Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 6 › Seite 86

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. März 1913, Seite 86

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sinnt, wir entsagen dem Teufel. Ich nröchte auch wohl in Ent—
rüstung mich an den HErrn wenden und fragen: „Hörest du
auch, was diese sagen?“ Aber ich fürchte, er würde mich an
jenen Ostermorgen erinnern. Ich habe nicht ohne Folgen sei—
nen Fuß auf meinem Kopf gehabt.

Andere wieder stehen da und ärgern sich geradeso, aber sie
sagen: Wenn sie nur dem Teufel entsagten, dagegen hätten
wir nicht viel einzuwenden. Denn ob es überhaupt einen Teufel
gibt, ist uns ungewiß, ist uns auch ziemlich gleichgültig; aber
was uns ärgert, ist, daß die Kinder entsagen „allem seinem
Wesen und allen seinen Werken“. Damit meinen sie das, was
wir treiben, die Sünde, das sündliche, weltliche Wesen. Damit
werden wir gestraft, als ob das etwas Ungehöriges wäre, dem
einer absagen muß, der selig werden will. Wie kann man Kin—
dern ein solches Versprechen abnehmen? Die haben ja noch
so wenig Erfahrung, die wissen gar nicht, was alles die Welt
und, wie die Christen es nennen, der Teufel Gutes und Ange—
nehmes zu bieten haben. Das wird ihnen — und wir hoffen
es bald leid werden. Wer, meint ihr, werden die wohl sein,
die sich über diesen Teil des Gelübdes ärgern? Das sind die
Freunde des Teufels und der Sünde, die gottlose, leichtfer—
tige Welt.

Wieder andere ärgert das Bekenntnis der Treue gegen
Gott, den dreieinigen Gott. Warum müssen die Kinder sich
verpflichten, Gott treu sein zu wollen, daß sie ihm ihr ganzes
Leben lang angehören und dienen und kopfhängerische Heuchler
sein wollen? Und wenn sie noch sagten: irgendeinem
Gott; wenn es noch der Gott der Welt, der Loge, des Unglau—
bens und der Vernunft wäre! Aber nun gerade dem Christen—
gott, dem dreieinigen Gott, der allein der wahre Gott sein will!
Und besonders unleidlich ist, daß sie von dem Sohne Gottes
sagen, er sei ihr Heiland, durch dessen Blut und Tod — und
nicht anders — sie hofften selig zu werden. Da wird ja alles
verworfen, worauf wir unsere Hoffnung setzen: die eigenen
Werke, das eigene Tun und die eigene Gerechtigkeit. Da hör'
mal einer, was die sagen! Nicht genug, daß die Christen selber
diesem dummen Glauben anhangen, da müssen sie auch noch
die armen Kinder zu solchem Bekenntnis verführen und zu dem
albernen Glauben verpflichten. Man soll sie aufwachsen lassen,
bis sie groß und bei Jahren sind, und dann sie wählen lassen,
wem sie dienen, mit welcher Religion sie es halten wollen.

Viele wieder, die gar nichts dagegen haben, daß die Kin—
der dem Teufel absagen und sich Gott und Christo zusagen,
ärgern sich über das, was dann folgt, daß die Kinder sich zur
reinen Lehre und zur rechtgläubigen Kirche bekennen. Da
schreit man entriistet: Da sollen die unreifen Kinder urteilen
über reine und falsche Lehre! Es gibt ja vielerlei wider—
sprechende Lehren in der Christenheit, worüber fort und sort
gestritten wird. Und nun sollen die Kinder urteilen und sagen:
Die lutherische Lehre ist die wahre, und was dawider ist, ist
Irrtum und Lüge! Da hör' mal einer, was die sagen!
können die das sagen, und wie könnt ihr euch so weit vergessen,
ihnen ein solches Versprechen abzunehmen? Geradeso lag der
Fall da an jenem Palmsonntag auch. Die Kinder bekannten
Christum als den Sohn Davids, den Messias Israels, der da
kommen sollte, von dem die Propheten geredet hatten. Da
sagten die Schriftgelehrten auch: Das ist noch eine vielumstrit—
tene theologische Frage. Wir sind doch Schriftgelehrte, und
wir sind noch gar nicht überzeugt. Ja wir glauben das gar

Wie

nicht und wollen es nicht glauben. Keiner der Obersten oder
Pharisäer glaubt an ihn. Das Volk, das nichts vom Gesetz
weiß, ist verflucht. Das ist eine Anmaßung und Unverschämt⸗
heit. Und num treffen hier gar Kinder die Entscheidung und
sagen, sagen dem IEsus von Nazareth: Du hast recht, du bist

der Sohn Davids, und deine Widersprecher sind verblendet,

gehen den Irrweg. Meister, das kannst du selber nicht mit
anhören wollen. Verbiete es ihnen! Das ist eine Frage, über
die sich noch streiten läßt. Aber der HErr verbietet das gar
nicht, sondern will sich aus dem Munde der Kinder Lob bereiten.

Und so läßt sich der HErr das sehr wohlgefallen, daß Kin—
der der reinen Lehre seines Wortes beifallen und versprechen,
mit aller falschen Lehre unverworren bleiben zu wollen. Und
wenn Leute, die sich darüber ärgern, in ihrem Unverstand dem
SErrn das klagen, dann sagt er ihnen auch eine Reihe Sätze,
die anfangen mit: „Habt ihr nie gelesen“: daß ich in meiner
Kirche nur Wahrheit, reine Lehre, haben will; daß ich meinen
Christen es zur Pflicht mache, sich vorzusehen vor den falschen
Propheten, zu weichen von denen, die Zertrennung und Ärger—
nis anrichten neben der Lehre, die sie gelernt haben; daß ich
meine Christen, auch die Kinder, in den Stand gesetzt habe,
über Lehre zu urteilen, indem ich ihnen mein Wort gegeben
habe, das hell und klar ist; daß, wer an meiner Rede bleibt,
die Wahrheit erkennen wird? Sollen da meine Kinder nicht
Recht und Macht haben zu bezeugen, sie halten es mit meinem
Wort und nicht mit der Verkehrung meines Wortes?

Und wenn man sich an uns, die lutherische Kirche, wendet
und fragt: Hört ihr auch, was diese sagen? Wie könnt ihr
unreifen Kindern ein solches Versprechen abnehmen? dann
sagen wir: Das hören wir wohl und wollen es schon vor Gott
verantworten. Wir haben die Wahrheit erkannt und haben nun
keine größere Freude, als daß unsere Kinder in der Wahrheit
wandeln und sich der Wahrheit verpflichten. Wenn ihr eurer
Lehre nicht gewiß sein könnt, dann wird das wohl seinen Grund
darin haben, daß eure Lehre zum Teil aus Menschenfündlein
besteht und im Widerspruch mit Gottes Wort steht. Wer wollte
das dann auch wohl für Wahrheit bekennen? Und sagt auf—
richtig: Ihr stoßt euch nicht sowohl daran, daß die Kinder zu
solchem Urteil noch nicht das nötige Alter und Reife haben,
sondern ihr wollt das Urteil überhaupt nicht gefällt haben.
Ihr,wollt das überhaupt nicht hören: Dies ist reine Lehre
und das ist falsche Lehre. Die sind euch entweder beide gleich—
gültig, oder ihr seid Zweifler und Windfaher, die immerdar
lernen und nimmer zur Erkenntnis der Wahrheit kommen
können, 2 Tim. 3, 7; oder ihr habt bei enrer Lehre ein böses
Gewissen. Wir sind unserer Sache gewiß und unsere Kinder
auch; und was wir als Wahrheit erkannt haben, das be—
kennen wir.

Danit hängt dann das andere Stück aufs engste zusam—
men, da die Kinder versprechen, allezeit bei dem Bekenntnis
dieser Kirche zu bleiben und lieber alles, auch den Tod, zu lei—
den, als von ihr abzufallen. Das nennt man den Gipfel des
Unverstandes und der Unsittlichkeit. Man wolle nur die Leute
an seine Kirche binden. Man wolle ihnen später sagen können:
Einerlei was jetzt deine Erkenntnis ist, du hast einmal ver—
sprochen, bei der lutherischen Kirche zu bleiben, und das mußt
du halten, sonst hast du gelogen und gehst verloren. Nein, es
steht so: Haben wir erkannt, daß die lutherische Kirche die reine
Lehre des Wortes Gottes hat, dann entsteht von selbst die

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