Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 4 › Seite 62

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. Februar 1915, Seite 62

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SEN

beraned

Dazu kommt noch ein anderer Umstand. Die Gemeinde,
die groß und stark und reich geworden ist, wird auch von der
Welt bewundert. Sie wird sogar gelobt. Bei der Welt macht
ja nur das Eindruck, was in Dollars und Cents berechnet wer⸗
den kann; aber das macht Eindruck! — besonders wenn es
hoch in die Tausende geht. So gewinnen denn die Zeitungs⸗
schreiber plötzlich ein ganz neues Interesse, wenn eine christ—
liche Gemeinde ein schönes Gotteshaus errichtet. Für das
Evangelium, das da verkündigt wird, für die Liebe zum Hei—
land, die solch reiche Gaben bringt, hat die Welt ja kein Ver—
ständnis; aber eine, sagen wir, Fünfundzwanzigtausend⸗Dollar—
Kirche! eine Tausend⸗Dollar-Orgel! eichene Bänke! und nun
gar ein Heizungs- und Beleuchtungssystem nach allerneuestem
Muster! — das kann man verstehen, dafür hat auch das zei—
tungslesende Publikum Interesse. Und die Zeitungen bringen,
was das Publikum will. In Wort und Bild prangt die neue
lutherische Kirche jetzt in den Lokalblättern. Sollen wir das
etwa zu hindern suchen? Durchaus nicht. Wir sollen uns viel⸗
mehr darüber freuen, wenn die Welt auf diese Weise mit dem
Werk unserer Kirche bekannt wird; solche äußere Mittel ge—
braucht ja Gott, um Leute unter den Schall des Evangeliums
zu bringen. Aber nun geschieht etwas ganz Merkwürdiges.
Wunderbar — die Welt scheint ganz aus ihrer Rolle zu fallen:
mit dem Haß gegen das Christentum scheint es ganz aus zu
sein. Denn es folgen da Lobsprüche über Lobsprüche. Es
wird alles gelobt, vor allem der Pastor mit seinem „unermüd⸗
lichen Fleiß“, mit seinem „Geschick, mit den jungen Leuten um—
zugehen“, seiner „Rednergabe“. Es wird gelobt das Finanz⸗
komitee, das Baukomitee, der Vorstand; ihre Bildnisse prangen
in der Zeitung. Der Schullehrer, dessen man sonst niemals
gedachte, für dessen Werk man nur Verachtung hegte, kommt
nun mit seinem „wohleingeübten Kinderchor“, seinem „herr⸗—
lichen Gesangverein“ ans Licht der Offentlichkeit. Die ganze
Gemeinde wind dann noch einmal belobt und bekomplimentiert,
daß sie dem Städtchen zu einem solchen Prachtbau verholfen
habe; das müsse ganz gewiß neue settlers anziehen, sei ein
Zeugnis für die gesunde finanzielle Lage der Stadt — und was
der Lobsprüche mehr sind. Es geschehen noch ganz andere Wun⸗
der, nachdem das neue Gotteshaus fertig ist. Da erscheint eines
Tages kein Geringerer als der Präsident der Lokalbank im
Gottesdienst, und ihm folgt auf dem Fuße der Mayor der
Stadt! Seit die Gemeinde bestand, war das noch nicht vor—
gekommen. Was soll ein Christ dazu sagen? Ei, er soll sich
von ganzem Herzen darüber freuen! Denn trotz ihres Reich—
tums und hoher Stellung sind solche Besucher ja meistenteils
ganz unglückselige Menschen, die den Heiland ihrer Seelen noch
nicht gefunden haben. Wie herrlich, wenn nun unser schönes
Gotteshaus das Mittel sein könnte, solche Leute zum Anhören
einer lutherischen Predigt zu ziehen, daß sie bekehrt und selig
werden! Statt sich aber über solche Aussichten zu freuen, regen
sich auch bei guten Christen leicht ganz andere Gedanken. Man
fühlt sich höchst geehrt über diesen Besuch. Auch über das
Lob der Zeitungsschreiber empfindet man Wohlbehagen. Ja,
es ist kein Zweifel, sagt man sich schmunzelnd (oder denkt es
doch), wir sind jetzt eine prominente Gemeinde geworden,
wir haben's zu was gebracht!

Nur eins stört: „Ihr müsset gehasset werden von jeder—
mann um meines Namens willen.“ So spricht der Heiland,
der niemals lügt. Wie stimmt das? „Ich habe euch erwählet,

schlagen worden.

darum hasset euch die Welt.“ Und nun ist sie des Lobes voll —
wie kann das sein? Ist es möglich, daß die Kirche von der
Welt geehrt, wohl gar gelobt und von derselben Welt gehaßt
wird? Das kann nicht nur sein, sondern so ist es.

Die Kirche wird geehrt von der Welt um ihrer äußeren
Werke willen. Das war schon im Anfang so. Von der Ge⸗—
meinde in Jerusalem heißt es: „Sie hatten Gnade“, also
Wohlwollen, Gunst, „bei dem ganzen Volk.“ Näm⸗
lich um der Werke willen, die ebenda, im 2. Kapitel der Apostel⸗
geschichte, am Schluß, beschrieben werden. Aber durch dieses
Lob ließ sich jene erste christliche Gemeinde nicht betrügen.
Einige Kapitel später lesen wir von den Pastoren dieser Ge—
meinde, daß sie sich freuten, worüber? — über die Gunst,
die sie vor dem Volk gefunden hatten? — nein, sondern „daß
sie würdig gewesen waren, um seines Namens willen Schmach
zu leiden“! Sie waren um ihrer Lehre willen mit Ruten ge—
So war es in der ersten Christenheit. Be—
wundernd riefen die Heiden aus: „Seht, wie lieb sie (die
Christen] einander haben!“ Sie sahen, was die Welt noch
nie gesehen hatte: die unvergleichliche Herrlichkeit dienender
Liebe. Und doch verfolgten sie die Gläubigen dreihundert
Jahre lang mit Feuer und Schwert — der Lehre halber. Oder
ist das zu verwundern? Ist es nicht dem SErrn JEsu ebenso
gegangen? Um seiner Werke willen lobte man ihn; wenn er
die Kranken heilte, die Toten erweckte, aus einem Korbvoll
Speise Tausende sättigte, dann erscholl die Kunde davon durch
das ganze Land; aber um seiner Lehre willen, weil er sagte,
er sei der Christ Gottes, hat man ihn ans Kreuz geschlagen.

Von dem rechten Bekenner gilt nun, daß er mit Christo
gekreuzigt wird. Die Gemeinde der Gläubigen muß um des
Namens JéEsu willen Schmach leiden. Sie braucht bloß die
Lehre Christi zu bekennen, so erfährt sie, daß nur ihr äußer—
liches Werk zeitweilig ihr das Lob der Welt eingebracht hat.
Wie oft hat sich nicht dieses in unserer Synode wiederholt: man
las viel über die Gemeinde in der Zeitung; aber der Prediger
strafte nach wie vor die Sünde nach dem Gesetz Gottes, und
bald hörten die Lobsprüche der Welt auf, auch die vornehmen
und reichen Besucher stellten sich nicht mehr ein. Sie hatten
einen Stachel im Gewissen davongetragen und hatten nicht Lust,
mehr zu hören. Sie blieben fort. Statt des Lobes hört die
Geneeinde jetzt wieder Tadel, ja sie wird sogar geschmäht. Das
sei ein engherziges Volk, das eine Regel, keine Logenglieder
anzunehmen, beibehält. Der Pastor sei ein hochmütiger Mensch;
wenn er eingeladen wird, einen gemeinschaftlichen Gottesdienst
mit Andersgläubigen abzuhalten, lehnt er es ab, sagt, es sei
gegen sein Gewissen und gegen Gottes Wort. Auch an allerlei
Reformbewegungen will er sich nicht beteiligen. Die Glieder
halten fest an ihrer Gemeindeschule. „Ist ihnen die publie
school nicht gut genug?“ Man kann da erklären, soviel man
will, die Feindschaft gegen uns wird dadurch nicht überwun—
den, sondern, wie das unserm Heiland auch passierte, nur um
so größer. Wir sind trotz schöner, großer Kirche, trotz prächtiger
Schule, trotz gedeihlichen Wachstums der Gemeinde ein Volk,
das Schmach tragen muß um JEsu willen, das verachtet wird
um seiner Lehre willen, das „überall auf Widerspruch stößt und
die Welt gleichsam zum Kampf herausfordert“.

Es findet sich also die Kirche in ihrer rechten Gestalt, in
der Kreuzesgestalt, wo immer sie am Bekenntnis zur Wahr⸗
heit der Schrift und an rechter Praxis festhält. Allerdings,

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