Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 6 › Seite 44

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-11-07, Seite 44

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len ließ. Eine Weile wohnte er nun auf der Burg Hohenwittlingen bei Urach, aber auch hier nicht sicher, wurde er von Ulrich nach Basel gesandt. Hier erhielt er die Kunde vom Tode seiner Frau. Schnell ging er nach Stuttgart u. ließ dahin seine Kinder bringen. Daß er dort sei, wurde bekannt, spanische Soldaten wurden ausgeschickt, ihn zu fangen. Eben nur von Herzog Ulrich, dem die Sache von der Herzogin von Baiern verrathen war, gewarnt, mußte Brenz sich in den obersten Theil eines Hauses flüchten hinter einen Holzstoß. Die Spanier stießen sogar mit den Spießen durch das Holz und bewachten das Haus mehrere Tage. Da soll denn eine Henne ihm täglich ein Ei in seinen Versteck gebracht haben, bis die Spanier abzogen. Brenz flüchtete von hier auf die Burg Hornberg im Schwarzwalde, wo er als Burgvogt Engster ein Jahr lang lebte und den Leuten wegen seines eingezogenem Wandels, als welcher dem Stande eines Vogtes nicht entspreche, nicht wenig auffiel. Noch im Jahre 1550, als Ulrich ihn nach Urach rief, mußte er sich wieder verbergen, und wohnte ein Jahr lang in der Rauhen Alp zu Mayerkingen. Er verheirathete sich damals zum zweiten Male mit Katharina, der Tochter Isenmanns, welcher Pfarrer in Urach geworden war. Zwölf Kinder waren die Frucht dieser glücklichen Ehe. Gott ließ ihm überhaupt damals das Licht wieder aufgehen und Freude dem frommen Herzen. Christoph, Herzog Ulrichs Nachfolger, rief ihn nach Siedelfingen und fragte ihn um Rath wegen der Beschickung des Tridentinischen Concils. Es werde ein Verhör werden, meinte Brenz, wie Christi Verhör vor Caiphas, Petri und der anderen Apostel vor den Hohenpriestern; um indeß zu zeigen, daß man das Licht mit seinem Glauben nicht scheue, möge man Abgeordnete mit einer Protestation und Bekenntniß der reinen Lehre nach Trident senden. Zu diesem Zwecke arbeitete er mit 10 anderen Theologen die „Würtembergische Confession“ aus und sandte sie durch einige herzoglichen Räthe dem Concile zu. Theologen wurden nachgesandt, aber diesen entgegnete das Concil: man nehme von denen keinen Unterricht an, die den Vätern Gehorsam schuldig seien; als andere Theologen, auch Brenz kamen, gab man sie öffentlichen Beschimpfungen preis. Der Passauer Vertrag machte endlich dem ganzen Wesen ein Ende; Christoph schaffte das Interim ab und bestellte Brenz 1553 zum Probsten der Stiftskirche zu Stuttgart, damit zum obersten Geistlichen der Kirche im Herzogthum Würtemberg.

Das geistliche Regiment in Würtemberg war jetzt dem Johann Brenz anvertraut, und mit eben so fester wie milder Hand hat er es geleitet. Im Jahre 1559 vollendete er die große Würtembergische Kirchenordnung; seine Studienordnungen für die Klosterschulen haben sich bis heute segensreich erwiesen; unermüdlich war er in den mancherlei Arbeiten des geistlichen Regiments, als Visitationsreisen, Gutachten und Bedenken; aber von geistlichem Amtsstolz und Anmaßung war bei ihm nicht die Rede, ja man könnte ihm eher den Vorwurf machen, daß er oft zu leise auftrat und, weil er ungern irgend jemand traurig weggehen ließ, das Strafamt zu sanft führte. Derselbe Vorwurf trifft ihn in seinem Verhalten bei Lehrstreitigkeiten. Es konnte in jenen bewegten Zeiten nicht leicht ein Zwist der Art vorkommen, da man nicht den Brenz um Rath, Belehrung und Entscheidung ersucht hätte, und da hat er denn unterweilen, namentlich im Verhältniß zu Zwinglianern und Calvinisten, den Grundsatz: wer die Nase allzuhart schneutzt, der bringt Blut heraus, zu stark bedacht und deßhalb zu wenig geschneutzt. Allein diese wenigen Beweisungen der Schwachheit traten doch völlig zurück gegen die unzähligen Beweisungen seiner Festigkeit im Glauben und Bekenntniß. Obwohl in vieler Hinsicht dem Melanchthon gleich an Milde und Nachgiebigkeit, erhob er doch sogleich seine bekennende Stimme, als durch Melanchthons Einfluß auch in Würtemberg die Lust sich regte, den Glaubensartikel (10 in der Augsburgischen Confession) vom Hlg. Abendmahl gemäß der von Melanchthon veränderten Augsburgschen Confession aufzufassen und also in möglichst unbestimmter Form darzustellen, um auf diese Weise auch die Calvinisten unter den Bekennern jener Confession mit unterzubringen. Unter Brenzens Leitung bekannte sich die Würtembergische Synode zu der lautern evangelischen Lehre, wie sie im ungeänderten 10ten Artikel der Augsburgschen Confession enthalten ist, durch die Schrift: Bekenntniß und Bericht der Theologen in Würtemberg von der wahrhaftigen Gegenwärtigkeit des Leibs und Bluts Christi im Abendmahl. Melanchthon freilich spottete über die Sprache dieser Schrift, als welche „Pechinger Latein“ sei, aber er treibt uns dadurch nur an, Brenzens und seiner Genossen Glaubensmuth und Festigkeit um so mehr zu ehren, als sie damit dem fast übermächtigen Ansehn eben des Melanchthon entgegentreten mußten. In Brenzens ganzem Verhalten überhaupt, sei es nun daß er mit Irrlehrern wie Schwenkfeld zu schaffen hatte oder Gutachten in schwierigen Fällen ertheilen mußte, wie bei der Verhandlung zwischen König Maximilian und Christoph von Würtemberg über eine Verständigung in Glaubenssachen zur Unterdrückung der einreißenden Secten, sei es daß er den Evangelischen in der Zerstreuung oder unter der Verfolgung mit Rath und That beistand, wie er denn z. B. nach dem Wunsche seines Herzogs die Protestanten in Frankreich auf den Weg der lautern Lehre und evangelischen Gehorsams zu führen suchte; überall in seinem ausgedehnten Wirken und Schaffen erkennen wir den Christen, der ohn Unterlaß das Evangelium vor Augen hat und alle seine Schritte unbekümmert um die Folgen darnach richtet, erkennen wir den Theologen, der das Wort recht zu theilen und Lehre am Richtmaß des göttlichen Wortes zu prüfen versteht, erkennen wir den Bischof, der nüchtern und sicher das geistliche Regiment führt und bewirkt, daß dem Kaiser gegeben wird, was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist. Er hatte ein Herz für seines Nächsten Noth; ihm selber genügte er mit wenigem, war z. B. in Hall mit 80 Gulden Gehalt zufrieden und lehnte alle reichen Geschenke ab, aber keinen, der traurig an seine Thüre klopfte, ließ er traurig hinweggehen und in seinem Testament bedachte er reichlich die Armen. Vor Allem aber suchte er der geistlichen Noth abzuhelfen, wohin er nur immer reichen konnte; in Frankreich und dann wieder in Kärnthen, Steyermark und Illyrien verbreitete er evangelische Schriften, besonders Bibeln, so daß König Maximilian, der ein großes Wohlgefallen daran hatte, deßhalb seinen Hofprediger Sebastian Pfauser nach Stuttgart zu Brenz sandte. Seine Schriften, unter diesen namentlich aus der spätern Zeit seines Lebens eine lateinische Katechismusauslegung, sind von Dr. Luther und den andern Theologen der Zeit hochgehalten und haben das Evangelium weiter ausbreiten helfen; die wenigen Stellen, die wir hier daraus mitgetheilt haben, zeugen von großer Klarheit der Erkenntniß und von einer höchst anziehenden Lebendigkeit und Frische des Ausdrucks. Außerordentlich fleißig muß Brenz gewesen sein, denn bei aller Thätigkeit im Amte, in Geschäften seiner Freunde, als Schriftsteller, leitete er noch die Erziehung seiner Kinder und Enkel auf das sorgfältigste und suchte oft und gern Erholung im Kreise seiner großen und glücklichen Familie. Gott hatte ihm eine große Geistes und Körperkraft verliehen; ein hoher schöner Mann von edler Gestalt, mit tiefer u. klangreicher Stimme begabt, gewann er schon dadurch und durch seine lebendige, mit Salz gewürzte Unterhaltung Alle, die mit ihm zusammentrafen. Solche Gaben kamen bei ihm zu lebendigem Glauben, klarer Erkenntniß und rechter Zucht des Geistes hinzu; so mußte Brenz ja wohl ein ausgezeichneter Prediger sein, wie alle seine Zeitgenossen von ihm rühmen. Das Predigen war ihm die Hauptarbeit; sorgfältig bereitete er sich darauf vor und schrieb seine Predigten ausführlich auf, die meisten lateinisch. Erst mit seinem 68sten Lebensjahre hörte er auf zu predigen. Der obengenannte Sebastian Pfauser war einmal mit in der Stiftskirche, als Brenz predigte; es waren sehr wenig Zuhörer in der Kirche. Mit Brenz zu Hause gehend bezeugte ihm Pfauser, wie sehr er sich an der Predigt erbaut habe, aber wie sehr ihn auch die geringe Zahl der Zuhörer wundere. In dem kamen sie bei einem Brunnen vorbei: „Was ist wohl die schönste Tugend dieses Brünnleins?“ fragte Brenz, und als Pfauser schwieg, antwortete er selbst: „er giebt stets Wasser, ob viel oder wenig kommen, aus ihm zu schöpfen; so muß es auch der Prediger des göttlichen Worts machen.“

Seitdem im Sommer 1566 die Pest auch ins Würtembergische gedrungen war, hatte Brenz mit besonderem Ernste an seinen Tod gedacht und deßhalb sein Testament verfaßt. Im Jahre 1568 starb sein treu bewährter Freund, Herzog Christoph. Nun zog sich Brenz mehr und mehr in die Stil-

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ed. For a while he now lived at the castle of Hohenwittlingen near Urach, but not being safe here either, he was sent by Ulrich to Basel. Here he received the news of the death of his wife. Quickly he went to Stuttgart and had his children brought there. That he was there became known; Spanish soldiers were sent out to seize him. Warned only by Duke Ulrich, to whom the matter had been betrayed by the Duchess of Bavaria, Brenz had to take refuge in the uppermost part of a house behind a woodpile. The Spaniards even thrust spears through the wood and watched the house for several days. There a hen is said to have brought him an egg daily in his hiding place, until the Spaniards withdrew. Brenz fled from here to the castle of Hornberg in the Black Forest, where he lived a year as the steward Engster's guest, and was not a little conspicuous to the people on account of his retired manner of life, as one who did not befit the station of a bailiff. Even in the year 1550, when Ulrich called him to Urach, he had to hide again, and lived a year in the Rauhe Alp at Mayerkingen. He married a second time at that time, Katharina, the daughter of Isenmann, who had become pastor in Urach. Twelve children were the fruit of this happy marriage. God also let the light rise again for him at that time, and joy for his pious heart. Christoph, Duke Ulrich's successor, called him to Siedelfingen and asked him for counsel concerning the sending of delegates to the Council of Trent. There would be a hearing, said Brenz, like Christ's hearing before Caiaphas, and Peter's and the other apostles' before the high priests; but in order to show that one did not shun the light with his faith, one might send delegates to Trent with a protestation and confession of the pure doctrine. For this purpose he worked out with 10 other theologians the "Würtembergische Confession" and sent it by several ducal councilors to the Council. Theologians were sent after them, but the Council replied to these that it would take no instruction from those who owed obedience to the Fathers; when other theologians, Brenz also, came, they were given over to public insults. The Treaty of Passau at last put an end to the whole affair; Christoph abolished the Interim and appointed Brenz in 1553 provost of the collegiate church at Stuttgart, thereby chief clergyman of the Church in the duchy of Würtemberg.

The spiritual government in Würtemberg was now entrusted to Johann Brenz, and with a hand as firm as it was mild he guided it. In the year 1559 he completed the great Würtemberg Church Order; his school regulations for the cloister schools have proved a blessing to this day; he was untiring in the manifold labors of the spiritual government, such as visitation journeys, opinions and advice; but of clerical pride and presumption there was no question in him, yes, one might rather reproach him that he often acted too gently and, because he was loath to send anyone away sorrowful, exercised the office of reproof too mildly. The same reproach applies to him in his conduct in doctrinal controversies. In those stirring times hardly any dispute of the kind could arise without Brenz being asked for counsel, instruction and decision, and there he sometimes, particularly in relation to Zwinglians and Calvinists, followed the maxim: he who blows his nose too hard brings blood; he had been too strongly considerate and therefore blew too little. Yet these few proofs of weakness receded entirely before the countless proofs of his firmness in faith and confession. Although in many respects like Melanchthon in mildness and yielding, he nevertheless raised his confessing voice at once when through Melanchthon's influence the desire stirred also in Würtemberg to take the article of faith on the holy Supper (the 10th in the Augsburg Confession) according to the Augsburg Confession as altered by Melanchthon, and so to present it in the most indefinite form possible, in order in this way to bring the Calvinists also in among the confessors of that Confession. Under Brenz's leadership the Würtemberg Synod confessed itself to the pure evangelical doctrine, as it is contained in the unaltered 10th Article of the Augsburg Confession, through the writing: Bekenntniß und Bericht der Theologen in Würtemberg von der wahrhaftigen Gegenwärtigkeit des Leibs und Bluts Christi im Abendmahl. Melanchthon indeed mocked the language of this writing, which he said was "Pechinger Latin," but he only urges us thereby the more to honor the faith-courage and steadfastness of Brenz and his associates, since they had to oppose thereby the almost overpowering authority of that very Melanchthon. In the whole conduct of Brenz generally, whether he had to deal with heretics like Schwenkfeld or to give opinions in difficult cases, as in the negotiation between King Maximilian and Christoph of Würtemberg on an understanding in matters of faith for the suppression of the encroaching sects, or whether he stood by the Evangelicals in dispersion or under persecution with counsel and deed, as when, for instance, at the wish of his duke he sought to lead the Protestants in France onto the way of the pure doctrine and evangelical obedience; everywhere in his extensive work and activity we recognize the Christian who ceaselessly has the Gospel before his eyes and directs all his steps regardless of the consequences, we recognize the theologian who knows how to divide the Word rightly and to test doctrine by the rule of the divine Word, we recognize the bishop who soberly and surely conducts the spiritual government and brings it about that to the Emperor is given what is the Emperor's, and to God what is God's. He had a heart for his neighbor's need; for himself he was content with little, was, for example, satisfied in Hall with a salary of 80 gulden and declined all rich gifts, but no one who knocked sorrowful at his door did he let go away sorrowful, and in his testament he remembered the poor generously. Above all he sought to relieve spiritual need wherever he could reach; in France and then again in Carinthia, Styria and Illyria he spread evangelical writings, especially Bibles, so that King Maximilian, who took great pleasure in it, sent for that reason his court preacher Sebastian Pfauser to Stuttgart to Brenz. His writings, among them especially a Latin exposition of the Catechism from the later time of his life, were highly esteemed by Dr. Luther and the other theologians of the time and have helped to spread the Gospel further; the few passages which we have communicated here from them testify to great clearness of knowledge and to a most attractive liveliness and freshness of expression. Exceedingly diligent Brenz must have been, for amid all his activity in office, in the affairs of his friends, as an author, he still directed the education of his children and grandchildren most carefully and sought often and gladly recreation in the circle of his large and happy family. God had given him great gifts of mind and bodily strength; a tall handsome man of noble figure, endowed with a deep and sonorous voice, he won by that alone and by his lively conversation seasoned with salt all who met with him. Such gifts were joined in him to living faith, clear knowledge and right discipline of spirit; so Brenz must needs be an excellent preacher, as all his contemporaries extol of him. Preaching was his chief work; carefully he prepared himself for it and wrote out his sermons in full, the most of them in Latin. Only in his 68th year did he cease to preach. The above-mentioned Sebastian Pfauser was once present in the collegiate church when Brenz preached; there were very few hearers in the church. Walking home with Brenz, Pfauser testified how greatly he had been edified by the sermon, but how greatly the small number of hearers also surprised him. In the meantime they came past a well: "What is the finest virtue of this little well?" asked Brenz, and as Pfauser was silent, he answered himself: "It always gives water, whether many or few come to draw from it; so must the preacher of the divine Word also do."

Since in the summer of 1566 the plague had also penetrated into Würtemberg, Brenz had thought with particular earnestness of his death and therefore made his testament. In the year 1568 his faithful and tried friend, Duke Christoph, died. Now Brenz withdrew more and more into the stil-