Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 17 › Seite 258

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. August 1904, Seite 258

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SDer V. „Tuthieranerss

ihrer Zeit suchten, um die Augen, Gedanken, das Wohlgefallen
der Männer auf sich zu ziehen, ihre natürliche Schönheit durch
allerlei künstliche Reize zu erhöhen und noch wirksamer zu machen.
Ada, das heißt die Geschmückte. Sie trug nicht nur mäßigen,
anständigen Schmuck, sondern war mit Schmuck und Putz über—

laden, daher der Schmuck ihr den Namen gab. Zilla, das heißt

die Klingende, Klirrende. Sie hatte sich klirrende, klingende
Metallgegenstände um den Leib gehängt. Und Ada und Zilla,
die Frauen des angesehenen Lamech, waren Ton angebende Mode⸗
damen. So diente Handwerk und Kunst also auch der Eitelkeit
und Koketterie der Frauen. Und die von Jubal angelernten
Musikanten haben sicher auch schon zum Tanz, zu leichtfertigen
Tänzen und Schaustücken aufgespielt. Wie die Lust, die Welt⸗
lust und Sinnenlust, die Fleischeslust und Augenlust, so griff auch
die eigentliche Kainssünde, Haß, Mord, Todtschlag, um sich auf
Erden. Lamech war einmal mit einem jungen Mann, der schwächer
war, als er, in Streit gerathen, und der hatte ihm einen Schlag
versetzt, eine leichte Wunde beigebracht. Dafür rächte sich Lamech,
indem er seinen Beleidiger sofort niederstreckte. Er trug also ein
Schwert an der Seite, das sein Sohn Thubalkain ihm angefertigt
hatte. Ja, Thubalkain „hämmerte“, wie die Worte im Urtext
lauten, „allerlei Schneidendes von Erz und Eisen“, also auch
Messer, Schwerter, Waffen, die dann bei den rachedurstigen Kai⸗
niten dem Mord Vorschub leisteten. Lamech aber hat sich jener
seiner Frevelthat nicht etwa geschämt, sondern noch damit ge—
prahlt, sie in einem Lied, das er seinen Frauen vorsang, verherr⸗
licht. Folgendes ist, nach genauer Uebersetzung, der Inhalt des
ältesten Gedichts, von dem wir Kunde haben:

Ada und Zilla, höret meine Stimme,

Frauen Lamechs, vernehmet meine Rede:

Fürwahr, einen Mann habe ich niedergestreckt für meine Wunde,

Einen jungen Mann für meine Strieme.

Denn siebenfach wird Kain gerächt,

Und Lamech siebenundsiebzigfach.

Und so ist es seit den Tagen Lamechs weiter gegangen in dem
entarteten Geschlecht der Menschen. Die Menschen haben Gottes
gute Creatur in den Dienst der Sünde hineingezogen. Die fort⸗
geschrittene Cultur hat die Menschheit nicht veredelt, nicht ge⸗
bessert, sondern die gottlosen Menschen haben die Cultur ihren
bösen Gedanken, Lüsten und Anschlägen dienstbar gemacht. Mit
dem Fortschritt der Cultur geht die Verschlechterung der Sitten
Hand in Hand. Das hat ein berühmter Moralstatistiker der Neu⸗
zeit mit statistischen Tabellen nachgewiesen: in den civilisirtesten
Ländern die meisten Verbrechen! Die Cultur an sich ist nicht
schuld daran. Die Cultur leistet auch heute noch den Menschen
wirkliche Dienste. Die Cultur hat nicht aufgehört, eine Wohlthat
für ein Volk zu sein. Aber so groß ist eben das Verderben der
Welt, daß es auch die natürliche Entwicklung der Dinge verderbt
hat, daß es den Segen Gottes vielfach in Fluch verkehrt. Es ist
heute noch so, wie in den Tagen Kains und Lamechs, wir mögen
hinblicken, wohin wir wollen. Sonderlich das unruhige, ge—
räuschvolle Leben und Treiben in den Großstädten zeigt etwas
von der Art und Natur des ersten Städtebauers. Lust, Fleisches⸗
lust auf der einen Seite, Haß, Streit, Mord auf der andern
Seite sind Welt bewegende Mächte, denen sich auch Arbeit, Ge⸗
schäft, der Weltmarkt anbequemen müssen. Gewiß, Handwerk,
Industrie, Maschinenarbeit, Fleiß und Geschick der Menschen för⸗
dern, den Menschen zu Nutz und Frommen, auch zur Freude,

zahllose wirklich schätzenswerthe Producte zu Tage. Wie viele
Waaren sind auf dem Markt, die von Vielen mißbraucht werden,
aber auch einen rechten Gebrauch zulassen! Hinwiederum wie
viel eitler Putz und Tand wird fabricirt, wie viel unnützer Kram,
der nur auf die Eitelkeit, Hoffart und Sinnenlust berechnet ist!
Wie erfinderisch ist unser Geschlecht in der Herstellung von Kriegs⸗
apparat, von immer wirksameren Mordwaffen! Wie viele Fabri⸗
ken und Maschinenräume sind wahre Mordgruben für die Men⸗
schen! Gewiß, es gibt auch auf dem natürlichen Gebiet schöne
und edle Künste. Es ist eine unschuldige Augenweide, wenn
man ein schönes Landschaftsbild, ein gutes Portrait, ein in⸗
teressantes historisches Gemälde betrachtet. Man bewundert mit
Recht die Architectur, Bildhauerkunst, Holzschnitzereien alter und
neuer Zeit. Doch wie viel Schund und Schmutz wird auch von
der bildenden Kunst Jung und Alt vor Augen geführt! Es ist
ein Beweis der allgemeinen sittlichen Entartung und Verkommen⸗
heit, daß die Künstler auf den Beifall der Menge rechnen können,
wenn sie den Menschen in seiner Blöße und Schande zur Schau
ausstellen. Die Musik ist eine gute Gabe Gottes. Und es
gibt auch gute weltliche Musik, welche das Herz erfreut und be⸗
ruhigt. Doch die Musiker, auch die berühmtesten Tonkünstler, ver⸗
stehen es auch gar meisterlich, durch zauberische Töne die aller⸗
niedrigsten und gemeinsten Triebe, die in der Menschenbrust
schlummern, zu entfesseln. Es gibt gute weltliche Poesie und
Literatur, die wirklich den Menschen bildet. Doch wie viele Dich⸗
tungen und Geistesproducte der Menschen haben ähnlichen In⸗
halt, wie jenes Lied Lamechs. Die heutigen Theaterstücke und
Opern beschönigen und verherrlichen fast sammt und sonders das
Laster, Hurerei, Ehebruch, Mord und Selbstmord.

So sollen wir Christen gleichsam immer mit kritischen Augen
die Welt um uns her und die Werke der Menschen ansehen und
sollen, wenn uns unsere Berufswege durch die Welt hin führen,
uns von der Welt unbefleckt behalten und nichts Unreines an⸗
rühren. Wir dürfen und müssen die Dinge dieser Welt brauchen.
Daß wir sie aber nimmer mißbrauchen, zum Dienst der Sünde!
Wir sollen nie vergessen, daß es unser Beruf ist, in diesem un⸗
schlachtigen Geschlecht als helle Lichter zu scheinen und mit Wort
und Werk den Menschen zu zeien, was vor Gott recht und gut,
Lob und Tugend ist. G. St.

Versammlung des Südlichen Distriets.

Vom 29. Juni bis zum 5. Juli war der Sübliche Distriet
unserer Synode in den beiden Gemeinden zu Serbin, Tex., ver⸗
sammelt. Im Eröffnungsgottesdienst predigte der Hochw. All⸗
gemeine Vicepräses, P. P. Brand. Die Synodalrede des Präses
Wegener legte den Synodalen die Pflicht ans Herz, das Reich
Gottes zu bauen und daher besonders dafür zu sorgen, daß Ar⸗
beiter für Gottes Reich gewonnen werden, da es ja auch uns hier
im Süden an solchen so sehr fehlt.

Unsern Lehrverhandlungen lag die fünfte Bitte des heiligen
Vater⸗Unsers zu Grunde. Prof. E. Pardieck von Concordia war
gebeten worden, das Referat zu übernehmen, und es war in der
That eine herrliche Arbeit, die er vorlegte, so daß alle Anwesen⸗
den mit Freude und Gewinn den klaren und durchweg aus der
heiligen Schrift geschöpften Ausführungen folgten. So gründ⸗

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