Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 24, Nummer 22 › Seite 174

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Juli 1868, Seite 174

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— *

Rechten eines Gemeindegliedes haben, als wer
das heil. Abendmahl so oft als möglich und
wenigstens einmal des Jahres genießt.“ Hier⸗
bei fällt mir erstlich der Ausdruck: „so oft als
möglich“ auf, welcher Ausdruck, wenn er ernst⸗
lich gemeint wäre, nothwendig auf verkehrte
Praxis führen müßte. So richtig aber die
Bestimmung sonst ist, so bedarf sie doch auch
einer Verwahrung, soll sie nicht gemißdeutet
und mißbraucht werden. Es kann nehmlich
dadurch, wo keine Kirchenzucht geübt wird,
leicht ein Unwürdiger zum heil. Abendmahl ge⸗
zwungen werden, und in manchen pennsylvani⸗
schen Gemeinden dürfte infolge jener Bestim⸗
mung leicht der Fall vorkommen, daß Leute
aus Unverstand oder Bosheit, wenn auch mit
Brandmalen in ihrem Gewissen, zu Gottes
Tisch gehen, nur um die Rechte eines Gemein⸗
degliedes genießen zu können, insonderheit in
solchen Gemeinden, die ihren Gliedern große
äußerliche Vortheile bieten können. Ich weiß
recht wohl, daß die geehrten Verfasser der
neuen Ordnung mit dem „wenigstens einmal
des Jahres“ nur Uebelstände beseitigen und
dem wuchernden Unkraut wehren wollten; denn
es ist in den pennsylvanischen Gemeinden, we—
nigstens den deutschen, an der Tages ordnung,
daß Leute Glieder sind, und es bleiben, wenn
sie nur ihr jährliches Stuhlgeld bezahlen, mö⸗
gen sie nun zur Kirche und zum Abendmahl
gehen oder nicht. Solche wollen natürlich
auch bei den Jahresversammlungen gleich
wohl mitsprechen und stimmen. Solche Leute
sucht man durch obige Bestimmung unschäd⸗
lich zu machen. Aber mit Kirchenordnungen
ist hier wenig oder nichts gebessert. Die Kraft
des göttlichen Wortes, öffentlich und sonderlich
gepredigt, ist hier das einzige und wirksamste
Mittel. Hier ist der fanule Fleck bei den
meisten pennsylvanischen Pastoren und der
Schlüssel, warum es so traurig in manchen
Gemeinden steht: man ist nicht treu genug in
der öffentlichen Predigt und die rechte Privat⸗
seelsorge ist bei Wenigen zu finden. Die lei⸗
dige Menschenfurcht oder Menschengefälligkeit
äußert auf viele Pastoren einen nur zu großen
Einfluß. Wer wissen will, wie wahrhaft luthe⸗
rische Gemeinden herangebildet werden, findet
dies sehr schön dargelegt von Dr. Sihler in
„Lehre und Wehre,“ Jahrgang J.

Pastor Ernst bei New ork hatte der Sy⸗
node etliche specificirte Fragen über rechte
Lehre und Praxis vom heil. Abendmahl vor⸗
gelegt; z. B. ob Falschgläubige zum heil.
Abendmahl zugelassen werden dürften, was
von Beichtanmeldung zu halten sei, u. s. w.
Dr. Krauth hatte vom Präsidenten der Sy⸗
node den Auftrag bekommen, Thesen über die
vorgelegten Fragen zu liefern. Gegen die
Thesen läßt sich im Ganzen nichts einwenden;
sie sind ganz im Sinne lutherischer Lehre und
Praxis verfaßt. Die Debatte, die sich über
die Thesen in der Synode entspann, war höchst
interessant, denn man lernte da den Stand⸗
punkt der Synode zu einem Fundamental⸗
artikel des Christenthums und der lutherischen
Kirche kennen. Heftigen Widerspruch fand
die Behauptung, daß man nur den in der luth.

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Kirche zum Abendmahl zulassen dürfe, welcher
die Lehre unserer Kirche von diesem Saera—
ment für die einzig schriftgemäße halte und,
wenn derselbe bisher zu einer andern Kirchen—
gemeinschaft gehört habe, sich durch seinen
Abendmahlsgenuß in einer luth. Gemeinde von
derselben lossagen wolle. Insonderheit woll⸗
ten sich viele nicht dazu verstehen, einen Refor⸗
mirten vom heil. Abendmahl zurückzuweisen.
Man stellte eine solche Praxis hin als eine
Mauer, welche man unbefugter Weise um das
heil. Abendmahl zöge. Als man immer mehr
die Tragweite der Sache erkannte, wurde so⸗
gar der Vorschlag gemacht, die Thesen auf den
Tisch zu legen! Ein großer Theil stimmte für
den Vorschlag. Doch die Mehrheit war für
Weiterbesprechung. Es wäre aber viel besser
gewesen, wenn der Vorschlag durchgegangen
wäre; denn was geschah? Anstatt sich von der
Schriftmäßigkeit zu überzeugen, suchte man
den Sinn derselben vieldeutig zu machen, und
so kam es denn, daß sämmtliche Thesen einstim⸗
mig, aber leider mit großer Leichtfertigkeit, an⸗
genommen wurden. Natürlich fühlt sich keiner
durch die angenommenen Thesen für seine
Person gebunden, sondern es handelt nach wie
vor Jeder nach seinem Belieben. Das sind
fürwahr traurige Zustände! Nun kann ich
mir es auch erklären, wie dieselbe Synode eine
höchstwichtige Frage, welche ihr vor einigen
Jahren von meiner Gemeinde vorgelegt wurde,
ganz und gar unberücksichtigt lassen konnte.
Damals nämlich hatte Dr. Sieß, trotz münd⸗
lichen und schriftlichen Protestes meinerseits,
zwei Menschen in seine Gemeinde und zu sei⸗
nem Altar zugelassen, welche muthwillig von
meiner Gemeinde abgefallen waren. Da leg⸗
ten wir der Synode die Frage vor, ob sie ein
solches Verfahren billige. Aber eine Antwort
haben wir nicht bekommen und auch im Syno⸗
dalbericht finde ich unsere Frage mit keinem
Wort erwähnt. Das ist eine Rücksichtslosig⸗
keit, ja Gewissenlosigkeit, welche ein sehr trü—
bes Licht auf den ganzen Körper wirft. Ein
Beweis, wie wenig Zucht in der Synode
herrscht, ist folgender Umstand: Ein Glied
erklärte seinen Austritt aus der Synode.
Ohne ihn erst nach dem Grund zu diesem
Schritt zu fragen, wurde der Vorschlag ge—
macht, den Bruder zu entlassen, welcher ein—
stimmig angenommen wurde. Wir würden in
solchem Fall etwas anders gehaͤndelt haben.
Schließlich sei noch erwähnt, daß die Synode
beschlossen hat, den Emigranten-Missionar
Neumann in New York als Missionar nach
China zu schicken. S. Keyl.

Kirchliche Nachricht.

Im Auftrage des Ehrw. Vice-Präses des
nördlichen Distreits, wurde am Sonntage
Nogate Herr Pastor C. F. Ebert in sein neues
Arbeitsfeld zu Chippewa-Falls feierlichst
eingeführt.

Der HErr segne reichlich den Hirten und
seine Gemeinde. W. J. Friedrich.

Adresse: Rev. C. F. Ebert,

Chippewa-Falls Chippewa Co. Wis.

Kircheinweihungen.

In No 11 dieses Jahrgangs ist den lieben
Lutheranerlesern schon beiläufig mitgetheilt
worden, daß die neue Kirche der Martini⸗Ge⸗
meinde hieselbst ihrer Vollendung rasch entge⸗

engehe; jetzt kann ihnen nun auch die gewiß
freudige Nachricht gebracht werden, daß sie ihre
Vollendung mit Gottes Hülfe erreicht hat. Es
ist dies eine in jeder Beziehung schöne Kirche.
Große Aehnlichkeit hat sie mit der Immanueis⸗
kirche (Pastor Stürken's), deren Beschreibung
der Leser in No. 20. Jahrg. 22. findet. Sie
ist, wie jene, in gothischem Styl, fast ganz nach
demselben Plane, den Herr Past. Stephan ge⸗
liefert hatte, und nach Zeichnungen des Herrn
Georg Wolf, vom Baumeister Joh. L. Gettier
aufgeführt worden. Ihre Länge beträgt 110
Fuß, ihre Breite 50, die Höhe der Seitenwände
28 und in der Mitte des Schiffs mißt sie vom
Fußboden bis zur Decke 42 Fuß. Der Thurm
in der Front, an der Sharpstraße, ist 138 Fuß
hoch und auf der Spitze desselben prangt ein
vergoldetes Kreuz. Die vordern Fenster sind
mit Scheiben von gemaltem Glas versehen.
Von der Vorhalle, welche 124 Fuß breit und
tief ist, führen auf beiden Seiten Treppen zu
den Gallerien, und drei Thüren in das Schiff
der Kirche. Betritt man dieses, so wird man
durch den Anblick des herrlichen Naumes
unwillkührlich zur Andacht gestimmt, denn man
fühlt es, daß man sich hier in einem Gotteshause
befindet. Durch nichts wird dieser Eindruck
gestört. Alles, was man erblickt, paßt so gar
schön zu einander und ist so echt kirchlich, so
sauber, so einfach und doch prächtig, daß man
denken muß, der liebe Gott selbst habe den

Bauleuten die Hand geführt, daß sie es gerade 3

so machen mußten. Zur linken Seite des
Altars befindet sich die Kanzel, ihr gegenüber
ein Lesepult in Kanzelform, in der Mitte, vor
der ersten Altarstufe ein marmorner Taufstein,
der Altar selbst steht in der 18 Fuß weiten und
12 Fuß tiefen Altarnische frei, so daß man um
denselben herumgehen kann. Durch ein rundes
Eaml Fenster mit den Sinnbildern der heil.

acramente fällt von der hintern Altarwand
aus mattes, feierliches Licht auf den Altarraum.
Von der Mitte der Decke im Schiff herunter⸗
hängende Kronleuchter, sowie eine Menge
Wandleuchter, dienen zur Beleuchtung der
Kirche bei den Abendgottesdiensten. Die
Orgel ist die alte, aus der Mutterkirche stam⸗
mende, die aber renoviert und mit einem neuen
Kleide augethan worden ist. Sie kann den
Vergleich mit vielen neuern Orgeln gar wohl
aushalten. Sobald die Gemeinde sich ein
wenig erholt haben wird, sollen auch etliche
Glocken angeschafft werden. Gegenwärtig ist
sie sehr froh und dankt Gott von Herzen, daß
er ihr es hat gelingen lassen, in dieser Zeit,
wo alle Welt über „schlechte Zeiten“ klagt,
einen solchen Bau, der, die innere Einrichtung
und Ausschmückung mitgerechnet, an die
527.000 kostet, glücklich hinauszuführen. Mit
welcher Freude und welchem Jubel sie daher
Kirchweih gehalten hat, kann der liebe Leser
sich wohl denken. Dieselbe fand statt am
Sonntag Cantate, den 10. Mai. Morgens 9
Uhr versammelte sich die Gemeinde bei dem
Schulhause, in der Nähe der Kirche. Pastor
Stürken kam mit seiner Gemeinde in Prozes⸗
sion, auch Pastor Hanser und sehr viele Glieder
der Pauls⸗Gemeinde sowie eine Menge anderer
Gäste fanden sich ein. Das Wetter war pracht⸗

voll. In einem schön geordneten Zuge ging's

nun der Kirche zu. Vor der Kirche empfing

der Unterzeichnete aus der Hand des Vertreters .
des Baumeisters — Letzterer lag krank — den
Schlüssel und schloß im Namen des dreieinigey

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