Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 4 › Seite 67
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. Februar 1915, Seite 67
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S Der TutheranedS
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folgt, obwohl die „Kirchen⸗ und' Missionszeitung“ nur spärliche
Nachrichten über den Krieg gebracht und auch in diesen sich völlig
neutral gehalten hatte. Ob auch das Kirchenblatt unserer austra⸗
lischen Schwestersynode, der „Lutherische Kirchenbote“, sein Er⸗
scheinen einstellen muß, vermögen wir noch nicht zu sagen. Mög⸗
licherweise ist das schon geschehen; denn es sind jetzt vier Wochen
verflossen, seit die letzte Nummer des „Kirchenboten“ hier ange⸗
langt ist. G.
—9———
Dem Tode entronnen.
Ich hatte einen Schuß in den Oberschenkel erhalten. Eine
Schrapnellkugel war mir schräg von oben durch die Fleischteile
gedrungen und mußte Sehnen und Bänder zerrissen haben, denn
ich war unfähig, das verletzte Glied auch nur im mindesten zu
rühren. Gott sei Dank, traf mich das Geschoß gerade in dem
Augenblick, als ich zu einem Busche hingekrochen war, um hinter
dieser Deckung hervor auf den sich zurückziehenden Feind zu
feuern. Daher lag ich jetzt so ziemlich geschützt, während sich der
Kampf immer weiter nach vorne von mir entfernte. Soldaten von
der Lazarettabteilung schienen noch keine in der Nähe zu sein,
wenigstens hatte ich bislang niemand zu Gesicht bekommen, sonst
hätte ich sie angerufen. Doch nur Geduld, sie mußten ja bald
kommen. Der Kampf entfernte sich inzwischen immer mehr von
der Stelle, auf der ich lag, und damit verringerte sich die Gefahr,
von einem feindlichen Geschoß getroffen zu werden. Wohl platzten
noch hier und da in meiner unmittelbaren Nachbarschaft die Gra⸗
naten, und barsten krachend die Schrapnells, ihren verderblichen
Inhalt rasselnd zur Erde niedersendend, aber ich blieb unversehrt.
Unser HErrgott wollte mich wohl noch erhalten, damit ich auch
fernerhin meinem teuren Vaterland dienen und meine schwache
Kraft ihm weihen durfte. Vielleicht tat er es auch um mei⸗
ner lieben Mutter willen, die zu Hause wohl schon so man⸗
ches inbrünstige Gebet zum Vater im Himmel für mich empor⸗
gesandt hatte.
Nach bangen Viertelstunden wurde endlich das Feuer des
Feindes immer schwächer. Nur noch selten verirrte sich ein
Artilleriegeschoß zu mir herüber, oder es flog pfeifend eine Ge⸗
wehrkugel heran, um sich mit mattem Aufschlag mühsam in den
Boden einzugraben. Eine davon streifte sogar meinen Arm, doch
war sie ohne Zweifel aus solch großer Entfernung abgefeuert
worden, daß sie selbst den Stoff des Waffenrockes nicht mehr zu
durchschlagen vermochte. Und dann — ein Freudenschauer rann
durch meine Glieder trotz der furchtbaren Schmerzen, die ich er⸗
duldete; denn das arme Bein war wie zermalmt, durch den
ganzen Leib raste zuckendes Weh. Aber nur die Zähne zusammen⸗
gebissen und tapfer ausgehalten, denn da drüben, da kamen die
Kameraden mit ihren weißen Binden mit dem herrlichen roten
Kreuze am Arm, mit Tragbahren, Sanitätshunden und Ärzten.
Nun nahte die Rettung aus Todesnot. Ein Dankgebet stieg aus
vollem Herzen zu dem empor, der die Geschicke der Menschen
lenkt wie Wasserbäche.
Doch plötzlich wurde meine frohe Zuversicht in Grausen
und Entsetzen umgewandelt. Ich behielt die Sanitäter natür⸗
lich stets im Auge, obgleich sie noch sehr weit von mir entfernt
ihres aufopfernden Amtes walteten. Aber ich konnte alle ihre
Bewegungen ganz genau verfolgen, weil das Gelände eben wie
ein Tisch war. Nur ab und an störten kleinere Büsche diese
Eintönigkeit.
Da vernahnr ich plötzlich von den westlichen, seitlich von
uns gelegenen Höhen die dumpfen Schläge von Geschützen. Dann
blitzte es über den Köpfen unserer Sanitäter in der Luft blutig⸗
rot auf, und das Krachen der berstenden Schrapnells und Gra⸗
naten traf mein Ohr. Ich sah einen Kameraden mit dem roten
Kreuz auf dem Arm fallen. Er wurde sogleich auf eine Trag⸗
bahre gelegt und fortgeschafft. Die andern Tapferen aber hielten
wacker aus. So kamen sie näher und näher. Wieder donnerten
die feindlichen Geschütze. Das Pferd eines jungen Arztes brach
unter ihm zusammen, der vortreffliche Reiter aber hatte schon die
Füße aus den Bügeln und sprang ab, ehe der schwere Leib des
erschossenen Tieres ihn unter sich begraben konnte. Das war ein
Anblick, den ich nie — nie vergessen werde.
Aber trotzdem kamen die Wackeren näher und näher und
waren bald bei mir angelangt. Sanft bettete man mich auf die
weiche Bahre, und dann bewegten sich zwei der Träger mit mir
rückwärts, um mich in das in einem eroberten Dorfe errichtete
Feldlazarett zu bringen. Es war mir fast unheimlich, so still und
ruhig dahingetragen zu werden, als ob an eine Gefahr gar nicht
zu denken wäre. Und doch war unsere Lage sehr kritisch. Machte
sich der Feind kein Gewissen daraus, mit schwerer Artillerie unsere
Sanitäter zu beschießen, nachdem die regulären Truppen auf der
Verfolgung des Feindes sich entfernt hatten, so konnten sie auch
direkte Infanterieangriffe auf Sanitätspatrouillen ausführen.
Das war ihnen wohl zuzutrauen. Und dann die Franktireurs!
Ich schauderte. Meine ganze Zuversicht setzte ich auf unsern
HErrgott, den Lenker der Schlachten, den Beschützer der Kranken
und Schwachen, den starken Helfer der Mühseligen und Beladenen.
Ein tiefer Atemzug hob meine Brust, als das Dörfchen in
Sicht kam. Der spitze Kirchturm mit dem Kreuze darauf ragte
so friedlich in das matte Blau des abendlichen Himmels empor,
als gäbe es nirgends in der Runde blutgierige Feinde.
Und nun schritten meine Träger bereits in der schmalen
Straße durch die Reihen der arg zerschossenen Häuser hindurch.
Da wurde es plötzlich bei einer solchen Brandruine lebendig. Mit
ohrenbetäubendem Geschrei brach hinter dem rauchenden Schutt⸗
haufen eine Anzahl recht verwildert aussehender französischer
Soldaten hervor und stürmte mit gefälltem Bajonett auf uns ein.
Rettung schien unmöglich, trotzdem meine Träger mit Windeseile
die Gasse hinunterrannten. Wir mußten alle drei in der Feinde
Hände fallen.
„Kameraden“, sagte ich daher mit matter Stimme, „stellt
mich hier nieder und bringt euch in Sicherheit. Euch zweien kann
es wohl gelingen. Ich aber bin doch verloren, so oder so, mit
euch, wenn ihr bleibt, was gar keinen Sinn hat, und ohne euch
auch. Also flieht, Kameraden, flieht!“ Davon wollten die Braven
jedoch zuerst nichts wissen. Sie rannten vielmehr aus Leibes⸗
kräften weiter, um, wo möglich, in den Feuerbereich unserer das
Lazarett deckenden Infanterie zu gelangen, ehe der Feind uns
erreicht hatte. Dann sahen sie aber doch die Unmöglichkeit dieses
Beginnens ein. Schweren Herzens stellten sie meine Bahre rasch
nieder, als einer durch eine Kugel am Arme verwundet wurde.
Dann eilten beide hurtig die Straße hinab. Die schreienden
Franzmänner aber stürmten wie wütende Stiere an mir vorüber,
da sie wohl dachten, ich wäre ihnen doch sicher, und verfolgten noch
eine Zeitlang die beiden Sanitäter. Zu schießen wagten sie jetzt
nicht mehr, um dadurch nicht die deutsche Besatzung des Lazarettes
zu alarmieren.
Unterdessen aber war mir ein rettender Gedanke gekommen,
und ich hoffte, mit Gottes Hilfe doch noch dem sicheren und wohl
qualvollen Tode zu entgehen. Wenn ich nur dafür sorgte, daß die
zurückkehrenden und vor unserer Infanterie flüchtenden Feinde
mich nicht gleich erblickten. Meine Bahre befand sich gerade vor
der Kirche, deren Tür weit offen stand. Daher wälzte ich mich
unter furchtbaren Schmerzen mit der größten Mühe von der Trage
auf den Boden nieder und kroch auf beiden Händen und dem einen
gesunden Beine langsam in das Gotteshaus hinein, wo ich voll⸗
ständig ermattet in einem Kirchenstuhl zusammenbrach. Zu
gleicher Zeit vernahm ich heftiges Schießen. Dann nahten flüch⸗
tige Schritte. Vor der Kirche hielten diese einen Augenblick an.
Die Feinde waren zurückgekehrt und konnten sich wohl nicht er⸗
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