Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 21, Nummer 1 › Seite 3

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. September 1864, Seite 3

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Hausgottesdienſt 5

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Betreff derselben auch irren könne. Und so ist
es auch mit allen anderen Sachen, die in Gottes
Wort nicht klar (also eigentlich gar nicht) geoffen—
bart sind. Da ist die Bescheidenheit im Urtheil
au ihrem Orte. Eine ganz andere Bewandniß

klaren Worten gelehrt ist. Wer in diesen Sa⸗
chen nachgiebig ist, wer die Bibellehre zwar als
seinen Glauben bekennt, aber in Betreff dersel ·
ben nichet allein recht haben will, sondern zu⸗
gibt, daß die, welche anders glauben, auch recht
haben könnten, der beweist sich damit nicht de⸗
muthig, sondern hochmuthig! Seine scheinbare
Demuthgegen Menschen ist eine Ver⸗
leugnung des Wortes Gottes, also eine greuliche
Hoffartgegen Gott. Wer hingegen in
den Dingen, welche in Gottes Wort klar gelehrt
sind und die er daher nach Gottes Wort glaubt
und bekennt, allein recht haben will, der beweist

sich damit nicht hoch nuthig, sondern wahrhaft
demuthig. Seine scheinbare Hoffart gegen

Menschen ist nichts anderes, als Gott die
Ebre geben, daß derselbe allein wahrhaftig, aber
alle Menschen Lugner sein, wie geschrieben steht:
Es bleibe vielmehr also, dat Gott ser wahrhaf⸗

tig und alle Menschen falsch“ (Röm. 3, 4.); sie
it nichts anderes, als Gefangennehmung seiner
Vernunft unter den Gehorsam Christi (2 Cor.

10, 5.), also die rechte Demuth gegen
Gott. Denn weun wir für etwas
das klare Wort Gottes haben und
darum allein recht haben wollen,
so behaupten wir damit eigentlich
nicht, daß wir, sondern daß Gott al⸗
lein recht habe; wir behaupten dann nicht,
daß wir kluger und scharfsinniger seien, als an-
dere Leute, oder gar, daß wir untrüglich und un;

fehlbar seien, sondern daß Gott der allein Weise

und sein Wort untruglich und unfehlbar sei.
Man beruft sich zwar oft darauf, es handle sich
ja hier gar nicht um Gottes Wort, sondern nur
um menschliche Auslegung! Es ist dies
aber eine leere Ansflucht. Es gibt freilich eine
Auslegung der Schrift, die etwas anderes als
die Schrift selbst und die daher durchaus zu ver⸗

werfen ist, nehmlich die „e igene“ Auslegung,

wie Petrus 2 Petr. 1, 20. sie nennt, d. h., diejenige,
welche der Mensch sich nach seiner Vernunft selbst
nacht. Aber die rechte Auslegu ig ist
nichts weiter, als ein solches Herausle gen
der Worte der Schrift selbst, durch die es klar

Lund deutlich wird, daß die Schrift dies und nichts

nderes sage. Die rechte Auslegung holt ihre

Beweise nicht aus den Ansichten der Vernunft
über den biblischen Ausspruch, sondern aus der

Eechrift selbst. Die rechte Auslegung ist daher

nur ein Beweisen, daß man um der Schrift selbst
wilen eine Stelle nicht nur so oder so verstehen
tonne, sondern daß man sie so und nicht an⸗

ders verstehen mütsse, sie ist also immer die

pur lautere Schrift selbst! Wer aber

Ulugnet, daß es eine solche Auslegung gebe, der

Nis ein Papist, welcher der heiligen Schrift die
deutlichkeit abspricht, welcher leugnet, daß

si ein Licht, daß sie die helle Sonne ist, und sie
in einer fiusteren Laterne macht, die erst durch

Ns Licht der Vernunft erhellt werden müsse.

3

Wohl gibt es einzelne Stellen in der Schrift, die
uns wegen unvollkommener Kenntniß der Sprache
oder der Alterthnmer dunkel sind; da hängt vor
einem Theile der Bibel-Sonne fur uns allerdings

eine finstere Wolke; aber dies sind nur solche
hat es aber mit dem, was in Gottes Wort in

Stellen, in welchen entweder keine zur Seligkeit
durchaus nöthigen (Slaubensartikel enthalten sein
können, oder, enthalten sie dieselben ja, so haben
wir diese Artikel schon in anderen klaren Stellen.

Wer seinen Glauben nicht auf Gottes Wort
grundet, sondern auf seine Vernunft, oder auf
sein Herz, auf seine Erfahrungen und Empfin⸗
dungen, oder auf das Ansehen von Menschen,
nehmlich anf die große Menge, oder auf die
große Gelehrsamkeit, oder auf die große Fröm-
migkeit derer, die dasselbe glauben — der kann
freilich nicht mit innerlicher, unumstößlicher

Gewißheit sagen, daß er allein recht habe, daß
nur der recht glanbe, der da glaube, wie er, und

daß alles, was dem entgegen stehe, nothwendig
falsch, Irrtbum und Luüge sein musse. Wer aber
seinen Glauben auf Gottes Wort alle in grundet,
der bekommt jenes köstliche Ding, ein festes Herz
(Ebr. 13, 9.), der ist nicht mehr ein Kind, das

sich wägen und wiegen läßt von allerlei Wind

der Lehre durch Schalkheit der Menschen und
Täuscherei, damit sie ihn erschleichen zu verfuh⸗
ren (Ephes. 4, 14.), der gehört nicht mehr zu

denen, welche immerdar lernen und doch nicht

zur Erkeuntniß der Wahrheit kommen können
(2 Tim. 3, 7.), der ist nicht mehr ein Rohr, das
der Wind hin und her we het (Matth. 11, 7.),
der erklärt, was er glaubt, nicht für seine Pri⸗
vatmeinung, nicht für seine Ansicht, nicht blos
fur das Annehmbarste und Wabrscheinlichste;
nein, mag die ganze Welt, mögen alle Weise und
alle Frommen in der Welt anders glauben —
Gottes Wort ist ihm mehr, wie die ganze Welt:
wofur er daher das klare Wort Gottes hat, da⸗
bei bleibt er, darauf steht er, davon läßt er sich
nicht abtreiben, und ohne Furcht, sich irren zu
können, erklärt er alles Entgegengesetzte fur Irr⸗
thum. Wollte er hierin nachgeben, so müßte er
ja Gottes Wort zur Luge machen, und das kann
er nicht.

Wir Lutheraner sind daher auch nicht etwa die
ersten, welche sagen, daß nur derjenige recht
glaube, welcher so glaube wie wir. Das hat
die wahre Kirche aller Zeiten von
sich behauptet, alle Propheten und Apostel,
alle reinen Lehrer und alle rechtgläubigen Chri⸗
sten. Keiner von ihnen war seines Glanbens
ungewiß. Keiner von ihnen dachte: Vielleicht
kannst du dich in deinem Glauben doch irren
und deine Gegner können vielleicht doch auch
recht haben. Nein, David z. B. spricht viel⸗
mehr: „Das Zeugniß des HErrn ist gewiß, und
macht die Albernen weise.“ (Ps. 19, 8.) „Ich
glaube, darum rede ich; ich werde aber sehr ge⸗
plaget. Ich sprach in meinem Zagen: Alle
Menschen sind Lügner.“
Weit entfernt also, daß David, als er wegen sei⸗
nes Glaubens angefochten wurde, ungewiß ge⸗
worden sein und gedacht haben sollte, vielleicht
haben meine Gegner doch recht, so dachte er
vielmehr, als Alles ihm seinen Glauben streitig
machen wollte: „Alle Menschen sind Lügner,“

(Ys. 116, 10. 11.)

denn ich halte deine Befehle.“

aber Gottes Wort ist und bleibt Wahrheit, das
lugt mir nicht. Daher spricht er auch an einer
anderen Stelle nicht aus Stolz, sondern um Got⸗
tes Wortes willen. „Ich bin gelehrter, denn alle
meine Lehrer; denn deine Zeugnisse sind
meine Rede. Ich bin kluger, denn die Alten,
(Ps. 119,
99. 100.) Dieselbe Gewißheit sprechen auch
die heiligen Apostel aus. St. Paulus schreibt:
„Ich weiß, an welchen ich glaube, und bin ge⸗
wiß“ ꝛc. (2 Tim. 1, 12) Ja, Gal. 1, 8.
schreibt er: „Aber so auch wir, oder ein Engel
vom Himmel euch würde Evangelium predigen,
anders, denn das wir euch geprediget haben, der
sei verflucht.“ Welche unumstößliche Gewißheit,
daß seine Lehre allein die rechte sei, muß er hier⸗
nach gehabt haben! Dieselbe Gewißheit, daß
ibr Glaube und ihre Lehre die allein rechte sei,
finden wir hierauf, wie gesagt, auch bei allen
rechtschaffenen Christen und reinen Lehrern in
der folgenden Zeit bis auf diese Stunde. Als

in den drei ersten Jahrhunderten des Christen-

tbums Hunderttausende fur ihren Glauben ihr
Leben selbst unter den furchtbarsten Qualen, ohne
sich zu bedenken, willig und freudig opferten, da
bewiesen sie mit der That, daß sie ihres Glaubens
und ihrer Lehre göttlich gewiß waren, daß sie alle
Gegner ihres Glaubens für blind und sich allein
fur sehend hielten und daher das höchste, was
ein Mensch auf Erden hat, dafür zum Pfand
einsetzten, nehmlich das Leben. Hätten die hei⸗
ligen Märty er nicht gedacht, daß nur der recht
glaube, welcher glaube, wie sie, hätten sie viel⸗
mehr gedacht, sie könnten sich ja auch irren, so
würden sie keine Märtyrer geworden sein und für
eine so ungewisse Sache ihr Leben nicht auf das
Spiel gesetzt und in die Schanze geschlagen ha⸗
ben. Ein Beispiel, wie rechtschaffene, recht-
gläubige Lehrer in der alten Kirche in dieser Be⸗
ziehung gesinnt waren, ist unter anderen der Bi⸗
schof Liberius. Als unter der Regierung
des Kaisers Constantius fast alle Lehrer der
Kirche von der arianischen Ketzerei angesteckt
waren, rief dieser Kaiser, der auch arianisch ge⸗
sinnt war, dem damals noch standhaft bei der
reinen Lehre gebliebenen Bischof Liberius verächt⸗
lich zu: „Der wievielste Theil des Erdkreises bist
du, der du es allein mit dem gottlosen Menschen
(er meinte den großen Vertheidiger der reinen
Lehre Athanasius) hältst und den Frieden der
ganzen Welt störest?“ Hieranf erwiderte der
Bischof: „Daß ich allein stehe, das benimmt
dem Worte des Glaubens nichts. Denn auch
einstmals fanden sich nur drei, die sich dem (kö⸗
niglichen) Befehle widersetzten.“ Er meinte da—
mit die drei Männer, die sich lieber in den feuri⸗
gen Ofen werfen ließen, als daß sie ihren Glau⸗
ben hätten verleugnen sollen. (Siehe Danuiel
Kap. 3.) Ein anderes leuchtendes Beispiel hierzu
ist Luther. Sein ganzes Leben ist ein unun⸗
terbrochener Kampf mit der ganzen Welt dafür,
daß nur der recht glaube, wer so glaube, wie er,
daß er also in diesem Sinne allein recht habe.

Was Luther in Worms vor Kaiser und Reich

zum Schluß seines Glaubensbekenntnisses sprach:
„Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe
mir, Auien!“ das war und blieb sein Schluß⸗

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