Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 21, Nummer 24 › Seite 189
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. August 1865, Seite 189
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Anhang
Boten wieder fort und sagten dem Kaiser, daß
sie nicht willens wären, seinem Befehle zu gehor⸗
samen. Der Kaiser wurde darüber hefiig er⸗
zürnt und gab seine Gemüthsbewegung also zu
erkennen: „„So? wollen meine Soldaten sol⸗
chergestalt meine königliche Ordre und die heili⸗
gen Gebräuche meiner Religion in den Wind
schlagen? Hatten sie nur bloß mich und die
kaiserliche Majestät verachtet, so hätte ich mich
schon deßwegen öffentlich rächen wollen, aber so
verachten und beschimpfen sie zugleich den Him⸗
mel und wird die römische Religion so sehr ver⸗
spottet, als ich selbst. Wohlan! so lasset dem-
nach die widerspenstigen Soldaten wissen, daß ich
mich nicht allein für mich selbst, sondern auch
den meinen Göttern angethanen Schimpf rächen
will. Man lasse meine getreuen Soldaten sich
geschwind aufmachen und gleich aus ihnen, wie
das tödtliche Loos fällt, allezeit den zehnten
Mann tödten, damit also durch dergleichen Tod
diejenigen, welche zu allererst sterben sollen, er⸗
fahren mögen, wie scharf sich Maximianus bei⸗
des, für sich selbst, als auch seiner Götter wegen,
rächen könne.““ Hiermit war der Befehl da,
welchen man sofort denen, die ihn exequiren und
vollbringen sollten, zusendete. Es wurde der⸗
selbe alsobald offenbar gemacht und allemal der
zehnte Mann zum Tode verurtheilt, welche denn
mit vollen Freuden ihre Nacken den Peinigern
darlegten, und war unter ihnen diesfalls kein
Streit, außer nur, wer zuerst diesen glorwürdigen
Tod ausstehen sollte.
„Als dieses vorbei, wurde der Legion anbefoh⸗
len, sie sollte wieder an ihren Ort zu der Armee
zurückkehren, worauf denn Mauritius, als Ge⸗
neral der Legion, das Volk ein Bischen auf die
Seite rief und sie also auredete: „„Getreue
Brüder und Soldaten, ich freue mich von Herzen
über eure Tapferkeit und großen Muth, daß der
Befehl des Kaisers aus Liebe zur Religion nichts
bei euch gefruchtet hat; ihr habt gesehen, wie
eure Brüder und Soldaten mit freudigem Ge—
müth einen ruhigen Tod ausgestanden haben.
Ach, wie voller Angst war ich! Denn ich dachte
immer, daß, weil ihr gewaffnet wäret, so würdet
ihr, wie es auch leicht hätte geschehen können,
unter dem Vorwand, eure Brüder zu beschützen,
ihren seligen Tod verhindert haben. Sehet, ich
stehe hier mitten unter den todten Leichnamen
meiner treugewe senen Bruͤder und Soldaten,
welche der grausame Peiniger von meiner Seite
gerissen hat. Ich bin mit dem Blut dieser Mär-⸗
tyrer bespritzet und meine Kleider sind von dem
Blute dieser Heiligen noch besudelt. Und soll
ich wohl zweifeln ihrem Tode nachzufolgen, da
ich doch über ihr Exempel mich so sehr erfrene
und verwundere? Soll ich wohl darnach fra⸗
gen, was mir der Kaiser anbefiehlt, welcher eben
wie ich dem Gesetz der Natur und der Sterblich-
keit unterworfen ist? Ich erinnere mich, wir
haben einmal diesen Soldateneid geschworen, daß
wir mit der äußersten Gefahr unseres Lebens
das gemeine Wesen (das Reich) vertheidigen
wollten; so weit ließen wir uns mit dem Kai⸗
ser ein, ob uns schon kein himmlisch Königreich da⸗
fuͤr ist versprochen worden. Haben wir aber nun
dieses aus einer bloßen und schlechten Soldaten⸗
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pflicht und Schuldigkeit gethan, ihr Lieben, was
soll man nicht erst da thun, wo Christus denen
so überaus viel verheißt, die sich Seiner anneh⸗
men und für Ihn fechten? Ach, so lasset uns
demnach willig unser Leben in diesen alleredelsten
Tod dahingeben! Lasset uns einen rechten Hel⸗
denmuth und unverletzten Glauben bezeugen!
Mich dünket, ich sehe bereits diese heiligen See⸗
len vor dem Richtstuhle Christi stehen, welche
des Kaisers Diener hier aus ihren Leibern ge⸗
jagt hat. Das ist die wahre Ehre, welche un⸗
sere kurze Lebenszeit mit einer gesegneten Ewig⸗
keit reichlich belohnen und ersetzen wird. Lasset
uns einmüthig dem Kaiser folgende Antwort
durch seine Abgesandten wieder sagen: Wir,
großer Kaiser, bekennen und gestehen, daß wir
Eure Soldaten seien und die Waffen zur Be⸗
schützung des Reichs ergriffen haben; wir haben
auch niemals unsere Schuldigkeit aus den Augen
gesetzet, unsere Station verlassen, oder uns sonst
so verhalten, daß uns Jemand könnte einer
Furcht oder Zaghaftigkeit beschuldigen; wir wür⸗
den auch jetzo nicht Bedenken tragen, Eurem
Befehl nachzuleben, wenn uns nicht die Gebote
des Christenthums, darin wir auferzogen sind,
die Aubetung der Teufel verböten und untersag⸗
ten, daß wir ja nicht zu den unreinen Altären
der Götter hinzunahen sollten. Wir sehen wohl,
daß Ihr uns gerne mit unreinem Gottesdienst
beflecken oder mit Eurer Decimation (Ausloosung
des zehnten Mannes) erschrecken und furchtsam
machen wollet; aber ach, unterlasset nur ferner
nach uns zu fragen und zu forschen, sondern wisset
vielmehr, daß wir alle miteinander
Christen seien. Wir müssen zwar gestehen,
daß unsere Leiber Eurer Macht und Gewalt
unterworfen sind; allein unsere Seelen behalten
wir ganz für Christum, den Urheber und Selig-⸗
macher derselbigen.““
„Kaum war dieses ausgeredet und von der
ganzen Legion einhelliglich beschlossen, so wurde
solches Alles alsbald dem Kaiser vorgebracht,
welchen dieser muthige Entschluß sehr verdroß und
deswegen eine andere Decimation oder Abzehen⸗
dung aubefahl, welche auch sofort verrichtet
wurde, mit Befehl, daß der Rest, wie zuvor war
angeordnet worden, wieder nach Octodurum
zurückkehren sollte. Hierauf nahm ein gewisser
Fähndrich, mit Namen Exsuperius, sein Fähn-
lein in die Hand und hielt nachfolgende Rede an
sie: „„Hier, meine treuen Brüder, sehet ihr, daß
ich diese Fahne zur Erhaltung des weltlichen
Wohlstandes führe: aber dieses sind nicht die
Waffen, dazu ich euch jetzo berufe; dies ist nicht
der Streit, dazu ich fur diesmal euren Muth und
Tapferkeit aufmuntere. Wir müssen eine andere
Art des Fechtens vornehmen. Diese unsere
Schwerter machen uns keine Bahn nach dem
himmlischen Königreich zu. Wir haben einen
unwandelbaren Sinn, eine unüberwindliche Be⸗
schützung vonnöthen und mussen unsern Glauben
und Treue, die wir Gott einmal gelobt haben,
bis auf das Allerletzte behalten. Es mögen die
grausamen Befehlshaber immer hingehen und
diese Zeitung ihrem blutdürstenden Herrn vor⸗
tragen und hinterbringen: Wir, o Kaiser, sind
Eure Soldaten; aber wir sind auch noch dazu,
wie wir frei und öffentlich bekennen, Knechte
Gottes. Euch sind wir im Kriege zu dienen
verbunden; Ihm aber muͤssen wir mit Unschuld
dienen. Von Euch haben wir für unsere Muhe
und Arbeit Lohn und Besoldung bekommen; von
Gott aber haben wir das Leben und unser We⸗
sen erhalten. Wir können nicht also dem Kaiser
gehorchen, daß wir dabei Gott verleugnen soll⸗
ten, der da der Urheber nicht allein unseres,
sondern auch Eures Lebens ist, Ihr mögt es nun
glauben oder nicht. Es kommt nicht etwa aus
einer Verzweiflung her, großer Kaiser, welche
sonst bei großen Widerwärtigkeiten Einem am
heftigsten zuzusetzen pflegt, daß wir mit so großem
Muthe gegen Euch gesinnet sind; Ihr sehet, wir
haben wohl Waffen bei uns; aber wir fechten
nicht damit wider Euch, sondern wollen lieber
sterben als Euch überwinden, und sind williger,
lieber unschuldiger Weise den Tod zu leiden,
als in Aufruhr und Rache zu leben. Meint Ihr
aber, Ihr wollt uns noch länger quälen und
martern lassen, wohlan! wir sind auch dazu
willig. Wir sind Christen und deßwegen können
wir unsere Verfolger nicht verfolgen. Ihr müsset
selbst unstreitig gestehen, daß diese Legion einen
rechten, unüberwindlichen Heldenmuth bei sich
hat. Wir legen zwar wohl unsere Waffen nie⸗
der, und Eure Officiere werden unsere Armee
ganz bloß und entwaffnet finden; aber hingegen
unsere Brust bleibt doch mit einem wahren
Glauben noch beständig gewaffnet. Tödtet uns
und tretet gleich gar mit Füßen auf uns, wir
reichen dem ungeachtet noch immer unsern Nacken
dem Schwert der Scharfrichter dar, und sind uns
diese Dinge um so viel angenehmer, weil wir
durch Verachtung Eurer Anfälle nur desto ge⸗
schwinder die ewige Krone erlangen.““
„Als Maximianus dieses hörte und fast zwei⸗
felte, daß er würde ihre Beständigkeit brechen
können, so befahl er seiner ganzen Armee an, daß
dieselbe auf sie zugehen und sie hinrichten sollte,
welches sie auch sofort ohne Ansehen der Jahre
und Personen that, ihre Leiber hinmetzelte und
ganz splitterfadennacket auszog, sintemal der Kai⸗
ser es also angeordnet hatte, daß ein Jeglicher,
der Einen von der Legion tödten würde, Alles
haben und bekommen sollte, was er nur bei ihm
fände. Und also mußten sie mit dem Degen in
ihrer Faust sterben, da sie doch gar wohl hätten
durch die Stärke ihrer Waffen, insonderheit weil
sie sich an einen so vortheilhaften Ort gesetzt
hatten, das Leben erhalten oder es zum wenigsten
sehr theuer verkaufen können.
„Die se Geschichte habe ich (Eucherius) mit
Fleiß so weitläufig erzählet, weil alle und jede
Umstände dabei so sehr nachdenklich sind und
weil sie eine ganz ungemeine Probe von der Chri⸗
sten Pflicht und Unterwerfung in sich hält, der-
gleichen nach dem Exempel unsers Heilandes
wohl keine jemals in der Welt gewesen sein wird.“
Das ist die Geschichte, lieber Leser, wie sie der
alte Eucherius erzählt. Möglich, daß sich über
den Wortlaut der angeführten Reden und über
die Stärke der Legion mit ihm rechten läßt; aber
die eigentliche Thatsache der Geschichte — sie ist
geschehen im September des Jahres 302 — und
der Ort, an dem sie geschehen — das Rhonethal
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