Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 11 › Seite 171

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 26. Mai 1914, Seite 171

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er utherane

171

haftig geworden wäre, wenn er diese unentbehrliche Gottesgabe
wieder aus seinem Herzen verloren und nicht von neuem ge⸗—
wonnen hätte?
Kennzeichen, daß dieser himmlische Gast noch immer, noch heute,
in unsern Herzen wohnt? St. Johannes sagt: „Daran er⸗
kennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns, daß er
uns von seinem Geist gegeben hat.“ St. Paulus schreibt an
die Korinther: „Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt,
sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns
von Gott gegeben ist“, und an Timotheus: „Gott hat uns
nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der
Liebe und der Zucht.“ Christus selbst nennt seinen Geist einen
Geist der Wahrheit; und schon im Alten Testament heißt der⸗
selbe ein Geist der Weisheit und Erkenntnis, ein Geist der
Gnade und des Gebets. Ach, wie schrecklich stünde es um uns,
wenn dieser Geist nicht in unsern Herzen wohnte! O wie selig
sind wir, wenn dieser Geist, den der Vater noch heute senden
will in IEsu Namen, unsere Herzen erfüllt und regiert!

O selig, wer in dieser Welt

Läßt diesem Gaste Haus und Zelt

In seiner Seel' aufschlagen!

Wer ihn aufnimmt in dieser Zeit,

Den wird er dort zur ew'gen Freud'

In Gottes Hütte tragen.

Von dem Segen, der von unsern Lehrerseminaren
auf Kirche und Staat ausgegangen ist.

(Rede, gehalten bei der Feier des fünfzigjährigen Bestehens unsers einst
in Addison, jetzt in River Forest, Ill., gelegenen Lehrerseminars
am 10. Mai 1914.)

Die heutige Feier ist schon längst geplant. Als die letzte
Delegatensynode die Verlegung dieser Anstalt von Addison nach
River Forest beschloß und zugleich Chicago als den nächsten Ver⸗
sammlungsort der Synode bestimmte, wurde auch alsbald der
Gedanke wachgerufen, während der Sitzungszeit der Synode das
fünfzigjährige Bestehen des hiesigen Lehrerseminars auf dem
Platz der neuerbauten Anstalt zu feiern. Da hat sich gewiß
mancher die Freude der lieben Synodalen vorgestellt, mit der
sie die neue Anstalt besichtigen und insonderheit das treffliche
Lehrgebäude mit seinen so überaus zweckentsprechenden Ein⸗
richtungen bewundern würden. Anstatt dessen ruhen unsere
Augen wehmutsvoll auf einem Trümmerhaufen. Was die Liebe
mit so vieler Sorge und Mühe errichtet hat, das ist in wenigen
Stunden ein Raub der Flammen geworden. Noch zittern unsere
Herzen bei dem Gedanken an den Schreck, der uns ergriff, als
die Kunde durch die Synode ging: „Unser neues Lehrgebäude
in River Forest ist ein Raub der Flammen geworden.“

Wie? sollte nun dies Unglück uns unsere heutige Feier ver⸗
derben? Ich antworte mit einem ganz entschiedenen Nein!
Nein; wir wollen trotzdem heute unsern Gott preisen und seinen
heiligen Namen erhöhen. Bedenken wir doch: Auch dies Un⸗
glück kommt vom SErrn. Gott als seinen HErrn anerkennen
heißt aber nicht nur, ihn in guten Tagen preisen — das ist,
menschlich geredet, leicht —, sondern ihm auch in der Trübsal
unentwegt anhangen. Wer noch das große „Dennoch“ Assaphs
nicht gelernt hat: „Dennoch bleibe ich stets an dir“, der hat auch
noch nicht Gott in Wahrheit als seinen HErrn angenommen.

Haben wir also wohl auch alle die sicheren

Bedenken wir ferner: Dies Unglück kommt von dem SErrn,
der uns in Christo ein versöhnter, lieber Vater ist. Er kann
es ja unmöglich böse mit uns meinen. Er kann uns nicht von
Herzen plagen und betrüben. Das Ziel aller seiner Werke ist
das Heil seiner Kinder. Und da gilt, und gilt uns heute:
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Und dann:
Nehmen wir die Wage Pauli zur Hand und legen in die eine
Schale alle Wohltaten, die der HErr uns und unsern Anstalten
erzeigt hat, und in die andere Schale das Unglück, das unsere
Anstalt betroffen hat, dann werden wir zu einem ähnlichen Re⸗
sultat kommen wie der heilige Apostel. Wir werden sagen
müssen: Wir halten dafür, daß dies Leid gar nicht nennenswert
ist im Vergleich zu all dem Guten, das uns der SErr erwiesen
hat. Mag daher unsere heutige Feier etwa weniger laut sein,
so sei sie desto inniger; bietet sich unsern Augen weniger von
dem dar, was Menschen erbaut haben, so seien sie desto auf⸗
merksamer auf das Tun der Hände Gottes gerichtet. Der Ge⸗
genstand aber, dem unser heutiges Singen und Loben gilt, ist
der Segen, der von dieser Anstalt aus der Kirche wie der Welt
überhaupt zugeflossen ist.
1.

Obenan steht der Segen, der von dieser Anstalt aus der
Kirche zugeflossen ist.

Wir leben hier in einem Freistaat. Staat und Kirche sind
laut der Konstitution unsers Landes scharf getrennt, und es gibt
keine Kirche in unserm Lande, welche die Bedeutung und Trag⸗
weite dieser Trennung so tief erkennt und für ihre unverletzte
Erhaltung mit solchem Ernst eintritt, wie die lutherische Kirche.
Während wir aber mit allem Ernst dafür eintreten, daß nicht
vermischt werde, was Gott getrennt hat, treten wir mit demselben
Ernst dafür ein, daß nicht geschieden werde, was Gott zusammen⸗
gefügt hat. Wie in dem Wort: „Gebet dem Kaiser, was des
Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ das Prinzip der Trennung
des Staates und der Kirche ausgesprochen ist, so ist in jenem
andern Wort: „Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang“
und: „Ziehet eure Kinder auf in der Zucht und Vermahnung
zu dem SErrn!“ das ebenso wichtige Prinzip ausgesprochen,
daß die Erziehung des Menschen, sein Forschen und Lernen auf
allen Gebieten menschlichen Wissens, nicht losgelöst werden soll
von der Furcht Gottes, von dem Forschen und Lernen in seinem
Wort. Mit der Ausbildung seines Geistes soll die Ausbildung
seines Herzens stets Hand in Hand gehen. Das Wissen und
Können des Menschen soll durchdrungen sein und getragen wer—
den von der Liebe Christi, und daher soll es auch auf dieser
Grundlage der Liebe Christi aufgebaut werden.

Diesen Grundsatz hat unsere Synode nicht nur von allem

Anfang an theoretisch festgestellt, wie dies auch von andern mit

vielen schönen Worten geschehen ist und noch geschieht, sondern
hat ihn auch sofort praktisch zur Ausführung gebracht, indem
sie mit großem Ernst auf die Errichtung von Gemeindeschulen
gedrungen hat. Um diesen Grundsatz handelt es sich bei uns
bei der Gründung und Erhaltung unserer Gemeindeschulen.
Wir haben unsere Gemeindeschulen weder um des Unterrichts
in weltlichen Kenntnissen noch auch, genau geredet, nur um des
Religionsunterrichts willen errichtet, sondern darauf kam es uns
an, daß beiderlei Unterricht wirklich beisammen sei, wirklich zu⸗
sammengefügt bleibe. Jede andere Einrichtung zur Er—
ziehung der Jugend (es sei denn, daß sich jemand einen christ⸗

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