Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 17 › Seite 264
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 13. August 1907, Seite 264
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Chriſt 2 · Chriſtenverfolgung · Kirchenzucht · Kirchengemeinſchaften. 4„99
264 8e „Tutheraneb
den Druck veröffentlicht worden. In diesem merkwürdigen Briefe
an Diognet, der zu den ältesten Schriften der christlichen Kirche
in der nachapostolischen Zeit gehört, findet sich eine Beschreibung
der Christen, in der es unter anderm folgendermaßen heißt:
„Die Christen befinden sich hier auf Erden, aber ihr Leben
ist im Himmel. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen, aber
durch ihr Leben überbieten sie diese. Sie lieben alle und werden
von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch.
Sie werden getötet und sie leben. Sie sind arm und machen
viele reich. Alles wird ihnen abgenommen, und in allem haben
sie überfluß. Sie sind verachtet und bei aller Verachtung geschätzt.
Sie werden gelästert, und doch wird ihre Gerechtigkeit anerkannt.
Sie werden geschmäht, und sie segnen. Sie werden verhöhnt,
und sie ehren. Sie tun Gutes, und als Missetäter werden sie
mit dem Tode bestraft. Bestraft freuen sie sich, als zum Leben
erweckt. Von den Juden bverden sie als Fremde bekriegt, von
den Griechen verfolgt, und die Feinde vermögen den Grund ihrer
Feindschaft nicht anzugeben. Kurz, was die Seele ist im Leibe,
das sind die Christen in der Welt. Die Seele ist durch alle Glie⸗
der verbreitet, so die Christen durch die Städte der Welt; aber
sie sind nicht von der Welt. Die Seele wohnt zwar im Leibe,
ist aber nicht vom Leibe; ebenso wohnen die Christen in der Welt,
aber sie sind nicht von der Welt. Unsichtbar wird die Seele im
Leibe verwahrt; so werden die Christen erkannt, wohnend in der
Welt, aber ihr gottseliger Sinn bleibt unsichtbar. Das Fleisch
haßt und bekriegt die Seele, weil sie dessen Lüsten widerstreitet;
ebenso haßt die Welt die Christen, weil sie ihren Begierden ent⸗
gegen sind. Die Seele liebt das Fleisch, das ihr Feind ist, und
die Glieder; und die Christen lieben ihre Feinde. Die Seele ist
zwar vom Leibe eingeschlossen, aber sie hält den Leib zusammen;
und die Christen werden zwar wie in einem Gefängnisse durch die
Welt festgehalten, sie selbst aber halten die Welt zusammen. Un⸗
sterblich wohnt die Seele in sterblicher Hülle; und die Christen
wohnen im Vergänglichen, erwartend die Unvergänglichkeit im
Himmel.“
Beherzigenswerte Worte sind das, die auch noch heute gelten
sollen, besonders was die Stellung der Christen zur Welt an⸗
langt. Klare und reine Scheidung der Welt gegenüber ist unbe⸗
dingtes Erfordernis. In der Welt, aber nicht von der Welt!
Daß doch von allen, die den Christennamen tragen, diese Worte
auch wahrheitsgemäß ausgesagt werden könnten!
Thomas Cranmer.
Im Jahre 1556 wurde in England unter der Regierung der
blutigen Maria der Erzbischof Thomas Cranmer zum Tode auf
dem Scheiterhaufen verurteilt. In einer schwachen Stunde hatte
er sich vorher durch die List und Schmeichelworte seiner Feinde
bewegen lassen, folgenden Widerruf der evangelischen Lehren zu
unterzeichnen: „Ich, Thomas Cranmer, letzthin Erzbischof von
Canterbury, entsage jeder und verabscheue und verwerfe alle
Arten von Ketzereien und Irrtümer Luthers und alle andern
Lehren, welche gegen die gesunde und wahre Lehre sind. Und ich
glaube fest in meinem Herzen, daß es nur eine heilige sichtbare
Kirche gebe, außer welcher es kein Heil gibt“ ꝛc.
Mit diesem Triumph nicht zufrieden, wollten seine Feinde‚,
daß er auch öffentlich widerrufen solle. In Lumpen gekleidet,
mußte der ehrwürdige Mann, der noch vor kurzem der vornehmste
Untertan in England gewesen war, in einer Kirche zu dem ver⸗
sammelten Volke reden. Da er aber inzwischen erkannt hatte,
wie schmählich er den HErrn verleugnet habe, so fiel die Predigt
anders aus, als seine Feinde erwartet hatten. Er sagte: „Und
nun komme ich zu der großen Sache, welche mein Gewissen mehr
beängstet als irgend etwas, was ich in meinem ganzen Leben
gesagt oder geschrieben habe, und das ist die Unterzeichnung einer
Schrift, welche wider die Wahrheit ist. Und nun widerries er
alles, was er vor kurzem bezüglich des Abschtvörens der evan⸗
gelischen Lehre unterschrieben hatte, und sagte: „Insofern meine
Hand das Ärgernis gegeben hat, da sie schrieb, was meinem Her⸗
zen zuwider war, soll auch meine Hand zuerst gestraft werden;
denn wenn ich ins Feuer komme, soll sie zuerst verbrannt werden.“
Die Umstehenden schauten Cranmer mit Erstaunen an. Die
Protestanten freuten sich seiner Festigkeit im Glauben, die Katho⸗
liken wurden mit Wut erfüllt, rissen ihn von dem Platze herunter,
auf dem er gesprochen hatte, und führten ihn zum Scheiterhaufen,
der schon vorher errichtet war, weil seine Feinde ihn auf jeden
Fall unschädlich machen wollten. Als die Flamme Cranmer er⸗
reichte, streckte er seinen rechten Arm aus, und indem er seine
Hand ins Feuer hielt, ließ er sie unbeweglich darin, so daß alle
sehen konnten, wie sie zuerst vom Feuer verzehrt wurde. Als ihn
schon die Flammen umloderten, rief er, die Augen zum Himmel ·
emporgerichtet, aus: „Unwürdige rechte Hand!“ Mit dem Wort
des ersten Märtyrers Stephanus: „HErr JEsu, nimm meinen
Geist auf“, Apost. 7, 58, verschied er.
Ein gutes Rezept gegen den Arger.
Einem christlichen Manne war von einem rücksichtslosen
Menschen eine empfindliche Kränkung zugefügt worden. Gleich⸗
wohl fand ihn ein paar Tage danach ein Freund heiter und wohl⸗
gemut. „Ich wundere mich“, sagte er, „daß Sie so schnell dar⸗
über hinweggekommen sind; wie machten Sie das?“ „Ja, das
ist eigentlich ein Geheimmittel“, sagte jener lächelnd, „doch will
ich es Ihnen verraten; vielleicht hilft es Ihnen in ähnlichem
Fall. Wenn mir so etwas widerfahren ist, so schweige ich ganz
still davon und rede womöglich mit niemand darüber; denn ich
finde, je mehr ich davon spreche, um so tiefer drückt sich der Stachel
ein. Es ist in solchen Fall mit meinem Gemüt wie mit einem
Glas Wasser, in dem Sand oder Schmutz ist; wenn man bestän⸗
dig darin herumrührt, so bleibt das Wasser immer trüb; läßt ö
man es aber ruhig stehen, so setzt sich der Schmutz, und das
Wasser wird wieder klar. — Mein zweites Mittel besteht darin,
daß ich daran denke, wie rasch mein Leben dahineilt und wie schnell
ich am Ziel sein werde. Dann kommt mir das Eine, was not
tut, so groß, und das, worüber ich mich kränken will, so klein
und nichtig vor, daß ich es leicht abschütteln kann. — Und endlich
mein drittes Mittel besteht darin, daß ich hingehe und jemand eine
Freude mache. So tat ich auch diesmal. Ich nahm ein Geld⸗
stück und brachte es jemand, bei dem es, wie ich weiß, gut ange⸗
legt ist, und als ich seine Augen aufleuchten und seine Wangen
sich röten sah in dankbarer Freude, da war auch all mein Arger
und Verdruß weg.“
Eine Negerchristin in Deutschland in alter Zeit.
In einem alten Kirchenbuche des Städtchens Bütlingen steht
eine sonderbare Todesnachricht aus dem Jahre 1638. Sie lautet:
„Am 9. Januar ist zur Erde bestattet Christina Dorothea, die
Mohrin, so am Tage der heiligen drei Könige im Amthause zu
Bütlingen selig entschlafen.“
Wie war eine Mohrin dorthin gekommen? Das war so
zugegangen. Mit einem Hamburger Schiff kam eines Tages das
schwarze Mohrenkind in Hamburg an. Der Kapitän hatte sich
des Mädchens erbarmt, das in Alexandrien siech und elend von
einem Gastwirt ihm zum Kauf angeboten worden war, weil es
für ihn nutzlos sei. Da hatte der gutmütige Kapitän seiner Frau
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