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Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Oktober 1913, Seite 341

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—

nd ich sahe tinen Engel 1

Xhiegen mitten durch den

Oimmel, der hatte ein emig
Euangelium, zu verkündigen

denen, die auf Erden siden „

und wohnen, und allen Hei-
den, und Geschlechlern, und
Sprachen, und Välkern, und
sprach mil großer Siimme:
Kürchter Golt, und gebet
üimn die Chre; denn die Zeit
seines Gerichis i ommen,
und betelan den, der gemacht
H hat Himmel, und Erder und
AMeer, und die Wasser⸗

Zerausgegeben von der Deutschen Evangelisch⸗Lutherischen Synode von Missouri, Ohio u. a. Staaten.
ö Revigiert von dem Lehrerkollegium des theologischen Seminars in St. Louis.

69. Jahrgang.

Ht. Louis, Mo., den 28. Oltober 1913.

Nr. 22.

Die lutherische Reformation — eine Gottestat.

Da unser HErr und Meister IEsus Christus
spricht: „Tut Buße!“ will er, daß das
ganze Leben seiner Gläubigen auf Er⸗
den eine stete oder unaufhörliche Buße
soll sein.

(Die erste der 95 Thesen Luthers.)

„Disputation Doktor Martin Luthers, des Theologen, zur
Erklärung der Kraft der Ablässe.“ So stand in der Überschrift

der 95 kurzen Sätze zu lesen, welche der Augustinermönch

Luther um die Mittagsstunde des 31. Oktober 1517 an die
Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen hatte. Es war Kirch⸗
weihtag, zugleich Vorfeier des Tages Allerheiligen. Unter den
festlichen Scharen, die am Nachmittag zur Schloßkirche wallten,
kümmerten sich wohl wenige um die Handschrift an der Tür.
Etwas Seltenes war es ja nicht, einen Anschlagezettel an den
Kirchtüren zu sehen; zudem waren die Thesen lateinisch ge—
schrieben, also den meisten unverständlich. Aber auch die Ge—
lehrten, welche die Sätze zu lesen vermochten, konnten nicht
ahnen, daß in dem Anschlagen dieser Thesen Gott der HErr
selbst ein Werk auf Erden begonnen hatte, dessen man in der
Christenheit bis an das Ende der Welt mit Dank gegen Gott
gedenken würde.

Zwar freuten sich viele über den Mut des jungen Mönchs,
der es wagte, gegen den Ablaßhandel aufzutreten. Aber man
hegte wenig Hoffnung, daß er damit etwas ausrichten werde.
Der gelehrte, rechtschaffene Theolog Albert Krantz in Hamburg
las die Thesen kurz vor seinem Tode im Dezember desselben
Jahres. „Du sagst die Wahrheit, guter Bruder“, sprach er, als
er sie gelesen hatte, „aber du wirst nichts ausrichten; geh in
deine Zelle und sprich: „Gott, erbarme dich meiner!?“ So
mögen viele andere geurteilt haben.

Dem Papst blieb Luthers Angriff auf den Ablaßhandel
nicht unbekannt. Aber Leo X. war nicht gesonnen, sich durch
die Betrachtung solcher Sachen, wie sie Luther in seinen Thesen
hervorgeholt — Buße, Reue, Gnade, Sündenvergebung —,

—

in seinem Genußleben stören zu lassen. Die Thesen mochten
ihm wohl nicht gefallen; auf sein Geheiß waren ja Tetzel und
andere nach Deutschland gekommen, um das Volk durch ihre
Ablaßware um Geld und Seelenheil zu betrügen; aber was
hatte er von dem armen Augustinermönch in Wittenberg zu
fürchten? Vor einem halben Jahre noch war Leo von einer
Kirchenversammlung als „Fürst der ganzen Welt“, ja als der
„andere Gott auf Erden“ geehrt worden; so fühlte er sich in
stolzer Sicherheit als unangreifbarer Herrscher der Kirche. Von
den Thesen urteilte er sehr geringschätzig: ein „voller, trunkener
Deutscher“ habe sie geschrieben; wenn er wieder nüchtern werde,
werde er anders gesinnt sein. Die ganze Sache sei nur ein Ge⸗
zänk der Mönche. Die hatten sich schon jahrhundertelang her⸗
umgestritten; besonders die Aügustinermönche und die Domini⸗
kaner befehdeten einander fortwährend; was sollte sich der
Papst um solche Zänkereien kümmern? Leo KX. ahnte nicht,
daß durch diesen sächsischen Mönch ihm nicht nur der größte
Teil seiner irdischen Macht genommen, sondern vor allem auch
seine Tyrannei über Herz und Gewissen der Gläubigen ge⸗
brochen werden sollte.

Und doch war es so im göttlichen Ratschluß vorherbestimmt.
Jener Thesenanschlag bedeutete den Anfang einer neuen Zeit.
Luther selbst wußte nicht, kein Mensch konnte es wissen, daß
die Jahrhunderte der Finsternis jetzt zum Abschluß gekommen,
daß mit jedem Hammerschlag an die Schloßkirche ein Nagel in
den Sarg päpstlicher Macht getrieben worden war, daß die Be⸗
freiung der Kirche von den Banden des Aberglaubens, der
lügenhaften Tradition und der Priesterherrschaft nun ihren An⸗
fang genommen hatte, daß Gott der HErr selbst durch die Tat
jenes schwachen Mönchs auf den Plan getreten war, um der
Welt die freie Verkündigung des reinen Evangeliums von
Christo, das unter dem Wust so vieler Irrlehren so lange ver⸗
borgen gelegen war, wiederzuschenken.

Man möchte allerdings meinen, Leo X. hätte bei dem Lesen
der ersten These doch eine Vorahnung haben können von dem
Sturme, der im Anzug war, und der ihm in kurzer Zeit so

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