Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 22 › Seite 346

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Oktober 1913, Seite 346

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er 2„Tutheranee

fang, der Ursprung, die Quelle alles Vorhandenen. Aus der
Materie ist die Welt zusammengesetzt, darin besteht sie eigent⸗
lich; die Materie ist ein und alles. Die Materie ist zwar zu⸗
nächst in sich selbst tot, aber gleichwohl wohnt ihr eine groß—
artige Kraft inne und hat ihr stets innegewohnt. Sie war
ursprünglich ungemein einfach; sie war eine Urzelle oder ein
Urschlamm, oder wie man sie sich vorstellen mag. So ganz
haarklein kann man das Urding nicht beschreiben, es hat's ja
keiner von uns gesehen, und eine getreue Photographie ist nicht
zu haben; aber die Wissenschaft dringt immer weiter zurück in
die Urzeiten — wer weiß welche Aufklärung sie noch bringen
mag! Also der Materie haftet Kraft an, große Kraft: darum
ist sie nicht untätig, sie wirkt und schafft allerlei aus sich selbst
heraus, sie entwickelt sich. Das nennt man Evolution. Mit
dieser Evolution, Entwicklung, geht es langsam, sehr langsam,
aber auch unaufhaltsam und ganz sicher voran; sie steht kein
Jahr, ja keinen Tag stille. Ungezählte Millionen von Jahren
ist die Welt alt, ja, sie muß immer dagewesen sein, aber nicht
in dem Zustande, wie wir sie jetzt kennen. Aus dem Urstoff
haben sich Gestalten und Formen und Wesen der mannigfachsten
Art gebildet; nach und nach — kein Mensch kann mit Sicherheit
berechnen, wie lange es gedauert hat — haben sich aus
dem Unorganischen organische Dinge entwickelt, künstlich und
fein, jedoch lange nicht in der Vollkommienheit, in welcher wir
sie jetzt finden. Erst war alles tot, aber siehe! endlich entstand
auch Leben, Tierwesen traten ins Dasein, pflanzten sich fort
und wurden von Jahrtausend zu Jahrtausend vollkommener.
Wie das Leben entstand, weiß man noch nicht so gar genau,
denn die beobachtende Wissenschaft war ja noch nicht da; jetzt
aber ist sie da, und wer weiß, wie bald sie den Ursprung des
Lebens entdeckt, ja auch selbst lebendige Dinge zusammensetzen,
schaffen kann! Groß ist die Wissenschaft!

Vermöge der Evolution ist selbstverständlich auch der
Mensch geworden; aus der Tierwelt hat er sich entpuppt. Das
ist natürlich auch nicht so über Nacht geschehen. Der Urmensch
war bei weitem nicht das, was wir jetzt sind. Wenn wir uns
Numsehen unter den Tieren, so muß uns bald eins auffallen,
mit welchem der Mensch immer noch eine große Ähnlichkeit
hat, nämlich der Affe; er muß unser Urahn sein. Wie fein,
wie großartig! Wir waren Affen und jetzt sind wir, dank der
allgewaltigen Evolution, Menschen!

Die Entstehung des Menschen ist also reines Naturwerk,
ist Werk der Materie, die sich evolviert ohne Unterlaß. So ist
also auch die ganze Geschichte des Menschen, die Geschichte des
Menschengeschlechts, die Geschichte jedes Volkes und Landes,
eine materialistische. Die Menschen sind überall die Frucht
ihrer Umgebung; die materiellen Umstände und Verhältnisse,
unter denen sie leben, haben den größten Einfluß auf sie, ganz
besonders die Art und Weise, wie sie ihre Nahrung erlangen.
Davon hängt ihre Entwicklung ab, ihre Sitten und Gebräuche,
ihre Ansichten über Recht und Unrecht, ihr ganzes Leben, ihr
Tun und Sein. Die gesellschaftliche Entwicklung der Menschen
wird determiniert (bestimnit, bedingt) durch die äußerlichen
Umstände, denen sie unterworfen sind. Es gibt also einen „öko—
nomischen Determinismus“. Die wirtschaftlichen Ereignisse und
Umwälzungen, die kommen, müssen kommen; keine menschliche
Macht kann sie auf die Länge aufhalten.

Das ist also der Materialismus oder die materialistische
Auffassung der Geschichte der Sozialisten; das ist die Evolntion

und der ökonomische Determinismus, wovon sie so viel Redens ö

Das ist die Wissenschaft, die sie allen Menschen mög⸗
Und diese Wissenschaft ist die

machen.
lichst schnell beibringen möchten.
Grundlage, worauf sie bauen. Aus dieser Wissenschaft folgern
sie alle ihre sozialistischen Lehren. Diesen Grund halten sie
für einen unerschütterlichen Felsen, der das mächtige Gebäude
der Neugestaltung der Welt, die sie planen, tragen soll.

Lieber christlicher Leser, möchtest auch du mit auf diesen
Grund bauen oder möchtest du gar selbst mit darauf erbaut wer—
den? Sicherlich nicht; du fürchtest, ja du weißt, es würde dir
gehen wie jenem Mann, von deni der SErr JEsus sagt in der
Bergpredigt, der sein Haus auf den Sand baute. Da nun ein
Platzregen fiel, und kam ein Gewässer, und wehten die Winde
und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall.

Doch, tun wir den Sozialisten kein Unrecht? Schieben wir
ihnen nicht fälschlich etwas unter? Nimmermehr! Nur Un⸗
verständige, die nicht wissen, was wirklich Sozialismus ist, kön⸗
nen und werden das behaupten. Wohl gibt es manche, die sich
des Sozialismus rühmen und dabei doch versichern, sie seien
keine Materialisten, aber solche sind eben noch keine wirklichen
Sozialisten, wenn sie gleich mit ihnen stimmen und arbeiten,
was ihnen natürlich von diesen gerne gestattet wird. Hören
wir etliche Zeugnisse von Vätern und Leitern des Sozialismus!

Der Erzvater Karl Marx pflegt die materialistische Ge—
schichtsauffassung nicht viel breitzutreten, aber sie liegt seinem
System zugrunde von Anfang bis Ende; er gilt als der eigent—
liche Entdecker dieser Weisheit. Er sagt mit Engels in dem
weltbekannten kommunistischen Manifest von 1848: „Erfordert
es denn tiefe Einsicht, zu erkennen, daß des Menschen Ideen,
Ansichten und Begriffe, mit einenn Worte, des Menschen Be—
wußtsein, sich ändert mit jeder Anderung der Verhältnisse sei⸗
ner materialistischen Existenz, in seinen sozialen Beziehungen
und in seinem sozialen Leben?“ (Zurückübersetzt aus der eng—
lischen Ausgabe des Manifestes von Kerr & Co., S. 39.)

A. Bebel schreibt in seinem Buche „Die Frau und der
Sozialismus“, das in eine ganze Reihe anderer Sprachen
übersetzt und ein ums andere Mal verlegt worden ist, also
sicher für echt sozialistisch gilt, auf Seite 10: „Es steht fest,
daß der Mensch nicht, wie vom ersten Elternpaar der Bibel
behauptet wird, als Kulturmensch auf die Erde kam, sondern
er hat in unendlich langen Zeiträumen, indem er sich allmählich
aus dem reinen Tierzustand befreite, Entwicklungsperioden
durchgemacht.“ Ferner Seite 11: „Nichts ist ewig, weder in
der Natur noch im Menschenleben; ewig ist nur der Wechsel,
die Veränderung. Soweit man in die Entwicklung der mensch—
lichen Gesellschaft zurückzublicken vermag, war die erste mensch⸗
liche Gemeinschaft die Horde. Erst die wachsende Zahl und
die Erschwerung der Gewinnung des Lebensunterhalts, der
anfangs in Wurzeln, Beeren, Obst bestand, hat zur Spaltung
oder Trennung der Horden und zur Aufsuchung neuer Wohn—
gegenden geführt.“ Ferner Seite 12: „Erst jetzt erhalten wir
einen Einblick in den Aufbau, den die menschliche Gesellschaft.
im Laufe der Zeiten genommen hat. Hiernach ergibt sich, daß
unsere bisherigen Auffassungen über Ehe, Familie und Staat
auf vollständig falschen Anschauungen beruhten, so daß diese
sich als ein Phantasiegemälde darstellen, dem jede Grundlage
für die Wirklichkeit fehlte.“

Karl Kautsky ist auch eine Größe unter den sozialistischen
Schriftstellern; in seinem Buche, das den Titel trägt: „Ethit

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