Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 6 › Seite 87

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. März 1913, Seite 87

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Pflicht, es mit ihr zu halten, auch ohne besonderes Ver⸗
sprechen. Gott hat eben keinem Menschen die Erlaubnis ge—
geben, dem Irrtum anzuhangen. Und wer bewußtermaßen die
erkannte Wahrheit verleugnet, der geht verloren, ob er da ein
öffentliches Gelübde getan hat oder nicht. Und wenn jemand
nach der Konfirmation abfällt, dann ermahnen wir ihn nicht
so, daß wir ihm immer bloß zurufen: Du hast aber versprochen,
du hast versprochen! sondern da halten wir ihm Gottes Wort
vor. Und wenn einer später an der lutherischen Lehre irre
wird, dann sagen wir ihm nicht: Einerlei was du jetzt erkennst,
und selbst wenn du jetzt recht hättest, du hast aber versprochen;
sondern da stellen wir ihm aus Gottes Wort die Wahrheit
und den gegenüberstehenden Irrtum vor Augen. Und wenn
er wirklich in irrendem Gewissen die lutherische Wahrheit nicht
mehr bekennen kann, dann muß er natürlich in demselben
irrenden Gewissen sein Konfirmationsgelübde brechen.

Laßt daher, ihr lieben Konfirmanden, euch die Freudig—
keit zu eurem Gelübde nicht nehmen durch Leute, die entweder
das Ganze oder einen Teil desselben nicht hören mögen. Und
wir, die Glieder der lutherischen Kirche, wenden uns auch, aber
in ganz anderm Sinne an den HErrn und fragen: „Hörest du
auch, was diese sagen?“ Richte dir daraus ein Lob zu! Sie
geloben dir und deinem Wort und deiner Kirche Treue. Er—
halte du sie darin bis an ihr seliges Ende! Und wie der SErr

sich zu den Widersprechern stellt, sagt der nächste Vers: „Und
er ließ sie da.“ Das tun wir auch. Sie mögen es verant—

worten. E. P.

———. —

Die rechte Praris bei Entlassung von Gemeinde⸗
gliedern.

III.

In einer fremden Herde, die eben einem andern Hirten
gehört, sollen wir keine Proselytemnacherei treiben, weder an
den Schafen noch an den Lämmern. Das ist gegen das neunte
und zehnte Gebot. Das ist eine übertretung der Worte: „Du
sollst nicht begehren.“

Aber da machen nun wohl manche entrüstet den Einwurf,
der Pastor und die Gemeinde seien doch nicht Sklavenhalter
mid die Gemeindeglieder seien doch nicht das Eigentum des
Pastors und der Gemeinde, das neunte und zehnte Gebot ge—
höre darum hier gar nicht her. Antwort: Der Einwurf ist
Torheit. Das neunte und zehnte Gebot gehören hier wohl her.
Es wird eben das Verhältnis zwischen Pastor und Gemeinde—
glied begehrt, das jetzt einem andern gehört.

Diese Proselytenmacherei ist nicht etwa
„christliche Mission“, sondern ganz miserable
„Winkelschleicherei“. Es ist ein herrliches Ding um
das Werk der christlichen Mission, daheim und in der Ferne.
Möchte uns allen doch stets die Herrlichkeit des köstlichen, seligen
Werkes der Mission lebendig vor Augen stehen! Und o, daß
wir es doch auch nicht vergessen wollten: wenn wir mit unserer
Missionsarbeit auch nur eine Seele gewinnen würden, dann

wäre unsere Mühe reichlich belohnt; denn an jede Seele hat

Gott ja das Blut seines Sohnes gewandt, um sie zu erlösen.
Alle Prediger und Gemeinden sollten sich darum immer wieder
zu neuem Missionseifer aufraffen, sollen gerade auch in dem
ihnen zugewiesenen Wirkungskreise an die einzelnen Menschen

heranzukommen suchen, um sie in die Gottesdienste und später
in die Gemeinde zu führen, und gerade in diesem Stück gibt
es überall für die Leute in unsern Gemeinden noch viel Mis⸗—
sionsarbeit zu tun. ö

Alle Prediger und Gemeinden sollen ihre Netze auswerfen
und Menschen fischen. Aber man darf nicht in einem fremden
Teiche fischen und auch nicht Steine aus der Wand des Hauses
seines Nachbars nehmen, um sein Haus zu bauen. Die Glie—
der anderer christlichen Kirchen und Gemeinden — gerade auch
unserer Schwestergemeinden — sind nicht das Material für
unsere Missionsbemühungen als ein Teil des Werkes des
Predigtamtes.

Mag man auch oft versuchen, dieser verkehrten, hier von
uns verurteilten Proselytenmacherei bald in dieser, bald in
jener Form ein schönes, unschuldiges Mäntelchen umzuhängen,
es ist doch, wenn man es mit dem rechten Namen bezeichnen
will, miserable „Winkelschleichereil. Gegen diese Winkel—
schleichereien, da man Leute, die schon einen ordentlich be—
rufenen Seelsorger haben, zu sich herüberziehen will, finden
sich in Luthers Schriften viele ernste Zeugnisse. Mit denen,
die in diesem Stück schuldig sind, geht Luther in ein strenges
Gericht. Er führt mit ernsten, scharfen Worten aus, es seien
lose, unberufene Buben, die in fremde Amter schleichen ohne
Wissen und Willen des Pfarrherrn. Das ist überhaupt böse
Büberei, wenn man — und das ist nicht bloß ein gedachter
Fall, sondern das komnit leider vor und richtet viel Verwirrung
und Herzeleid in Gemeinden an — hinter dem Rücken des
Pastors in dessen Gemeinde agitiert, diese und jene besonders
einflußreichen Gemeindeglieder gegen ihren Seelsorger aufzu—
stacheln sucht, gar noch etwa, um sich so an dem betreffenden
Pastor zu rächen! Dadurch wird die segensreiche Arbeit eines
Pastors in seiner Gemeinde sehr gehindert und gestört. Wehe
solchen, seien es Prediger, Lehrer oder Gemeindeglieder, wehe
ihnen ewiglich, wenn sie nicht in Zeiten dafür Buße tun!

Luther fordert alle Christen auf, dazu zu helfen, daß
solch elenden Schleichern ihr böses Handwerk gelegt werde.
Er schreibt: „Und wenn wir das Volk in solchen Verstand des
Berufs könnten bringen, so wäre solchen Schleichern wohl zu
steuern, indem, daß man sie auch stets unterrichte und ver—
mahne, solche Schleicher dem Pfarrherrn anzusagen, welches
sie auch schuldig sind zu tun, wo sie Christen sein und selig
werden wollen; denn wo sie es nicht tun, da helfen sie dem
Teufelsboten und Schleicher dem Pfarrherrn (ja Gott selbst)
sein Predigtamt, Taufe, Sakrament und Seelsorge, dazu die
Pfarrkinder heimlich stehlen und also die Pfarre (so Gott ge—
ordnet hat), verwüsten und zunichte machen.“ (St. L. Ausg.
XX, 1667.)

über diese Winkelschleicherei wollen wir jetzt nur noch ein
Wort von Vater Luther hören. Er versteht es, die Dinge zu
beschreiben und beim rechten Namen zu nennen. Hier ist das
Lutherwort, das wir noch anführen wollten: „Und ich sage
fürwahr, wenn solche Schleicher sonst kein Untätlein an sich
hätten und eitel Heilige wären, so kann doch dies einzige Stück
(daß sie ohne Befehl und nnaufgefordert kommen geschlichen)
sie für Teufelsboten und lehrer mit Gewalt überzeugen..
Ich habe hören sagen, wie sich die Schleicher können finden zu
den Arbeitern. in der Ernte und auf dem Felde unter der
Arbeit predigen, also auch zu den Köhlern und einzelnen
Leuten in den Wäldern und allenthalben ihren Samen säen

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