Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 3 › Seite 20
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-09-30, Seite 20
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Wir wollen nun bei der Prüfung jener Behauptung, es sei der Vernunft zuwider, die Lehren der christlichen Religion für wahr, und die Bibel für Gottes Wort zu halten, so zu Werke gehen, daß wir den auf der Erfüllung der messianischen Weissagungen ruhenden Beweis aufstellen, und hören, was die Gegner sagen, um ihn zu entkräften, oder zu beseitigen, auf daß wir daran sehen, wer denn in Wahrheit der Vernunft zuwider handelt: die Christen, die den Beweis annehmen, oder die Gegner, die ihn verwerfen. Und es wird sich zeigen, daß nicht die Christen der Vernunft zuwider handeln, sondern die Gegner des Christenthums: nicht die Gläubigen sind die Unverständigen, sondern die Ungläubigen sind die Unverständigen.†)
†) Diese Wahrheit ist keineswegs erst jetzt erkannt, oder hier zum ersten Mal ausgesprochen. Es hat namentlich ein berühmter französischer Geistlicher, A. Monod, in einer Predigt dieselbe in umfassender und schlagender Weise dargelegt.
Wir danken aber Dir, lieber himmlischer Vater, daß Du uns so hohe Gaben Leibes und der Seele gegeben hast, insonderheit die Vernunft, und bitten Dich, Du wollest uns vergeben, daß wir dieselben oft mißbraucht haben, und grade je höher die Gabe, desto mehr. Wasche uns in dem Blute des Lammes, und verleihe, daß wir, was Du uns gegeben, hinfort nur zu Deines Namens Ehre und zu unserem und unserer Brüder Heil gebrauchen. Wollest auch die erretten, die noch im Dienst der Sünde stehen, und an ihrem eigenen Verderben arbeiten, auf daß sie mit uns eins werden, und wir allesammt uns Dir darbringen mit Allem, was wir sind und haben, zu einem Opfer das da lebendig, heilig und Dir wohlgefällig sei. Zu dem Ende gieb auch, Vater im Himmel, um Deines lieben Sohnes unseres Herrn willen, Deinen fernern Segen zu unserer andächtigen Betrachtung. Amen.
Alles was gegen die Erfüllung der messianischen Weissagungen des Alten Testaments, diesen Beweis für die Wahrheit der christlichen Religion, angeführt ist, und was möglicher Weise dagegen angeführt werden kann, läßt sich in drei Puncte zusammenfassen, die wir nun kürzlich als Angesichts der Gegner, mit einander durchgehen wollen.
1.
Man hat gesagt, die Weissagungen, die sich im Alten Testamente finden, sind allerdings, so wie sie dastehen, und zu der angeblichen Zeit gesprochen; ebenfalls sind die Begebenheiten, die im Neuen Testament gemeldet werden, wirklich geschehen; mit beiden hat es seine Richtigkeit. Allein das beweist nichts für die Göttlichkeit des Christenthums. Denn das Zusammenstimmen der Weissagungen im Alten Testament und der Begebenheiten im Neuen Testament ist zufällig. Es sagt oder schreibt ja Mancher ein Wort, das auf die ferne Zukunft Bezug hat, und auch in Erfüllung geht; darum hält aber noch Niemand den, der einen solchen Ausspruch gethan hat, für einen Propheten, und seine Schrift für von Gott eingegeben, und das eingetroffene Ereigniß für ein göttliches und übernatürliches Werk. So findet sich bei einem alten lateinischen Philosophen und Dichter,*) der einige Zeit nach Christo gelebt hat, eine Stelle, die man wol für eine Weissagung auf die Entdeckung America's gelten lassen könnte, und ein anderer römischer Mann,**) der etwa 100 Jahre vor Christi Geburt gelebt, hat die klaren Worte ausgesprochen, das römische Reich würde 12 Jahrhunderte bestehen, was auch wirklich eingetroffen ist, indem dasselbe 753 oder 754 vor Christi Geburt seinen Anfang genommen, und 455 nach Christi Geburt zur Zeit der Plünderung Roms den Todesstoß erhalten hat, und 475 nach Christi Geburt gar untergegangen ist. Aber deshalb haltet doch auch ihr Christen jene Männer nicht für Propheten, noch ihre Worte für Gottes Worte, noch jene Ereignisse für göttliche und übernatürliche Werke. Weshalb soll es denn anders mit den Weissagungen des Alten Testaments sein? — Christen antworten darauf nach 5 Mose 18, 22. Wenn der Prophet redet im Namen des Herrn, und wird nichts daraus, und kommt nicht, das ist das Wort, das der Herr nicht geredet hat; der Prophet hat's aus Vermessenheit geredet, darum scheue dich nicht vor ihnen. Also auch: hätten jene Männer im Namen des Herrn geredet, und es wäre dann eingetroffen; so würden wir auch in diesen Fällen Alles gelten lassen, was wir von den Weissagungen des Alten Testaments behaupten. Das haben sie aber nicht gethan, ja sie haben den Herrn allem Anschein nach nicht einmal gekannt; also halten wir das Eintreffen ihrer Worte allerdings für etwas Natürliches, oder, wie man im gemeinen Leben sagt, Zufälliges; indem es im Laufe der Dinge ja wohl einmal vorkommen kann, daß etwas, was ein Mensch vor langer Zeit gesagt, oder aufgeschrieben hat, geschieht; während es eben so wohl hätte ausbleiben können. Anders ist's mit den Propheten des Alten Testaments, die haben geweissagt im Namen des Herrn, und es ist eingetroffen. Doch werden die Gegner sagen: Das ist eine Regel aus der Bibel, nach welcher ihr Christen euch richtet; wir aber halten uns an die Vernunft, und gehen nach den Regeln des gemeinen Menschenverstandes. Nun wohlan! die ihr euch blos an die Vernunft halten, und nach den Regeln des gemeinen Menschenverstandes gehen wollt, lasset euch doch erinnern, daß es auch sonst eine ganz andere Bewandniß mit den Prophezeihungen des Alten Testaments hat, als mit den aus der Weltgeschichte angeführten Beispielen. In letztern ist ein einzelnes Ereigniß angegeben, in jenen aber eine Kette von Ereignissen. Denn im Alten Testament ist nicht etwa blos geweissagt, daß zu einer gewissen Zeit ein Mann Namens Jesus leben und große Thaten und Wunder thun würde, oder dergleichen; sondern im Alten Testament ist die ganze heilige Geschichte des Neuen Testaments der Hauptsache nach geweissagt: daß Johannes der Täufer des Messias Vorläufer sein, daß er selber aus dem Geschlecht Davids von einer Jungfrau zu Bethlehem in Niedrigkeit geboren werden, nach Egypten entfliehen, in Nazareth aufwachsen und in der 70sten Jahrwoche nach der Rückkehr des Volks der Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft, ihnen Gottes Willen verkündigen, und große Thaten und Wunder verrichten, daß aber die Welt sich wider ihn setzen und ihn ungerecht richten und verdammen, er aber unschuldig viel leiden und endlich gekreuzigt werden würde; dann würden die Kriegsknechte seine Kleider unter sich theilen, und um seinen Rock das Loos werfen, seine Feinde ihn selbst dann noch höhnen, er aber geduldig sein wie ein Schaaf, das verstummt vor seinem Scherer, und jene ihm kein Bein zerbrechen, und ein Grab geben mit den Reichen; und am dritten Tage würde er wieder auferstehen und nun ewiglich leben und herrschen, bis alle Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt wären; wie das Alles und noch viel mehr im Alten Testament, namentlich im 22sten Psalm und im 53sten Capitel des Propheten Jesaia, das man ein 5tes Evangelium genannt hat, zu finden ist, und Jedermann nachlesen kann. Deß wollten wir die erinnern, die sprechen, das Zusammenstimmen der Weissagungen des Alten Testaments und der Begebenheiten des Neuen Testaments sei zufällig, und dabei sich auf die Regeln des gemeinen Menschenverstandes berufen. Dergleichen hält kein Vernünftiger für zufällig, wie Jedermann bezeugen wird, und zum Ueberfluß noch aus folgendem Beispiel sich ergiebt. Denkt euch, ihr Gegner, ihr findet eines Tages an einer Tafel oder sonst wo in eurem Zimmer einen Buchstaben geschrieben. Es wird gefragt: Von wem rührt er her? von einem kleinen Kinde, das die Buchstaben nicht schreiben kann, ja auch nicht einmal kennt, oder von Einem, der sie kennt, der schreiben kann und den Buchstaben hat schreiben wollen? Ein jeder, der nachdenkt, wird sagen, das Letztere ist zwar wahrscheinlicher, doch auch das Erstere ist möglich, besonders wenn der Buchstabe nicht vollkommen deutlich ist; denn ein Kind kann ja auch beim Spielen mit Kreide oder dergleichen zufälliger Weise eine Figur machen, die einem Buchstaben ähnlich sieht. Aber wie ist's, wenn ihr statt eines Buchstabens einen ganzen Satz an der Tafel geschrieben findet? z. B. Das ist das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum erkennen. Würde man da auch noch fragen können: hat es ein Kind gethan, das den Spruch nicht weiß, auch nicht einmal schreiben kann; oder Jemand, der den Spruch weiß, schreiben kann, und diese Worte hat schreiben wollen, also mit einem Worte, ist's Zufall oder nicht? Niemand, der Vernunft gebraucht, wird sagen, es sei Zufall; am allerwenigsten sollte man's von denen erwarten, die sich auf die Vernunft berufen. Aber ganz eben so ist's mit den Vorherverkündigungen des Alten Testaments. Ja, wäre nur ein einzelnes Ereigniß vorhergesagt und eingetroffen, dann möchte es Zufall sein, aber es ist eine ganze Kette von Ereignissen, eine ganze Geschichte mit ihren einzelnen Umständen vorhergesagt und ein-
*) Seneca.
**) Vettius Valens nach Censorinus.
English translation AI translation
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We will now, in the examination of that assertion, that it is contrary to reason to hold the doctrines of the Christian religion to be true and the Bible to be God's Word, proceed in this way: that we set forth the proof resting upon the fulfilment of the Messianic prophecies, and hear what the opponents say in order to invalidate or set it aside, that we may thereby see who then in truth acts contrary to reason: the Christians, who accept the proof, or the opponents, who reject it. And it will be shown that it is not the Christians who act contrary to reason, but the opponents of Christianity: not the believers are the unreasonable, but the unbelievers are the unreasonable.†)
†) This truth is by no means only now recognized, or here for the first time pronounced. A famous French clergyman, A. Monod, in particular, has set it forth in a sermon in a comprehensive and telling manner.
But we thank Thee, dear heavenly Father, that Thou hast given us such high gifts of body and of soul, especially reason, and we beseech Thee, that Thou wouldst forgive us that we have often misused them, and just the higher the gift, the more. Wash us in the blood of the Lamb, and grant that what Thou hast given us we may henceforth use only to the honor of Thy name and to our own and our brethren's salvation. Mayest Thou also rescue those who are still in the service of sin and are working at their own destruction, that they may become one with us, and that we all together may present ourselves to Thee with all that we are and have, as a living sacrifice, holy and acceptable unto Thee. To this end give also, Father in heaven, for the sake of Thy dear Son our Lord, Thy further blessing to our devout meditation. Amen.
All that has been adduced against the fulfilment of the Messianic prophecies of the Old Testament, this proof for the truth of the Christian religion, and all that possibly can be adduced against it, can be summed up in three points, which we will now briefly go through together in the presence of the opponents.
1.
It has been said, the prophecies which are found in the Old Testament were indeed spoken just as they stand there and at the alleged time; likewise the events which are reported in the New Testament really happened; with both it is correct. But that proves nothing for the divinity of Christianity. For the agreement of the prophecies in the Old Testament and of the events in the New Testament is accidental. Many a man says or writes a word which has reference to the distant future, and which also comes to fulfilment; yet no one on that account holds him who made such an utterance to be a prophet, and his writing to be inspired of God, and the event that came to pass to be a divine and supernatural work. Thus there is found in an ancient Latin philosopher and poet,*) who lived some time after Christ, a passage which one might well allow to pass for a prophecy of the discovery of America, and another Roman,**) who lived about 100 years before the birth of Christ, pronounced the plain words that the Roman Empire would last 12 centuries, which also really came to pass, inasmuch as it took its beginning 753 or 754 before the birth of Christ, and received its deathblow 455 after the birth of Christ at the time of the sack of Rome, and wholly perished 475 after the birth of Christ. But for that reason you Christians do not hold those men to be prophets, nor their words God's words, nor those events divine and supernatural works. Why should it then be otherwise with the prophecies of the Old Testament? — Christians answer thereto according to Deut. 18, 22. When a prophet speaketh in the name of the Lord, if the thing follow not, nor come to pass, that is the thing which the Lord hath not spoken; the prophet hath spoken it presumptuously: thou shalt not be afraid of him. So also: had those men spoken in the name of the Lord, and it had then come to pass; we should in these cases also allow everything that we assert of the prophecies of the Old Testament. But this they have not done, yea, they have, to all appearance, not even known the Lord; therefore we hold the coming to pass of their words indeed to be something natural, or, as one says in common life, accidental; since in the course of things it may well happen once that something which a man said or wrote down long before comes to pass; while it might just as well have failed to occur. It is otherwise with the prophets of the Old Testament; they prophesied in the name of the Lord, and it has come to pass. Yet the opponents will say: That is a rule from the Bible, by which you Christians direct yourselves; but we hold to reason, and proceed according to the rules of common sense. Well then! you who would hold merely to reason, and proceed according to the rules of common sense, let yourselves be reminded that there is also otherwise quite a different state of things with the prophecies of the Old Testament than with the examples adduced from the history of the world. In the latter a single event is stated, but in the former a chain of events. For in the Old Testament it is not merely prophesied, say, that at a certain time a man named Jesus would live and do great deeds and wonders, or the like; but in the Old Testament the whole holy history of the New Testament is prophesied in its main substance: that John the Baptist should be the forerunner of the Messiah, that He Himself should be born of the house of David of a virgin at Bethlehem in lowliness, flee into Egypt, grow up in Nazareth, and in the 70th week of years after the return of the people of the Jews from the Babylonian captivity declare to them God's will, and perform great deeds and wonders, but that the world would set itself against Him and judge Him unjustly and condemn Him, but that He, innocent, would suffer much and at last be crucified; then the soldiers would divide His garments among them, and cast lots for His coat, His enemies would even then still mock Him, but He would be patient as a sheep that is dumb before his shearer, and they would break no bone of Him, and a grave be given Him with the rich; and on the third day He would rise again and now live and reign for ever, until all enemies were laid as a footstool of His feet; as all this and much more is to be found in the Old Testament, particularly in the 22nd Psalm and in the 53rd chapter of the prophet Isaiah, which has been called a fifth Gospel, and any one can read it over. This we would remind those of who say that the agreement of the prophecies of the Old Testament and of the events of the New Testament is accidental, and in so saying appeal to the rules of common sense. No reasonable man holds such things to be accidental, as every one will testify, and as moreover results, to superabundance, from the following example. Imagine, you opponents, you find one day upon a tablet, or somewhere else in your room, a letter written. The question is asked: From whom does it come? from a little child, which cannot write the letters, yea, does not even know them, or from one who knows them, who can write, and has wished to write the letter? Every one who reflects will say, the latter is indeed more probable, yet the former also is possible, especially if the letter is not perfectly distinct; for a child may also in playing with chalk or the like make by chance a figure which looks like a letter. But how is it, if instead of a letter you find a whole sentence written on the tablet? e. g. This is life eternal, that they might know thee the only true God, and Jesus Christ whom thou hast sent. Could one then still ask: Did a child do it, which does not know the text and cannot even write; or someone who knows the text, can write, and has wished to write these words, in a word, is it chance or not? No one who uses reason will say that it is chance; least of all should one expect it of those who appeal to reason. But quite just so is it with the foretellings of the Old Testament. Yea, were only a single event foretold and come to pass, then it might be chance, but it is a whole chain of events, a whole history with its several circumstances foretold and ful-
*) Seneca.
**) Vettius Valens, according to Censorinus.