Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 20 › Seite 316

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 30. September 1913, Seite 316

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SEr 2„utherane

Verfügung zugehen lassen, oder wenn die Gemeindeglieder von
uns reden, so brauchen sie in üblicher Weise das schöne Wort
„Geistlicher'. Dürfen wir diese Bezeichnung wirklich auf uns be⸗
ziehen? Sind wir evangelischen Prediger spirituales im Gegen—
satz zu den Laien? Ich dächte, daß wir diesen katholischen Zopf
uns endlich einmal ohne viel Bedenken abschneiden können. Denn
wir haben, Gott sei Dank, ein Wort, das so schön und inhalts⸗
reich ist und unser herrliches Amt so völlig umfaßt, daß wir auf
den Mißbrauch der Bezeichnung „Geistlicher gern verzichten kön—
nen; ich meine das Wort Pastor. Wer nach Joh. 10 sich in die
Tiefe des Wortes recht versenkt, der wird zugestehen müssen, daß
Pfarrer, Prediger, Geistlicher nicht im entferntesten in so köst⸗
licher Weise die Rechte und Pflichten unsers Berufs wiedergibt wie
eben jene Amtsbezeichnung, die Joh. 21, 16 uns der HErr selbst
gibt. Sollte es daher nicht endlich an der Zeit sein, daß wir
Pastoren wenigstens Norddeutschlands mittels des Vorstandes
unserer Pfarrervereine an unsere Behörden herantreten mit der
Bitte, das so schriftwidrige, unevangelische und Art und Be—
deutung unsers Amtes gar nicht treffende Wort „Geistliche“ der
römischen Kirche zu überlassen und uns künftighin als das zu
bezeichnen, was wir sind und immer mehr werden wollen, in aller
Demut und Bescheidenheit: Pastoren unserer Gemeinden?“ —
Luther schreibt: „Der Papst teilt das priesterliche Volk Christi in
Kleriker und Laien. Die Kleriker heißt er seine Geistlichen, dar—
unter er der oberste Priester und Fürst sein will, welche er allein
damit geistlich macht, daß er sie beschert, mit Ol schmiert an
Fingern, und daß er sie lange Kleider tragen heißt, und gibt
vor, daß er ihnen ein unauslöschlich Malzeichen in ihre Seele
drücke.“ Und an einer andern Stelle: „Alle Christen sind wahr—
haftig geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied
denn des Amts halben allein, wie Paulus 1 Kor. 12, 12 saget,
daß wir allesamt ein Körper seien, doch ein jeglich Glied sein
eigen Werk hat, damit es den andern dienet. Das macht alles,
daß wir eine Taufe, ein Evangelium, einen Glauben haben
und sein gleiche Christen (Eph. 4, 5). Denn die Taufe, Evan⸗
gelium und Glaube, die machen allein geistlich und Christenvolk.
Daß aber der Papst oder Bischof salbet, Platten macht, ordinieret,
weihet, anders denn Laien kleidet, mag einen Gleisner und Ol—
götzen machen, macht aber nimmermehr einen Christen oder geist⸗
lichen Menschen.“ (L. F. K.)

Es ging durch Gottes Hände.

Wenn der Vater abends von der Arbeit heimkommt und sein
Söhnchen ihm entgegenspringt, so setzt er sich wohl in der Stube
auf den Stuhl nieder und sagt zu dem Kinde: „Zieh mir mal
die Stiefel aus!“ Der Vater weiß sehr wohl, daß das Kind zu
schwach ist, die großen Stiefel auszuziehen. Aber das Kind ge⸗
horcht und greift frisch zu, als wäre das eine leichte Sache. Es
zieht und zerrt an den schweren Stiefeln. Der Vater faßt ganz
heimlich zu und hilft nach. Und unbemerkt geht's; immer mehr
strengt sich der kleine Mann an, und sieh! die Arbeit gelingt, die
Stiefel gehen aus. Welche Freude leuchtet da auf dem Kindes⸗
gesichte, und der Vater freut sich nicht weniger!

Luther sagt einmal, Gott mache es mit uns Erwachsenen
genau so wie dieser Vater mit seinem Kinde. Da stellt er uns
vor eine Aufgabe, die uns zu schwer deucht. Wir sehen auf die
Größe der Aufgabe, auf die damit verbundene Verantwortlichkeit,
die wir uns aufladen, auf die schwere Last, die zu tragen ist, auf
die Gefahren, in die uns der Auftrag bringen kann. Wir sehen
auf unsere schwache Kraft, auf unser Unvermögen und werden
mutlos und verzagt. Und je mehr wir das Schwere zergliedern,
desto mehr kommen wir ins Grübeln hinein, desto weniger sind

wir bereit zuzugreifen. Da sagt wohl ein Mose: „HErr, sende,
welchen du senden willst“, nur mich nicht. Und ein Jeremia hält
dem HErrn entgegen: „Ach HErr, ich weiß nicht zu reden; denn
ich bin zu jung!“ Gott aber sagt: „Greif nur einmal zu!“
Das einzige, was er von uns verlangt, ist Gehorsam. Sobald
wir uns willig zeigen, wie das kleine Söhnchen des Vaters, sobald
wir rüstig die Hand anlegen, greift er im stillen mit an, und es
geht. Wir dürfen erfahren:

Wenn mein Können, mein Vermögen

Nichts vermag, nichts helfen kann,

Kommt mein Gott und hebt mir an,

Sein Vermögen beizulegen.

Am Ende darf man sich freuen, daß das Werk gelungen ist; aber

dankbar geben wir Gott die Ehre: „Es ging durch seine Hände.“

Ein andermal legt uns Gott ein Kreuz zu tragen auf. Er
schickt eine schwere Krankheit, oder sonst ein Ungemach ist auf die
Schulter zu nehmen. Unserer Natur graut davor; es scheint un⸗
möglich zu sein, die Last zu tragen und alle die schweren Tage
durchzumachen. Und je mehr wir wieder das Schwere zerlegen
und alles erwägen, was etwa noch kommen könnte, desto schwerer
machen wir die Last, desto ungeschickter stellen wir uns vor die
Bürde hin. Da kann das muntere Büblein wieder unser Lehr⸗
meister werden. Es greift ohne Zagen und ohne langes Über⸗
legen zu. Wir müssen im Gehorsam einmal nur zugreifen, tapfer
die Hand anlegen und das Kreus auf die Schulter heben. Es
steht ja der eine daneben, der heben und tragen will, der die
schwerste Last leicht machen kann. Unvermerkt greift der HErr
mit seiner starken Hand unter die Last und hebt sie auf. Es geht
den ersten Tag und den zweiten. Wir dürfen erfahren: „Gott

legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Wir haben einen

Gott, der da hilft, und den HErrn HErrn, der vom Tode errettet.“
Es wird wörtlich wahr, was IEsus zu seinen Jüngern gesagt hat:
„Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“, wenn wir nur im
Gehorsam zugreifen und die uns zugemessene Last tragen wollen.
Er hilft, die Stiefel auszuziehen. Und wo er eingreift, da wird
die schwerste Last leicht.

Da ist ein Vater und eine Mutter. Sie haben ein geringes
Einkommen, aber ein großes Häuflein Kinder, die alle Tage essen
wollen. Ein Hagelschlag hat auch noch den geringen Ertrag
ihres kleinen Feldes vernichtet. Jetzt will ihnen der Mut ent⸗
schwinden, mit bangen Sorgen sehen sie in die Zukunft. „Was
werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir
uns kleiden?“ Solche Fragen bewegen ihre Herzen, als sie durch
die verheerten Fluren gehen. Horch! da ruft eine Wachtel mit
heller Stimme: Fürchte Gott! Bau' auf Gott! Trau' auf
Gott! Sie verstehen den Ruf zu deuten, und mit Gottes Hilfe
hoffen sie auch durch dieses Jahr zu kommen. Der Mann greift
frisch zu, wo es etwas zu verdienen gibt, und schämt sich keiner
Arbeit. Die Frau hält das Erworbene sparsam zu Rate, und
das Brot reicht Tag für Tag. Sie dürfen erfahren, was der
fromme Pfarrer Hiller so schlicht in die Worte kleidet:

Wenn wir von Tag zu Tage

Die Notdurft überschlagen

Und rechnen dann die Menge,

So sind wir im Gedränge.

Doch wenn wir mit Vertrauen

Ihm auf die Hände schauen,

So nühret allerwegen

Uns ein geheimer Segen.
Das Jahr geht zu Ende, und schließlich hat das Wenige für alle
zugelangt, und keins hatte müssen Hunger leiden. Greifen wir
nur wacker zu, mit vollem Vertrauen auf Gott, der auch die Raben
auf dem Felde versorgt, so dürfen wir erfahren, daß er seine Kinder
nicht verläßt. Er rührt auch seine Hände und legt im stillen sei⸗

——

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