Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 21, Nummer 1 › Seite 2
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. September 1864, Seite 2
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recht erkannt haben“ (so heiß es nämlich in der
Apologie der Augsburgischen Confession); kurz,
nachdem wir unumwunden den Glauben ausge⸗
sprochen haben, daß die Kirche, von welcher der
dritte Artikel unseres heiligen christlichen Glau⸗
bens redet, keine sichtbare, sondern die unsicht⸗
bare Kirche aller wahrhaft au Cbristum
Gläubigen sei, die es überall gibt, wo Gottes
Wort noch wesenilich bleibt — nun schweigt jene
Anklage, daß wir alles verdammten, mehr und
mehr. Nur hie und da wird uns das noch von
solchen Leuten vorgeworfen, die urs entweder
nur von Hörensagen kennen, oder boshafter
Weise wider ihr eigenes Gewissen uns dadurch
nur in übeln Ruf zu bringen und zu schaden su ⸗
chen. Aber auch vor jenen, die uns der Ver.
dammungssucht nun nicht mehr zu beschuldigen
wagen, haben wir darum doch noch keine Ruhe
bekommen. Diese sprechen nehmlich nun sehr
häufig also: „Wohl mag es wahr sein, daß thr
nicht, wie wir meinten, alles verdammt, was
nicht zu euch gehört; aber so viel ist gewiß:
ihr wollt allein recht haben!“ —
Was sollen wir nun hierzu sagen? — Es sei
uns erlaubt, in diesem Vorwort einmal auch
auf diese Anklage zu antworten. Unsere Ant-
wort auf dieselbe wird aber nothwendiger Weise
eine zweifache sein mussen.
lich schuldig oder nicht schuldig geben, das wird
sich nach dem richten, was unsere Gegner mit
jener Anklage meinen.
Die einen, die uns den Vorwurf machen, wir
wollten allein recht haben, wollen damit offenbar
dieses sagen: wir glaubten, wir wären
die Einzigen in der Welt oder doch
die Einzigen in America, welche die
Wahrheit hätten. — Diesen unter unsern
Ankiägern antworten wir einfach: Es ist das
nicht wahr! Wir glauben vielmehr, ja,
Gottlob! wir wissen es, daß auch außerhalb un-
serer Synode sowohl jenseit als diesseit des Mee-
res noch Tausende ebensowohl wie wir in der
Wahrheit stehen, die daher, weil sie dasselbe
glauben, was wir glauben, naturlich auch
ebenso recht haben,“ wie wir, und mit de⸗
nen wir uns darum innig bruderlich verbunden
erkennen. Und zwar sind wir dies nicht nur
von einzelnen Christenmenschen, sondern auch
von ganzen zahlreichen kirchlichen Körperschaften
überzeugt. Noch vor Kurzem hatten wir z B.
Gelegenheit, den Synodalverhandlungen der
„norwegischevangelisch-lutherischen Kirche in
America“ beizuwohnen und uns mit innigem
Dank gegen Gott davon persönlich zu uüberzeugen,
daß diese Kirche das Kleinod der Wahrheit eben⸗
sowohl habe, wie wir dasselbe durch Gottes Gnade
besitzen. Weit entfernt daher, daß wir eine
Neigung hätten, zu glauben, daß wir in jenem
Sinne „allein recht haben,“ so verwerfen wir
vielmehr solche Gedanken allen Ernstes als einen
hochmüthigen donatistischen Irrthum, wie jenen,
daß die sichtbare lutherische Kirche die Eine hei⸗
lige christliche Kirche sei. Hat doch schon Luther
seine Lutheraner davor ernstlich gewarnt. Lu-
ther schreibt nehmlich uͤber den Spruch Ps.
19, 5.: „Ihre Schnur“ (das ist, die Predigt des
reinen Evangeliums) „gehet aus in alle
Ob wir uns nehm
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Lan de, und ihre Rede an der Welt Ende,“
Folgendes: „Augustinus richtet diesen Ort wi—
der die Donatisten, welche die Kirche in
den Winkel von Africa einschlossen. Aber viel⸗
mehr muß er gerichtet werden wider unsere
neuen Donatisten, welche da leugnen, daß
es in Indien, Persien und Asien Gläubige gebe.
Denn wo der Schall und die Worte des Geistes
Christi sind, da ist auch ohne Zweifel die wahre
Kirche Christi; denn der Geist Christi redet nir—
gends, als in seiner Kirche. Derowegen, da hier
der Text offenbar ist, daß der Schall der Apostel
in alle Lande ausgegangen sei, und an kei⸗
nem Orte gelesen wird, daß er widerrufen wor.
den, so haben wir uns zu besorgen, daß wir uns
nicht etwa mit den gottlosen Donatisten, es sei
mit diesen oder jenen, mit den alten oder neuen,
allesin fur SGläubige rühmen.“
(Walch's Ausgabe der Werke Luthers, Tomus
IV, S. 1487.)
Doch es gibt andere, welche damit etwas ganz
anderes meinen, wenn sie uns zurufen: „Ihr
wollt allein recht haben!“ Viele wol⸗
len nehmlich damit nur dieses sagen, wir behaup⸗
teten: nur wer wie wir glaube, habe
recht.
Was nun die se Anklage betrifft, so beken⸗
neu wir sogleich rund und unumwunden: Es
ist allerdings so; in diesem Sinne wol⸗
len wir wirklich allein recht haben. Und das ist
fein Hochmuth, daß wir so denken. Ja, dächten
wir nicht so, so könnten wir gar keine rechtschaf⸗
fnen, wahrhaft demüthigen Christen sein.
Es liegt das nehmlich erstlich
schon in der Natur deschristlichen
Glaubens. Gettes Wort sagt: „Der
Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das
man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das
man nicht siehet.“ Ebr. 11, 1. Daher denn
Luther auf Grund dieser Stelle in seiner herr⸗
lichen Vorrede zu dem Briefe St. Pauli an die
Römer ganz richtig sagt: „Glaube ist eine leben
dige, erwogene Zuversicht auf Gottes Gnade, so
gewiß, daß er tausendmal darüber
sturble. Und solche Zuversicht und Erkenntniß
goͤrtlicher Gnade machet fröhlich, trotzig und
lustig gegen Gott und alle Creaturen, welches der
heilige Geist thut im Glauben.“ Wie köunten
wir nun aber im Glauben stehen und durch den⸗
selben der Vergebung unserer Sunden, der Guade
Gottes und unserer Seligkeit gewiß versichert
sein und dem Tode getrost entgegengehen, wenn
wir unserer Lebre nicht gewiß wären, worauf un⸗
ser Glaude sich doch allein gründet? wenn wir
dächten, daß diejenigen, welche anders, ja das
Gegentheil von dem lehren, was wir lehren,
haben lassen, scheint eine löbliche Bescheidenheit
scheidet sich ja eben der Glaube der Christen von
ebenso recht hätten? Dadurch unter⸗
jedem anderen Glauben, daß er seiner Sache un.
widersprechlich, ja, göttlich gewiß ist! —Es gibt
zwar freilich jetzt viele, die dies und jenes auch
zu glauben vorgeben, und die dennoch die entge⸗
gengesetzte Lehre Anderer nicht entschieden ver⸗
werfen, sondern sagen, diese könnten auch recht
haben. Das gefällt auch an ihnen gar sehr.
Sie werden deswegen fur liebe, bescheidene, de⸗
müthige, frie dliebende Leute augesehen und uns
zu einem beschämenden Muster vorgestellt. Aber
wer da sagt, daß er etwas glaube, und dech
zugibt, daß die jenigen, welche davon das Gegen-
theil glauben, auch recht haben können, der
galaubtenicht wirklich! Was er seinen
Glauben nennt, ist dann nur seine Meinung,
seine Ansicht.
Wir wissen wohl, wir könnten immerhin sagen,
daß wir alles glauben, was in den symbolischen
Buchern unserer lutherischen Kirche enthalten ist,
des we gen wuͤrde uns niemand angreifen und
schelten, wenn wir nur dabei diejenigen, welche
anders glauben, auch recht haben ließen und ihre
Lehre nicht verwurfen und nicht dagegen kämpf⸗
ten. So gibt es z. B. in der hiesigen General⸗
synode und in der ganzen unirten Kirche gar
manche, welche sagen, daß sie unter anderem auch
an die Lutherische Lehre vom heiligen Abendmahle
und von der heiligen Taufe glaubten, weil sie
aber die Gegenlehre nicht verwerfen und die An⸗
deren, die das nicht glauben und lehren, auch fur
rechtgläubig anerkennen, so ficht sie auch nie⸗
mand um dieses ihres Glaubens willen an.
Ein solcher Glaube aber, der sich mit des Andern
Unglauben bruderlich verträgt, ist nichts, als
ein Scheinglaube, ein gemalter Glaube, den
nicht Gottes Geist in dem Herzen solcher Men-
schen gewirkt hat, sondern den sie sich selbst ge⸗
macht haben. Von solchem Glauben sagt Lu⸗
ther in der bereits angefuͤhrten Vorrede: „Wenn
sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und
machen ihnen aus eigenen Kräften einen Gedan⸗
ken im Herzen, der spricht: Ich glänbe; das
halten sie deun für einen rechten Glauben. Aber
wie es ein menschlich Gedicht und Gedanken ist,
den des Herzens Grund nimmer erfähret, also
thut er auch nichts.“
So laß dich's denn, lieber lutherischer Christ,
nicht irren, daß man uns jetzt den Vorwurf
macht, wir wollten allein recht haben. Es ist
das fur uns so wenig eine Schande, daß es uns
vielmehr eine Schande wäre, wenn man uns dies
nicht vorwerfen könnte. Denn wer daran
zweifelt, daß sein Glaube der allein rechte ist,
der hat gar keinen vom heiligen Geiste gewirkten
Glauben, sondern nichts als eine selbstgemachte,
menschliche Meinung, auf die er freilich nicht
leben und sterben kann und bei der er immer
denken muß, er könne sich jedoch hierin auch ir⸗
ren und der andere recht haben.
Doch Christen müssen auch darum bekennen,
daß nur der recht habe, welcher glaube, wie sie,
weil dies ferner die Ehre des Wor⸗
tes Gottes fordert. Allein recht haben
wollen, sieht freilich wie arger Hochmuth aus;
hingegen andere, die anders glauben, auch recht
und Demuth zu sein. Aber beides scheint nur
so. In irdischen, welilichen, politischen Dingen,
die nicht in Gottes Wort entschieden sind, soll
man freilich Meinungsverschiedenheit gelten las⸗
sen. Wer in diesen Dingen allein recht haben
will und jeden, der anders, als er, denkt, des⸗
wegen verdammt, der beweist damit allerdings,
daß er ein hochmüthiger, rechthaberischer Mensch
ist. Diese Dinge sind der Vernunft unt erwor⸗
fen, daher ein jeder zugeben muß, daß er sich in ö
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