Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 5 › Seite 75

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. März 1913, Seite 75

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Selbſtgerechtigkeit 2

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eines Geschäfts eine nach den Statuten von Wisconsin strafbare
Handlung darstellt. Wie es heißt, wird die Klage später ausge⸗
dehnt werden auf Bischof Richter von Grand Rapids, Bischof
Schrembs von Toledo, Bischof Troobec von St. Cloud, Weihbischof
Rhode von Chicago und Pfarrer B. Goral in Milwaukee, die sich
alle an der Verfolgung des „Kuryer“ beteiligt haben sollen. Der
Kuryer‘ ist das älteste polnische Tageblatt in den Vereinigten
Staaien und wurde von seinem jetzigen Besitzer, Michael Kruszka,
vor 25 Jahren gegründet. Es machte sich die Aufklärung und
Bildung der polnischen Einwanderer von vornherein zu seiner be—
sonderen Aufgabe und erfreut sich jetzt einer weit über die Grenzen
von Wisconsin hinausgehenden Verbreitung. Dieser Prozeß ist
geeignet, im ganzen Lande das größte Aufsehen zu erregen. Ein
Katholik, der die weltliche Obrigkeit gegen seine kirchlichen Oberen
anruft, stellt sich nach den Kirchengesetzen damit außerhalb der
sakramentalen Gemeinschaft und verfällt dem Bann. Die Klage—
schrift, welche alle Schäden des kirchlichen Lebens unter den Polen
bloßlegen will, ist abschriftlich an den päpstlichen Delegaten Fal⸗
conio in Washington und an die päpstliche Kurie in Rom geschickt
worden.“ — So weit der Zeitungsbericht. In dem angestrengten
Prozeß werden die „Bischöfe“ gewinnen. Die Papstkirche treibt
hier in den Vereinigten Staaten ihr Werk unter staatlicher Kon—
zession. Sie genießt im Staat Wisconsin und, soviel wir wissen,
auch in allen andern Staaten Korporationsrechte. So muß ihr
auch das zu tun erlaubt sein, was ihre Verfassung mit sich bringt.
Nach der Verfassung der römischen Kirche aber und nach ein—
zelnen päpstlichen Erlassen hat der Laie weder die Fähigkeit noch
das Recht, über die Bischöfe zu urteilen. Wer ein Glied der
Papstkirche ist, hat dies von vorneherein anerkannt. Er hat an—
erkannt, daß nur der Bischof oder sein Beauftragter weiß, was
einem Katholiken gut ist. Der Bischof hat daher auch Recht und
Pflicht, Zeitungen zu verbieten, von denen er meint, daß sie einem
Katholiken schädlich sind. Auch eine Appellation an den Papst
kann hier nichts nützen. Der Papst schärfte in der Bulle „Im-
mortale Dei“ ein, daß auch die Zeitungsschreiber sich den Bischöfen
unterordnen müßten. F. P.
Ultramontane Empfindlichkeit. Die „Germania“ ist bitter⸗
böse darüber, daß der Kaiser in der Wilhelmshafener Coligny⸗
Rede seinen Ahnen als Glaubenshelden gefeiert und die Bartholo—
mäusnacht als einen „Schandfleck“ bezeichnet hat. Wie kann denn
auch ein abgefallener Ketzer, der „kein treuer Sohn der katholischen
Kirche“ war, als Märtyrer seines Glaubens gelten, da allein die
katholische Kirche das Privileg darauf hat! — Auch die Außerung
des Professors Dr. Burchard auf der Generalversammlung des
Gustav-Adolf-Vereins in Posen, „daß die Einigung der deutschen
Stämme zu einem starken Reich unter einem protestantischen Kai⸗
ser mit Strömen Blutes errungen sei“, erregt den heftigen Un⸗
willen der „Germania“. Daß unser Kaiserhaus protestantisch
ist, ist zwar wahr, aber aus Gründen der Parität darf man's
nicht sagen. Dagegen ist es natürlich ganz in der Ordnung, wenn
etwa Prinz Ludwig von Bayern, wie eben wieder geschehen,
seinen katholischen Glauben mit Nachdruck betont und Kaiser
Franz Joseph als der „katholische Kaiser Europas“ gefeiert wird.
Bayern und Ssterreich sind zwar auch durchaus paritätische Staa⸗
ten, genau so wie das Deutsche Reich, aber darum redet man in
der ultramontanen Presse doch stets mit einer gewissen Selbst⸗
verständlichkeit von dem katholischen Bayern und dem katholischen
Ssterreich. (Wbg.)

„Hast du mich lieb?“

Einst kam zu D. Krummacher in Bremen ein bekümmerter
Sünder, der im ernsten Selbstgericht vor dem Angesichte Gottes

I

so zuschanden geworden war, daß er am Ende auf die Frage aus

IEsu Munde: „Hast du mich lieb?“ glaubte antworten zu müssen:

„Nein, HErr; du weißt alle Dinge, du weißt um meine Kälte,
um mein sündiges Tun und Treiben, um mein armseliges Beten,
Glauben und Frommsein, du kennst meine vielfachen und wieder⸗
holten übertretungen: du weißt, daß ich dich nicht liebhabe.“

Da schwankte dann der Boden unter seinen Füßen; die
Donner von Sinai schreckten ihn; sein ganzer Gnadenstand wurde
ihm zweifelhaft, ja, er war so heruntergekommen, daß er an der
Möglichkeit, jemals begnadigt und beseligt zu werden, ganz und
gar verzagte. So kam er zu Krummacher und schüttete ihm das
bedrängte Herz aus.

Da gab ihm dieser den Rat: „Kehre du die Frage um.
Fragt der Heiland dich: „Hast du mich lieb?“ so frage du ihn:
„Hast du mich lieb?“ Siehe, deine Liebe zu ihm kann ja nimmer⸗
mehr der Grund und Boden sein, worauf du das Haus deiner
Hoffnung baust. Darin besteht die Liebe, sagt Johannes, nicht
daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat und
gesandt seinen Sohn zur Vergebung für unsere Sünde.“

Dieser Trost war dem Bekümmerten ein himmlischer Bal⸗
sam, und die Liebe des HErrn trat ihm so klar vor Augen, daß
er alsbald sich ihm mit kindlicher Freudigkeit in die Arme werfen
und jauchzen konnte: „Ja, HErr, du weißt alle Dinge; du weißt
auch, daß ich dich liebhabe!“

Christus für uns zur Sünde gemacht, wir in ihm die
Gerechtigkeit.

Gottes unbegreifliche und unaussprechliche Barmherzigkeit
hat seinen Sohn in die Welt gesandt und alle Sünden aller
Menschen auf ihn gelegt und gesagt: Du sollst Petrus sein, der
da verleugnet hat; Paulus, der da verfolgt, gelästert und Gewalt
geübt hat; David, der die Ehe gebrochen hat; der Sünder, der
den Apfel im Paradiese gegessen hat; der Schächer am Kreuz.
Kurz, du sollst die Person sein, die alle Sünden aller Menschen
getan hat; gedenke also, daß du bezahlest und für sie genugtuest.
Da kommt das Gesetz und spricht: Ich finde ihn als einen Sün⸗
der, und zwar einen solchen, der die Sünden aller Menschen auf
sich genommen hat, und ich sehe außerdem keine Sünde als allein
auf ihm, darum soll er am Kreuze sterben; und so greift es ihn
an und tötet ihn. Da dies geschehen ist, ist die ganze Welt von
allen Sünden gereinigt und gesühnt, also auch befreit vom Tode
und von allem übel. Nachdem nun aber Sünde und Tod durch
diesen einen Menschen hinweggenommen sind, so könnte doch
Gott in der ganzen Welt, zumal wenn sie glaubte, nichts anderes
mehr sehen als lauter Reinheit und Gerechtigkeit; und wenn⸗
gleich noch etliche überbleibsel der Sünde blieben, so würde doch
Gott sie nicht sehen vor jener Sonne, Christo. (Luther.)

Selbstgerechtigkeit die verbreitetste und verdammlichste Sünde.

Darum ist der Wahn, man könne die Gerechtigkeit aus eige—
nen Werken erlangen, die Schlammgrube, aus der alles Unglück
hervorgeht, und die allergrößte Sünde der Welt. Denn grobe
Sünden und Laster kann man erkennen, und darum können sie
gebessert oder doch wenigstens durch die Strafe der Obrigkeit ver⸗
hindert werden; diese Sünde aber (der Selbstgerechtigkeit) will
nicht allein nicht Sünde sein, sondern gibt sich auch für den höch—
sten Gottesdienst und Gerechtigkeit aus. Darum ist dieses Ver⸗
derben die höchste und größte Herrschaft des Teufels auf der
ganzen Erde, in Wahrheit der Schlangenkopf und der Strick,
mit welchem der Teufel alle Menschen fängt und gefangen hält;
denn alle halten von Natur dafür, daß das Gesetz rechtfertige.

(Luther.)

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