Heilandes gehen! Meine Seele sehnte sich innigst nach Trost und Gnade, und ich betete oft in Angst und Noth des Leibes und der Seele, Gott wolle mir alten Sünder doch gnädig sein und mein Sehnen stillen! Jetzt habe ich gefunden, wornach mein Herz sich sehnt. Hier ist der Schatz, der reich und selig macht. Ach, ich danke Ihnen, mein lieber Herr, von ganzem Herzen und von ganzer Seele!“ — Ein Anderer erklärte mir, er habe, als er vor dreizehn Jahren zum Rekruten abgegeben wurde, von seiner damals bitterlich weinenden, verwittweten Mutter ein kleines Gebetbuch beim Abschied zum Geschenk erhalten, und dieses auf all' seinen Märschen in der Türkei und in Polen mit sich im Ranzen herumgetragen. Manche Kugel sei durch seinen Tornister gegangen, mancher Regen auf ihn und sein Buch herabgeströmt. Er habe es oft ganz durchweicht trocknen müssen, es aber dennoch als seines Herzens Trost überall mit sich auf seinem Rücken herumgetragen. Endlich vor etwa einem Jahre sei dieser theuerste Schatz seines Lebens dermaßen in Stücken auseinandergegangen, daß er sich von ihm trennen mußte. Seit der Zeit hätte er sich innig gesehnt, doch wiederum Gottes Wort in seiner lieben theuren Muttersprache zu besitzen, und jetzt sei er reicher geworden, als er gewesen; er besitze nun das Buch aller Bücher und wolle dasselbe bis an sein Ende sorgfältig bewahren.

Die meisten der Communicanten hatten in acht bis dreizehn Jahren in keine Kirche ihres Glaubens kommen und das heilige Abendmahl empfangen können; von aller evangelischen Seelenpflege fern, hatten sie in den entlegeneren Gouvernements des Reiches bald hier, bald dort stehen müssen; aber es zeigte sich bei den Meisten, daß diese lange Entbehrung sie nicht abgestumpft, sondern im Gegentheil recht verlangend nach evangelischer Geistesnahrung gemacht hatte. Am deutlichsten offenbarte sich dies bei einem jungen Letten von etwa 26 Jahren, aus Mitau in Kurland gebürtig. Selten sah ich einen Menschen sich über das Geschenk eines Neuen Testamentes stiller, inniger, tiefer, ja seliger freuen. Unvergeßlich sind mir die Beweise seiner Dankbarkeit. Er küßte mir die Hand, den Saum meines Rockes, er streichelte mir die Kniee, die Schultern, die Wangen, während er unter Thränen der Freude in lettischer und russischer Sprache versicherte: er werde nicht aufhören, für mich, meine Frau und Kinder zu beten, und Gott werde ihn erhören und mir es noch am jüngsten Tage gedenken, daß ich ihn so reich, so unaussprechlich glücklich gemacht habe. Er habe seit seinem Eintritt in den Militärdienst schon öfters sich so viel Geld erspart, um sich ein Neues Testament kaufen zu können, aber immer keines gefunden, und dann wieder das Geld ausgegeben; jetzt sei er umsonst und ganz ohne Hoffnung und Erwarten in den Besitz dieses lang ersehnten Kleinods gelangt, und werde daran mit Dank und Freude halten bis an seines Lebens Ende. Selten sah ich auch einen Menschen so tief in Andacht versunken als diesen frommen Letten Tages darauf beim Abendmahl, wo er dazu meine Sprache nicht einmal verstand. Mit gefalteten, halb erhobenen Händen lag er knieend, in Andacht versunken am Boden, wie es schien, Alles vergessend, was um ihn her vorging, und nur mit seinem Herrn im lebhaftesten Gespräch. Unter den Siebenzig waren auch zwei noch sehr junge Leute, ihrem Wuchs und Ansehen nach mehr Knaben als Jünglinge, der eine von lettischen, der andere von deutschen Eltern. Beide aber sprachen und lasen nur russisch und waren in der Kantonistenschule in Riga erzogen worden. Trotz vielfacher Aufforderung, selbst, wie sie mir sagten, von einem deutschen Offizier in dieser Schule, zur griechisch-russischen Kirche überzutreten, waren sie — namentlich der eine in dankbarer Erinnerung an seine unter Thränen ihn segnende Mutter — dem Glauben ihrer Väter treu geblieben. Da sie aber Beide nur russisch verstanden, waren sie zu der Confirmationslehre nicht angenommen worden. Darüber rückte das Alter ihrer Militärfähigkeit heran, und sie wurden daher unconfirmirt zu ihren Regimentern geschickt. Diese bestellte ich auf den Nachmittag noch besonders zu mir, unterhielt mich eine Zeitlang mit ihnen, überzeugte mich, daß sie nothdürftig etwas mehr vom Christenthum verstanden, als sonst vielleicht ein Heide, gab ihnen einige Traktärchen in russischer Sprache, segnete sie Tags darauf ein und nahm sie zum Abendmahl.

Als nun die Leute unter herzlichen Segenswünschen und unter vielen Beweisen aufrichtiger Dankbarkeit mich verlassen hatten, und ich über das Erlebte in so manche Gedanken der tiefsten Rührung versunken war, da trat nochmals ein alter Soldat herein, den ich vorher in der Menge kaum bemerkt hatte. Es war ein Esthe, und nach der Weise seines Volks buckte er sich mit schüchterner Miene zu meinen Knieen herab und sprach: „Ach, lieber Herr! Sie haben mir alten Sünder, weil ich nicht zu lesen verstand, kein Neues Testament geschenkt. Ich bin freilich alt und mein dummer Kopf kann nicht mehr lernen, was ich in meiner Jugend versäumt. Im nächsten Frühjahr aber ist meine Dienstzeit aus, dann kehre ich in meine Heimath zurück. Daheim habe ich noch mein Weib und meine zwei Kinder. Und da wollte ich Sie nun gebeten haben, mir ein neues Testament zu schenken, daß ich es meinen Kindern bringe, und sie in Gottes Wort klüger und dadurch auch frömmer und besser werden, als ich.“ Unter Dank und Freude nahm er sein Neues Testament in Empfang.

Tags darauf, als die Leute zum Abendmahl kamen, trat ihr Führer, der junge Offizier, in meine Stube und sagte: „Denken Sie doch, wie es mir gestern ergangen! Voll Unmuth über die Verzögerung der Abendmahlsfeier und voll Besorgniß, es könnte aus Langerweile mancher Unfug von meinen Leuten geschehen, eile ich gestern Abend noch spät zehn Uhr in die Kaserne, um nachzusehen, ob Alles in Ordnung sei. Ich trete ein, und siehe da, kaum traute ich meinen Augen! Meine enge Kasernenstube war zur Schule geworden. Auf dem Boden, in den Winkeln, auf dem Ofen und an den Fenstern saßen meine Leute, jeder hatte ein neues, schön eingebundenes Buch in der Hand, und Alle waren in vollem, andächtigen Lesen. Was ist das? fragte ich die Leute. — Ja, sagten sie, unser Geistlicher hat uns, Jedem in seiner Sprache, ein Neues Testament geschenkt, und wir sind voll Dank- und Freude, in den Besitz dieses langersehnten, kostbaren Schatzes gekommen zu sein. — Nun sagen Sie mir doch, wie konnten Sie den Leuten so viele Bücher schenken, wo der gute Einband schon eine nahmhafte Summe ausmacht?“ Ich erklärte ihm, die Bibelgesellschaften seien als ein Werk der erbarmenden Christenliebe dazu unter uns errichtet, daß selbst dem Aermsten es möglich gemacht werde, ein eigenes Neues Testament zu seinem Gebrauche zu erhalten. — „Das ist sehr schön,“ antwortete er, „ich werde darüber meinem Chef genauen Rapport abstatten.“ — —

(Christenbote.)

Zu Lucä 13, 28—30.

Ein Mensch starb, und kam vor die Himmelsthür; sie war verschlossen, und auf sein Anklopfen trat ein Engel heraus, der fragte: „Wohin willst du?“ Der Mensch antwortete: „In den Himmel!“ „Du bist an der rechten Thür“, sagte der Engel, „so komm, ich will dich umherführen, denn in unsres HErrn Hause sind viele Wohnungen. Du sollst selbst wählen, in welcher du wohnen willst!“ Mit diesen Worten ging der Engel voran, und der Mensch folgte ihm. Bald standen sie vor einer Wohnung der Seligen, und der Engel sprach: „Siehe da, das sind Selige! Sie erkennen von Angesicht zu Angesicht, schauen hinein in die Tiefe des Reichthums, beides der Weisheit und der Erkenntniß Gottes, und begreifen seine Gerichte, die auf Erden ihnen unbegreiflich waren, — das ist ihre Seligkeit. Willst du bei ihnen wohnen?“ „Nein!“ rief der Mensch; „führe mich weiter, denn das ist keine Seligkeit für mich.“ Der Engel ging weiter und führte den Menschen vor eine zweite Wohnung. „Siehe da“, sprach er, „hier wohnen Selige! Sie beschauen sich selbst, und sie staunen, denn sie sind ohne Sünde! Darum dienen sie dem HErrn ihrem Gott ohne Unterlaß, in lauter Freude und Wonne, ohne Widerstand ihres Eigenwillens; ihr Wille und ihres Gottes Wille sind ganz Eins geworden, — das ist ihre Seligkeit. Willst du bei ihnen wohnen?“ „Nein!“ rief der Mensch; „führe mich weiter, denn das ist keine Seligkeit für mich.“ Sie gingen weiter, und standen still vor einer dritten Wohnung. „So siehe hier,“ sprach der Engel, „hier wohnen Selige! Sie kennen sich, ohne je auf Erden sich gesehen zu haben; sie sitzen zusammen an einem Tische und genießen eine Speise, die Liebe ihres Gottes; sie lieben sich untereinander ohne Aufhören, denn Teufel, Sünde und Tod dringen hier nicht mehr ein; höre, wie sie singen mit neuen Zungen: „Heilig, selig ist die Freundschaft und Gemeinschaft, die wir haben, und darinnen uns erlaben!“ — Das ist ihre Seligkeit. Willst du bei ihnen wohnen?“ „Nein!“ rief der Mensch; „führe mich weiter, denn das ist keine Seligkeit für mich.“ Da sprach der Engel: „Ich will dir noch eine Wohnung, die schönste von allen, zeigen; aber nur noch diese, denn ist da keine Seligkeit für dich, so ist im Himmel für dich kein Raum.“ Als sie dieser Wohnung sich näherten, hörte der Mensch wunderbaren Gesang, aber ihn erquickte er nicht. Jetzt konnte er die Schaar der Seligen sehen, welche hier wohnten; sie waren angethan mit weißen Kleidern, und trugen Palmen in ihren Händen. Mitten unter ihnen sah er Einen, der war eines Menschen Sohne gleich; sein Angesicht leuchtete wie die helle Sonne, an seinen Händen und Füßen strahlten in blutigem Glanze die Denkmale seiner erlittenen Pein.

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

126

praised Saviour! My soul longed most fervently for comfort and grace, and I prayed often, in anguish and distress of body and soul, that God would yet be gracious to me, an old sinner, and still my longing! Now I have found that for which my heart longeth. Here is the treasure that maketh rich and blessed. Oh, I thank you, my dear sir, from my whole heart and from my whole soul!" — Another explained to me that when, thirteen years ago, he was handed over as a recruit, he had received at parting, as a gift from his mother, who was then a widow and weeping bitterly, a little prayer-book, and had carried this about with him in his knapsack on all his marches in Turkey and in Poland. Many a bullet, he said, had gone through his knapsack, much rain had streamed down upon him and his book. He had often had to dry it when it was quite soaked through, but had nevertheless carried it about everywhere on his back as the comfort of his heart. At last, about a year ago, this dearest treasure of his life had fallen apart into pieces to such a degree that he had to part with it. Since that time he had longed fervently to possess God's Word once more in his dear, precious mother tongue, and now he was become richer than he had been; he now possessed the Book of all books and meant to keep it carefully to his end.

The most of the communicants had not been able in eight to thirteen years to come to any church of their faith and to receive the holy Communion; far from all evangelical pastoral care, they had had to be stationed now here, now there, in the more remote governments of the empire; but it appeared in the most of them that this long deprivation had not dulled them, but on the contrary had made them truly longing for evangelical nourishment of the spirit. This showed itself most plainly in a young Lett of about 26 years, a native of Mitau in Courland. Seldom have I seen a man rejoice more quietly, more fervently, more deeply, yea more blessedly, over the gift of a New Testament. The proofs of his gratitude are unforgettable to me. He kissed my hand, the hem of my coat, he stroked my knees, my shoulders, my cheeks, while with tears of joy he assured me in the Lettish and Russian tongues that he would not cease to pray for me, my wife and children, and that God would hear him and remember it to me at the last day, that I had made him so rich, so unspeakably happy. Since his entering the military service he had already often saved up money enough to be able to buy himself a New Testament, but had never found one, and then had spent the money again; now he had come, for nothing and wholly without hope or expectation, into the possession of this long-desired jewel, and would hold to it with thanks and joy to the end of his life. Seldom, too, have I seen a man so deeply sunk in devotion as this pious Lett on the day following at the Communion, where he did not even understand my language. With folded, half-raised hands he lay kneeling, sunk in devotion, on the floor, apparently forgetting all that went on around him, and in the most lively converse with his Lord alone. Among the seventy there were also two very young men, in their growth and appearance more boys than youths, the one of Lettish, the other of German parents. But both spoke and read only Russian and had been brought up in the cantonists' school at Riga. In spite of manifold urging, even, as they told me, from a German officer in this school, to go over to the Greek-Russian Church, they had remained true — the one especially in grateful remembrance of his mother, who blessed him with tears — to the faith of their fathers. But since they both understood only Russian, they had not been admitted to the instruction for confirmation. Meanwhile the age of their fitness for military service drew near, and they were therefore sent unconfirmed to their regiments. These I summoned to me specially for the afternoon, conversed with them for a while, convinced myself that they understood, in a scanty way, somewhat more of Christianity than perhaps a heathen otherwise would, gave them some little tracts in the Russian language, confirmed them the day following, and took them to the Communion.

When now the men had left me amid hearty good wishes and with many proofs of sincere gratitude, and I was sunk in many thoughts of the deepest emotion over what I had experienced, there entered once more an old soldier whom I had hardly noticed before in the crowd. He was an Esthonian, and after the manner of his people he stooped down with a timid look to my knees and said: "Ah, dear sir! You have given me, an old sinner, no New Testament, because I did not know how to read. I am indeed old, and my stupid head can no longer learn what I neglected in my youth. But next spring my term of service is out, then I return to my home. At home I have still my wife and my two children. And so I would now beg you to give me a New Testament, that I may bring it to my children, and that they may become wiser in God's Word and thereby also more pious and better than I." With thanks and joy he received his New Testament.

On the day following, when the men came to the Communion, their leader, the young officer, entered my room and said: "Only think how it went with me yesterday! Full of ill humor over the delay of the Communion celebration, and full of concern lest from tedium some mischief might be done by my men, I hurried yesterday evening, late, at ten o'clock, to the barracks, to see whether all was in order. I step in, and behold, I scarcely trusted my eyes! My narrow barrack-room had become a school. On the floor, in the corners, on the stove and at the windows sat my men, each had a new, handsomely bound book in his hand, and all were in full, devout reading. What is this? I asked the men. — Why, they said, our pastor has given us, each in his own language, a New Testament, and we are full of thanks and joy to have come into the possession of this long-desired, precious treasure. — Now tell me, pray, how could you give the men so many books, when the good binding alone makes up a considerable sum?" I explained to him that the Bible societies had been established among us as a work of compassionate Christian love, to the end that even the poorest might be enabled to obtain a New Testament of his own for his use. — "That is very fine," he answered, "I shall make an exact report of it to my chief." — —

(Christenbote.)

On Luke 13, 28—30.

A man died, and came before the gate of heaven; it was shut, and at his knocking an angel came out, who asked: "Whither wilt thou?" The man answered: "Into heaven!" "Thou art at the right door", said the angel, "so come, I will lead thee about, for in our Lord's house are many mansions. Thou shalt choose for thyself in which thou wilt dwell!" With these words the angel went before, and the man followed him. Presently they stood before a dwelling of the blessed, and the angel said: "Behold, these are blessed! They know face to face, look into the depth of the riches both of the wisdom and knowledge of God, and comprehend His judgments, which on earth were incomprehensible to them, — that is their blessedness. Wilt thou dwell with them?" "No!" cried the man; "lead me farther, for that is no blessedness for me." The angel went farther and led the man before a second dwelling. "Behold", said he, "here dwell blessed ones! They behold themselves, and they marvel, for they are without sin! Therefore they serve the LORD their God without ceasing, in pure joy and delight, without resistance of their own will; their will and their God's will have become wholly one, — that is their blessedness. Wilt thou dwell with them?" "No!" cried the man; "lead me farther, for that is no blessedness for me." They went farther, and stood still before a third dwelling. "So behold here," said the angel, "here dwell blessed ones! They know one another, without ever having seen one another on earth; they sit together at one table and enjoy one food, the love of their God; they love one another without ceasing, for devil, sin and death enter here no more; hear how they sing with new tongues: "Holy, blessed is the friendship and fellowship which we have, and wherein we refresh ourselves!" — That is their blessedness. Wilt thou dwell with them?" "No!" cried the man; "lead me farther, for that is no blessedness for me." Then the angel said: "I will show thee yet one dwelling, the fairest of all; but only this one more, for if there is no blessedness for thee here, then in heaven there is no room for thee." As they drew near this dwelling, the man heard wonderful singing, but it did not refresh him. Now he could see the company of the blessed who dwelt here; they were clothed with white garments, and bore palms in their hands. In the midst of them he saw One who was like the Son of man; His countenance shone like the bright sun, on His hands and feet there shone in bloody splendor the memorials of the pain He had suffered.