Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 4 › Seite 65
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. Februar 1915, Seite 65
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„ 6⁵
Nachrichten aus unsern Missionen.
Indien. Missionar G. Küchle berichtet aus Ambur 1:
„In starkem Gegensatz zu den äußeren Unruhen in der Welt
waren die letzten Monate eine Zeit stillen Wachstums für die
Arbeit des Reiches Gottes in Ambur und Umgegend. Am
23. Juli war Konfirmation von zwei Kostschülern mit nach—
folgender Abendmahlsfeier. Im Monat August tat der HErr
wieder drei Erwachsene durch die Taufe hinzu. Die beiden
Tauffeiern fanden nicht in der Kapelle in Ambur, sondern auf
besonderen Wunsch der Taufkandidaten in ihren Heimatsdörfern
statt. Es ist ein sehr erfreuliches Zeichen, daß so eine Tauf⸗
handlung ohne äußeren Widerspruch im Beisein vieler heid—
nischen Dorfbewohner in heidnischen Dörfern in guter Ordnung
vor sich gehen kann. Ja, es waren erhebende Feiern, wenn
auch äußerlich recht einfach. Ich will sie etwas beschreiben.
„Am 23. August fand ich mich in Yerigutti, einem Vorort
Pernambuts, ein, um die Frau des zu Weihnachten getauften
Devapriam zu examinieren und zu taufen. In Yerigutti
arbeiten wir jetzt drei Jahre. Ein einfaches Lehmgebäude mit
Palliidach dient als Schule und als Gottesdienstlokal. Tags
zuvor war auf dem freien Platz vor der Schule ein Pandel
(Schutzdach) errichtet worden. Die meisten unserer Lehrer und
einige Kostschüler waren erschienen, um beim Singen zu helfen.
Es war eine große Versammlung, in der besonders viele Frauen
anwesend waren. Hinter dem Pandel, etwas abseits von den
kastenlosen Parias, saß eine ganze Bankvoll Sudras aus dem
Sudradorfe Yerigutti. Die Parias bearbeiten meist die Felder
der Sudras, daher sehen die Sudras es gewöhnlich nicht gerne,
wenn die Parias Christen werden. Hier aber kamen sie selbst,
um einer Tauffeier beizuwohnen. Auch der headmaster unserer
Kaftenschule in Pernambut, ein angesehener junger Mann aus
hoher Sudrakaste, war da; ja sogar der erste Assistent, ein
Brahmine, auch in dem Sudradorfe wohnhaft, war erschienen.
Allerdings saß der Brahmine draußen auf dem an unser Grund⸗—
stück angrenzenden Felde; er sagte mir, er selbst habe zwar
keine Bedenken, mit den Parias zusammenzusitzen, aber die
„andern“ würden Anstoß nehmen. So fürchtet sich in Indien
einer vor dem andern, wenn es gilt, die Vorurteile der Kaste
abzulegen.
„Nach Gesang und Liturgie wurde die Frau zusammen
mit ihrem Manne examiniert; denn in Indien sind die Frauen
sehr schüchtern. Sie hatte gut gelernt, denn sie wußte zum
Beispiel Luthers Auslegung der Gebote, des zweiten Artikels
und eine ganze Anzahl Kernsprüche. Aus ihren Antworten
konnte man auch sehen, daß es bei ihr nicht bloßes Kopfwissen,
sondern Herzenserfahrung war, daß der Heilige Geist das Wort
in ihr lebendig gemacht hatte. Bei der Taufe erhielt sie einen
neuen Namen. Vorher hieß sie Munniamal — ein sehr häufiger
Name, der eine scheußliche Teuflin bezeichnet. Als Taufnamen
wählte sie sich „Samathanam“, das heißt, „Friedel. Ja, möge
sie Frieden haben als ein gerechtfertigtes Gotteskind durch un—
sern HErrn IEsum Christum!
„Der Taufrede legte ich Gal. 3, 26. 27 zugrunde. In der
Rede wandte ich mich sonderlich an die anwesenden Heiden und
legte ihnen die Herrlichkeit der Taufe dar und zeigte ihnen, wie
sie uns erlöst von Sünde, Tod, Teufel und allem Fluch. . . .
Darauf folgte die übliche Bekränzung und Dankesbezeigung.
Eine Woche später bekam ich einen prachtvollen Hahn, der be—
sonders für diesen Zweck gezogen worden war. Das war meine
erste Akzidenz in Indien!
„Am nächsten Sonntag war Tauffeier in Valthanakup⸗
pam, halbwegs zwischen Ambur und Yerigutti, das auch aus
einem Sudra⸗- und einem Pariadorfe besteht. Hier arbeiten
wir etwa vier Jahre. Die Sudras sind unserer Arbeit hier
nicht günstig. Sie haben ziemlich gemurrt, aber ohne es mir
gegenüber zu zeigen. . . . Wir haben jetzt vier Christen in dem
Dorfe, und zwar sind das mit Ausnahme eines Patriarchen
junge verheiratete Leute aus den besten Familien. Raji, den
ich am 30. August mit seiner Frau taufte, ist der Sohn des
„zweitgrößten Mannes im Dorf. Sein Vater war nämlich einer
der Haupterbauer des Dorftempels und nahm sich bisher der
Erhaltung desselben sonderlich an, zündete jeden Abend die
Lichter im Tempel an usw. Raji ist ein Jahr lang bei uns
Lehrer gewesen und hat mich oft gebeten, ihn zu taufen. So
wurde denn nun sein Wunsch erfüllt. Die Feier fand statt
im Hinterhofe seines Vaterhauses unter hübschem Fahnen⸗
schmuck. Auch bei dieser Feier war außer den Christen eine
ganze Anzahl heidnischer Dorfbewohner, ja sogar einige Mo—
hammedaner anwesend. Auch diese Feier verlief ohne Störung.
Als Text für diese Taufrede hatte ich Joh. 3, 5 gewählt. Der
Grundgedanke der Rede war: Nur durch die Taufe im Namen
IEsu können wir vom Sündenschmutz gereinigt werden und
zu Gott komnien. Der Mann erhielt den Namen Njanapi⸗
rachasam“‘, das heißt, „Geistlicher Strahl', die Frau „Njana⸗
paranam“, das heißt, „Geistlicher Schmuck'. — Das waren zwei
gesegnete Feiern, die ihre Wirkung auf die Dorfbevölkerung
nicht verfehlt haben.“
Missionar A. Hübener, der erst als Kriegsgefangener in
Fort St. George, Madras, interniert wurde, ist jetzt von dort
nach Ahmednagar, nördlich von Bombay, ins Lager der Kriegs⸗
gefangenen transportiert worden. Es sollen dort über 2000
Deutsche interniert sein. Bisher ist der Grund seiner Ver⸗
haftung nicht bekanntgegeben worden. Am 2. Dezember vorigen
Jahres waren unsere drei andern deutschen Missionare noch auf
ihren Stationen.
Mitte November durfte Missionar Freche in Vaniyambadi
wieder drei Erwachsene taufen, nämlich eine Frau aus Vella⸗
hampattu und zwei prächtige Jünglinge aus Gowindapuram.
Dürfte ich unsere lieben Missionsfreunde wohl nochmals
an unser neues Missionsbüchlein „Luthergiri“ erinnern? Es
ist interessante Lektüre für die langen Winterabende. Es eignet
sich auch gut zum Vorlesen in Frauenvereinen usw.
Jul. A. Friedrich.
Zur kirchlichen Chronik.
Der jährliche Bericht unsers Synodalkassierers ist an ande⸗
rer Stelle dieser Nummer des „Lutheraner“ abgedruckt. Daß
durch Aufnahme dieses Berichtes der Lesestoff in dieser Nummer
etwas beschränkt worden ist, sollte den Leser nicht verdrießen;
denn erstens kommt in der Veröffentlichung dieses Berichtes unser
Kassierer einem Beschluß unserer Synode nach, und zweitens ist
dieser Bericht sehr interessante Lektüre, wenn man ihn sich genauer
anschaut. Es bietet dieser Jahresbericht ja in gedrängtem Rah⸗
men eine übersicht über das Werk unserer Synode auf den ver⸗
schiedenen Missionsgebieten und in seinem Anstaltswesen, soweit
sich diese Tätigkeit durch eine Zusammenstellung der eingelaufenen
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