Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 6 › Seite 43

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-11-07, Seite 43

41 42 43 44 45 46 47 48

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekenntnisſchriften 2

⤓ Download .txt · copy text

43

Jahre 1533 arbeitete Brenz mit A. Osiander die Kirchenordnung für Brandenburg-Anspach und Nürnberg aus und vertheidigte in Nürnberg den Osiander, welcher die Privatbeichte verlangte, wider die übrigen Geistlichen und den Rath, welche die allgemeine Beichte wollten. Die Absolution sei eine Anwendung des Evangeliums auf den Einzelnen, der von der Beschwerung des Gewissens durch die Predigt des Evangeliums nicht genügend befreit sei. Das Gewissen eines solchen bleibe in Unruhe, bis es die Privat-Absolution erhalten habe. So wenig ein Kübel Wassers, über einen Haufen Menschen ausgegossen, diese taufe, so unfügsam sei es, die Absolution, die doch auf den Einzelnen gehe, über einen ganzen Haufen zumal auszuwerfen. Die Prediger wollten sich damit nicht in Geheimnisse eindrängen, sondern mehr Knechte als Herren werden. — Um die Zeit wurde nun Herzog Ulrich wieder in sein Regiment in Würtemberg eingesetzt. Die Reformation führte dieser Fürst dort ein durch Erhard Schnepf und Ambrosius Blaurer, aber Brenz mußte seit 1535 die Arbeiten dieser Männer durchsehen, ja endlich vom Febr. 1537 bis April 1538 selbst nach Tübingen kommen, um als herzoglicher Commissär die Universität zu reformiren; sogar Vorlesungen hielt er daselbst und predigte fleißig. Bei Gelegenheit einer damals in Urach gepflogenen Verhandlung über die Bilder in den Kirchen äußerte er sich dahin, daß, wie Musik und Gesang, so auch passende Bilder frommer Personen und denkwürdiger Begebenheiten zur Belebung des Gottesdienstes beiträgen. Das altestamentliche Bilderverbot gehe nicht auf solche, sondern auf den gottlosen Misbrauch. Die steinernen und hölzernen Götzen wolle man umwerfen, aber die goldenen und silbernen behalte man für sich! — Dem Fürstentage zu Schmalcalden 1537 hatte Brenz beigewohnt u. durch Bugenhagen die „Schmalcaldischen Artikel“ unterschrieben. Darnach mußte er 1540 am Hagenauer und Wormser Gespräch mit den Römischen theilnehmen und ging auch 1544 auf kurze Zeit zum Regensburger Religionsgespräch; von solchen Verhandlungen mit dem römischen Gegenpart versprach er sich rein nichts. Er sah schwere Zeiten der Verfolgung hereinbrechen und eilte daher, dem Gemeindewesen in Schw. Hall noch so viel als möglich zu dienen. Vergebens berief ihn Moritz von Sachsen 1542 zu einer Professur nach Leipzig; Melanchthon hatte ihn dem Moritz als einen Mann gerühmt, der einst für ganz Deutschland eine Schutzwehr werden könne. Einen Ruf an die Universität Tübingen schlug er ebenfalls aus. Im Jahre 1543 brachte er die „Neue Kirchenordnung für das Hallische Land“ zu Stande, eine reife Frucht evangelischen Glaubens und reicher Erfahrung, ein Zeugniß der Treue im Amte an einer Gemeinde, der er lange gedient hatte, nun aber auch bald entrissen werden sollte.

Im Februar des Jahres 1546 war Brenz als Abgeordneter des Schmalcaldischen Bundes in Regensburg bei dem Religionsgespräch zwischen den Evangelischen und Papisten, welches für den eben dahin ausgeschriebenen Reichstag Vorschläge zu einer Union zwischen Evangelischen und Papisten ausarbeiten sollte. Kaiser Carl, damals mächtiger als je zuvor, namentlich mit einem trefflichen Spanischen Kriegsheer versehen, drängte die Schmalcaldischen Bundesgenossen zu einer solchen Vereinigung, während diese letzteren in großer Uneinigkeit hin und her schwankten. Recht wohl konnte man merken, daß der Kaiser, wenn dieser letzte Unionsversuch fehlschlagen sollte, dareinschlagen werde; „betet für das Evangelium,“ sprach Dr. Luther damals in seinen letzten Lebensstunden, „das Concilium zu Trident und der Papst zürnet hart mit ihm.“ Am 17ten Februar, dem Tage vor Luthers Tode, schrieb Brenz noch an diesen, die Papisten seien viel zu unredlich, als daß eine Beilegung des Zwiespaltes zu erwarten sei. Da kam die Nachricht vom Tode Luthers. „Ach daß ich Wassers genug hätte,“ schrieb Brenz in seiner Trauer an Amsdorf, „zu beweinen die Verlassenen der Töchter meines Volks! Ihr sagt: Christus lebt ja noch; wohl, aber sein auserwähltes Rüstzeug ist uns entzogen. Großer Leute Tod ist insgemein kein guter Vorbote. Was sollen wir hoffen?“—Es war als ob Luthers Tod den einigen Mann des Friedens in Deutschland hinweggerissen hätte. Auf das Versprechen des Kaisers, die Protestanten auszurotten, verhieß Papst Paul Allen, die wider die Protestanten streiten würden, vollen Ablaß. Jetzt eilten die Genossen des Schmalcaldischen Bundes zu den Waffen; auch Schw. Hall rüstete. Als der Kaiser am 20ten July den Churfürsten Johann Friedrich von Sachsen und den Landgrafen Philipp von Hessen in die Acht erklärte, hätten die Protestantischen Fürsten und Städte ihn unschädlich machen können, aber sie wollten nicht angreifen. Mitten in dem so beginnenden Kriegslärm schrieb Brenz noch in der Widmung seiner Auslegung des Galaterbriefes: „Wirst du, Herr, der Widersacher Vornehmen gelingen lassen? Nein, du wirst es nicht. Der Gottlose kann nicht bei dir wohnen. Wir sind wohl unwürdig, deine Herrlichkeit zu sehen, aber du bist würdig, daß dein Ruhm in der Welt offenbar werde. Verlässest du uns jetzt, werden nicht die Gottlosen sagen: wo ist ihr Evangelium? wo ist ihr Christus? Darum, barmherziger Gott, verherrliche deine Macht, und wie du zugesagt hast: rufe mich an in der Noth, so will ich dich herausreißen und zu Ehren machen, so höre auch uns, die wir deinen Namen anrufen, durch deinen geliebten Sohn, unsern Erlöser! Amen.“— Wenige Monate hernach, als der evangelische Herzog Moritz plötzlich in des Churfürsten Johann Friedrich Land einfiel und so das Hauptheer der Evangelischen vom Kaiser abzog, stürmte dieser selbst über die Oberdeutschen Städte her und nahm am 16ten Dezember 1546 auch Schw. Hall. Spanische Soldaten besetzten sogleich Brenzens Haus und nahmen seine Papiere, Briefe und Predigten in Beschlag; er selbst floh zuerst auf einen hohen Thurm in der Stadt, suchte hernach Schutz und Zuflucht bei den Bürgern der Stadt. Diese indeß, von Schrecken erfüllt, versagten ihrem eignen Seelsorger, der nun 24 Jahr treu unter ihnen gedient hatte, Obdach und Hülfe, so daß er klagen mußte, er werde mehr von ihnen als vom Kaiser selbst mit Füßen getreten. Am Thomastage Abends nahm er Abschied von Frau und Kind und floh bei strenger Kälte in Feld und Wald hinaus. Zwar kehrte er bald hernach auf das Verlangen des Rathes wieder zurück, aber nur, um unter noch betrübteren Umständen flüchten zu müssen. Am 15ten Mai 1548 erließ Kaiser Karl von Augsburg her einen Religionsvergleich, welcher bis zum Austrag eines Concils die kirchlichen Ordnungen in den Ländern der Evangelischen Reichsstände feststellen sollte, Interim genannt, weil nur für die Zwischenzeit, bis ein Concil die nöthigen Einrichtungen getroffen habe, gültig. Diesem Augsburgischen Interim nach sollten sich die Evangelischen damit begnügen, daß man ihnen die Priesterehe, den Genuß des Kelchs im Abendmahl und die Lehre von der Rechtfertigung in ganz unbestimmter Form zugab, dagegen sie unter die Herrschaft des Papstes und der Bischöfe stellte und ihre Gottesdienste wieder den papistischen gleich machte. Die Aufforderung, diesem Gesetze sich zu fügen, erging an Schwäbisch Hall. Brenz und sein Kollege Isenmann erklärten sogleich dem Rathe, sie ließen sich die angesonnenen Aenderungen im Gottesdienste nicht gegen ihr Gewissen aufdrängen. Die Städte seien durch die Besatzung im Zeitlichen arg genug heimgesucht worden, ob man sie jetzt auch noch um das Ewige bringen wolle? Nicht ein Interim, ein Interitus (Verderben) sei dieser Religionsvergleich, meinte Brenz. Als der Kaiserliche Commissär von diesen Protestationen hörte, kam er in das Rathszimmer u. verlangte Brenzens Auslieferung. Rathsherr Büschler sandte dem letzteren eilend ein Zettelchen mit: „fliehe, fliehe, lieber Brenz, eilends, recht eilend, so eilend du kannst.“ Eben war Brenzens 49ster Geburtstag; er predigte und war eine Weile mit seiner Familie zusammen; dann eilte er zur Stadt hinaus; gleich hernach rückten Spanier in sein Haus und zwangen seine Frau, die an der Schwindsucht darniederlag, auszuziehen. Den Tag über trieb er sich im Walde herum, Nachts lag er im Versteck bei Bekannten in abgelegener Gegend. Auf seinen Kopf wurde ein Preis gesetzt. Noch einmal forderte er den Rath auf, es mit ihm zu wagen und der Einführung des Interims zu widerstehen, aber der Rath erklärte, das sei unmöglich. In der St. Michaelis Kirche, Brenzens Pfarrkirche, wurde die katholische Messe gehalten; man hing ein Crucifix auf, aus dessen 5 Wunden die Priester rothen Wein laufen ließen; Kinder, die Brenz getauft hatte, wurden als nicht recht getauft wieder zur Taufe gebracht. Da endlich schrieb Brenz seinen Abschied an den Rath, traf heimlich noch einmal mit seiner Frau zusammen und wanderte dann der Würtembergischen Grenze zu, wo Herzog Ulrich ihn abho-

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

43

year 1533 Brenz worked out with A. Osiander the church order for Brandenburg-Anspach and Nuremberg, and defended in Nuremberg Osiander, who demanded private confession, against the other clergy and the Council, who wanted general confession. Absolution, he said, is an application of the Gospel to the individual, who has not been sufficiently freed from the burden of conscience by the preaching of the Gospel. The conscience of such a one remains in unrest until it has received private absolution. As unfitting as it would be for a tub of water, poured out over a crowd of people, to baptize them, so unfitting is it to fling absolution, which concerns the individual, over a whole crowd at once. The preachers did not wish to thrust themselves thereby into secrets, but rather to become servants than lords. — About this time Duke Ulrich was reinstated in his government in Würtemberg. This prince introduced the Reformation there through Erhard Schnepf and Ambrosius Blaurer, but Brenz had to review the labors of these men from 1535 on, yes, even to come himself to Tübingen from Feb. 1537 to April 1538 as ducal commissioner to reform the university; he even gave lectures there and preached diligently. On the occasion of a negotiation then held at Urach concerning the images in the churches he expressed himself to the effect that, as music and singing, so also suitable pictures of pious persons and memorable events might contribute to the enlivening of divine service. The Old Testament prohibition of images, he said, applies not to these, but to ungodly abuse. The stone and wooden idols one is willing to overthrow, but the golden and silver ones one keeps for oneself! — He had attended the princes' convention at Smalcald in 1537 and had subscribed the "Smalcald Articles" through Bugenhagen. Thereafter in 1540 he had to take part in the colloquy at Hagenau and Worms with the Romans, and also went for a short time in 1544 to the colloquy at Regensburg; from such negotiations with the Roman opposing party he promised himself nothing at all. He saw hard times of persecution breaking in and hastened therefore to serve the congregational life in Schw. Hall as much as was still possible. In vain did Moritz of Saxony call him in 1542 to a professorship at Leipzig; Melanchthon had commended him to Moritz as a man who might one day become a bulwark for all Germany. A call to the University of Tübingen he likewise declined. In the year 1543 he completed the "Neue Kirchenordnung für das Hallische Land," a ripe fruit of evangelical faith and rich experience, a testimony of faithfulness in office to a congregation which he had long served, but from which he was soon to be torn away.

In February of the year 1546 Brenz was in Regensburg as delegate of the Schmalcaldic League at the religious colloquy between the Evangelicals and Papists, which was to work out proposals for a union between Evangelicals and Papists for the Diet appointed for that very time. Emperor Charles, then more powerful than ever before, provided particularly with an excellent Spanish army, pressed the allies of the Smalcald League to such a union, while these latter wavered to and fro in great disunity. One could well perceive that the Emperor, if this last attempt at union should fail, would strike; "pray for the Gospel," said Dr. Luther then in his last hours, "the Council of Trent and the Pope are hotly angry with it." On the 17th of February, the day before Luther's death, Brenz wrote to him that the Papists were far too dishonest for a settlement of the dispute to be expected. Then came the news of Luther's death. "Oh that I had water enough," wrote Brenz in his grief to Amsdorf, "to weep for the slain of the daughter of my people! You say: Christ lives still; true, but His chosen instrument is taken from us. The death of great men is generally no good omen. What are we to hope?" — It was as if Luther's death had snatched away the one man of peace in Germany. Upon the Emperor's promise to exterminate the Protestants, Pope Paul promised to all who would fight against the Protestants full indulgence. Now the allies of the Schmalcaldic League hastened to arms; Schw. Hall also made ready. When on the 20th of July the Emperor put under the ban the Elector John Frederick of Saxony and the Landgrave Philip of Hesse, the Protestant princes and cities could have rendered him harmless, but they did not wish to attack. In the midst of the war's uproar then beginning, Brenz wrote yet in the dedication of his exposition of the Epistle to the Galatians: "Wilt Thou, Lord, let the undertaking of the adversaries succeed? Nay, Thou wilt not. The wicked cannot dwell with Thee. We are indeed unworthy to see Thy glory, but Thou art worthy that Thy glory be made manifest in the world. If Thou forsake us now, will not the wicked say: where is their Gospel? where is their Christ? Therefore, merciful God, glorify Thy power, and as Thou hast promised: Call upon me in the day of trouble, and I will deliver thee, and thou shalt glorify me, so hear us also, who call upon Thy name, through Thy beloved Son, our Redeemer! Amen." — A few months afterward, when the evangelical Duke Moritz suddenly invaded the land of the Elector John Frederick and so drew the main army of the Evangelicals away from the Emperor, the latter himself rushed upon the Upper German cities and took Schw. Hall also on the 16th of December, 1546. Spanish soldiers immediately occupied Brenz's house and seized his papers, letters and sermons; he himself fled first to a high tower in the city, afterward sought protection and refuge among the citizens of the city. These, however, filled with terror, denied their own pastor, who had now served faithfully among them for 24 years, shelter and help, so that he had to complain that he was being trodden under foot by them more than by the Emperor himself. On St. Thomas's evening he took leave of wife and child and fled in severe cold out into field and forest. Indeed he soon returned at the request of the Council, but only to be obliged to flee again under still more distressing circumstances. On the 15th of May, 1548, Emperor Charles issued from Augsburg a religious settlement, which until the decision of a Council was to establish the church orders in the lands of the evangelical Estates of the Empire, called the Interim because it was valid only for the interval, until a Council should make the necessary arrangements. According to this Augsburg Interim the Evangelicals were to be content with being granted the marriage of priests, the cup in the Lord's Supper, and the doctrine of justification in quite indefinite form, while it placed them under the dominion of the Pope and the bishops and made their divine services again like the papistic ones. The demand to submit to this law came also to Schwäbisch Hall. Brenz and his colleague Isenmann declared to the Council at once that they would not let the changes in divine service which were demanded of them be forced upon their conscience. The cities, they said, had been sufficiently afflicted in temporal things by the occupation; did one now wish to deprive them also of the eternal? Not an Interim, but an Interitus (destruction) was this religious settlement, said Brenz. When the Imperial commissioner heard of these protestations, he came into the council chamber and demanded the surrender of Brenz. Councilor Büschler sent the latter in haste a little note: "Flee, flee, dear Brenz, hastily, quite hastily, as hastily as you can." It was just Brenz's 49th birthday; he preached and was for a while with his family; then he hastened out of the city; immediately afterward Spaniards moved into his house and forced his wife, who lay ill of consumption, to move out. By day he roamed about in the forest, at night he lay hidden with acquaintances in a remote region. A price was set upon his head. Once more he called upon the Council to venture it with him and to resist the introduction of the Interim, but the Council declared that to be impossible. In St. Michael's Church, Brenz's parish church, the Catholic Mass was held; a crucifix was hung up, from whose 5 wounds the priests let red wine run; children whom Brenz had baptized were brought again to Baptism as not rightly baptized. Then at last Brenz wrote his farewell to the Council, met secretly once more with his wife, and then journeyed toward the Würtemberg frontier, where Duke Ulrich had him fetch-