Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 13 › Seite 100
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1855-02-13, Seite 100
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politische Freiheit, daß Recht und Pflicht eines jeglichen Mitgliedes, Bürgers oder Bürgerschaft eines Staates durch solche Gesetze festgestellt und gesichert ist, welche jedem die Ausübung und Erfüllung seines Berufs wirklich verbürgen oder sichern.
Du siehst, Freiheit und Gesetz hängen aufs innigste zusammen, sind unzertrennlich, daher auch auf die Grundgesetze oder Constitution der Vereinigten Staaten verwiesen wird, wenn bewiesen werden soll, daß hier politische Freiheit herrscht. Gesetzt du lebst in einem freien Lande und übst etwa das Handwerk eines Schreiners, so darf dir dein Nachbar, der Rademacher, das Holz, welches du zur Uebung deines Berufs und Handwerks gebrauchst, nicht wider deinen Willen nehmen, um damit sein Handwerk zu treiben: das Gesetz hindert ihn, schützt dich; aber in Bezug auf deines Nachbars Handwerk schützt das Gesetz ihn und hindert dich, daß du nicht etwa sein Holz [unleserlich] seinen Willen nehmest und in [unleserlich] verbrauchst. Dir ist dein Beruf ge[unleserlich]griffe deines Nächsten, deinem Näch[unleserlich] Beruf gesichert gegen deine Eingriffe; ihr beschränkt einander, und eben durch solche Beschränkung seid ihr beide frei. Meine Leser können mit Leichtichkeit eine Menge ähnlicher Beispiele heranziehen und sichs dadurch klar machen, daß im Gesetz die Freiheit ruht, nicht in der Gesetzlosigkeit.
Daher kann es denn auch geschehen, daß der Bürger eines freien Landes, in welchem die besten Gesetze herrschen, ein elender Sclav ist. Er ist es, wenn er die guten Landesgesetze nur thut aus Furcht vor der Strafe, also mit widerwilligem Herzen und ärgerlichem Gemüthe. Ein solcher wird nimmer frei sein, er mag nun in einem Staate politischer Freiheit oder politischer Knechtschaft wohnen. Damit also daß in einem Lande politische Freiheit herrscht, ist noch keineswegs gesagt, daß die Bewohner desselben alle Freie sind. Ihr müßt das gute Landesgesetz mit willigem Herzen und freudigem Gemüthe thun, dann erst seid ihr selbst freie Leute. Solches aber lernt niemand von ihm selber, ist auch nirgend zu lernen denn aus dem Worte Gottes. Das Wort Gottes lehrt dich in dem guten Landesgesetze den Willen Gottes erkennen, erklärt damit dein Halten desselben für einen Gottesdienst Matthäi 22, 51 Römer 13. Und wieder das Wort Gottes, das Evangelium, macht dir Gottes Gebot und Gottesdienst lieb und werth, daß du Lust daran hast nach dem inwendigen Menschen Röm. 7, 22 und also auch das gute Landesgesetz von Herzen gerne hältst. Willst du frei sein im freien Lande, so halte zum Worte Gottes und halte mit zur christlichen Kirche und hilf, daß sie gebaut werde; willst du, daß deine Kinder frei seien, so baue ihnen christliche Schulen und Kirchen. So euch der Sohn Gottes, Jesus Christus, frei macht, so seid ihr recht frei. Joh. 8, 36.
Politische Freiheit ist ein sehr schönes und treffliches Gut, allein es würde sich derjenige sehr täuschen, der glauben möchte, mit ihr sei auch schon das Glück und Wohlstand eines Landes und Volkes begründet und gegeben. Staatsgesetze, seien sie auch noch so weise abgefaßt, können immer nur bis zu einer gewissen Grenze das Verhalten des Bürgers zu seinem Mitbürger festsetzen; sie können nicht mehr bewirken als daß der Eine des Andern Recht achtet. Welch ein trostloses, kummervolles Leben würde man da führen, wo die Menschen einander nur in soweit dienten als das Recht eines jeden vorschreibt! Nicht bestehlen würde Einer den Andern, nicht todtschlagen, solches wäre vom Landesgesetz verboten, aber der Bruder würde seines Bruders Gut und Nahrung nicht helfen bessern und behüten, würde nicht ihm helfen in allen Leibesnöthen, es sei denn daß er etwa als Polizist dazu bestellt wäre. Geduld, Freundlichkeit, Mitleiden, Erbarmen, Sich freuen mit den Fröhlichen, Weinen mit den Weinenden, Geben, Leihen ohne etwas dafür zu hoffen, kurz aller Dienst der Liebe, aller gesellige Umgang, Schonen und Tragen der Schwachheit des Nächsten wäre da ausgeschlossen, wo politische Freiheit allein das Glück eines Landes ausmachen sollte; denn das, wodurch sie begründet und erhalten wird, das Staatsgesetz vermag auch nicht einen jener köstlichen Liebesdienste zu gebieten. Daß die Bürger eines Landes Samariterdienst an einander leisten, das kann nur das Wort des Herrn Jesu bewirken, der selbst der wahrhaftige barmherzige Samariter ist und die so an ihn glauben zu barmherzigen Samaritern macht. Wollt ihr glücklich, wahrhaft glücklich sein im freien Lande, so glaubet an den Herrn Christ und sammelt euch zu christlichen Gemeinden; wollt ihr, daß eure Kinder glücklich seien, bauet ihnen Kirchen und christliche Schulen und erziehet sie selbst in der Zucht und Vermahnung zum Herrn. Das Staatsgesetz vermag ja nicht einmal vor dem zu schützen, was man wohl Chikane, chikanieren nennt. Wie oft geschiehts, daß Nachbarn ihren Nachbar geradezu zwingen, aus der Nachbarschaft fortzuziehen, ohne daß derselbe die Hülfe des Gesetzes dawider anwenden könnte! Sie passen z. B. ihm auf, das Sündliche und Böse seines Wandels zu entdecken, und bringen es alsdann unter die Leute hinter seinem Rücken, rauben ihm durch solches Geklatsch die Ehre, die er wie Jedermann nöthig hat zur Erfüllung seines Berufs, z. B. zur Leitung seines Hauswesens und Erziehung seiner Kinder — bald muß er weichen. Oder ein Reicherer errichtet dicht neben ihm an dasselbe Geschäft, welches er treibt, zieht durch den Glanz, welchen er vermöge seiner Mittel um sich zu verbreiten weiß, alle Kundschaft an sich — der Aermere muß abziehen. Fabrikherrn zahlen für saure Arbeit so elenden Lohn, daß der Arbeiter darben muß, der Wucherer hält die Zahlung für gelieferte Arbeit so lange zurück als möglich, um mit dem dazu nöthigen Gelde noch erst Geld zu machen, kurz knechten und tyrannisiren kann ein Bürger den andern in einem freien Lande, ohne daß dem durch die Gesetze gesteuert werden kann. Oder ist der, welcher durch die Chikane seiner Nachbarn gezwungen wird, fortzuziehen, nicht mindestens eben so schlimm geknechtet wie der leibeigne Bauer in Rußland, den sein Gutsherr nicht einmal von Haus und Hof treiben darf? Ihr könnt die Vortheile der politischen Freiheit nicht genießen, es sei denn daß unter euch und euren Mitbürgern gegenseitiges Wohlwollen, uneigennützige Freundlichkeit, liebreiches Zuvorkommen und Ehrerbietung herrscht, und diese Tugenden werdet ihr euch selbst und euren Kindern nur dadurch einpflanzen und aneignen können, daß ihr Gottes Wort thut und durch Gründung von Kirchen und Schulen unter euch erhaltet. Der Heilige Geist, der durch das Evangelium von Jesu Christo kommt, ist ein Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht 2 Timoth. 1, 7
Um die in den Gesetzen verbürgte politische Freiheit den Bürgern eines Landes wirklich zukommen zu lassen, bedarf es ferner einer rechtschaffenen Obrigkeit und treuer Beamteten überhaupt, sie heißen nun Präsidenten, Richter, Senatoren, Repräsentanten ꝛc. Diejenigen Beamteten z. B., welche die Finanzen, Einkünfte, Ausgabe eines Staates zu besorgen haben, können durch schlechte Verwaltung das Land in Schulden stürzen und damit so hohe Auflagen oder Taxen nöthig machen, daß die Bürger des Landes durch übermäßige Zahlungen der Art außer Standes gesetzt werden, ihrem irdischen Beruf vollständig nachzukommen, daß sie also an ihrer Freiheit Abbruch erleiden. Hohe Auflagen sind es ja, wodurch viele Länder Europas, viele Staaten auch Deutschlands in den Ruf gekommen sind, daß in ihnen weniger politische Freiheit herrsche, denn in den V. Staaten; jene Auflagen aber sind die Folge gräulicher Verwaltung der Finanzen namentlich während der letzten beiden Jahrhunderte. Wie viel schlimmere und zerstörendere Eingriffe in die Freiheiten der Bürger eines Landes können Richter und überhaupt solche Beamtete machen, welche die zum Schutze von Leib, Leben und Beruf selbst gegebenen Gesetze handhaben sollen! Solche Handhabung der Gesetze fordert immer zweierlei Hauptarbeiten. Die eine ist: Ausführen, was das Gesetz gebietet, also z. B. das Leben und Eigenthum der Bürger zu schützen; die andere Hauptarbeit ist die, neue Gesetze zu machen, sobald neue Berufsarten, Bürgerschaften oder Corporationen Rechte erwerben, oder die früheren Gesetze im Verlauf der Zeiten unzulänglich geworden sind. Daß ein untreuer Richter trotz der genauesten Gesetze den Schurken, der ihn besticht, freisprechen und den Unschuldigen strafen kann, daß Geschworne (die jury) selbst dazu gebracht werden mögen, einen offenbaren Mörder freizusprechen, weiß jeder; daß Beamtete oder Vertreter (Repräsentanten, Senatoren ꝛc.), die mit der Abfassung der Gesetze betraut sind, ihre Macht mißbrauchen und mit neuen Gesetzen bestehende Rechte und Freiheiten einzelner Personen und ganzer Staatsglieder umstürzen, ist zu allen Zeiten oft genug geschehen; das unabhängige Bestehen der Ver. Staaten, in welchen wir leben, erinnert uns fortdauernd daran, daß um 1770 die englischen Gesetzgeber, das Parliament den damaligen Colonien im Bereich der jetzigen V. Staaten Steuern auflegen wollten wider die bekannten und anerkannten Rechte derselben. Politische Freiheit ist durch nichts so sehr gefährdet wie durch untreue Staatsbeamtete. — Deßhalb wählen wir alle diese Beamtete selbst und immer nur auf einige Jahre, sagt der Bürger der Vereinigten
English translation AI translation
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political liberty, that the right and duty of every member, citizen or civic body of a state is established and secured by such laws as truly guarantee or secure to each the exercise and fulfilment of his calling.
You see, liberty and law hang together most intimately, are inseparable, wherefore also the fundamental laws or constitution of the United States are appealed to when it is to be proved that political liberty prevails here. Suppose you live in a free country and practice, say, the trade of a cabinetmaker; then your neighbor, the wheelwright, may not take against your will the wood which you use for the practice of your calling and trade, in order to carry on his trade therewith: the law hinders him, protects you; but in respect of your neighbor's trade the law protects him and hinders you, that you may not, say, take his wood [illegible] his will and in [illegible] use up. To you your calling is [illegible] of your neighbor, to your neighbor [illegible] calling is secured against your encroachments; you limit one another, and just through such limitation you are both free. My readers can with ease bring forward a multitude of like examples and make it clear to themselves thereby that liberty rests in the law, not in lawlessness.
Hence it may also happen that the citizen of a free country, in which the best laws rule, is a wretched slave. He is so when he does the good laws of the land only from fear of punishment, thus with unwilling heart and vexed mind. Such a one will never be free, let him dwell in a state of political liberty or of political bondage. Therefore, that political liberty prevails in a land is by no means yet to say that the inhabitants of it are all free men. You must do the good law of the land with a willing heart and joyful mind; only then are you yourselves free people. But this no one learns of himself, nor is it to be learned anywhere save from the Word of God. The Word of God teaches you to recognize in the good law of the land the will of God, declares thereby your keeping of it to be a divine service, Matthew 22:51; Romans 13. And again the Word of God, the Gospel, makes God's commandment and service dear and precious to you, so that you delight therein after the inward man, Rom. 7:22, and so also keep the good law of the land gladly from the heart. Will you be free in the free land, then hold to the Word of God and hold with the Christian church and help that it be built; will you that your children be free, then build for them Christian schools and churches. If the Son of God, Jesus Christ, make you free, ye shall be free indeed. John 8:36.
Political liberty is a very fair and excellent good, but he would greatly deceive himself who should believe that with it the happiness and welfare of a land and people were already founded and given. Laws of state, however wisely drawn, can only ever up to a certain limit determine the conduct of the citizen toward his fellow citizen; they can effect no more than that the one respects the other's right. What a cheerless, sorrowful life one would lead where men served one another only so far as the right of each prescribes! One would not rob the other, not kill him, such a thing would be forbidden by the law of the land, but the brother would not help to better and guard his brother's goods and living, would not help him in all bodily distresses, unless perhaps he were appointed thereto as a policeman. Patience, kindliness, compassion, mercy, rejoicing with them that rejoice, weeping with them that weep, giving, lending, hoping for nothing again, in short all service of love, all social intercourse, the forbearing and bearing of the neighbor's weakness would be excluded there, where political liberty alone should make up the happiness of a land; for that whereby it is founded and maintained, the law of the state, cannot command even one of those precious services of love. That the citizens of a country render the Samaritan's service to one another, that only the Word of the Lord Jesus can bring about, who himself is the true merciful Samaritan and makes those who so believe on him into merciful Samaritans. If you would be happy, truly happy in the free land, then believe on the Lord Christ and gather yourselves into Christian congregations; if you would have your children happy, build them churches and Christian schools and bring them up yourselves in the nurture and admonition of the Lord. The law of the state cannot indeed even protect against what is called chicane, chicanery. How often does it happen that neighbors simply compel their neighbor to move away out of the neighborhood, without his being able to apply the help of the law against it! They lie in wait for him, for example, to discover the sinful and evil in his walk, and then bring it among the people behind his back, rob him by such gossip of the honor which he, like everyone, needs for the fulfilment of his calling, e.g. for the guidance of his household and the education of his children — soon he must yield. Or a richer man sets up close beside him the same business which he carries on, draws by the splendor which he knows how to spread about himself by means of his wealth all the custom to himself — the poorer must depart. Factory owners pay for hard labor so wretched a wage that the workman must pinch, the usurer holds back the payment for work delivered as long as possible, in order with the money needed therefor to make money first, in short, one citizen can enslave and tyrannize over another in a free country, without its being possible to check it by the laws. Or is he who is compelled by the chicanery of his neighbors to move away not at least as badly enslaved as the serf in Russia, whom his lord may not even drive from house and farm? You cannot enjoy the advantages of political liberty unless there prevail among you and your fellow citizens mutual good will, disinterested kindliness, loving consideration and reverence, and these virtues you will plant in yourselves and your children and make your own only by doing God's Word and by the founding of churches and schools among you maintaining it. The Holy Ghost, who comes through the Gospel of Jesus Christ, is a spirit of power, of love and of a sound mind, 2 Tim. 1:7.
In order that the political liberty guaranteed in the laws may really come to the citizens of a country, there is further need of an upright magistracy and of faithful officials generally, be they called presidents, judges, senators, representatives, etc. Those officials, for example, who have to manage the finances, revenues and expenditure of a state, can by bad administration plunge the country into debt and thereby make such high levies or taxes necessary that the citizens of the country are put by excessive payments of that kind out of condition to fulfil their earthly calling completely, so that they thus suffer abridgment of their liberty. High levies it is, indeed, whereby many countries of Europe, many states of Germany also, have come into the reputation that there is less political liberty in them than in the U. States; but those levies are the consequence of dreadful administration of the finances, especially during the last two centuries. How much worse and more destructive encroachments upon the liberties of the citizens of a country can judges and in general such officials make, who are to uphold the very laws given for the protection of body, life and calling! Such upholding of the laws always demands two kinds of principal labor. The one is: to carry out what the law commands, thus e.g. to protect the life and property of the citizens; the other principal labor is this, to make new laws as soon as new callings, civic bodies or corporations acquire rights, or the earlier laws in course of time have become insufficient. That an unfaithful judge, despite the most exact laws, can acquit the rascal who bribes him and punish the innocent, that jurors (the jury) themselves may be brought to acquit an open murderer, everyone knows; that officials or representatives (Representatives, Senators, etc.) who are entrusted with the drafting of the laws abuse their power and with new laws overthrow existing rights and liberties of individual persons and of whole members of the state, has happened often enough at all times; the independent existence of the U. States, in which we live, reminds us continually that about 1770 the English lawgivers, the Parliament, wished to lay taxes upon the then colonies within the bounds of the present U. States, against the known and acknowledged rights of the same. Political liberty is endangered by nothing so much as by unfaithful officials of state. — Therefore we choose all these officials ourselves and always only for a few years, says the citizen of the United