Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 20 › Seite 311

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 30. September 1913, Seite 311

309 310 311 312 313 314 315 316 317

Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner69_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

* —
Sr „Tutheransse⸗

311

völkerung. Das ist eine überaus ernste Anklage gegen unsere
öffentlichen Schulen. Manche, die die Sache zu verstehen mei—
nen, schreiben diese böse Erscheinung der Einwanderung auf
die Rechnung. Aber das ist verkehrt; denn es ist nachgewiesen
worden, daß diese Zuchtlosigkeit und diese Verbrechen sich fast
ganz in der zweiten Generation dieser Eingewanderten finden.
Aber diese zweite Generation ist doch durch den Schmelztiegel
der öffentlichen Schulen gegangen. Die Antwort ist: Es ist
ein Mangel an der rechten Erziehung in unsern Schulen.“
Das ist eine scharfe Verurteilung des amerikanischen
Schulwesens, wird aber nichts zur Besserung unserer sozialen
Zustände beitragen, weil der rechte Grund fehlt, und deshalb
Mittel und Wege zur Erreichung des gesteckten Zieles ver—
kehrt sind. M. Nessel.
Schluß folgt.)

— —
— —

Das Scherflein der Witwe.

In dem äußeren Rauni des Tempels zu Jerusalem waren
dreizehn Kasten mit trompetenförmigen Offnungen angebracht,
in welche die Juden ihre Gaben für den Tempeldienst und
andere Zwecke einlegten. Jeder dieser Kasten trug eine In—
schrift, die den besonderen Zweck angab, für welchen die in
denselben eingelegten Gaben verwandt wurden. Hier setzte sich
einst der Heiland, wie uns Mark. 12, 41—44 erzählt, „gegen
den Gotteskasten und schaute, wie das Volk Geld einlegte in
den Gotteskasten“. Und als der Heiland nun dasaß, was sah
er da? „Und viel Reiche legten viel ein.“ Das war recht
und wohlgetan. Gott hatte den Juden im Gesetz geboten, daß
sie ein bestinmtes Maß ihres Einkommens für den Tempel—
dienst abgeben sollten. Und es ist auch jetzt noch Gottes Wille,
daß wir Christen einen Teil, und zwar einen reichlichen Teil,
unsers irdischen Einkommens für sein Reich hergeben sollen.
Und er hat ein Recht, das zu fordern. Denn unsere irdischen
Güter sind ja eine Gabe seiner Hand. „Was hast du, das du
nicht empfangen hast?“ „Alle gute Gabe und alle vollkommene
Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts.“ Das
gilt auch von unsern irdischen Gütern. Wir sind nur Haus—
halter über dieselben, sie sind uns nur zur Verwaltung über—
geben. Gott kann also mit Recht einen Teil derselben zurück—
fordern. Und das tut er; das wissen wir aus seinem Wort.

„Viel Reiche legten viel ein.“ Wie gesagt, Gott forderte
von den Juden ein bestimmtes Maß ihres Einkommens für
den Tempeldienst, nämlich ein Zehntel. Das heißt also, wenn
ein Jude ein jährliches Einkommen von, sagen wir, 5500.00
hatte, so mußte er davon §50.00 abgeben; hatte er ein Ein—
kommen von §2000.00, so mußte er §200.00 hergeben. —
Nun, dieses Gebot des Zehnten gilt uns Christen im Neuen
Testament nicht mehr. Das gehörte zu dem jüdischen Kirchen—
gesetz, das Christus abgetan hat; das war ein Teil der „Schat—
ten und Vorbilder“, von denen Paulus sagt, daß wir uns kein
Gewissen darüber machen lassen sollen, Kol. 2, 16. Uns gilt
jetzt nur, daß jeder nach Vermögen geben soll. „Auf je der
Sabbater einen lege bei sich selbst ein jeglicher unter euch und
sammle, was ihn gut dünkt“, das heißt eigentlich, nachdem es
ihm im Irdischen gut geht, nachdem ihn der HErr im Irdischen

Ngesegnet hat („as God hath prospered him“, wie es in der
1englischen Bibel heißt). Das ist die Regel, die uns Christen

im Neuen Testament gilt. Das bedeutet aber nun sicherlich
nicht, daß nicht auch wir neutestamentlichen Christen uns im
Gebrauch unserer christlichen Freiheit selbst ein bestimmtes Maß
im Geben auflegen dürften. Und sollten wir nun nicht aus
freier Liebe und Dankbarkeit gegen Gott wenigstens ebensoviel
geben, als die Juden durch das Gesetz zu geben gezwungen
waren?

„Viel Reiche legten viel ein.“ Viele jener reichen. Juden
begnügten sich nicht damit, so viel einzulegen, wie im Gesetz
befohlen war, sondern sie legten viel mehr ein als das gefor—
derte Maß. Manche gingen darin so weit, daß die Obersten
sich zu einer Zeit gedrungen sahen, eine Satzung zu erlassen,
daß niemand mehr als ein bestimmtes Maß seines Einkom⸗
inens einlegen dürfe. Wie reichlich die Gaben in den Tempel⸗
schatz flossen, läßt sich zum Beispiel daraus ersehen, daß, als
die Römer das jüdische Land unterjochten, sich etwa 2½ Mil⸗
lionen Dollars an Geld und wertvolle Gefäße und Juwelen
im Werte von 10 Millionen Dollars im Tempelschatz befanden.
Ein ähnliches Beispiel finden wir 2 Mos. 35 und 36, wo uns
erzählt wird, daß das Volk zum Bau der Stiftshütte in der
Wüste so viel brachte, daß schließlich diejenigen, welche am
Bau der Stiftshütte arbeiteten, zu Mose kamen und zu ihm
sprachen: „Das Volk bringet zu viel, mehr denn zum Werk
dieses Dienstes not ist.“ „Da gebot Mose, daß man rufen
ließe durchs Lager: „Niemand tue mehr zur Hebe des Heilig—
tums!““ Nicht wahr, lieber Leser, wenn es so stünde in un—
serer Synode, wenn unsere Christen alle so gäben wie damals
das Volk der Juden, wenn besonders unsere wohlhabenden
und reichen Christen alle so gäben wie jene reichen Juden, dann
würde es besser stehen mit unsern Kassen, dann würden unsere
Missions⸗- und andern Kommissionen nicht so oft zu betteln
brauchen, dann hätten wir jetzt keine Schuld von §563,000 in
der Synodalkasse. Unsere Christen haben es kürzlich gezeigt,
daß sie auch so reichlich geben können; denn als der Hilferuf
für die von Sturm und Flut betroffenen Glaubensgenossen
erging, da flossen die Gaben so reichlich, daß die Unterstützungs—
kommission uns ebenfalls zurufen mußte: Haltet ein, es ist
genug! Aber so sollte es stets sein, daß alle unsere Kassen
wohl versorgmwären, anstatt fast immer über Ebbe klagen
zu müssen.

Doch wir wollten ja von dem Scherflein der Witwe reden
und wir stehen immer noch bei den Reichen und ihren Gaben.
Aber das ist auch ganz natürlich, lieber Leser. Wir lesen von
vielen Reichen, aber nur von einer armen Witwe. Und
so steht das Verhältnis auch bei uns und wohl in noch er—
höhtem Maße. Bei uns gibt es auch viele Reiche und Wohl—
habende in diesem gesegneten Lande.

Doch nun zum Scherflein der Witwe: „Und es kam eine
arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; die machen einen
Heller.“ Also zwei Scherflein waren es, die sie einlegte. Das
war das kleinste Geldstück, das es gab, und die beiden zu—
sammen machen nicht einmal einen halben Cent nach unserm
Gelde. Das war also eine sehr geringe Gabe. Und doch,
was sagt der Heiland von derselben? „Und er rief seine Jün—
ger zu sich und sprach zu ihnen: ‚Wahrlich, ich sage euch, diese
arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt denn alle,
die eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem übrigen
eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut alles, was sie hatte,
ihre ganze Nahrung, eingelegt.““ Sieh, mein lieber Leser, so

English translation

Not yet translated.