Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 22 › Seite 342

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Oktober 1913, Seite 342

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VutssraneE.

viele Königreiche und Fürstentümer entreißen sollte. Wie fer⸗
nes, drohendes Wetterleuchten durften ihm die Worte vorkom—
men, mit denen die erste These beginnt: „Unser HErr und
Meister IJEsus Christus spricht —“!

Lange genug hatte der Papst gesprochen. Er hatte sich
als Stellvertreter IEsu Christi auf Erden bezeichnet und von
aller Welt Gehorsam in irdischen sowohl als in geistlichen
Dingen gefordert, und inan hatte ihm Gehorsam geleistet. Er
hatte mit seinen Bannflüchen die belegt, die sich ihm widersetzten,
hatte Untertanen von dem Treueid gegen die Obrigkeit losge⸗
sagt und dadurch unsagbar viel Blutvergießen verschuldet; hatte
ganze Städte und Länder in den Bann getan, ganze Völker
mit der Schärfe des Schwertes verfolgen lassen, wenn sie sei⸗
nem Wort nicht gefügig waren; hatte sich in den Tempel Got⸗
tes gesetzt, wie in der Weissagung geschrieben steht, und seinen
Mund zu hohen Lästerreden aufgetan und göttliche Ehre von
den Menschen gefordert. Jetzt sollte es heißen: „Unser
HErr und Meister JEsus Christus spricht!“ Und
seit er im Werk der Reformation gesprochen hat, mag der Papst
toben und lästern und mit den stärksten Flüchen belegen, wen
er will: es sind jetzt ohnmächtige Worte, vor denen kein Kind
Gottes mehr zittern muß; denn der sie redet, ist gerichtet, und
seine Macht ist dahin.

Lange genug hatte menschliche Vernunft, Phi⸗
losophie und Überlieferung gesprochen. Wie zur
Zeit Christi im Volk der Juden, so hatten jetzt die Überlieferun⸗
gen der Kirche und die Aufsätze der Altesten die Offenbarung
Gottes im Wort der Schrift verdrängt, so daß jetzt Menschen⸗
wort, menschliche Vernunft, Menschensatzungen an Stelle des
Evangeliums getreten waren. Unter einem ungeheuren Wust
von Heiligengeschichten und Legenden, päpstlichen Gesetzen und
kirchlichen Zeremonien waren die Lehren der Schrift begraben.
Nicht aus Gnaden, durch den Glauben, der sich an Christi Ver⸗
dienst hält, sondern durch Bußübungen, Anrufen der Heiligen,
das Opfer der Messe und jetzt durch den Kauf eines Ablaß⸗
zettels solle man selig werden. JEsus nicht der Mittler, son⸗
dern der zürnende Richter, bei dem nur durch Fürbitte Marias
und der Heiligen Gnade zu hoffen sei. Es war zuletzt kaum
ein Glaubensartikel übrig, den die Kirche so gelehrt hätte, wie
es IEsus durch seine Apostel zu verkündigen befohlen hatte
Aber der neue Tag war angebrochen: „Unser HErr und
Meister IEsus Christus spricht!“ Und was er
spricht, das sind Worte des Lebens, das ist das Evangelium
von der Erlösung durch sein Blut, das Blut des einigen Mitt⸗
lers. Er spricht noch jetzt zu uns aus dem heiligen Bibelbuch,
durch Doktor Luther dem Christenvolk deutscher Zunge zurück⸗
gegeben und seitdem in Hunderten von Sprachen über die ganze
Welt verbreitet, so daß nun jedermann hören und lesen kann,
was der SErr durch seinen Geist zu den Menschenkindern redet.
Er spricht zu uns an Tausenden von Orten, da das Amt neu⸗
testamentlicher Predigt auf sein Geheiß ist aufgerichtet worden,
und gibt sich durch den Mund seiner Boten den fernsten Heiden⸗
ländern als Sohn Gottes und Sünderheiland zu erkennen.
über die da wohnen im finstern Lande, scheint es helle. Das ist
das Licht, welches, zwar nie ganz ausgelöscht, doch erst seit den
Tagen der Reformation wieder weit in alle Lande leuchtet.

Jährlich wird bei uns die Wiederkehr des 31. Oktober fest⸗
lich begangen. Das tun wir unbeirrt durch das Schmähen der
Papstkirche, die das Werk der Reformation den „großen Abfall“

nennt, die noch vor drei Jahren durch ihr Oberhaupt, Papst
Pius X., Luther und seine Mitarbeiter als „Feinde des Kreuzes
Christi“, „denen der Bauch ihr Gott war“, bezeichnete und alle
nichtkatholischen Christen, vor allem uns Lutheraner, als Ketzer
verflucht. Dadurch, daß wir den Gedenktag der Reformation
als ein hohes Fest der Kirche feiern, bezeugen wir, all solchem
Schelten zum Trotz, daß wir in dem Werk der lutherischen
Reformation eine große Gottestat, ja die größte seit dem ersten
Pfingstfest erkennen und das reiche Erbgut der Reformation,
das gerade unserer lutherischen Kirche durch Gottes Gnade be—
wahrt worden ist, zu schätzen wissen. Wo die Lehre JEsu und
seiner Apostel ohne Abzug und Verfälschung gepredigt wird,
wo Gottes Wort in Kirche, Schule und Christenhäusern regiert,
und mit geistlichen Waffen gekämpft wird gegen Satan, Welt
und das sündliche Fleisch, da wird auch alljährlich mit innigem
Dank gegen Gott des großen und seligen Werkes gedacht wer—
den, das der HErr und Erretter seiner Kirche einst durch sein
edles Rüstzeug Luther so glorreich hinausgeführt hat. 6.

Einweihung des neuen Lehrerseminars zu River Forest.

Von schönstem Herbstwetter begünstigt, fand am 12. Ot⸗
tober die Einweihung unsers Lehrerseminars zu River Forest,
bei Chicago, statt. Die Feier nahm um die Mittagsstunde
ihren Anfang. Ansprachen wurden gehalten in deutscher
Sprache von D. F. Pieper, Direktor M. Albrecht und Direktor
M. Lücke und in englischer Sprache von Prof. F. Bente, I. W.
Köpchen und Direktor G. Weller. In allen Reden wurde der
Segen einer christlichen Gemeindeschule hervorgehoben. Ein
Männerchor von 500 Stimmen und ein Kinderchor von 2000
Stimmen trugen Festgesänge vor. Vertreter der Anstalten in
Wauwatosa, Wis., und in New Ulm, Minn., überbrachten per—
sönlich ihre Glückwünsche; auch waren Gratulationen von an—
dern Schwesteranstalten sowie von Konferenzen und Privat—
personen eingelaufen. Die Zahl der Festgäste wird auf 45,000
veranschlagt, wohl die größte Anzahl von Lutheranern, die in
unserm Lande an einem Orte je versammelt gewesen ist.

Das neue Seminar besteht aus fünf Hauptgebäuden. Das
Mittelgebäude enthält die Lehrsäle, die Bibliothek und das
Anstaltsbureau. Die zwei Wohngebände enthalten Wohn⸗ und
Schlafzimmer für 204 Seminaristen. Im Wirtschaftsgebäude
ist der Eßsaal mit Küche, Speisekammern, Hospital und Wä⸗
scherei, und im Musikgebäude befindet sich ein großer Versamm—⸗
lungssaal und eine Anzahl Piano- und Orgelzimmer. Alle
diese Bauten sind im ersten und zweiten Stockwerk durch Korri—
dore miteinander verbunden. Die Länge sänitlicher Gebäude
beträgt 567 Fuß.

Alle, die den Bau in Augenschein genommen und auf
seinen Zweck hin angesehen haben, stimmen in dem Urteil über—
ein, daß dieses Seminar bei aller Einfachheit schön und seinem
Zweck durchaus entsprechend sei und in der Perlenschnur un⸗
serer Anstalten die schönste Perle bilde; jedem, der das luthe—
rische Zion liebe, müsse beim Anblick dieser Anstalt das Herz
lachen.

Und wer wollte sich nicht der Gnade Gottes freuen, durch
welche die Herzen unserer Christen willig geworden sind, an
diesem Bau mitzuhelfen? Die Gemeinden in Chicago und
Umgegend sind allen mit leuchtendem Beispiel vorangegangen.

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